Infektiöser Tumor

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Infektiöser Tumor des Tasmanischen Teufels

Ein infektiöser Tumor (synonym klonaler transmissibler Tumor) ist ein Tumor, der durch Infektionswege übertragen werden kann. Sie unterscheiden sich von Tumoren, die durch Onkoviren oder karzinogene Bakterien ausgelöst werden (Onkovirale und onkobakterielle Tumore), durch das Fehlen ebendieser Erreger. Daher sind alle vorliegenden Tumorzellen in einem infektiösen Tumor Klone.

Geschichte[Bearbeiten]

Hunde
Bereits 1876 wurde das Sticker-Sarkom (synonym CTVT, von engl. canine transmissible venereal tumor ‚übertragbarer Geschlechtstumor des Hundes‘) bei Hunden durch M. A. Novinsky als infektiöser Tumor beschrieben.[1] Anton Sticker beschrieb 1906 diese Erkrankung eingehender. Die Entstehung des Sticker-Sarkoms wird auf zwischen 500 v. Chr. und 9300 v. Chr. geschätzt und ist somit die älteste existierende tierische Zelllinie.[2][3][4] Seit seiner Entstehung hat das Sticker-Sarkom etwa 1,9 Millionen Mutationen angesammelt, 646 Gene wurden deletiert.[4] Das Sticker-Sarkom wird sexuell und oral übertragen. Vor etwa 500 Jahren hat es sich global in Hundepopulationen ausgebreitet.[4]

Goldhamster
Der erste Nachweis des Fehlens eines anderen Tumor-auslösenden Pathogens in einem übertragenen Tumor erfolgte 1964 bei einem kontagiösen Retikulumzell-Sarkom aus einem syrischen Goldhamster.[5][6] Dieser Tumor konnte experimentell durch Stechmücken übertragen werden.

Beutelteufel
Im Jahr 1996 ist in Australien erstmals ein infektiöser Tumor des Beutelteufels beschrieben worden, das Devil Facial Tumour Disease.[7] Es wird vermutet, dass ein genetischer Flaschenhals oder eine geringe Variabilität der Haupthistokompatibilitätskomplexe zu einer erleichterten Transmission beiträgt.[8] Dieser Tumor wird meistens durch Gesichtsbisse übertragen und stellt eine Bedrohung für die ohnehin bedrohte Tierart dar, weshalb bereits Umsiedelungsprogramme von Beutelteufeln auf isolierte Inseln durchgeführt wurden.

Mensch
Beim gesunden Menschen sind nur Einzelfälle der Transmission von Tumoren beschrieben worden,[9] die jedoch keine Infektkette aufrechterhalten konnten, da sie nicht auf weitere Menschen übertragbar sind. Etwa 0,04 % der Empfänger eines Organtransplantates erwerben unter der Immunsuppression Metastasen des Spenders, meistens Melanome, und etwa 0,06 % der Empfänger von hämatopoetischen Stammzellen erwerben eine maligne hämatologische Erkrankung.[10] Etwa ein Drittel der Organempfänger, deren Spender einen diagnostizierten Tumor hatten, entwickelten die gleiche Erkrankung.[11] Diese Studien trennen jedoch nicht zwischen spontan durch Mutation entstandenen nicht-infektiösen Tumoren, infektiösen Tumoren, onkoviralen Tumoren und onkobakteriellen Tumoren. Weiterhin führen transplantierte Tumore beim Menschen nicht zu einer fortlaufenden Infektkette.

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. M. A. Novinski: Zur Frage uber die Impfung der Krebsigen Geschwulste. In: Zentralbl Med Wissensch. (1876), Band 14, S. 790–791.
  2. C. Murgia, J. K. Pritchard, S. Y. Kim, A. Fassati, R. A. Weiss: Clonal origin and evolution of a transmissible cancer. In: Cell (2006), Band 126(3), S. 477-87. PMID 16901782; PMC 2593932 (freier Volltext).
  3. I. D. O'Neill: Concise review: transmissible animal tumors as models of the cancer stem-cell process. In: Stem Cells (2011), Band 29(12), S. 1909-14. doi: 10.1002/stem.751. PMID 21956952.
  4. a b c H. G. Parker, E. A. Ostrander: Hiding in Plain View-An Ancient Dog in the Modern World. In: Science. 343, 2014, S. 376–378, doi:10.1126/science.1248812.
  5. H. L. Copper, C. M. Mackay, W. G. Banfield: Chromosome studies of a contagious reticulum cell sarcoma of the syrian hamster. In: J Natl Cancer Inst. (1964), Band 33, S. 691-706. PMID 14220251.
  6. W. G. Banfield, P. A. Woke, C. M. Mackay, H. L. Cooper: Mosquito transmission of as reticulum cell sarcoma of hamsters. In: Science (1965), Band 148(3674), S. 1239-40. PMID 14280009.
  7. A. M. Pearse, K. Swift: Allograft theory: transmission of devil facial-tumour disease. In: Nature (2006), Band 439(7076), S. 549. PMID 16452970.
  8. K. Belov: The role of the Major Histocompatibility Complex in the spread of contagious cancers. In: Mamm Genome (2011), Band 22(1-2), S. 83-90. PMID 20963591.
  9. H. V. Gärtner, C. Seidl, C. Luckenbach, G. Schumm, E. Seifried, H. Ritter, B. Bültmann: Genetic analysis of a sarcoma accidentally transplanted from a patient to a surgeon. In: N Engl J Med. (1996), Band 335(20), S. 1494-6. PMID 8890100. doi:10.1056/NEJM199611143352004.
  10. J. S. Welsh: Contagious cancer. In: Oncologist (2011), Band 16(1), S. 1-4. PMID 21212437; PMC 3228048 (freier Volltext).
  11. I. Penn: Tumors arising in organ transplant recipients. In: Adv Cancer Res. (1978), Band 28, S. 31-61. PMID 360796.