Kunstkopf

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Moderner Kunstkopf mit integrierten Mikrofonen in einem reflexionsarmen Raum
Kunstkopf mit externen Mikrofonen

Mit dem Wort Kunstkopf, oder englisch Dummy Head verbindet man eine spezielle Tonaufnahmetechnik – die „Kopfhörer-Stereofonie“ oder binaurale Tonaufnahme. Der Kunstkopf besteht aus einer Kopfnachbildung, in der an Stelle der Ohren je ein Mikrofon mit Kugelcharakteristik am Eingang der Gehörgänge mit der Nachbildung der Ohrmuscheln angebracht ist. Durch die abschattende Wirkung des Kopfes und die für das Gehör auswertbaren Gangunterschiede zwischen den beiden Mikrofonpositionen können Aufnahmen gemacht werden, die durch die so aufgenommen interauralen Signaldifferenzen, also die Ohrsignale, bei der Wiedergabe über Kopfhörer eine recht gute Richtungslokalisation der Schallereignisse vermitteln. Die Rechts-links-Lokalisation geschieht sicher, Oben-unten- und Vorne-hinten-Unterscheidungen sind dagegen schwieriger. Die direkte Vorne-Lokalisation scheint immer in einem bestimmten Winkel nach oben verschoben. Kunstköpfe können laut Physikalisch-Technischer Bundesanstalt auch zur Messung der Belastung der Ohren durch Kopfhörer und anderer „ohrnahen Schallquellen“ eingesetzt werden.[1]

Wiedergabe[Bearbeiten]

Kunstkopfaufnahmen mit diffusfeldentzerrtem Kunstkopf sind ausschließlich zur Wiedergabe über Kopfhörer geeignet. Bei einer Lautsprecherwiedergabe wirken sie verfärbt, eng und unnatürlich. Interaurale Signaldifferenzen (Ohrsignale) können eben keine Interchannel-Signaldifferenzen (Stereo-Lautsprechersignale) sein. Dieses sind zwei zu unterschiedliche Welten. Die interauralen Signaldifferenzen entstehen bereits bei der Aufnahme und werden bei der Lautsprecherwiedergabe mit den hier entstehenden interauralen Signaldifferenzen gemischt, was zu Frequenz- und Lokalisationsproblemen führt. Nur wenn die interauralen Signalfrequenzen beim Abhören der Aufnahme ausgeschaltet sind (Kopfhörer!) kann die Kunstkopfaufnahme ihre Vorteile ausspielen.

Der Versuch, Kunstkopfaufnahmen mit diffusfeldentzerrtem Kunstkopf auch für Lautsprecherwiedergabe kompatibel zu erklären, ist wegen klanglicher Schwächen nicht angenommen worden.

Neben Kunstköpfen sind auch Kugelflächenmikrofon, Kopfbügelmikrophon, Jecklin-Scheibe und neuerdings das HBLM-Sound-Recording-System geeignet, um binaurale Aufnahmen zu erstellen.

Beim Kopfbügelmikrofon Sennheiser MKE-2002 waren die Mikrofone in zwei externen Bügeln untergebracht, die in die Ohren einer Person oder bei einem mitgelieferten künstlichen Kopf in nachgebildete Ohrmuscheln gehängt werden konnten. Das MKE-2002 wird von Sennheiser nicht mehr hergestellt. Ein Mikrofon, das ähnlich arbeitet und wie ein Walkman-Kopfhörer im Ohr getragen wird, ist das Originalkopfmikrofon (OKM) der Firma Soundman.

Geschichte[Bearbeiten]

  • Der erste Stereo-Kunstkopf mit Nachbildung des menschlichen Gehörganges wurde bereits 1933 gebaut.
  • Am 15. Juni 1946 gab es eine Stereo-Versuchssendung von Radio Nederland.[2] Die beiden Kanäle wurden über getrennte Mittelwellensender ausgestrahlt. Zum Empfang benötigte man zwei unabhängige Empfänger. Die Aufnahme erfolgte mit einem Kunstkopf-Mikrofon.
  • Das erste im deutschen Radio ausgestrahlte Hörspiel in Kunstkopf-Stereofonie war zur Funkausstellung 1973 in Berlin die RIAS/BR/WDR-Produktion „Demolition“ (The demolished man) nach dem Roman von Alfred Bester.

Tonträger in Kunstkopf-Stereofonie[Bearbeiten]

  • Auf der LP/CD Tales of Mystery and Imagination von „Alan Parsons Project“ wurde im Titel The Fall of the House of Usher das Gewitter in Kunstkopf-Technik aufgenommen.
  • Edgar Froese: Aqua, LP 1974
  • Can: Flow Motion, LP 1976
  • Jane: Fire, Water, Earth & Air, LP 1976
  • Harlis: "Night meets the day", Sky-Records 1977, Neuauflage: Sireena Records 2009
  • Godley & Creme: Consequences, 3-LP 1977
  • Lou Reed: The Bells, LP 1979
  • Pink Floyd: The Final Cut, LP 1983 (Alle Geräusche in KK-Stereofonie)
  • Megabyte: "Go For It!", CD 1990 (IC 710.106) Track 4 & 7
  • delta-acoustic-Sampler: kunstkopf-dimensionen, LP 10-130-1
  • Code III: Planet of Man, delta-acoustic LP 25-125-1
  • Seedog: We hope to see you, delta-acoustic LP 25-126-1
  • Kopfsongs: Folklore, delta-acoustic LP 25-127-1
  • Golem: Golem, delta-acoustic LP 25-127-1
  • alte Musik-Sampler: Kostproben, delta-acoustic LP 25-129-1
  • „Audiostax: Die Raumklang-CD“, CD 1987, Aufnahmebeispiele mit diffusfeldentzerrtem Kunstkopf. „Stakkato Spezial“, CD 1989, Hörtest-Beispiele in Kunstkopfstereophonie. Auch die CDs „Stakkato“ und „Stakkato 2“ aus den Jahren 1981 und 1988 enthalten Kunstkopf- sowie kunstkopfähnliche Aufnahmen. Alle CDs wurden von der Zeitschrift „AUDIO“ vertrieben und stellen Sampler verschiedenster Hörbeispiele dar.
  • der Biologe Walter Tilgner hat – beginnend mit Waldkonzert (1985) – eine Reihe von CDs mit sogenannten Naturhörbildern in Kunstkopf-Stereofonie veröffentlicht

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Thomas Görne: Tontechnik. 1. Auflage, Carl Hanser Verlag, Leipzig, 2006, ISBN 3-446-40198-9
  • Michael Dickreiter, Volker Dittel, Wolfgang Hoeg, Martin Wöhr (Hrsg.), "Handbuch der Tonstudiotechnik", 8., überarbeitete und erweiterte Auflage, 2 Bände, Verlag: Walter de Gruyter, Berlin/Boston, 2014, ISBN 978-3-11-028978-7 oder e-ISBN 978-3-11-031650-6
  • Thomas Görne: Mikrofone in Theorie und Praxis. 8. Auflage, Elektor-Verlag, Aachen, 2007, ISBN 978-3-89576-189-8

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kunstkopf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. ptb.de: Bericht über Mögliche Gehörschäden durch übermäßig lautes Spielzeug (deutsch, abgerufen am 3. Februar 2011)
  2. http://www.rfcb.ch/hinnen/international006.html