Johannes Prioris

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Johannes Prioris (* um 1460 vielleicht in Brabant; † um 1514 (?) in Frankreich (?)) franko-flämischer Komponist und Sänger.

Leben und Herkunft[Bearbeiten]

Auf flämisch bedeutet der Name Prioris „De Veurste“ oder „De Vorste“. Man hat deshalb vermutet, dass Prioris aus der bei Brüssel gelegenen Stadt Forest/Vorst stammt, in der 1536 tatsächlich ein „Prioris“ gewohnt hat.

Wahrscheinlich ist Johannes Prioris nicht identisch mit jenem „D. Priori organistae cum famulo suo“, der 1491 am Petersdom in Rom zwei Dukaten für erbrachte Dienste erhalten hat. Denn es gibt nicht den geringsten Hinweis darauf, dass Prioris als Organist tätig war, und außerdem dienten Frankoflamen im Allgemeinen nicht am Petersdom, sondern in der ungleich bedeutenderen Sixtinischen Kapelle.

Der auffällige Umstand, dass ein Großteil seines Werkes in Manuskripten der Sixtina überliefert wird, könnte mit einem längeren Rom-Aufenthalt des Komponisten erklärt werden. Doch sind 5 der 7 Vatikanischen Manuskripte in einer Zeit entstanden, als Prioris nachweislich in Frankreich weilte.

Dokumentarisch fassbar wird Prioris nur an der Hofkapelle Ludwigs XII. von Frankreich. Wann er in diese eingetreten ist, ist wegen des Verlustes der Rechnungen von 1475 bis 1515 nicht genau bekannt, belegt ist die zeit von 1503 bis mindestens 1512. Da Crétin Prioris in der Deploration auf den Tod Johannes Ockeghems († 1497) erwähnt, dürfte 1497 der späteste Termin dafür sein. In den Jahren 1503 und 1507 wird Prioris jedenfalls als Kapellmeister erwähnt. Am 8. Juni 1503 übergab er in Lyon dem Ferraneser Botschafter in Frankreich eine Messe für Ercole I. d’Este. Und im selben Jahr berichtet der königliche Hofschreiber Jean d’Auton, dass einige Beamte des französischen Hofes auf einer Reise nach Genua mit Wegelagerern in Streit geraten seien, und „diese haben die Reisenden, unter ihnen einen mit Namen Prioris, ein Kapellmeister, so sehr geängstigt, dass er glaubte, sterben zu müssen“.

1510 wurde er zum Ersten Kaplan ernannt, aber nur amulatoire, also befristet. Mit diesem Amt war die Verantwortung für den Aufbau der Chorschule der Sainte Chapelle verbunden. In einem Epithaph für Jean Braconnier, dit Lourdault (1512) zählt Crétin Prioris noch zu den Lebenden. Gestorben ist Prioris aber wahrscheinlich noch vor Ludwig XII († 1515), da bei dessen Begräbnis ein gewisser „Conrad“ das Amt des Kapellmeisters bekleidete.

Das Werk[Bearbeiten]

Messen[Bearbeiten]

  1. Missa Allez regrets;
  2. Missa da anglia;
  3. Missa de venerabili sacramento;
  4. Missa Tant bel mi sont pensade;
  5. Requiem (vielleicht auf den Tod der Anne von Bretagne († 9. Januar 1514) geschrieben);
  6. Missa Je ne demande (1906 verbrannt; vielleicht in MilD3, fol. 24v-27 teilweise erhalten).

Motetten und liturgische Werke[Bearbeiten]

  1. Alleluia O fili, O fliae;
  2. Ave Maria (dreistimmig);
  3. Ave Maria (achtstimmig);
  4. Benedicta es caelorum regina;
  5. Da pacem Domine;
  6. Die genitrix;
  7. Domine non secundum (I); Domine non secundum;
  8. Dulcis amica Dei;
  9. Factum est cum baptizaretur;
  10. In principio erat verbum;
  11. Magnificat primi toni;
  12. Magnificat terzi toni;
  13. Magnificat quarti toni;
  14. Magnificat quinti toni;
  15. Magnificat octavi toni;
  16. Quam pulchra es;
  17. Regina caeli;
  18. Stabat mater (nur Tenor erhalten);

Chanson-Motetten[Bearbeiten]

  1. Dueil et ennuy / Quoniam tribulatio;
  2. Royne du ciel /Regina caeli.

Weltliches[Bearbeiten]

  1. C’est pour aymer;
  2. Elle l’a pris;
  3. Entre je suis;
  4. Mon cueur et moi;
  5. Mon plus que riens;
  6. Par vous sermens;
  7. Plus que aultre;
  8. Riens ne me plaist;
  9. Vostre oeul s’est bien; Consomo la vita mya (Text: Serafino dall’Aquila, der wahrscheinlich auch den 3-st. Satz schrieben. Prioris schrieb wahrscheinlich nur die 4. Stimme).

Würdigung[Bearbeiten]

Prioris war zu seiner Zeit ein hochgeschätzter Musiker, wofür nicht nur spricht, dass ihm das Amt des Kapellmeisters der königlichen Kapelle verliehen wurde, sondern auch die hohe Anerkennung, die ihm durch seine Zeitgenossen zuteilwurde. Crétin erwähnt ihn lobend, aber auch Eloy d’Amerval, Jean Daniel und Rabelais; noch 1545 verfügte der Sänger Pernot Vermont († 1558) in seinem Testament, dass zu seinem Gedächtnis Prioris’ Requiem gesungen werde.

Prioris erweist sich als Komponist mit beachtlichen technischen Fähigkeiten. Seine Chansons zeigen den Einfluss Antoine Busnoys und Hayne van Ghizeghems, während Johannes Ockeghems Einfluss in den Motetten und Messen offensichtlich ist. Als einer der wenigen kultivierte Prioris die Chanson-Motette. Starker italienischer Einfluss ist kenntlich in Consomo la vita mya, einem Substitut in der Missa ‚Allez regrets‘ und im Requiem, das zu den frühesten polyphonen Vertonungen der Totenmesse gehört.

Weblinks[Bearbeiten]