Juckreiz

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Die gleichnamige deutsche Band ist unter Juckreiz (Band) vermerkt
Klassifikation nach ICD-10
L29 Pruritus
F45.8 Sonstige somatoforme Störungen
Psychogener Pruritus
ICD-10 online (WHO-Version 2013)
Ein Mann kratzt sich an seinem Rücken

Juckreiz (Pruritus, von lat. prurire, dt. jucken), ist eine unangenehme Empfindung der Haut, welche ein Kratzen, also das Reiben, Scheuern usw. der Haut mit den Enden der Fingernägel oder anderen (harten) Materialien oder mechanischen Hilfsmitteln (z. B. Rückenkratzer) provoziert. Oft ist Juckreiz das Symptom für eine Erkrankung. Die durch das Kratzen verursachten Hautveränderungen stellen sich als strich- oder flächenförmige Rötungen, blutende Stellen (mit nachfolgender Verkrustung), Hyperpigmentierung, Lichenifikation und Pyodermie dar. Rund 70 % der Pruritus-Patienten leiden laut einer Studie zusätzlich an psychosomatischen oder psychiatrischen Erkrankungen.[1]

Die Botenstoffe (Mediatoren), welche den Juckreiz auslösen, z. B. Histamin, welches unter Anderem von Mastzellen freigesetzt wird, können auch durch Medikamente (z. B. Hydroxyethylstärke), Nahrungsmittel, Allergene, Pflanzen- oder Insektengifte und Ähnliches freigesetzt werden. Chronische Formen des Pruritus sind oft therapieresistent.

In der Vergangenheit wurde vielfach vermutet, dass Juckreize als unterschwelliger Schmerzreiz auf der Haut von denselben Rezeptoren wahrgenommen werden wie Schmerz und über dieselben Signalwege weitergeleitet werden. Jüngere Forschungen zum Histamin-vermittelten Juckreiz machen Nervenfasern der Haut verantwortlich, die keinen Schmerz auslösen können. Zudem bestehen offensichtlich getrennte Signalwege für Schmerz und Juckreiz.[2][1] Wichtige Transmitter für den Juckreiz scheinen das GRP (Gastrin-releasing peptide) und das Nppb (natriuretisches Polypeptid b) zu sein[3][4].

Juckreiz wird – ähnlich wie Schmerz – mit dem Gedächtnis verknüpft. Das bedeutet, dass Personen mit chronischem Pruritus einen Juckreiz ab einer niedrigeren Schwelle als solche ohne ein bereits ausgeprägtes „Juckreizgedächtnis“ wahrnehmen. Außerdem wirkt Juckreiz über Spiegelneurone ansteckend – ein Effekt, der auch beim Gähnen auftritt.[1]

Pruritus cum materia ist Juckreiz als Begleiterscheinung von Hauterkrankungen wie z. B. atopisches Ekzem, Dermatomykosen, Psoriasis oder Urtikaria.

Pruritus sine materia ist Juckreiz ohne primäre sichtbare Hautveränderungen, der auf die Erkrankung innerer Organe (z. B. Cholestasesyndrom und billäre Zirrhose durch Anstieg der Gallensäuren im Blutplasma, Niereninsuffizienz, Urämie, Diabetes mellitus, Leukämie, Lymphome, maligne Tumoren) hinweisen kann oder in zirka 50 % der Fälle ohne nachweisbare auslösende Faktoren (idiopathisch) ist, etwa in Form von aquagenem Pruritus.

Pruritus senilis oder Altersjuckreiz beruht auf zu trockener Haut, die durch altersbedingte degenerative Hautveränderungen verursacht wird.

Pruritus ani ist Juckreiz im Bereich des Afters bzw. Anus.

Als neuropathischer Pruritus wird ein Juckreiz bezeichnet, der durch Kompression oder Degeneration von Nervenfasern entsteht. Dies ist oder kann unter anderem bei folgenden Erkrankungen der Fall sein: Notalgia paraesthetica (am Rücken), Cheiralgia paraesthetica (an der Hand), Meralgia paraesthetica (am Oberschenkel).[5]

Behandlung[Bearbeiten]

Neben der Behandlung einer etwaigen Grundkrankheit und Basismaßnahmen wie Hautpflege sollte symptomatisch u.a. mit H1-Antihistaminika therapiert werden.[5] Opioid-Antagonisten (Naltrexon) konnten nach einer Studie Erfolge erzielen. Bei lokalem Juckreiz hilft Kühlung. Zum Teil hilft auch warmes Wasser, was jedoch zu trockener Haut und damit selbst wieder zu Juckreiz führen kann. Eine Therapie mit UVB-Strahlen wird ebenfalls eingesetzt.[1]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d R. Leinmüller: Pruritus: Auch bei chronischem Juckreiz existiert ein „Gedächtnis“. In: Deutsches Ärzteblatt. 103, Ausgabe 1-2 vom 9. Januar 2006, Seite A-22/B-16/C-16
  2. Wen juckt’s?, Spektrum der Wissenschaft 10/07 S12
  3. Yan-Gang Sun, Zhou-Feng Chen: A gastrin-releasing peptide receptor mediates the itch sensation in the spinal cord. In: Nature. 448, 2007, S. 700–703, doi:10.1038/nature06029.
  4. S. K. Mishra, M. A. Hoon: The Cells and Circuitry for Itch Responses in Mice. In: Science. 340, 2013, S. 968–971, doi:10.1126/science.1233765.
  5. a b S2-Leitlinie Chronischer Pruritus der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft. In: AWMF online (Stand 08/2009)
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