Instant-Runoff-Voting

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Möglicher Stimmzettel

Instant-Runoff-Voting (abgekürzt IRV, englisch instant-runoff voting, auch alternative vote), wörtlich Wahl mit sofortiger Stichwahl, auch Rangfolgewahl, ist ursprünglich ein Wahlsystem für die Besetzung eines einzigen Postens. Der Wähler kann eine Rangfolge der ihm genehmen Kandidaten angeben: Er kennzeichnet auf dem Stimmzettel, welchen der Kandidaten er am liebsten im Amt haben möchte, welchen am zweitliebsten – falls der erste nicht gewählt wird – und so weiter. So kann er seinen Willen viel genauer ausdrücken als bei der bloßen Mehrheitswahl.

Aus den Rangfolgen in allen Wählerstimmen wird eine einzige Rangfolge als Wahlergebnis ermittelt. Grundgedanke ist eine Wahl mit nachfolgenden Stichwahlen, wo bei jedem Wahlgang der eine Bewerber mit den wenigsten Stimmen ausscheidet. Die Anzahl der Wahlgänge (hier in die Auswertung eingearbeitet) ist also gleich der Anzahl der Kandidaten, die nicht gewählt werden. – Daneben gibt es weitere Auswertungsverfahren; sie führen bei einem kleinen Teil der Wahlergebnisse zu anderen Sitzzuteilungen. – Bei öffentlichen Wahlen gibt es in der Regel höchstens eine Stichwahl. Den Aufwand für diese kann man durch eineErsatzstimme“ beim einzigen Wahlgang einsparen.

Die Rangfolgewahl erlaubt, die erste Stimme auch für praktisch aussichtslose Kandidaten abzugeben und trotzdem bei der Wahl zwischen den aussichtsreichsten mitzuwirken.

Sie dient im Sinne eines Mehrheitsprinzips der Bestimmung eines einzelnen Siegers, versucht aber im Gegensatz zur einfachen Mehrheitswahl, die Popularität der Kandidaten genauer zu erkunden.

Die ermittelte Rangfolge kann auch zur Besetzung mehrerer Mandate eingesetzt werden, ob für gleichberechtigte Mitglieder eines Gremiums oder etwa für einen Amtsinhaber, seinen ersten und seinen zweiten Vertreter.

Anwendung in der Welt[Bearbeiten]

Dieses Wahlverfahren wird in den USA seit langem als Alternative zu dem dort verwendeten Verfahren diskutiert. Ein aktuelles Beispiel zeigt, dass die heutige Lage unbefriedigend ist: Ein Mitglied der Grünen Partei, das den Kandidaten der Demokraten dem Kandidaten der Republikaner vorzieht, würde am liebsten den Präsidentschaftskandidaten seiner eigenen Partei wählen, aber wenn er dies tut, dann spielt er durch sein Nichtstimmen für den Demokraten dem republikanischen Kandidaten in die Hände. Jeder Wähler in den USA wird also in erster Linie das „kleinere Übel“ wählen anstelle jenes Kandidaten, mit dem er sich am stärksten identifiziert.

Große und kleine Parteien sollten von der Wahl mit sofortiger Stichwahl profitieren, große, weil aussichtslose Kandidaten ihnen keine Stimmen mehr wegnehmen würden (bekanntestes Beispiel: Präsidentschaftswahlen 2000 in Florida, USA, wo die Grüne Partei möglicherweise den Sieg der Demokraten verhindert hat), kleine, weil ihre Wähler für ihre Lieblingskandidaten stimmen und trotzdem mitbestimmen können.

Die Rangfolgewahl wird angewendet in Australien, in Irland, bei Präsidentschaftswahlen in Sri Lanka und in der kalifornischen Stadt San Francisco. Im Vereinigten Königreich fand am 5. Mai 2011 ein Referendum über die Einführung des Rangfolgewahlsystems für die Wahlen zum House of Commons statt. Es wurde jedoch abgelehnt.

Sie wird besonders in Ländern und Gebieten populär, wo die Politik von einigen wenigen mächtigen Parteien beherrscht wird (siehe Zweiparteiensystem). Dazu unterstützt das „Versagen“ bisheriger Wahlsysteme die Einführung der Rangfolgewahl. Gründe sind, wie schon genannt, die Präsidentschaftswahl 2000 in Florida, sowie eine Gouverneurswahl in Alaska, in der ein Demokrat gewählt wurde – obwohl Alaska 'streng republikanisch' ist. Die Stimmenmehrheit der rechtsgerichteten Wähler verteilte sich auf mehrere republikanische Splitterparteien, was den Demokraten die relative Mehrheit und damit den Sieg bescherte.

Die Befürworter dieses Wahlrechtes führen vor allem zwei Vorteile an. Zum einen kann es beim Rangfolgewahlrecht nicht passieren, dass ein Kandidat mit relativ wenig Zustimmung in der Gesamtwählerschaft die Wahl gewinnt wie das beim relativen Mehrheitswahlrecht möglich ist (beispielsweise gewann Chen Shui-bian die Präsidentenwahl in der Republik China 2000 mit nur 39,3 % der Stimmen), da bei der Auszählung auch die nachrangig präferierten Kandidaten berücksichtigt werden. Zum anderen wird auch die Möglichkeit einer taktischen Stimmabgabe auf ein Minimum beschränkt, da es keinen zweiten Wahlgang gibt, wie beim absoluten Mehrheitswahlrecht.

Das Verfahren[Bearbeiten]

Die Rangfolgewahl eignet sich für Wahlen mit drei oder mehr Kandidaten für nur einen Platz. Sie läuft wie folgt ab:

  1. Jeder Wähler kann einen Kandidaten auf Platz 1 setzen, einen auf Platz 2 und so weiter. Er weist also keinem, einigen oder allen Kandidaten Positionen in einer Rangordnung zu.
  2. Bei der Auszählung wird nun bestimmt, welcher Kandidat die wenigsten Platz-1-Stimmen bekommen hatte. Dieser wird aus allen Wahlzetteln gestrichen, und die nachgeordneten Kandidaten rücken auf.
  3. Das Verfahren wird ab Schritt 2 wiederholt, bis nur noch zwei Kandidaten übrig sind. Davon gewinnt der mit der höheren Stimmenzahl.

Wenn nur ein Mandat zu vergeben ist, kann das Verfahren beendet werden, sobald ein Kandidat mehr als die Hälfte der Platz-1-Stimmen hat, denn auch durch die Auszählung der Stimmen weiterer Ränge könnte ihn keiner überholen. Die weiteren Schritte können nur die Rangfolge der übrigen Kandidaten (Zweit-, Drittplatzierter usw.) beeinflussen.

Beispiel[Bearbeiten]

Nehmen wir an, in einer kleinen Klasse mit 12 Schülern soll der Klassensprecher gewählt werden. Es werden vier Kandidaten nominiert: Alex, Berta, Christoph und Doris. Um Alex gibt es eine Gruppe, die ihn unterstützt, im Rest der Klasse ist er jedoch eher unbeliebt. Jeder Schüler schreibt nun die Anfangsbuchstaben (A, B, C und D) in der Reihenfolge auf einen Zettel, die angibt, wie gut er einen Kandidaten findet. Die Wahl fällt folgendermaßen aus und wird in drei Runden ausgewertet:

1. Runde
Zettel 1. Platz 2. Platz 3. Platz 4. Platz
1 C D B A
2 A D B C
3 A B C D
4 D B A C
5 A D B C
6 C D B A
7 B A C D
8 B D C A
9 C D A B
10 D A B C
11 A B D C
12 D C A B

„Platz 1“-Stimmen:

Alex: 4
Berta: 2
Christoph: 3
Doris: 3

Bei einer einfachen Mehrheitswahl hätte Alex nun die Wahl gewonnen. Weil Berta am wenigsten Stimmen erhalten hat, wird sie gestrichen und die Zweitstimmen auf die jeweiligen Kandidaten verteilt: Der Wähler mit dem Wahlzettel 7 würde Alex wählen, falls Berta nicht gewählt wird; und der Wahlzettel 8 bevorzugt Doris, falls Berta nicht gewählt wird. So erhalten Alex und Doris je eine Stimme mehr.

2. Runde
Zettel 1. Platz 2. Platz 3. Platz 4. Platz
1 C D A
2 A D C
3 A C D
4 D A C
5 A D C
6 C D A
7 A C D
8 D C A
9 C D A
10 D A C
11 A D C
12 D C A

„Platz 1“-Stimmen:

Alex: 5
Christoph: 3
Doris: 4

Christoph wird also gestrichen und das Verfahren fortgesetzt: Jeder, der gerne Christoph als Sieger gesehen hätte, bevorzugt nun Doris als zweitbeste Klassensprecherin. Doris erhält drei zusätzliche Stimmen.

3. Runde
Zettel 1. Platz 2. Platz 3. Platz 4. Platz
1 D A
2 A D
3 A D
4 D A
5 A D
6 D A
7 A D
8 D A
9 D A
10 D A
11 A D
12 D A

„Platz 1“-Stimmen:

Alex: 5
Doris: 7

Doris gewinnt die Wahl, weil sie nun die größte Stimmenzahl erhalten hat – obwohl Alex bei den Erststimmen der populärste Kandidat war.

Eigenschaften[Bearbeiten]

In der Sozialwahltheorie gibt es einige Kriterien, um die Qualität eines Wahlsystems zu bestimmen, unter denen Instant-Runoff-Voting wie folgt abschneidet:

Instant-Runoff-Voting erfüllt das Majoritätskriterium, das Condorcet-Verlierer-Kriterium, die Unabhängigkeit von Klon-Alternativen, und das Later-no-harm-Kriterium.

Instant-Runoff-Voting verletzt das Condorcet-Kriterium, die Unabhängigkeit von irrelevanten Alternativen, das Konsistenzkriterium, das Partizipationskriterium, das Monotoniekriterium, das Reversal symmetry-Kriterium sowie das Favorite betrayal-Kriterium.

Erfüllung des Later-no-harm-Kriteriums[Bearbeiten]

Da die niedrigere Rang-Information eines Wahlzettels nur abgefragt wird, wenn ein Kandidat höheren Ranges ausgeschieden ist, ändert das Ausfüllen von niedrigeren Rängen nicht die Chancen der höheren Ränge. Weder zum Positiven – diese Immunität wird Later-No-Help genannt – noch zum Negativen – diese Immunität wird Later-No-Harm genannt. Daraus folgt, dass es keinen taktischen Vorteil bringt, Konkurrenz übertrieben tief zu platzieren (zu „begraben“), eine Taktik, unter der besonders Rang-Wahl und Borda-Wahl leiden und zu einem gewissen Grad auch Condorcet-Methoden. Allerdings kann es einen taktischen Vorteil bringen, Konkurrenz übertrieben hoch zu platzieren. Dies ist eine Folge der Verletzung des Monotoniekriteriums.

Verletzung des Monotoniekriteriums[Bearbeiten]

Wenn ein Wähler einen Kandidaten auf dem Wahlzettel besser platziert, kann das dazu führen, dass er die Wahl nicht gewinnt, während er die Wahl bei einer schlechteren Platzierung gewinnt. Wahlsysteme, bei denen dieses Paradoxon nicht vorkommt, erfüllen das sogenannte Monotonie-Kriterium. Entscheidend für das Auftreten dieses Paradoxons beim Instant-Runoff-Voting ist die Tatsache, dass die Reihenfolge der Eliminationen entscheidend ist für den Ausgang der Wahl. Gelingt es, einen nah am eigenen Favoriten gelegenen Kandidaten frühzeitig zu eliminieren, so kann der eigene Favorit in der Regel seine Stimmen übernehmen.

Wieder ein amerikanisches Beispiel zu diesem strategischen Wählen:

Angenommen, ich sei ein Anhänger der Demokraten. Weiter nehmen wir an, die Grünen wären die stärkste „kleinere“ Partei und ihre Wähler haben als Zweitpräferenz die Demokraten, während die Republikaner die Grünen als Zweitpräferenz haben. Die weiteren Präferenzen sind für das Ergebnis irrelevant und werden in der Tabelle kursiv dargestellt. Irgendwann im Auszählprozedere werden alle Parteien außer den Demokraten, den Republikanern und den Grünen eliminiert.
Wenn die Republikaner die wenigsten 1.-Rang-Stimmen haben, so werden die Kandidaten der Republikaner ausgeschlossen und ihre Stimmen zu den Grünen transferiert. Und so könnten die Grünen die Demokraten schlagen. Als Anhänger der Demokraten müsste ich also dafür sorgen, dass die Republikaner nicht so frühzeitig ausscheiden. Ich müsste meine Stimme den von mir nicht gewollten Republikanern geben, damit meine favorisierten Demokraten gewinnen.
Verdeutlichen wir das mit folgendem Zahlenbeispiel. Mit den "ehrlichen" Werten kommt es zu folgendem Ergebnis:
49 % der Bürger 26 % der Bürger 25 % der Bürger
1. demokratisch 1. grün 1. republikanisch
2. republikanisch 2. demokratisch 2. grün
3. grün 3. republikanisch 3. demokratisch
Hier werden als erstes die Republikaner gestrichen. Nun haben die Grünen mehr Stimmen und gewinnen mit 51 % gegenüber 49 %.
Wenn aber stattdessen 2 % der Demokratenwähler den Republikanern ihre Erstpräferenz geben, ergibt sich folgende Tabelle:
47 % der Bürger 26 % der Bürger 27 % der Bürger
1. demokratisch 1. grün 1. republikanisch
2. republikanisch 2. demokratisch 2. grün
3. grün 3. republikanisch 3. demokratisch
Hier werden als erstes die Grünen gestrichen. Das wollte ich eigentlich nicht, aber so kommen die Zweitstimmen der Grünen-Wähler zum Einsatz und die Demokraten gewinnen die Wahl mit 73 % zu 27 %. Das Ergebnis entspricht also meinem angenommenen Wählerwillen - entgegen dem ersten Szenario. Dafür musste ich meine Stimme aber genau nicht denen geben, die ich bevorzuge.

Verletzung des Condorcet-Kriteriums[Bearbeiten]

IRV verletzt auch das Condorcetkriterium, wodurch sich Extrempositionen relativ leicht durchsetzen können. Als Beispiel das Europa des 17. Jahrhunderts: Etwa gleich große Blöcke sind für den staatlich durchgesetzten Katholizismus (A) wie für den staatlich durchgesetzten Protestantismus (B), aber beide könnten mit einem Kompromiss leben („Freie Wahl der Konfession“, C). Das Abstimmungsergebnis wäre wie folgt:

38 % der Bürger 38 % der Bürger 11 % der Bürger 13 % der Bürger
1. A 1. B 1. C 1. C
2. C 2. C 2. A 2. B
3. B 3. A 3. B 3. A

Obwohl der Kompromiss C von einem recht deutlichen Teil der Menschen (24 %) gewünscht wird, scheidet er bei der ersten Runde aus, und weil minimal mehr Stimmen B zugeteilt werden als A, gewinnt Vorschlag B. IRV kann damit bedeuten, dass Kompromisslösungen bei polarisierten Positionen chancenlos sind.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]