Joseph Nicolosi

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Joseph Nicolosi (* 21. Januar 1947, auch Joe Nicolosi) ist ein US-amerikanischer Psychologe. Er ist Sachbuchautor, Präsident der US-amerikanischen Therapeutenvereinigung National Association for Research and Therapy of Homosexuality (NARTH) und Gründer und Leiter der St. Thomas Aquinas Psychological Clinic in Encino (Kalifornien). Er ist ein Verfechter der umstrittenen reparativen Therapie, bei der die Homosexualität überwunden werden soll und wird oft als führendes Mitglied der Ex-Gay-Bewegung bezeichnet.

Therapeutischer Ansatz[Bearbeiten]

Nicolosi ist der Begründer der Reparativtherapie. Als Ursache männlicher Homosexualität sieht er folgende Konstellation an:[1][2] Eine dominante, übermäßig emotionale Mutter, eine mangelnde Bindung zum Vater wegen seiner Distanziertheit, Abwesenheit, Ablehnung oder Aggressivität und Eigenschaften des Jungen wie Sensibilität, Schüchternheit, Introvertiertheit, Phantasie und künstlerische Begabung. Dies führe dann dazu, dass der Junge ewig auf der Suche nach dem Männlichen, dem Vater bleibe, dies aber mit der Zeit mit männlicher Sexualität verwechsele. Die homosexuelle Identität nehme er dann an, weil er während dieser Sexualität ein gutes Gefühl habe, welches ihm sonst in seinem Leben häufig fehle. Zeiten solcher schlechten Gefühle (grey zone) gäben dann jeweils den Impuls zu neuen homosexuellen Kontakten. Bei weiblicher Homosexualität gebe es zwei verschiedene Möglichkeiten: Entweder werde die Mutterbindung im ganz frühen Kindesalter gestört und so die Mutterbindung traumatisiert oder das Mädchen identifiziere sich mit einem aggressiven Vater oder Partner der Mutter, weil es nicht genauso ein Opfer werden wolle, wie diese - Identifikation mit dem Aggressor.[3]

In seinem Aufsatz „Die Bedeutung der gleichgeschlechtlichen Anziehung“[4] beschreibt er sein therapeutisches Konzept zur Behandlung der Homosexualität unter Männern. Homosexuelle Anziehung sei Ausdruck eines reparativen Antriebs. Homosexualität sei beispielsweise ein unbewusster Versuch auf eine blockierte Selbstbehauptung einzuwirken oder eine Reaktion auf die Rolle des "falschen Selbst". Der homosexuelle Akt sei häufig ein scheinbares Hilfsmittel gegen das Gefühl, mangelhaft, unbedeutend oder wertlos zu sein. Scham sei ein Keil, der in die Person getrieben werde und der die geschlechtliche männliche Identität von der Ganzheit der Person abspalte („falsches Selbst“). Homosexualität sieht er als Entwicklungsstörung und potentiell verhinderbar. Die Therapie von Nicolosi zielt darauf, den Übergang zu einem Zustand zu erreichen den er als „wahres männlichen Selbst“ definiert. Durch Trauerarbeit und Abbau von Verteidigungsmechanismen solle „echte Intimität“ ermöglicht werden. Schließlich würde dann, so Nicolosi, eine neue, eigene Identität nach dem Motto: „Ich bin gut genug“ entstehen.

Nach Nicolosi kann eine homosexuelle Identität niemals komplett ichsynton – also niemals vollständig der eigenen Persönlichkeit zugehörig – sein. Stattdessen stelle diese Identität immer eine Ichdystone Sexualorientierung dar. Darüber hinaus könne ein „homosexueller Lebensstil“ niemals gesund sein.[5] Nicolosi sieht eine therapeutische Möglichkeit in der sexuellen Aktivität seiner Klienten mit Mitgliedern des gleichen Geschlechts. Denn, mit jedem Mal könnten dann, so Nicolosi, diese sich dann erneut fragen, warum sie dies täten, was sie an dem gleichgeschlechtlichen Partner sexuell anziehend fänden und was sie damit zu kompensieren versuchten.[3] Es gibt nach seiner Definition keine von Natur aus homosexuellen Menschen. Die homosexuelle Identität sei ein erst hundert Jahre alter, allein konstruktivistischer Ansatz, sowie ein politisches Konzept, welches jeder psychologischen Grundlage entbehre. Von Natur aus seien alle Menschen heterosexuell, manche hätten allerdings ein homosexuelles Problem. Dies sei das erste, was er betroffenen Menschen sage. Nicolosi sieht die Homosexualität als nicht vereinbar mit der christliche Weltordnung: Dass es von Natur aus homosexuelle und heterosexuelle Menschen gebe, sei schwule Ideologie, und „wenn wir als Christen das erst einmal glauben, gibt es keinen Grund mehr, der uns hindert, der schwulen Ideologie zu folgen. […] Gott hat aber nur heterosexuelle Menschen erschaffen.“[6] Nicolosi sagt, er trete für die freie Entscheidung des Klienten ein, selbst das Ziel seiner Therapie zu bestimmen.[7]

Sein jüngster Patient ist sieben Jahre alt (Geschlechtsidentitätsstörung im Kindesalter) und sein ältester 64 Jahre (Nicolosi: Er hatte keine Ahnung, dass er eine Wahl hat, dass Veränderung möglich ist.).[3] Ein Drittel seiner Patienten sei nach seiner Therapie „geheilt“, sie hätten volle Kontrolle, keine gleichgeschlechtlichen Sexualkontakte mehr und die Intensität und Häufigkeit gleichgeschlechtlichen Verlangens sei vermindert, verschwinde aber nicht zwangsläufig. Wenn der Patient gleichgeschlechtliches Verlangen verspüre, dann solle dies für ihn ein Zeichen sein in sich zu gehen und seine Beziehungen zu analysieren. Ein Teil dieser Patienten beginne gegengeschlechtliche Beziehungen. Ein Drittel der Patienten habe „signifikante Veränderungen“. Sie verstünden ihre Homosexualität, wie Nicolosi diese sieht, hätten ein gewisses Maß an Kontrolle und dabei aber noch immer gleichgeschlechtlichen Sex. Das letzte Drittel welches er behandele, werde beispielsweise von Eltern oder Ehefrauen dazu gedrängt; sie würden diese Behandlung nicht wollen und wären deshalb nicht motiviert. Normalerweise aber reiche die nötige Motivation um das Ziel zu erreichen.[8][3]

Kritik[Bearbeiten]

An Nicolosi

Für seinen therapeutischen Ansatz wird Nicolosi vom Philosophen Edward Manier[9] kritisiert. Dessen Hauptargument[10] ist, dass Nicolosi keine wissenschaftlichen Beweise für seine Theorie aufweisen könne.

Kritik an seiner Sichtweise

Hauptartikel: Ex-Gay-Bewegung

Haldemann kritisiert als irrtümlich, dass Nicolosi einen einheitlichen schwulen Lebensstil voraussetze, dies sei ein reduktionistischeres Konzept als jenes der sexuellen Orientierung.[11]

Robert L. Spitzer, der federführend für eine Streichung von Homosexualität aus der Liste der psychischen Störungen eingetreten war, ist der Meinung, dass die Befürworter der Beibehaltung – großteils Psychoanalytiker – der Überzeugung waren, Homosexualität sei eine ernst zu nehmende psychische Krankheit, eine schwere Persönlichkeitsstörung, und dass ein Homosexueller niemals glücklich sein könne. Die überwiegende Mehrheit der Mitglieder teilten die Auffassung nicht, und sagten dass es sehr wohl glückliche Homosexuelle gebe, die mit ihrem Zustand zufrieden seien, keine Hilfe wünschten, und sich unter Druck gesetzt fühlten, sich einer Behandlung – es wurden immer noch Zwangsbehandlung durchgeführt – zu unterziehen, deren Notwendigkeit sie nicht einsähen.

Homosexualität als solche wurde in der Folge von der Liste gestrichen und stattdessen die ichdystone Sexualorientierung aufgenommen. Befürworter und Gegner einer Streichung sahen beide die Wissenschaft auf ihrer Seite. Spitzer selbst würde Homosexualität auch heute, nachdem er sich noch intensiver mit psychischen Störungen befasst hat, nicht als Störung bezeichnen.[12] Benjamin Kaufmann, der Mitbegründer von NARTH, weist solche Argumente allgemein ab. Homosexualität sei immer schon als krankhaft angesehen worden; die Streichung aus der Diagnoseliste sei ohne zugrundeliegende wissenschaftliche Beweisführung und alleine aus Gründen der Politischen Korrektheit vorgenommen worden. Die Patienten hätten ein Recht darauf, dass ihre Homosexualität als krankhaft angesehen werde und damit das Recht auf eine Therapie.[13]

Schriften[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. An Interview with Dr. Joseph Nicolosi.
  2. Joseph J. Nicolosi: Shame and Attachment Loss: The Practical Work of Reparative Therapy. InterVarsity Press, Downers Grove, IL 2009, ISBN 978-0-8308-2899-9. (Review) (PDF; 289 kB)
  3. a b c d Joseph Nicolosi 2008 in einem Video-Interview mit Michel Lizotte (2/3) (via Youtube).
    „We never tell our clients not to have homosexual activity. If they wanna do it, let them do it. It's up to them. Our job is to help them understand what they learn from it. When a client comes in and says to me „I had gay sex last night“, my only question to him is: „What was going on with you just before you decided to act out? What was your psychological state of mind, that made you want...? Thats, where the lesson is. We don't tell our clients not to act out. They could act out, but everytime they do act out it is an opportunity to learn something about themselves.“
  4. DIJG Bulletin 2/2006 (Nr. 12) S. 17-24. Online Version (PDF).
  5. Joseph Nicolosi: Reparative therapy of male homosexuality, Jason Aronson, Northval, NJ, S. 13
    „I do not believe that the gay life-style can ever be healthy, nor that the homosexual identity can ever be completely ego-syntonic.“
  6. Joseph Nicolosi: Identität und Sexualität. Ursachenforschung bei homosexuellen Männern. in: Offensive Junger Christen (Hrsg.): Homosexualität und christliche Seelsorge., Neukirchen-Vluyn 1995, ISBN 3-7615-4911-3, S. 38.
  7. Joseph Nicolosi bei narth.com: What is Homosexuality? Reorientation Therapists Disagree vom 2. September 2008.
  8. Sandra G. Boodman: Vowing to Set the World Straight, Washington Post, 16. August 2005.
  9. Edward Manier "Science, Politics and Morality"
  10. ebenda: "The best way ... would have been to present scientific evidence that homosexuality is a developmental disorder, a sort of psychosexual "arrested development" maintaining an individual in some (androgynous?) condition necessary and frequently sufficient for the development of homosexual erotic behavior, itself inevitably maladaptive or "ego dystonic" (Hervorhebung nicht im Original).
  11. Douglas C. Haldeman: The Practice and Ethics of Sexual Orientation Conversion Therapy, Journal of Consulting and Clinical Psychology, 1994, Vol. 62, Nr. 2, S. 222
  12. Robert L. Spitzer im Interview: Homosexualität und die reale Chance zur Veränderung, Bulletin des DIJG, 1/2001, S. 27-29
  13. Benjamin Kaufman: Regent University Law Review Bd. 14:423 Why NARTH? The American Psychiatric Accociation's destructive and blind pursuit of political correctness. S. 423, auch online als PDF einsehbar via archive.org.