Im Krebsgang

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Im Krebsgang ist eine im Jahr 2002 erschienene Novelle von Günter Grass. Ähnlich wie in früheren Werken beschäftigt sich Grass hier sehr ausführlich mit der Wirkung der Vergangenheit auf die Gegenwart und mit deren Verarbeitung. Er flicht in diesem Text verschiedene Handlungsstränge ineinander und verknüpft dabei Realität und Fiktion. Während die Ermordung von Wilhelm Gustloff durch David Frankfurter und der Untergang des Schiffes Wilhelm Gustloff reale Ereignisse sind, übertragen die fiktionalen Mitglieder der Familie Pokriefke den Untergang in die heutige Zeit.

Handlung[Bearbeiten]

Beziehungen der Figuren im Werk

Ich-Erzähler der Novelle ist der Journalist Paul Pokriefke, der am 30. Januar 1945, dem Tag der Versenkung des Kraft-durch-Freude-Schiffes Wilhelm Gustloff durch ein sowjetisches U-Boot, geboren wurde. Seine noch sehr junge, werdende Mutter Tulla Pokriefke, geboren in Danzig, befand sich unter den mehr als 10.000 Passagieren und konnte beim Untergang des Schiffes gerettet werden. Unmittelbar nach der Rettung kommt Paul an Bord des Torpedoboots „Löwe“, das die Gustloff begleitete, zur Welt. Sein Vater ist selbst der Mutter unbekannt. Pauls Leben ist durch diese Umstände geprägt, vor allem weil ihn Tulla immer wieder drängt, es sei „seine Pflicht“, das Unglück schriftstellerisch aufzuarbeiten.

Paul beginnt im Laufe seines Lebens Recherchen anzustellen, um die Geschehnisse aufzuarbeiten, und stößt dabei auf eine interessante Website, www.blutzeuge.de.[1] Später stellt der Erzähler fest, dass sein von ihm getrennt lebender Sohn Konny durch Tullas Einfluss ebenfalls Interesse an der Geschichte des Schiffes entwickelt hat und er derjenige ist, der die Website ins Leben rief.[2] Paul hat zu Konny ein eher distanziertes Verhältnis, da seine frühere Frau Gabi ihn nach der Scheidung mit dem gemeinsamen Sohn verlassen hat und den Kontakt zu Paul seitdem vermeidet. Konny begeistert sich immer mehr für den Untergang sowie auch für die Geschichte des Namenspatrons des Schiffes. Auf seiner Website arbeitet er diese Ereignisse auf und nimmt virtuell die Rolle des Wilhelm Gustloff an, eines NSDAP-Funktionärs, der vom jüdischen Studenten David Frankfurter erschossen und danach von den Nationalsozialisten zum Märtyrer („Blutzeugen der Bewegung“) hochstilisiert wurde. In dieser virtuellen Welt ist Konny anonym und kann sich mit anderen Chattern wie Wolfgang Stremplin über die Gustloff-Thematik austauschen, wobei Wolfgang die Rolle des echten David Frankfurter annimmt.[3]

Es entwickelt sich eine „Feind-Freundschaft“[4] zwischen den beiden jungen Männern, die in einem persönlichen Treffen endet. Wolfgang, der die Rolle des Juden David Frankfurter eingenommen hat, lässt seine Liebe zum Judentum in sich selbst widerspiegeln. Beim Treffen schändet Wolfgang in Konrads Augen die ehemalige Gedenkstätte Gustloffs durch dreimaliges Spucken, sodass Konny, der zum Ende der Novelle ohne Sinn für die Realität rechtsextrem geworden ist, jenen – wie einst Frankfurter Gustloff – tötet. Konny stellt sich der Polizei mit den Worten „Ich habe geschossen, weil ich Deutscher bin“.[5] Dies spiegelt das Geschehen in der Vergangenheit wider: Nachdem der echte David Frankfurter Wilhelm Gustloff erschossen hatte, stellte er sich mit den Worten „Ich habe geschossen, weil ich Jude bin“.[6]

Der Ich-Erzähler muss schließlich entsetzt feststellen, dass sein inhaftierter Sohn nun selbst als neuer „Blutzeuge“, sprich als faschistisches Märtyrerbild, im Internet gefeiert wird.

Personen[Bearbeiten]

Konrad Pokriefke[Bearbeiten]

Konrad (auch „Konny“ genannt) ist der Sohn von Paul Pokriefke, mit dem er aufgrund der Scheidung seiner Eltern nur wenig Kontakt hat, und Gabi, die ihn antiautoritär erzieht. „Er ist typischer Einzelgänger, schwer sozialisierbar.“[7] Weiterhin ist er sehr intelligent, was sich daran zeigt, dass er im Gefängnis sein Abitur mit einem Durchschnitt von 1,6 ablegt. Er hat ein sehr gutes Verhältnis zu Tulla, die ihm viele Geschichten von der Wilhelm Gustloff erzählt, weshalb er eine neonazistische Einstellung entwickelt und die Website www.blutzeuge.de ins Leben ruft. Dort verbreitet er seine Ansichten bezüglich der Geschichte Gustloffs und trifft auf Wolfgang Stremplin, mit dem er sich heiße Wortgefechte liefert, aber dennoch durch die Vorliebe für Tischtennis und ein ähnliches Charakterbild eine Art Hassliebe entwickelt. Er vertritt auch die als „typisch deutsch“ angesehen Eigenschaften wie Prinzipientreue, Ordnung, Fleiß und Hilfsbereitschaft.

Tulla (Ursula) Pokriefke[Bearbeiten]

Die Mutter des Erzählers Paul Pokriefke wurde im Jahre 1927 in Danzig als Tochter von August und Erna Pokriefke, geboren. Tulla ist eine von wenigen Überlebenden des Untergangs der Wilhelm Gustloff (KdF-Schiff) am 30. Januar 1945. Kurz nach der Rettung, auf dem Torpedoboot „Löwe“, gebiert sie ihren Sohn Paul. Mit 21 Jahren beendet sie erfolgreich ihre Tischlerlehre und nachfolgend leitet Ursula als SED-Mitglied die Tischlereibrigade. Sie schafft es nicht, ihren Sohn, zu welchem Tulla ein sehr angespanntes Verhältnis hat (Zitat: „Die Hexe mit Fuchspelz um den Hals.“),[8] davon zu überzeugen, ein Buch über die Geschehnisse des Unglücks zu schreiben, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Da Ursula sehr zielstrebig und hartnäckig an die Sache herangeht, versucht sie nun, diese Aufgabe an ihren Enkel Konrad heranzutragen (Zitat: „Doch als aus mir kein Funken zu schlagen war und nur Zeit verpuffte, begann sie – kaum war die Mauer weg – meinen Sohn zu kneten.“).[9] Die weißhaarige, alte Dame mit dem Fuchs um den Hals[10] ist eine politisch schwer zu klassifizierende Figur der Novelle.

Die Figur der Tulla Pokriefke tritt bereits in den Werken Hundejahre und Katz und Maus als bedeutende Randfigur in Erscheinung. Ihr Auftreten im vorliegenden Werk schließt sich nahtlos an. So werden Handlungsstränge aus beiden Werken, wie zum Beispiel der Tod des taubstummen kleinen Bruders Konrad hier eingeflochten und Charaktere wie Jenny Brunnies, Eddie Amsel, Harry Liebenau und Walter Matern aus der Danziger Trilogie werden erwähnt. Jenny Brunnies ist die Ziehmutter des Ich-Erzählers Paul. Harry Liebenau und Walter Matern werden als seine möglichen Väter gehandelt.

Die Figur des Alten[Bearbeiten]

Der Alte wird als weitere Figur zwischen Grass und dem Erzähler Paul Pokriefke platziert, er weiß mehr als der Erzähler und setzt diesen in einem hierarchischen Verhältnis unter Druck. Der Erzähler bezeichnet ihn als „Arbeitgeber“ oder „Boss“, als den, der ihn immer wieder zum Aufschreiben der Geschichte drängt. Grass sieht sich selbst in dieser Figur. Einen deutlichen Hinweis hierauf im 4. Kapitel: Der „Alte“ wird von Paul Pokriefke als jemand beschrieben, der sehr an Danzig (Geburtsstadt von Grass) hängt, in den vergangenen Jahren nie dazu gekommen ist, eine derartige Fluchtgeschichte zu schreiben, und der den „Wälzer Hundejahre“[11] geschrieben hat. Pauls Auftraggeber, einer seiner früheren Dozenten, trägt also autobiographische Züge des Autors. Dem Autor gibt die Figur des Alten die Möglichkeit, deutlich zu machen, dass eine Gleichsetzung von Autor und Ich-Erzähler hier nicht möglich ist; Grass wählt in Pokriefke eine Figur, die sich deutlich von ihm absetzt, um aus dessen Perspektive „seinen“ Stoff zu vermitteln.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Günter Grass: Im Krebsgang. Steidl-Verlag. Göttingen. 2002, S. 32
  2. Günter Grass: Im Krebsgang. Steidl-Verlag. Göttingen. 2002, S. 73
  3. Günter Grass: Im Krebsgang. Steidl-Verlag. Göttingen. 2002, S. 63ff
  4. Günter Grass: Im Krebsgang. Steidl-Verlag. Göttingen. 2002, S. 119
  5. Günter Grass: Im Krebsgang. Steidl-Verlag. Göttingen. 2002, S. 189
  6. Günter Grass: Im Krebsgang. Steidl-Verlag. Göttingen. 2002, S. 28
  7. Günter Grass: Im Krebsgang. Steidl-Verlag. Göttingen. 2002, S.67
  8. Günter Grass: Im Krebsgang. Steidl-Verlag. Göttingen. 2002, S.193
  9. Günter Grass: Im Krebsgang. Steidl-Verlag. Göttingen. 2002, S.100ff
  10. Günter Grass: Im Krebsgang. Steidl-Verlag. Göttingen. 2002, S.191
  11. Günter Grass: Im Krebsgang. Steidl-Verlag. Göttingen. 2002, S. 77

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Günter Grass, Im Krebsgang. Eine Novelle, Göttingen 2002. ISBN 3-88243-800-2, auch als Taschenbuch bei dtv

Literatur[Bearbeiten]

  • Rüdiger Bernhardt: Günter Grass: Im Krebsgang. Königs Erläuterungen und Materialien (Bd. 416). Bange, Hollfeld 2003, ISBN 978-3-8044-1791-5
  • Sebastian Brünger: Kriege der Erinnerung – Deutsche Erinnerungskultur zwischen Literatur und Geschichtswissenschaft anhand Günter Grass’ Novelle „Im Krebsgang“. (= Mannheimer sozialwissenschaftliche Abschlussarbeiten ; 06/004). Universität Mannheim, 2004 (Volltext)
  • Marco Fuhrländer: Im Krebsgang, in: Harenbergs Kulturführer Roman und Novelle. Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2007, ISBN 978-3-411-76163-0, S. 297 f.
  • Rolf Füllmann: Günter Grass: Im Krebsgang. Interpretation. In: Rolf Füllmann: Einführung in die Novelle. Kommentierte Bibliographie und Personenregister. Wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt 2010, ISBN 978-3-534-21599-7. S. 133–141.

Weblinks[Bearbeiten]