Mein Jahrhundert

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Mein Jahrhundert ist ein Buch von Günter Grass, das in hundert Erzählungen einen Rückblick auf das 20. Jahrhundert wirft. Erzählt wird aus der Sicht von verschiedenen Menschen aus allen Bereichen der deutschen Gesellschaft – von der Fließbandarbeiterin bis zum Professor der Biologie. Das Werk umfasst 384 Seiten.

Inhalt[Bearbeiten]

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Allgemeines zu den Erzählungen[Bearbeiten]

Zu jedem Jahr des 20. Jahrhunderts ist eine Kurzgeschichte zu finden, deren jeweiliger Titel die Jahreszahl ist. Darin werden die historisch wichtigen Ereignisse parallel zu den individuellen Umständen des Ich-Erzählers, der in fast jeder Geschichte ein anderer ist, beschrieben oder zumindest angedeutet. Die Geschichten spielen meist in Deutschland und werden aus der Sicht von Deutschen und Ausländern erzählt. Einige Geschichten sind autobiographisch geprägt und geben die Perspektive von Günter Grass auf die jeweiligen bedeutenden Ereignisse des Jahres wieder. Bei näherer Betrachtung spiegeln alle Geschichten eine kritische Sicht auf die beleuchteten Ereignisse wider. Der jeweilige Ich-Erzähler kritisiert jedoch in der Regel nicht direkt, sondern er offenbart indirekt in einem fließend zu lesenden Plauderton das Unvermögen, Desinteresse oder die Haltung von Menschen, die sich bei näherem Hinsehen als herzlos, latent ausländerfeindlich, egoistisch etc. erweist.

Zusammenfassungen[Bearbeiten]

Als Beispiele sind die folgenden Geschichten zusammengefasst:

1925: Ein quengelnder Knabe kann von den Behinderten nicht ruhiggestellt werden. Da in diesen Jahren Detektorapparate in Umlauf kommen und der Rundfunk populärer wird, wird dem Kinde ein solches Gerät mit Kopfhörer gegeben, worauf es fortan in sich gekehrt und ruhig ist. (Ich-Erzähler: das quengelnde Kind; jedoch hält der Ich-Erzähler als nun erwachsene Person Rückblick)

1935: Hitler lässt vermehrt Autobahnen bauen. Dadurch kriegen viele Arbeit. Aber durch deren ungewohnte Härte tritt eine neue Krankheit auf, die „Schipperkrankheit“ (ein Abriss der Wirbeldornfortsätze). Jedoch darf der Arzt, der sie entdeckt, sie nicht veröffentlichen. (Ich-Erzähler: Assistent des Arztes )

1951: Eine Bürgerin der DDR schreibt einen Brief an die VW-Werke, die kürzlich ihr 5-millionstes Auto vom Fließband ließen, weil sie, nur weil in der DDR wohnhaft, trotz Vorauszahlung keinen VW bekommt. (Ich-Erzähler: die DDR-Bürgerin)

1973: Eine Großmutter erzählt von ihren Schwiegersöhnen, die allesamt Autofans sind. Diese regen sich darüber auf, dass eine Ölkrise herrscht. Anschließend machen alle zusammen einen Spaziergang. Die Schwiegersöhne beschweren sich über das Laufen, da sie Autofahren bevorzugen. (Ich-Erzähler: Großmutter)

1985: Eine Großmutter gibt ihrem Enkel Auskunft über ihren Alltag, da dieser eine Magisterarbeit mit dem Titel „Der Alltag der Senioren“ anfertigen muss. Sie erzählt von ihrer Einsamkeit nach dem Tod des Großvaters, indem die Nachbarin, Frau Scholz, die Rolle der betreuenden Kraft einnimmt. Im Übrigen schauen die alten Damen Unterhaltungssendungen wie Dallas, die Schwarzwaldklinik und Lindenstraße. Auch mögen sie Sport, insbesondere Tennis mit den zu jener Zeit erfolgreichen Spielern Boris Becker und Steffi Graf. Das Geplauder der alten Dame offenbart, wie Familie Beimer und andere Fernsehfamilien die zwischenmenschlichen Beziehungen ersetzen, die offenbar zwischen ihr, ihrem Sohn und ihrem Enkel nicht mehr bestehen. Die Geschichte thematisiert die Vereinsamung alter Menschen in Deutschland dar.

1991: Zwei Personen schauen zusammen fern und diskutieren über aktuelle Geschehnisse. Sie meinen z. B., dass der Golfkrieg, den CNN gerade ausstrahlt, für Europäer und US-Amerikaner wie eine gute Show ist und dass der Auslöser von Krieg häufig Öl ist. (Dialog)

1993: Ein kleiner Polizeibeamter aus der ehemaligen DDR berichtet über Veränderungen, die es seit der Wiedervereinigung gibt, insbesondere das Aufkommen von Rechtsradikalen, die entstandene Orientierungslosigkeit der Polizei und Probleme mit dem „besserwisserischen“ Westen. Zwischen den Zeilen trauert der Beamte den Verhältnissen in der DDR nach, er erweist sich im Hinblick auf die Übergriffe auf die Ausländerwohnheime in Hoyerswerda und Solingen als latent ausländerfeindlich und er hält nichts von den Solidaritätsbekundungen mit den Schwachen. Letzten Endes zeigt sich der Mann aber selbst als ein Opfer der Wiedervereinigung.

1995 Ein Radioreporter berichtet live von der zum siebten Mal stattfindenden Love Parade in Berlin mit ihren Auswüchsen: halbnackte gestylte Besucher, Berge von Müll, ohrenbetäubend laute Musik. Die Statements einiger Jugendlicher machen deutlich, dass die Love Parade das Festival einer spaßsüchtigen Gesellschaft ist. Deren einziges Bestreben ist es, sich in Designer-Outfits mit „Tschaka Tschaka Tschaka“ in Ekstase zu tanzen. Alle halten sich für Individualisten, deren Outfits aber von der Modebranche übernommen werden. Niemand interessiert sich für den zur selben Zeit stattfindenden Krieg auf dem Balkan. In seinen Kommentaren übergeht der Reporter positive Äußerungen: Lebensfreude, Gäste aus aller Welt, Friedenssehnsucht ... (Reportage)

Stil[Bearbeiten]

Das Buch hat keine Einleitung, man wird – wie bei Kurzgeschichten üblich – direkt in das erste Geschehen hineinversetzt. Der abwechslungsreiche Schreibstil ist häufig von umgangssprachlichen Ausdrücken durchdrungen oder dialektgefärbt. Die Jahre der beiden Weltkriege heben sich dadurch hervor, dass hier jeweils Erzähler und Ort beibehalten werden. Erschwert wird das Verständnis bei den Geschichten, die im Rückblick erzählt werden, bei denen also die Jahreszahl des Kapitels nicht mit dem Zeitpunkt des Erzählens übereinstimmt.

Rezeption[Bearbeiten]

Horst Königstein inszenierte „Mein Jahrhundert“ für das Hamburger Thalia-Theater.

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Günter Grass: Mein Jahrhundert. Steidl Verlag, Göttingen 1999, ISBN 3-88243-650-6.
  • Günter Grass: Mein Jahrhundert. Steidl Verlag, Göttingen 1999, ISBN 3-88243-651-4. (Illustrierte Ausgabe)
  • Günter Grass: Mein Jahrhundert. Steidl Verlag, Göttingen 1999, ISBN 3-88243-700-6. (Werksausgabe)
  • Günter Grass: Mein Jahrhundert. dtv, München 2001, ISBN 3-423-12880-1.
  • Günter Grass: Mein Jahrhundert. Steidl Verlag, Göttingen 2003, ISBN 9783882437003 (Studienausgabe in Einzelbänden)
  • Günter Grass: Mein Jahrhundert. Steidl Verlag, Göttingen 2004, ISBN 9783865215024 (Text- und Toncollage)

Literatur[Bearbeiten]

  • Volker Neuhaus: Günter Grass: Mein Jahrhundert . In: Interpretationen. Romane des 20. Jahrhunderts. Bd. 3. Reclam, Stuttgart 2003 (RUB), S. 320–332.
  • Volker Neuhaus: Günter Grass: Mein Jahrhundert – 1934 [Monolog des SS-Manns Ehardt, Adjutant des Oranienburger Lagerkommandaten Theodor Eicke, über die Ermordung Erich Mühsams]. In: Interpretationen. Deutsche Kurzprosa der Gegenwart. Hg. von Werner Bellmann und Christine Hummel. Reclam, Stuttgart 2006 (RUB), S. 236–243.
  • Volker Neuhaus: Günter Grass: Mein Jahrhundert – 1970 [Monolog eines Willy Brandt und Egon Bahr hassenden Journalisten über Willy Brandts Kniefall vor dem Mahnmal für das Warschauer Ghetto]. In: Interpretationen. Deutsche Kurzprosa der Gegenwart. Hg. von Werner Bellmann und Christine Hummel. Reclam, Stuttgart 2006 (RUB), S. 244–249.