Leinenweberei

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Webstuhl (Heimatmuseum Laichingen)

Leinenweberei ist die Weberei – Herstellung von textilen Flächengebilden – aus der Flachsfaser, der aus Flachs (Lein) gewonnenen Faser, zum Gewebe Leinen.

Geschichte[Bearbeiten]

Garben gerauften Flachses (Nordfrankreich)

Das Textilgewerbe gehört zu den ältesten Industriezweigen. Als eine ausgesprochen arbeitsintensive Produktion trug sie wesentlich zum Einfluss einzelner Regionen bei.

Im Mittelalter wurde zuerst wild wachsender, später selbst angebauter Flachs verarbeitet und versponnen, um diesen im Winter für den Eigengebrauch bzw. als weitere Einnahmequelle zu verwenden. Schon um 13. Jahrhundert wurde Flachs in Mitteleuropa in bedeutendem Umfang angebaut.[1] Leinenweberei war im Mittelalter ein hochgeschätztes Gewebe, aus dem nicht nur Hemden, Kleider und Bettzeug, sondern auch Waffenröcke, Satteldecken, Hutbezüge und Paniere verfertigt wurden. So wurde mit der Leinenbindung auch eine eigenständige Webart entwickelt. Neben dieser Leinwand im eigentlichen Sinne findet sich auch Zwillich/Drillich und Hessian/Rupfen (Sackleinen) und das Woll-Mischgewebe Barchent.[2]

Leinenweber verarbeiteten ursprünglich sowohl gesponnenen Flachs als auch Hanf und andere Fasern, etwa Brennessel, zu Geweben; seit etwa 1500 wurde Hanf hauptsächlich nur noch für Haustuch, Sack- und Packleinwand, grobe Zeuge wie Segeltuch und Seilwaren verwendet, und das Leinen zum Haupt-Textilprodukt.[3] Ab dieser Zeit entwickelte sich die Leinenweberei enorm. Erste Leinenweberzünfte finden sich beispielseise 1496 in Enns,[4] die sich dann bis in das 16. Jahrhundert auch in den ländlichen Raum ausbreiteten.

Flachsbrechhütte und Darre im Leinenmuseum Creglingen-Burgstall

Im Gegensatz zur Tuchmacherei (Wollweberei), die sich doch meist als städtisches Handwerk etablierte, war die Leinenweberei lange Zeit im ländlichen Raum als Heimgewerbe verbreitet und wurde vielfach von Bauern und Tagelöhnern betrieben. Größere Höfe hatten ab der frühen Neuzeit durchwegs auch ein eigenes Brech- und Dörrhaus (oberdeutsch Brechlbad).[5]

Der erste Niedergang der Leinenweberei entstand durch die Einführung der Baumwolle, und – ab dem späteren 18. Jahrhundert aus England kommend – dem Aufbau der Textilindustrie und der maschinellen Webstühle. Die Baumwolle wurde das feinere Gewebe, das Leinengewebe verblieb als robustes, aber wenig komfortables Zeug, etwa Arbeitskleidung und Bettwäsche. Außer in gewissen industriellen Zentren fand das Leinen seine Nische in der handwerklichen Leinenmanufaktur aus landwirtschaftlicher Eigenproduktion. Da die Textilindustrie zur Importindustrie wurde, und in der Zeit auch der Kartoffelanbau forciert wurde, wurden die Flachsfelder in Äcker für die Nahrungsproduktion umgewandelt. Verbreitet wurden die Dörrstuben der Bauern in Badhäuser nach Art der Sauna umfunktioniert.[6] Noch trug die einfache Bevölkerung aber Leinen als Alltagskleidung. Erst im mittleren 19. Jahrhunderts wurde dann die Baumwolle zum billigsten Material, und verdrängte das Leinen fast vollständig.

In den 1970er Jahren war ein weiterer Rückgang der gesamten Textilindustrie zu vermerken. Durch vermehrte Importe von Textilien aus Billiglohnländern wurde es auch für die verbliebenen Leinenweber immer schwerer zu konkurrieren. Viele Firmen werden aus markttechnischen Gründen gezwungen, die Produktion in das Ausland zu verlagern.

Ein Wiederaufleben der Leinenweberei zeigt sich im Zuge der Modernisierung der Tracht (Neue Tracht) um die letzte Jahrhundertwende, zu der das Leinen als Material für die Leib- und auch Oberwäsche gehört, wie auch die Ökologisierung und Regionalisierung der Landwirtschaft, da der Flachsanbau wenig Chemikalieneinsatz erfordert. Durch neue Verfahren ist Leinengewebe kein kratziges Material mehr, sondern es lassen sich feine, leicht seidige Stoffe herstellen. Typischerweise ist es nicht vollgebleicht, sondern leicht naturfarben.[7] Geschätzt wird neben der Robustheit die Atmungsaktivität dieses Materials. Diese hochqualitativen und -preisigen Stoffe aus Kleinproduktion werden heute als Bauernleinen vermarktet.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ernst Gräbner: Die Weberei Fachbuchverlag GmbH, Leipzig, 1952
  • Alfred Marks: Das Leinengewerbe und der Leinenhandel im Lande ob der Enns von den Anfängen bis in die Zeit Maria Theresias. In: Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereines Bd. 95 (1950), S. 169–286 (Kap. I, II, III,IV, beide pdf, ooegeschichte.at); Kurzfassung auch Leinengewerbe und Leinenhandel in Oberösterreich bis in die Zeit Maria Theresias. In: Webereimuseum Haslach, Oberösterreich. Katalog, Haslach 1970. S. 19–36.

Siehe auch Literatur des Artikels Flachsfaser

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lit. Marks, 1950, Kap. I, S. 178 (1. pdf S. 12).
  2. Vergl auch Lit. Marks, 1950, Kap. III, 2. Die erzeugten Warengattungen, S. 222 ff (2. pdf S. 9 ff).
  3. In dieser Zeit umfasst der Begriff der Leinenweberei sowohl die Herstellung von Flachs- und Flachsmischprodukten, als auch – aufgrund der Technologie der Webstühle – die Herstellung von Leinwandgeweben aus anderen Fasern.
  4. Lit. Marks, 1950, Kap. I, S. 183 (1. pdf S. 17).
  5. Vergl. Eugenie Goldstern: Beiträge zur Volkskunde des Lammertales mit besonderer Berücksichtigung von Abtenau (Tännengau). In: Zeitschrift für österreichische Volkskunde 24, 1918, Verlag F. Tempsky, Wien 1917 (1918), S. 13 ff (ganzer Artikel S. 1–29).
  6. Womit auch der Mythos des „schmutzigen Bauern“ spätestens ab dieser Zeit hinfällig ist: Während die städische Bevölkerung sich noch beim Bader im Gemeinschaftszuber drängte, besuchte die bessere Bauernschaft wöchentlich ihr eigenes Hausbad.
  7. Bauernleinen. In: Marion Ohrendorf: Taschenlexikon der Mode-Begriffe. Verlag Schlütersche, 2004, ISBN 978-389994016-9, S. 51 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).