Konstruktivistische Didaktik

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Die Konstruktivistische Didaktik versteht das Lernen als Prozess der Selbstorganisation des Wissens, das sich auf der Basis der Wirklichkeits- und Sinnkonstruktion jedes einzelnen lernenden Individuums vollzieht und damit relativ, individuell und unvorhersagbar ist. Bei der konstruktivistischen Didaktik ist zu beachten, dass es unterschiedliche Richtungen gibt. Neben radikal-konstruktivistischen Denkweisen gibt es auch den soziokulturellen Konstruktivismus, wie er vor allem von Kersten Reich vertreten wird. Die folgende Darstellung folgt vor allem dieser Orientierung.

Eine Lehrkraft sollte möglichst reichhaltige, multimodale und kommunikationsorientierte Umgebungen schaffen, die die subjektiven Erfahrungsbereiche ansprechen und gleichzeitig neue 'Rätsel' enthalten, die pragmatisch, interaktiv und kreativ zur Selbstorientierung einladen. Beispielsweise: Fachübergreifender Unterricht verstärkt die Zusammenarbeit der Schüler untereinander. Die Kunst des Lehrens besteht darin, zwischen der ursprünglichen Wirklichkeitskonstruktion des Lernenden (seiner aus Deutungsmustern bestehenden Lebenswelt) und derjenigen, die wissenschaftlich und gesellschaftlich gerade als konsensfähig gilt, eine Kette von optimalen Diskrepanzen oder Dissonanzen vorzusehen, die die Lernenden als Erwartungswiderspruch (Perturbation = Verstörung) erleben und über Versuch und Irrtum produktiv überwinden wollen (re/de/konstruieren, vgl. Konstruktivismus (Lernpsychologie)).

Unterrichtsmethoden im Sinne der konstruktivistischen Didaktik werden ausführlich in Kersten Reichs[1] Methodensammlung dargestellt.

Thesen für eine konstruktivistische Didaktik[Bearbeiten]

  • Didaktik ist nicht mehr Theorie der Abbildung, Erinnerung und richtiger Rekonstruktion des Wissens und Wahrheit, sondern konstruktiver Ort möglichst eigener Weltfindung
  • Didaktik weist auf offene Verfahren inhaltlicher und beziehungsmäßiger Vermittlungsperspektiven hin
  • Lernen ist unverfügbar, es kann von außen nur angeregt werden.

Zehn Grundannahmen[Bearbeiten]

Zehn Grundannahmen der modernen Wissenspsychologie (vgl. u.a. Meixner/Müller[2])

  1. Wissenserwerb erfolgt konstruktiv in Abhängigkeit von Vorwissen, Wahrnehmung, Handlungskontext und Affektlage.
  2. Wissenserwerb verläuft individuell unvorhersehbar entlang eines unabgeschlossenen Kontinuums von Stadien des Interimswissens.
  3. Wissenserwerb kann nicht determiniert, sondern nur gelenkt werden, da Wissen selbstorganisierend und emergent ist.
  4. Wissen ist im Idealfall miteinander vernetzt und daher produktiv, flexibel und fachübergreifend transferfähig.
  5. Wissen ist seinem Wesen nach sinn- und bedeutungsstiftend, also sprachlich fundiert und als Deutungswissen rekonstruierbar.
  6. Wissen ist dynamisch und befindet sich progressiv wie regressiv in ständigem Umbau, der auch träges und fossiliertes Wissen erzeugt.
  7. Wissen ist sozial ausgehandelt und situiert.
  8. Wissen erwächst aus Problemlösesituationen und führt zu routinierten Lösungsstrategien wie zu einer allgemeinen, kreativen Problemlösekompetenz in jenen Domänen, für die der Lerner zu einem Experten wird, der funktional handeln kann.
  9. Wissen hat eine anthropologische Dimension, die sich etwa in einer Ethik, Wahrnehmungsfähigkeit und Gedächtnisbildung niederschlägt, die nicht mit der "Computermetapher" der Kognition oder des 'programmierten Lernens' in Einklang steht.
  10. Wissensvermittler verstehen sich daher als Gestalter effektiver Lernumgebungen und versuchen, die Lerner in bestimmte Domänen der Expertenkultur einzuführen.

Konstruktivistische Aspekte am Beispiel Lernen durch Lehren[Bearbeiten]

Lernen durch Lehren (LdL) hat sich in allen Schultypen und allen Fächern bewährt, vor allem aber im Fremdsprachenunterricht. Eine Vertiefung und Intensivierung des Lernprozesses wird durch die Übernahme von Lehrfunktionen durch Schüler angestrebt.[3] Merkmale der konstruktivistischen Didaktik, die für LdL zutreffen, sind folgende Aspekte:

  • Der Aufbau von Wissen erfolgt bei LdL sozial ausgehandelt und situiert.
  • Die Wissenskonstruktion erwächst aus Problemlösesituationen und führt zu routinierten Lösungsstrategien wie zu einer allgemeinen, kreativen Problemlösekompetenz in jenen Domänen, für die der Lerner zu einem Experten wird.
  • Bei LdL versteht sich der Lehrer als Gestalter effektiver Lernumgebungen und versucht die Lerner in bestimmte Domänen der Expertenkultur einzuführen (siehe auch Lehrer-Schüler-Verhältnis).

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Rolf Arnold: Ich lerne, also bin ich. Eine systemisch-konstruktivistische Didaktik. Auer, Heidelberg 2007, ISBN 3-896-70574-1.
  •  Frank Berzbach: Die Ethikfalle. Pädagogische Theorierezeption am Beispiel des Konstruktivismus. Bertelsmann, Bielefeld 2005, ISBN 3-763-91905-8.
  •  Marios Chrissou: Technologiegestützte Lernwerkzeuge im konstruktivistisch orientierten Fremdsprachenunterricht. Zum Lernpotenzial von Autoren- und Konkordanzsoftware. Kovač, Hamburg 2010, ISBN 3-830-04669-3.
  •  Clemens Diesbergen: Radikal-konstruktivistische Pädagogik als problematische Konstruktion. Eine Studie zum Radikalen Konstruktivismus und seiner Anwendung in der Pädagogik. 2. Auflage. Lang, Bern 2000, ISBN 3-906-76428-1.
  •  Lena Sophie Kaiser: Konstruktivismus in der Elementarpädagogik. Wie Kinder ihre Welt erschaffen und erforschen. Diplomica, Hamburg 2012, ISBN 3-842-87923-7.
  •  Iris Kolhoff-Kahl: Ästhetische Muster-Bildungen. Ein Lehrbuch mit ästhetischen Werkstätten zum Thema Kleid – Körper – Kunst. Koaped, München 2009, ISBN 3-867-36121-5.
  •  Martin Kurthen: Hermeneutische Kognitionswissenschaft. Die Krise der Orthodoxie. Djre, Bonn 1994, ISBN 3-928-98101-3.
  •  Jean-Pol Martin: Vorschlag eines anthropologisch begründeten Curriculums für den Fremdsprachenunterricht. Narr, Tübingen 1994, ISBN 3-823-34373-4.
  •  Christine McCarthy, Evelyn Sears: Science Education. Constructing a True View of the Real World? In: Philosophy of Education Yearbook. 2000, ISSN 8756-6575, S. 369–377 (PDF-Datei; 34,9 KB).
  •  Johanna Meixner, Klaus Müller (Hrsg.): Konstruktivistische Schulpraxis. Beispiele für den Unterricht. Luchterhand, Neuwied 2001, ISBN 3-472-04417-9.
  •  Johanna Meixner, Klaus Müller: Angewandter Konstruktivismus. Ein Handbuch für die Bildungspraxis in Schule und Beruf. Shaker, Aachen 2004, ISBN 3-832-23061-0.
  •  Gerd Mietzel: Pädagogische Psychologie des Lernens und Lehrens. 8. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2007, ISBN 3-801-72100-0.
  •  Klaus Müller (Hrsg.): Konstruktivismus. Lehren – Lernen – Ästhetische Prozesse. Luchterhand, Neuwied 1996, ISBN 3-472-02713-4.
  •  Ludwig A. Pongratz: Untiefen im Mainstream. Zur Kritik konstruktivistisch-systemtheoretischer Pädagogik. Schöningh, Paderborn 2009, ISBN 3-506-76742-9.
  •  Gregor Raddatz: Pädagogik im freien Fall. Posttraditionale Didaktik zwischen negativer Dialektik und De-Konstruktion. Waxmann, Münster 2003, ISBN 3-830-91274-9.
  •  Kersten Reich: Konstruktivistische Didaktik. Das Lehr- und Studienbuch mit Online-Methodenpool. 5. Auflage. Beltz, Weinheim 2012, ISBN 3-407-25689-2.
  •  Horst Siebert: Pädagogischer Konstruktivismus. Lernzentrierte Pädagogik in Schule und Erwachsenenbildung. 3. Auflage. Beltz, Weinheim 2005, ISBN 3-407-25399-0.
  •  Marc Steen: Erfolgreich lernen in heterogenen Klassen. Warum konstruktivistische Didaktik Schule machen sollte. Andere, Uelvesbüll 2012, ISBN 3-862-47246-9.
  •  Reinhard Voß (Hrsg.): Unterricht aus konstruktivistischer Sicht. Die Welten in den Köpfen der Kinder. 2. Auflage. Beltz, Weinheim 2005, ISBN 3-407-25400-8.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Methodenpool
  2. Meixner, Johanna/Müller, Klaus (2004): Angewandter Konstruktivismus. Ein Handbuch für die Bildungspraxis in Schule und Beruf. Aachen: Shaker.
  3. Für eine knappe Übersicht über "Lernen durch Lehren" vgl. Jean-Pol Martin & Rudolf Kelchner (1998): "Lernen durch Lehren". In: Johannes-Peter Timm: Englisch lernen und lehren ..., 211-219.