Johannes Malalas

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Johannes Malalas (Malálas = syrisch für Rhetor; * um 490 in Antiochia am Orontes, Syrien; † nach 570 in Konstantinopel) war ein oströmischer Historiker der ausgehenden Spätantike. Seine früher oft vermutete Identität mit Johannes III. Scholastikos, Patriarch von Antiochia, wird heute in der Regel nicht mehr vertreten. Er ist der Verfasser einer christlichen Weltchronik.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Über die Biographie des Verfassers der unter dem Namen Johannes Malalas überlieferten Chronik liegen keine zuverlässigen Informationen vor, man kann aber diesbezüglich Rückschlüsse aus seinem Werk ziehen.[1] Johannes war wohl recht gebildet und anscheinend mehrere Jahre im kaiserlichen Dienst tätig. Er zog offenbar bald nach dem katastrophalen Erdbeben im Jahr 526 von Antiochia nach Konstantinopel um.

Johannes ist der Verfasser der ältesten fast vollständig erhaltenen griechischsprachigen Weltchronik in 18 Büchern. Die Haupthandschrift aus dem 12. Jahrhundert (Bodleian Library, Codex Baroccianus graecus 182), die bereits einen bearbeiteten und nicht mehr vollständigen Text beinhaltete, ist jedoch teilweise beschädigt; so fehlt das erste Buch (dessen Inhalt aber aus zwei anderen, ebenfalls bearbeiteten Handschriften aus dem 10. Jahrhundert bekannt ist), Teile aus Buch 5 und 18 sowie der Schluss. Einige fehlende Passagen sind dank einer kirchenslawischen Übersetzung des Werkes rekonstruierbar. Der Text der besagten Haupthandschrift bricht im Jahr 563, gegen Ende der Regierungszeit Kaiser Justinians, ab. Es ist unklar, wie weit die Chronik noch reichte; vermutet wird als Enddatum oft das Jahr 565, aber auch 574 erscheint möglich.[2] Das Werk erfreute sich, gerade aufgrund des der spätantiken Volkssprache angenäherten Griechisch, noch Jahrhunderte später großer Beliebtheit und fand viele Nachahmer.

Buch 1 bis 6 behandeln die biblische, altorientalische und ältere griechische Geschichte, wobei stark mythologische Schilderungen eingearbeitet sind. In Buch 7 wird die römische Frühgeschichte, in Buch 8 die hellenistische Geschichte behandelt. Ab dem 9. Buch steht die römische Geschichte, unter Auslassung der republikanischen Zeit, im Mittelpunkt der Darstellung: Über Augustus bis in die Gegenwart Mitte des 6. Jahrhunderts. Der Schwerpunkt der Darstellung ist bis auf den Schlussteil Antiochia, danach Konstantinopel. Offenbar entstanden mindestens zwei Fassungen der Chronik: eine frühere noch in Antiochia (1. Hälfte des 6. Jh.) sowie eine spätere in Konstantinopel. Als historische Quelle ist die Chronik, verglichen mit ihrem literaturgeschichtlichen Wert, über weite Strecken weniger nützlich; dennoch ist die Geschichtsforschung in vielen Punkten auf die Angaben bei Malalas angewiesen. Gerade die Darstellung ab dem 15. Buch bietet durchaus wertvolle Informationen über die ausgehende Spätantike im Osten des Mittelmeerraums.

Malalas sichtete seine recht zahlreichen Quellen nicht kritisch, sondern bietet eine eher bunte Geschichte basierend auf seinem historischen und mythologischen Material. Die einzelnen Quellen sind jedoch kaum mehr mit Sicherheit zu identifizieren; neben unbekannten bzw. verlorenen Werken, zog er aber offenbar Eustathios von Epiphaneia heran.[3] Sein Stil ist verständlich und bisweilen ist der unterhaltende Charakter der Darstellung erkennbar. Dennoch wurde in der älteren Forschung das Werk sehr kritisch betrachtet und teils aufgrund mangelnder inhaltlicher Durchdringung des Quellmaterials als unzulänglich angesehen. In der neueren Forschung wird hingegen der besondere Charakter des Werks (in der historische Informationen vor dem 5. Jahrhundert weniger brauchbar sind) und die in der Chronik erkennbare Wahrnehmung der eigenen Gegenwart durch den Autor berücksichtigt.[4] Insofern ist die Chronik mentalitätsgeschichtlich von besonderem Wert. Kritischer betrachtet zwar neuerdings wieder Warren Treadgold die Chronik, seine oft spekulativen Annahmen sind allerdings sehr umstritten.[5]

Das Werk des Johannes Malalas wurde von vielen späteren Autoren ausgiebig benutzt, so etwa von Johannes von Ephesos, dem anonymen Autor des Chronicon Paschale und von Theophanes, deren Texte auch zur Ergänzung der heute maßgeblichen Malalas-Edition von Hans Thurn herangezogen wurden. Außerdem wurde die Chronik schon früh in mehrere Sprachen übersetzt. Eine lateinische Fassung wurde 1691 gedruckt. In der modernen Forschung hingegen wurde Malalas lange Zeit kaum beachtet und wenig geschätzt; dies änderte sich erst mit dem wachsenden Interesse an der Spätantike seit etwa 1980. Ludwig Dindorf gab bereits 1831 eine Edition des griechischen Werks heraus, die teils fehlerhaft war, aber aufgrund mangelnder Alternativen sehr lange gebräuchlich blieb. Die grundlegend verbesserte Edition von Thurn liegt erst seit 2000 vor. Sie folgt in der Textgliederung nicht Dindorf, sondern der Zählweise der weit verbreiteten englischen Malalas-Übersetzung von 1986.

Ein von der DFG gefördertes Projekt zur Erstellung eines historisch-philologischen Kommentars (Universität Tübingen) ist derzeit in Planung.

Ausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten]

  • Johannes Malalas: Chronographia. Hrsg. von Hans Thurn (postum), Berlin 2000 (Corpus Fontium Historiae Byzantinae 35). [grundlegende Textausgabe; fachwissen. Buchbesprechung]
  • Elizabeth Jeffreys, Michael Jeffreys, Roger Scott: The Chronicle of John Malalas. A Translation. Melbourne 1986, ISBN 0-9593626-2-2 (Byzantina Australiensia 4). [eine von der Forschung überaus positiv aufgenommene englische Übersetzung, die immer noch von Bedeutung ist]
  • Johannes Malalas: Weltchronik. Übersetzt von Hans Thurn und Mischa Meier. Mit einer Einleitung von Claudia Drosihn, Mischa Meier und Stefan Priwitzer und Erläuterungen von Claudia Drosihn, Katharina Enderle, Mischa Meier und Stefan Priwitzer. Hiersemann, Stuttgart 2009. [deutsche Übersetzung, die aber die von Jeffreys/Jeffreys/Scott herausgegebene englische Übersetzung nicht ersetzt; Rezension bei Plekos]

Literatur[Bearbeiten]

  • Joëlle Beaucamp u.a. (Hrsg.): Recherches sur la Chronique de Jean Malalas. Bd. 1, Paris 2004.
  • Sandrine Agusta-Boularot u.a. (Hrsg.): Recherches sur la Chronique de Jean Malalas. Bd. 2, Paris 2006.
  • Herbert Hunger: Die hochsprachliche profane Literatur der Byzantiner. Bd. 1. Beck, München 1978, S. 319–326.
  • Elizabeth Jeffreys u. a. (Hrsg.): Studies in John Malalas. Australian Association for Byzantine Studies - Department of Modern Greek, Sydney 1990, ISBN 0-9593626-5-7 (Byzantina Australiensia 6).
  • Elizabeth Jeffreys: The Beginning of Byzantine Chronography. John Malalas. In: Gabriele Marasco (Hrsg.): Greek & Roman Historiography in Late Antiquity. Fourth to sixth century A.D. Brill, Leiden u. a. 2003, ISBN 90-04-11275-8, S. 497–527. [guter Überblick über den aktuellen Forschungsstand]
  • Warren Treadgold: The Byzantine World Histories of John Malalas and Eustathius of Epiphania. In: International History Review 29, 2007, S. 709–745.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Johannes Malalas – Quellen und Volltexte

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Überblick bei Elizabeth Jeffreys: The Beginning of Byzantine Chronography. John Malalas. In: Gabriele Marasco (Hrsg.): Greek & Roman Historiography in Late Antiquity. Fourth to sixth century A.D. Leiden u. a. 2003, hier S. 501ff.
  2. Vgl. unter anderem Herbert Hunger: Die hochsprachliche profane Literatur der Byzantiner. Bd. 1. München 1978, S. 320.
  3. Vgl. allgemein Elizabeth Jeffreys: The Beginning of Byzantine Chronography. John Malalas. In: Gabriele Marasco (Hrsg.): Greek & Roman Historiography in Late Antiquity. Fourth to sixth century A.D. Leiden u. a. 2003, hier S. 516–521.
  4. Elizabeth Jeffreys: The Beginning of Byzantine Chronography. John Malalas. In: Gabriele Marasco (Hrsg.): Greek & Roman Historiography in Late Antiquity. Fourth to sixth century A.D. Leiden u. a. 2003, hier S. 525f.
  5. Warren Treadgold: The Byzantine World Histories of John Malalas and Eustathius of Epiphania. In: International History Review 29 (2007), S. 709–745. Malalas war Treadgold zufolge jedenfalls ein Schwindler, der nur vorgab, mehrere Quellen konsultiert zu haben; in Wirklichkeit stelle seine Chronik kaum mehr als eine Zusammenfassung aus dem Werk des Eustathios von Epiphaneia dar, ergänzt um wenige Zusätze und einen zeitgenössischen Teil. Anders als Eustathios bediente sich Malalas keines klassischen Stils, zudem seien ihm bei der Zusammenfassung mehrere Fehler unterlaufen. Es ist für Treadgold außerdem fraglich, dass die Malalas-Chronik wirklich so beliebt war, wie in der Regel angenommen wird.