Bruxismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Klassifikation nach ICD-10
F45.8 Sonstige somatoforme Störungen
ICD-10 online (WHO-Version 2013)
Zahnschäden (Risse) durch Bruxismus, Sicht von oben, Oberkante des Zahns entfernt

Der Bruxismus (abgeleitet von griechisch βρυγμός brygmos, männlich „das Zähneknirschen“ mit lateinischer Endung) ist das unbewusste, meist nächtliche, aber auch tagsüber ausgeführte Zähneknirschen oder Aufeinanderpressen der Zähne, durch das die Zähne verschleißen, der Zahnhalteapparat überlastet und zusätzlich das Kiefergelenk, die Kaumuskulatur, aber auch andere Muskelgruppen, die zur Stabilisierung des Kopfes angespannt werden, geschädigt werden können.

Auf diese Weise kann es bis zu schweren Schmerzsyndromen und Ohrpfeifen (Tinnitus) kommen. Weitere häufige Erscheinungen sind Schwindel, Sehstörungen und Übelkeit. Diese Schmerzsyndrome werden in der deutschen Literatur als Kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD) geführt.

Nachts fühlt sich der Partner, ähnlich wie bei einem Schnarcher, häufig durch das laute Zähneknirschen gestört.

Schlafbezogener Bruxismus (nächtliches Zähneknirschen) gehört nach dem Klassifikationssystem für Schlafstörungen ICSD-2 zu den schlafbezogenen Bewegungsstörungen und nach ICD-10 zu den sonstigen Schlafstörungen (G47.8) bzw. sonstigen somatoformen Störungen (F45.8). Er tritt häufig mit anderen Schlafstörungen wie dem Schlafwandeln auf.[1]

Ursache[Bearbeiten]

Wissenschaftlich ist der Bruxismus vergleichsweise wenig beachtet. Es gibt in der zahnmedizinischen Literatur noch viel zu wenige Studien, um gesicherte Erkenntnisse zu verkünden. Es ist z. B. bis heute nicht klar, inwieweit eine genetische Veranlagung eine Rolle spielt oder ob der Bruxismus grundsätzlich immer eine behandlungsbedürftige Krankheit darstellt.

Risikofaktoren[Bearbeiten]

Als Risikofaktoren gelten nach Studien und Umfragen u. a.

Mechanische Auswirkung[Bearbeiten]

Abweichungen der Bisslage um 0,01 mm vom ausgewogenen Zahnkontakt werden wahrgenommen, Abweichungen um 0,1 mm können den Kauapparat soweit stören, dass es zum Bruxismus kommt. (Kobayashi et al. 1988, Doppelblindversuch im Schlaflabor). Experimentelle Zahnerhöhungen um 0,1 mm bewirkten in dieser Versuchsreihe verkürzte Tiefschlafphasen, erhöhte Adrenalinausschüttungen, verlängerte Atemstillstandzeiten während des Schlafes und nach 14 Tagen war die Kaumuskulatur soweit traumatisiert, dass es zu einem erhöhten Muskeltonus kam.

Der Kaudruck, der beim Menschen normalerweise im Maximum 0,4 bis 0,45 kN beträgt, kann sich um den Faktor 10 steigern. Hierdurch können schwere Schäden entstehen.

Therapie[Bearbeiten]

Zur Therapie hilft oft schon eine Anleitung zur Selbstbeobachtung und eine Aufklärung des Patienten über die Zusammenhänge sowie Anleitungen zur Selbstmassage der verspannten Muskeln, um die Beschwerden etwas zu lindern. Allerdings fehlt während des Schlafes jegliche Kontrolle über die Reflexaktivität des Kauorgans.

Hilfreich kann auch die Zusammenarbeit des Zahnarztes mit einem entsprechend fortgebildeten Physiotherapeuten sein. In bestimmten Fällen kann dies zu einer Reduktion des Tonus der Kaumuskulatur führen.

Eine Psychotherapie kann bei der Behandlung von Bruxismus-Patienten sinnvoll sein.

Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) empfiehlt, jeden definitiven Eingriff an den Zähnen beim Vorliegen einer Aufbissproblematik bis zur Sanierung dieser Problematik zu verschieben.

Knirscherschiene[Bearbeiten]

Zahnärzte können in Zusammenarbeit mit einem entsprechend qualifizierten Zahntechniker eine Knirscherschiene (Aufbissschiene) anfertigen, um den Verschleiß an den Zähnen zu stoppen. Auch eventuelle Störkontakte der Zähne können ausgeglichen werden, was ebenfalls zur Entlastung führen kann.

Hierbei ist vor allem die umfangreiche Gnathologie (Funktionsdiagnostik) durch einen qualifizierten Zahnarzt mit Gelenkaufzeichnungen (Axiographie) und weiterführenden Maßnahmen unumgänglich.

Die Anfertigung dieser Schienen stellt ausgesprochen hohe Ansprüche an die Qualifikation des jeweiligen Zahnarztes und Zahntechnikers.

Inzwischen weiß man, dass die Konstruktion der Knirscherschiene eine hochkomplexe Aufgabe ist. Sofern es nicht gelingt, mit dieser Schiene die Gleitfunktion des Discus articularis (Zwischengelenkscheibe) wiederherzustellen, versagt die Behandlung (U. Lotzmann, Marburg 2001). Je nach Art der Okklusionsstörung können ganz unterschiedliche Aufbisskorrekturen bzw. Aufbissbehelfe erforderlich sein.

Die Aufbissschiene ist lediglich ein Abriebschutz.

Biofeedback[Bearbeiten]

Im Bereich des Biofeedbacks gibt es verschiedene Behandlungsversuche. Bei einem Ansatz wird über eine Sonde am Kaumuskel die Muskelspannung gemessen und akustisch an den Patienten zurückgekoppelt, wodurch sich der Patient seiner Handlung bewusst werden soll. Hierdurch ist es nun möglich den Kauimpuls willentlich zu unterbrechen. Wird dies trainiert, kann über Generalisierung der Impuls später möglicherweise auch ohne akustisches Signal wahrgenommen und gestoppt werden.

Hypnotherapie[Bearbeiten]

Beim Versuch einer hypnotherapeutischen Behandlung wird eine Verlagerung der Muskelanspannung aus dem Kiefer in die Hand suggeriert, oder ein Erwachen bei jedem Zähneknirschen, bis die Gewohnheit verändert ist, oder ein spontanes Lösen der Anspannung im Schlaf. Diese Suggestionen werden posthypnotisch gefestigt und die Umsetzung bei einem späteren Gespräch überprüft.

Bruxismus bei Kindern[Bearbeiten]

Bei Kindern kann Zähneknirschen völlig normal sein. Kinder müssen vor, während und nach dem Zahnwechsel die Okklusion, also die Feinabstimmung des Zusammenbisses zwischen oberer und unterer Zahnreihe, zurechtbeißen und einschleifen, was zwar mit oft heftigen Knirschgeräuschen einhergeht, aber häufig keinen Grund zur Beunruhigung darstellt.[7] Es gibt in der amerikanischen Literatur Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen „idiopathischen“ Skoliosen beim Jugendlichen und funktionsgestörtem Kauorgan sehen. Bruxismus bei Kindern kann jedoch auch ein Zeichen für Anspannung, Angst, Stress oder Überforderung sein.[8]

Definition der wissenschaftlichen Fachgesellschaft DGZMK[Bearbeiten]

Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) definiert Bruxismus als Parafunktion (Knirschen, Pressen) mit unphysiologischen Auswirkungen an Zähnen, Parodontien, der Kaumuskulatur und/oder den Kiefergelenken.

Geschichte[Bearbeiten]

Die ersten Veröffentlichungen zu diesem Thema gehen auf das Jahr 1934 zurück, die eigentlich fundamentale Arbeit hierzu veröffentlichte Harold Gelb 1991 als clinical management of head, neck and TMJ- Pain and dysfunction.

Die zahnärztlichen Therapieversuche der 1970er Jahre mit umfangreicher „gnathologischer Rehabilitation“ waren in der Regel nicht erfolgreich.

Literatur[Bearbeiten]

  • Miltner, W. H.: Bruxismus, in: Miltner, W., Birbaumer, N., Gerber & D., W. (Hrsg.): Verhaltensmedizin, Springer-Verlag, Berlin 1986.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. S3-Leitlinie Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). In: AWMF online (Stand 2009)
  2. a b c d e f g Maurice M. Ohayon, MD, DSc, PhD; Kasey K. Li, DDS, MD and Christian Guilleminault, MD: „Risk Factors for Sleep Bruxism in the General Population“; Stanford University School of Medicine, Sleep Disorders Center, Stanford, CA;(Online Artikel)
  3. Y. KOBAYASHI, M. YOKOYAMA, H. SHIGA, and N. NAMBA: 1198 Sleep Condition and Bruxism in Bruxist (Abstract), Nippon Dental University, Tokyo, Japan
  4. Oksenberg A, Arons E.: „Sleep bruxism related to obstructive sleep apnea: the effect of continuous positive airway pressure.“ (Abstract); Sleep Disorders Unit, Loewenstein Hospital-Rehabilitation Center, P.O. Box 3, Raanana, Israel
  5. Ng DK, Kwok KL, Poon G, Chau KW „Habitual snoring and sleep bruxism in a paediatric outpatient population in Hong Kong.“ Department of Paediatrics, Kwong Wah Hospital, Waterloo Road, Hong Kong, SAR China. (Abstract)
  6. Winocur E, Gavish A, Voikovitch M, Emodi-Perlman A, Eli I: „Drugs and bruxism: a critical review.“; Department of Occlusion and Behavioral Sciences, Maurice and Gabriela Goldschleger, School of Dental Medicine, Tel Aviv University, Tel Aviv, Israel. (Abstract)
  7. C. K. Miller, Updates on pediatric feeding and swallowing problems (PDF; 82 kB). In: Current opinion in otolaryngology & head and neck surgery. Band 17, Nummer 3, Juni 2009, S. 194–199, ISSN 1531-6998. doi:10.1097/MOO.0b013e32832b3117. PMID 19454892. (Review).
  8. l. Höfel, Bruxismus bei Kindern – der psychologische Blickwinkel (PDF; 132 kB) Oemus, ZWP, 05/2009
Gesundheitshinweis Bitte den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!