Jacob de Senleches

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Jacob de Senleches (* im 14. Jahrhundert; † im 14. oder 15. Jahrhundert) war ein Komponist und Harfenist des späten Mittelalters.[1][2]

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Über das Leben von Jacob de Senleches gibt es nahezu keine direkten Belege. Nachdem sein Geburtsort dokumentarisch unbekannt ist, sind hierfür von einschlägig forschenden Musikwissenschaftlern des 20. Jahrhunderts (Ursula Günther, Andrew Tomasello) St. Luc bei Évreux bzw. der Ort Senleches (oder Salesches) in der Diözese Cambrai vorgeschlagen worden. Ein anderer Forscher gab an, Senleches sei einer der beiden Musiker gewesen, die in den 1370er Jahren am Hof von Johannes I. von Aragón gewirkt haben, was aber später von einem anderen Musikhistoriker ausdrücklich widerlegt worden ist. Es gibt nur einen einzigen direkten Beleg für die Existenz und die Tätigkeit von Jacob de Senleches, nämlich eine Zahlung an „Jaquemin de Sanleches, juglar de harpa“ am Hof von Navarra am 21. August 1383; hier findet sich auch die Information, dass Senleches zu dieser Zeit als Harfenist im Dienst des Kardinals Pedro de Luna stand, dem späteren Gegenpapst Benedikt XIII. von Avignon (Amtszeit 1394−1423).

Weitere biografische Angaben zu Senleches ergeben sich nur indirekt aus seinen überlieferten Kompositionen. So wird in seiner Ballade „Fuions de ci“ der Tod von Eleonore von Aragón, Königin von Kastilien (Amtszeit 1358−1382), beklagt. Nachdem das Ableben von Königin Eleonore in das Jahr 1382 fällt, entstand daraus die Annahme, dass Senleches sich um diese Zeit an ihhem Hof aufgehalten hat; darüber hinaus scheint der Text dieser Ballade anzudeuten, er habe den Hof nach Eleonores Tod verlassen, um „En Aragon, en France ou en Bretaigne“ sein Glück zu suchen. Eine weitere Ballade, „En attendant, Esperance confort“, zeigt textlich und musikalisch eine große Ähnlichkeit mit zwei weiteren Stücken aus dieser Zeit, die von Philipoctus de Casertas und von Galiot stammen. Diese Tatsache wurde mit dem neapolitanischen Feldzug von Herzog Ludwig von Anjou in den 1380er Jahren in Zusammenhang gebracht, nachdem diese Kriegshandlung von Gegenpapst Clemens VII. von Avignon und Bernabò von Mailand unterstützt wurde. Hieraus entstand die Vermutung (Y. Plumley), Senleches sei in dieser Zeit in Avignon ansässig gewesen, während andere (Reinhard Strohm) die Annahme abgeleitet haben, diese Werke seien in Mailand entstanden. Ein Bezug von Jacob de Senleches zur Lombardei (Oberitalien) wird gestützt durch sein Bild-Virelais „La harpe de melodie“, welche in Pavia bei Mailand kopiert worden ist; darüber hinaus ist die anhaltende Verbreitung dieses Werks in Norditalien im frühen 15. Jahrhundert durch viele Abschriften belegt.

In einer der Quellen wird angegeben, dass Senleches in den Jahren 1391, 1392 und 1395 wieder am Hof des Königs von Aragón nachweisbar ist. Danach verliert sich seine Spur; über Zeit und Ort seines Ablebens gibt es keine Informationen.

Bedeutung[Bearbeiten]

Es sind von Jacob de Senleches lediglich sechs Lieder überliefert, dennoch gilt er als zentrale Gestalt der Ars subtilior im ausgehenden 14. Jahrhundert. Der Grund ist sein ausgefeilter rhythmischer Stil, seine notationstechnischen Neuerungen (z.B. Fähnchen an den Notenhälsen zur Darstellung sehr kurzer Notenwerte) und seine künstlerische Selbststilisierung. Bei vier seiner Liedtexte geht es in unterschiedlicher Weise um das Musizieren oder um seine eigene Musikerkarriere. Die Mehrheit seiner Stücke fallen wegen ihrer mäßigen bis gehäuften Verwendung von Synkopen auf, und in der Doppel-Ballade „Je me merveil / Jay plusieurs foys“ beklagt er sich über die amateurhaften Musiker seiner Zeit, die sich mehr aufs „Fälschen“, d. h. mehr auf die Nachahmung von Vorbildern verlegt hätten als eigenständige Musik zu bringen.

Wegen der Zeit seines Wirkens und seiner herausragenden Stellung in dem Stil der Ars subtilior gehört Jacob de Senleches, zusammen mit Johannes Ciconia, Thomas Fabri und anderen, zu den Vorläufern und Wegbereitern der franko-flämischen Musik.

Werke[Bearbeiten]

  • Balladen, dreistimmig
    • „En attendant, Esperance conforte“
    • „Fuions de ci“
    • „Je me merveil / Jay plusieurs foys“ (Doppelballade)
  • Virelais, dreistimmig
    • „En ce gracieux tamps“
    • „La harpe de melodie“
    • „Tel me voit“

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Johannes Wolf: Geschichte der Mensural-Notation von 1240–1460. Nach den theoretischen und praktischen Quellen bearbeitet. Olms, Hildesheim 1965 (unveränderter Nachdruck Leipzig 1904)[3]
  • Higinio Anglés: Cantors und Ministrels in den Diensten der Könige Katalonien-Aragonien. In: Wilhelm Merian (Hrsg.): Bericht über den musikwissenschaftlichen Kongress in Basel 1924. Veranstaltet vom 26. bis 29. Sept. 1924. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1925.
  • Willi Apel: The Notation of Polyphonic Music 900-1600. The Medieval Academy of America, Cambridge/Mass. 1942, Seite 422−425, & Beispiel 61 (En attendant Esperance conforte)
    • deutsch: Die Notation der polyphonen Musik. 900–1600. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2006, ISBN 3-7651-0180-X (EA Leipzig 1962)
  • Ursula Günther: Datierbare Balladen des späten 14. Jahrhunderts I. In: Musica disciplina, Bd. 15 (1961), Seite 39−61, ISSN 0077-2461
  • Ursula Günther: Zur Biographie einiger Komponisten der Ars Subtilior. In: Archiv für Musikwissenschaft, Nr. 21 (1964), Seite 172−199, ISSN 0003-9292
  • Nors S. Josephson: Die Konkordanzen zu „En nul estat“ und „La harpe de melodie“. In: Die Musikforschung, Bd. 25 (1972), Seite 292−300, ISSN 0027-4801
  • Willi Apel: La harpe de melodie. In: Ders. (Hrsg.): Scritti in onore di Luigi Ronga. Riccordi, Mailand 1973, Seite 27−32.
  • María del Carmen Gómez Muntané: La música en la casa real catalana-aragonesa durante los años 1336−1432. Bosch, Barcelona 1979, ISBN 84-7162-794-9 (2 Bde.)
  1. Historia y Documentos.
  2. Música.
  • Ursula Günther: Jacob de Senleches. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. London 1980.
  • Andrew Tomasello: Music and Ritual at Papal Avignon 1309−1403. UMI, Ann Arbor, Mich. 1983, ISBN 0-8357-1493-4 (zugl. Dissertation, Yale University 1983)
  • Reinhard Strohm: La Harpe de Melodie, oder das Kunstwerk als Akt der Zueignung. In: Hermann Danuser (Hrsg.): Das musikalische Kunstwerk. Geschichte, Ästhetik, Theorie; Festschrift Carl Dahlhaus zum 60. Geburtstag. Laaber-Verlag, Laaber 1988, ISBN 3-89007-144-9.
  • Reinhard Strohm: Filippotto Da Caserta, Ovvero I Francesi in Lombardia. In: Fabrizio Della Seta, Franco Piperno (Hrsg.): In cantu et in sermone. For Nino Pirrotta on his 80th Birthday. Olschki, Florenz 1989, Seite 65–74, ISBN 88-222-3641-6.
  • Wulf Arlt: Machaut, Senleches und der anonyme Liedsatz „Esperance qui en mon cuer s'embat“. In: Hermann Danuser, Tobias Plebuch (Hrsg.): Musik als Text, Bd. 1: Hauptreferate, Symposien, Kolloquien. Bärenreiter, Kassel 1998, Seite 300−310, ISBN 3-7618-1401-1.
  • Susan Rankin: Observations on Senleches' „En attendant esperance“. In: Hermann Danuser, Tobias Plebuch (Hrsg.): Musik als Text, Bd. 1: Hauptreferate, Symposien, Kolloquien. Bärenreiter, Kassel 1998, Seite 314−318, ISBN 3-7618-1401-1.
  • Jason Stoessel: Symbolic innovation: the notation of Jacob de Senleches. In: Acta musicologica, Nr. 71, 1999, Seite 136−164, ISSN 0001-6241
  • Anne Stone: The Manuscript Modena, Biblioteca Estense, Alpha.M.5.24. Introductory Study and Facsimile Edition. LMI, Lucca 2003, ISBN 978-88-7096-331-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Personenteil Band 9 (MGG). Bärenreiter Verlag, Kassel und Basel 2003, ISBN 3-7618-1119-5.
  2. Marc Honegger, Günther Massenkeil: Das grosse Lexikon der Musik, Band 4. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 1981, ISBN 3-451-18054-5.
  3. beinhaltet die Teile Geschichtliche Darstellung, Musikalische Schriftproben des 13.–15. Jahrhunderts und Übertragungen.