Milchgebiss

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Milchgebiss und Erwachsenengebiss im Vergleich

Wie viele Säugetiere, so bildet auch der Mensch im Laufe des Lebens zunächst ein Milchgebiss aus (Milchzahn: dens deciduus, von lat.: dens 'Zahn' und decidere 'abfallen'[1], hier: 'ausfallen'), das beim Heranwachsen durch ein bleibendes Gebiss ersetzt wird.

Milchgebiss beim Menschen[Bearbeiten]

In den noch sehr kleinen Kiefern eines Babys oder Kleinkinds fänden die wesentlich größeren bleibenden Zähne keinen Platz, weder hinsichtlich der Zahnbreite noch hinsichtlich der Wurzellänge. Aus diesem Grund entsteht zunächst ein Milchgebiss. Durch das Kieferwachstum rücken die Milchzähne auseinander und es entsteht ein lückig aussehendes Gebiss, was normal ist. In der Folge wird das Milchgebiss nach und nach durch das bleibende Gebiss, damit durch die bleibenden Zähne ersetzt. Diese sind breiter, so dass die Lücken von selbst verschwinden.

Bei einem Kind besteht das Milchgebiss aus 20 Zähnen, und zwar fünf Zähnen pro Quadrant: dem mittleren und dem seitlichen Schneidezahn, dem Eckzahn sowie dem ersten und zweiten Milchmahlzahn. (Das Gebiss wird in vier Quadranten unterteilt: je ein rechter und ein linker Quadrant, jeweils im Ober- und Unterkiefer.)

Zahnen (1. Dentition)[Bearbeiten]

Das Herauswachsen („Durchbrechen“, Dentition) der Zähne ist für das Kind oft schmerzhaft. Es geschieht in einer bestimmten Reihenfolge: Zuerst brechen etwa im 6. bis 8. Lebensmonat die mittleren unteren Schneidezähne durch.

Die Tabelle gibt die durchschnittlichen Durchbruchszeiten der Milchzähne wieder:[2]

Milchgebiss und Erwachsenengebiss – schematisiert

Zur Zahnbezeichnung siehe: Zahnschema

Unterer Schneidezahn kurz vor dem Durchbruch (6,5 Monate altes Baby)
Fünf Tage später ist der Zahn deutlich sichtbar
Nr. Milchzahn OK-Zähne UK-Zähne Lebensmonat
1. Mittlerer Schneidezahn 51, 61 71, 81 6.  -  8.
2. Seitlicher Schneidezahn 52, 62 72, 82 8.  - 12.
3. 1. Milchmolar 54, 64 74, 84 12. - 16.
4. Eckzahn 53, 63 73, 83 16. - 20.
5. 2. Milchmolar 55, 65 75, 85 20. - 30.

Die oberen Antagonisten (Gegenzähne) brechen normalerweise einige Zeit nach den entsprechenden unteren Zähnen durch.

Der Zeitpunkt des Durchbruchs ist sehr variabel, so kann der erste Schneidezahn schon im vierten Monat, aber auch erst viel später erscheinen. Entsprechend verschiebt sich dann auch der Durchbruch der weiteren Zähne.

Im Durchschnitt sind bis zum 30. Lebensmonat alle Milchzähne durchgebrochen und erreichen bis zum Ende des 3. Lebensjahres die volle Verzahnung, so dass die Zahnkronen in Kontakt zum jeweiligen Gegenzahn stehen. Das Wurzelwachstum ist zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht abgeschlossen und dauert weitere 1 bis 2 Jahre. Ab dem 3. Lebensjahr beginnt dann die Nutzungsperiode des Milchgebisses, die bis zum Zahnwechsel dauert.

In sehr seltenen Fällen sind bei Säuglingen schon bei der Geburt Milchzähne durchgebrochen, sogenannte dentes connati (Singular: dens connatus, von latein: dens ‚Zahn‘ und connatus ‚angeboren‘), im Volksmund auch Hexenzähne genannt.[3] Prominente Beispiele sollen der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. und auch Sisi gewesen sein. Um beim Stillen eine Verletzung der Brustwarzen zu vermeiden, können diese mit Schutzkappen geschützt werden.

Die Milchzähne haben genauso wie die bleibenden Zähne Zahnwurzeln. Die Milchschneide- und Eckzähne haben eine Wurzel, die Milchmolaren haben im Unterkiefer zwei und im Oberkiefer drei Wurzeln. Anomalien sind im Milchgebiss sehr selten. Beim Zahnwechsel mit dem dadurch bedingten normalen Verlust der Milchzähne werden die Milchzahnwurzeln durch die nachdrängenden bleibenden Zähne resorbiert (aufgelöst); die Milchzähne scheinen keine Wurzeln (gehabt) zu haben.

Wechselgebiss: Zahn 51 fehlt, Zähne 61 und 62 scheinen schon gelockert zu sein, die bleibenden Zähne 31 und 41 sind durchgebrochen. Nebenbefund: einseitiger Kreuzbiss links.
Entfernte Milchzähne. Die Zahnwurzeln sind stark resorbiert.

Zähneknirschen[Bearbeiten]

Im Zuge des natürlichen Schädelwachstums ist das kindliche (meist nächtliche) Zähneknirschen (Bruxismus) normal und sinnvoll, auch wenn es sich manchmal für Eltern bedrohlich anhört. Es trägt zum richtigen Kieferwachstum bei. Das Milchgebiss ist von Natur aus ein Abrasionsgebiss. Die Prävalenz wird bei Kindern mit 14−17 % angegeben.[4] Ab dem Zahnwechsel sollen die Kinder allerdings damit aufhören. Für Bruxismus gibt es physische und psychische Ursachen wie beispielsweise Zahnfehlstellungen und Stress. Letzterer muss durch geeignete Entspannungsverfahren behandelt werden. Eine Entwöhnung vom Knirschen ist beim Erwachsenen häufig schwierig. Eine Knirscherschiene ist im Kindergebiss nicht angezeigt, da es das Kieferwachstum behindern würde.[5]

Der erste bleibende Zahn[Bearbeiten]

Der erste neue, bleibende Zahn ist normalerweise der erste Backenzahn. Er bricht etwa im sechsten Lebensjahr hinter dem letzten Milchbackenzahn durch, ohne dass zuvor ein Milchzahn herausfällt und wird deshalb auch 6-Jahr-Molar genannt.

Verlust der Milchzähne[Bearbeiten]

Wechselgebiss (Halbseitenröntgenaufnahme, links): Die Milchzähne sind im Seitenzahnbereich noch vorhanden, die Wurzeln aber bereits teilweise resorbiert. Nebenbefund: Ein Unterkiefer-Weisheitszahn ist nicht angelegt.

Erst nach dem Durchbruch der 6-Jahr-Molaren werden die Milchzähne ersetzt. Zwischen dem sechsten und dem achten Lebensjahr verlieren die Kinder die mittleren Milch-Schneidezähne, dann die seitlichen. Zwischen dem 9. und dem 11. Lebensjahr werden die Eckzähne und die ersten Milchmahlzähne ersetzt, zuletzt im Alter von 12 Jahren die zweiten Milchmahlzähne. Anschließend bricht dann noch der zweite Backenzahn (7-er) durch. Weisheitszähne brechen in etwa ab dem 17. Lebensjahr durch – manchmal auch erst im fortgeschrittenen Alter.

Hauptartikel: Dentition

Vorzeitiger Milchzahnverlust[Bearbeiten]

Einem vorzeitigen Verlust der Milchzähne ist vorzubeugen, da sie neben den natürlichen Funktionen, wie Essen und Sprechen auch eine Platzhalterfunktion für die bleibenden Zähne haben. Hierzu leisten die elterliche Zahnpflege, die Individualprophylaxe und die Gruppenprophylaxe einen wertvollen Beitrag. Sollten kariöse Defekte vorliegen, sind diese deshalb unbedingt mit Füllungen zu versorgen. Im Seitenzahnbereich ist bei vorzeitigem Milchzahnverlust − je nach Lebensalter − ein Lückenhalter angezeigt.

Milchgebiss bei Tieren[Bearbeiten]

Auch viele andere Säugetiere haben ein Milchgebiss, so beispielsweise Hunde, Katzen und Fledermäuse, nicht aber Faultiere oder Delfine.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hermann Menge, Otto Güthling: Langenscheidts Großwörterbuch Lateinisch-Deutsch, ND Berlin 2001.
  2.  Lehmann, Klaus M., Elmar Hellwig: Zahnärztliche Propädeutik. 10. Auflage. Urban & Fischer bei Elsevier, 2005, ISBN 3-437-05391-4, S. 44-46.
  3. Zahnlexikon (Optident)
  4. Björn Wito Walther: Schlafmedizin in der Praxis: die internationale Klassifikation von Schlafstörungen in Fallberichten. Hüthig Jehle Rehm, 2009, ISBN 978-3-609-16406-9, S. 292–.
  5. Kindlicher Bruxismus, Dental-Magazin, 6. Juni 2013

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Milchgebiss – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Milchgebiss – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen