Michaelis-Menten-Theorie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die nach Leonor Michaelis und Maud Menten benannte Michaelis-Menten-Theorie ist ein mathematisches Modell, das die Kinetik von Enzymen näherungsweise beschreibt. Sie gilt für enzymatisch katalysierte Reaktionen mit folgendem generellen Mechanismus: Das freie Enzym bindet zuerst reversibel an sein Substrat und bildet einen Enzym-Substrat-Komplex. Das Substrat wird anschließend umgewandelt und der Komplex zerfällt in das freie Enzym und das Reaktionsprodukt. Die Michaelis-Menten-Theorie erlaubt eine quantitative Beschreibung der anfänglichen Reaktionsgeschwindigkeit in Abhängigkeit von der vorhandenen Substratkonzentration und weiterer Parameter.

Theoretischer Hintergrund[Bearbeiten]

Einfache Beschreibung einer enzymatischen Reaktion[Bearbeiten]

Als Biokatalysatoren bilden Enzyme E mit ihrem Substrat S einen Komplex ES (Enzym-Substrat-Komplex), aus dem heraus sich die Reaktion zum Produkt P vollzieht:[1]

E + S \underset{k_1'}{\overset{k_1}{\rightleftharpoons}} \left[ ES \right] \underset{k_2'}{\overset{k_2}{\rightleftharpoons}} \left[ EP \right] \underset{k_3'}{\overset{k_3}{\rightleftharpoons}} P + E

k1 und k'1 sind die Geschwindigkeitskonstanten für die Assoziation (Zusammenlagerung) von E und S bzw. die Dissoziation des Enzym-Substrat-Komplexes ES. k2 und k'2 sind die entsprechenden Konstanten für die Reaktion zum Produkt bzw. die Rückreaktion zum Substrat. k3 und k'3 beschreiben die Dissoziation bzw. Assoziation eines Enzym-Produkt-Komplexes. Diese Rückreaktion findet unter den Bedingungen der Enzymkinetik, das heißt unmittelbar nach Mischung der Komponenten E und S, noch nicht statt, darum kann man k'3=0 annehmen. Ferner wird die Umwandlung von ES zu EP (und nicht die spontane Freisetzung von P) gemessen, so dass die folgende Vereinfachung gerechtfertigt ist:[2]

E + S \underset{k_1'}{\overset{k_1}{\rightleftharpoons}} \left[ ES \right] \overset{k_2}{\rightarrow} P + E

Dieses System lässt sich allgemein durch ein System aus gewöhnlichen Differentialgleichungen beschreiben (Massenwirkungskinetik), welches in der Regel nur numerisch zu lösen ist.[3] Die Michaelis-Menten Kinetik ergibt sich erst unter der weiteren Annahme des Fließgleichgewichtes, stellt also einen Spezialfall der allgemeineren Massenwirkungskinetik dar.

Fließgleichgewicht[Bearbeiten]

Im Allgemeinen sind Enzyme in der Lage, schwankende Substratkonzentrationen auszugleichen, d. h. sehr schnell ein Fließgleichgewicht („steady state“) dadurch einzustellen, dass sie ihre Tätigkeit dem Angebot anpassen. Dies bedeutet, dass die Konzentration des Enzym-Substrat-Komplexes auf der langsameren Zeitskala, die für den Prozess der Produktbildung gültig ist, konstant bleibt. Es gilt also \tfrac{\mathrm d[ES]}{\mathrm dt} = 0. Diese Annahme des Fließgleichgewichts wurde von G.E. Briggs und John Burdon Sanderson Haldane entwickelt. Die Michaelis-Menten Kinetik ist nur unter Annahme dieses Fließgleichgewichts mit einer konstanten [ES] gültig.

Die Michaelis-Menten-Gleichung[Bearbeiten]

Die Formeln an der Technischen Universität Graz.

Die aus der Reaktionsgleichung abgeleitete Michaelis-Menten-Kinetik lässt sich allgemein darstellen[4] als:

 v_0 = \frac{v_\mathrm{max} \cdot [S]}{K_m + [S]}

v0 gibt hierbei die initiale Reaktionsgeschwindigkeit bei einer bestimmten Substratkonzentration [S] an. vmax ist die maximale Reaktionsgeschwindigkeit.

Eine Kenngröße für eine enzymatische Reaktion ist die Michaeliskonstante Km. Sie hängt von der jeweiligen enzymatischen Reaktion ab. Km gibt die Substratkonzentration an, bei der die Umsatzgeschwindigkeit halbmaximal ist (v=½·vmax), die also bei Halbsättigung vorliegt.[5] Sie ergibt sich als

 K_m = \frac{k'_1 + k_2}{k_1}

für den Fall, dass k2 gegenüber k1 nicht vernachlässigt werden kann (Briggs-Haldane-Situation). Ein Spezialfall ("Michaelis-Menten-Fall") ist gegeben wenn   k2 << k'1. Hierbei vereinfacht sich Km zu:

 K_m = \frac{k'_1}{k_1}

Dies entspricht der Dissoziationskonstante des Enzym-Substrat-Komplexes. In diesem Fall kann man Km also als Maß für die Affinität des Enzyms für das Substrat betrachten.

Eine weitere wichtige Größe ist die Wechselzahl, auch molekulare Aktivität oder „turnover number“ genannt. Dies ist die Geschwindigkeitskonstante des geschwindigkeitsbestimmenden Schrittes der Reaktion und wird mit kcat bezeichnet. Ist, wie im oben genannten Fall, der zweite Schritt geschwindigkeitsbestimmend, so ergibt sich aus der Definition der Reaktionsgeschwindigkeit, dass

 v = \frac{\mathrm d[P]}{\mathrm dt} = k_\mathrm{cat}[ES]

und somit

 k_\mathrm{cat} = \frac{{v_\mathrm{max}}}{{[E]+[ES]}}.

Sättigung der enzymatischen Reaktion[Bearbeiten]

Im Gegensatz zur Kinetik unkatalysierter Reaktionen gibt es in der Enzymkinetik das Phänomen der Sättigung: bei sehr hohen Substratkonzentrationen kann die Umsatzgeschwindigkeit v nicht weiter gesteigert werden, das heißt es wird ein Wert vmax erreicht.

Km entspricht der Konzentration, für die v = ½ vmax gilt

Die Sättigungsfunktion eines „Michaelis-Menten-Enzyms” lässt sich unter Verwendung der Parameter Km und vmax wie folgt formulieren:

 v = \frac{v_\mathrm{max} \cdot [S]}{K_m + [S]}

Diese Michaelis-Menten-Beziehung ist die Gleichung einer Hyperbel mit den folgenden in der Abbildung gezeigten Eigenschaften:

  • Der Y-Wert der waagerechten Asymptote entspricht vmax
  • Entspricht die Substratkonzentration [S] dem Km-Wert, so liegt die Hälfte des ursprünglich vorhandenen Enzyms [E]0 in Form des Enzym-Substrat-Komplexes [ES] vor, die andere Hälfte ist frei [E].
  • Da die Sättigung asymptotisch angenähert wird, sind hierzu Substratkonzentrationen erforderlich, die mehr als dem zehnfachen Km-Wert entsprechen. Im Umkehrschluss gilt: Hat man für ein Enzym eine Sättigungshyperbel gemessen, d. h. die Umsatzgeschwindigkeit v als Funktion der Substratkonzentration [S] bestimmt, so lassen sich daraus vmax (die Aktivität) und Km (die reziproke Affinität) ableiten. Ein relativ neues, einfaches und doch präzises Verfahren zu diesem Zweck ist die direkt-lineare Auftragung (siehe Enzymkinetik).

Inhibitoren und ihr Einfluss auf die Michaelis-Menten-Kinetik[Bearbeiten]

Inhibitoren, darunter wichtige Medikamente und Gifte, ändern die Eigenschaften von Enzymen und hemmen die enzymatische Reaktion. Man kann Inhibitoren in verschiedene Klassen unterteilen (siehe dazu: Enzymhemmung). Je nach Wirkungsweise des Inhibitors, hat dieser einen unterschiedlichen Einfluss auf die Michaelis-Menten-Gleichung:

  • „kompetitive“ Inhibitoren erhöhen den Km-Wert, verändern vmax jedoch nicht.
  • „unkompetitive“ Inhibitoren (selten anzutreffen) binden spezifisch an den Enzym-Substrat Komplex. Sie senken sowohl die vmax als auch den scheinbaren Km-Wert.
  • Inhibitoren vom Mischtyp erhöhen den Km-Wert und erniedrigen vmax
  • als Sonderfall des Mischtyps hat der „nichtkompetitive“ Inhibitor zu gelten, der ausschließlich den vmax-Wert senkt und den Km-Wert unverändert lässt. Bei Einsubstrat-Enzymen kommt dieser Typus nicht vor.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Andrés Illanes,: Enzyme biocatalysis: principles and applications. Springer, Dordrecht 2008, ISBN 978-1-402-08360-0.
  • David L. Nelson, Michael M. Cox: Lehninger Biochemie. 4. Auflage. Springer, Berlin / Heidelberg 2009, ISBN 978-3-540-68637-8. Kapitel: Enzyme.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Eintrag: Michaelis–Menten kinetics. In: IUPAC Compendium of Chemical Terminology (the “Gold Book”). doi:10.1351/goldbook.M03892 (Version: 2.3.1).
  2.  Eintrag: Michaelis–Menten mechanism. In: IUPAC Compendium of Chemical Terminology (the “Gold Book”). doi:10.1351/goldbook.M03893 (Version: 2.3.1).
  3. Chen WW, Niepel M, Sorger PK: Classic and contemporary approaches to modeling biochemical reactions. In: Genes Dev.. 24, Nr. 17, September 2010, S. 1861–75. doi:10.1101/gad.1945410. PMID 20810646.
  4. Zur Herleitung siehe Enzyme Kinetics (PDF)
  5.  Eintrag: Michaelis constant. In: IUPAC Compendium of Chemical Terminology (the “Gold Book”). doi:10.1351/goldbook.M03891 (Version: 2.3.1).