Misophonie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Misophonie (von griech.: μῖσος misos ‚Hass‘[1] und φωνή phonḗ ‚Geräusch‘[2]), wörtlich „Hass auf Geräusche“, ist eine Form der verminderten Geräuschtoleranz. Es wird angenommen,[3] dass es sich um eine neurologische Störung handelt, charakterisiert durch negative Reaktionen auf bestimmte Geräusche, egal ob diese als laut oder leise wahrgenommen werden.[4] Eine Klassifizierung nach ICD-10 oder DSM-IV-TR besteht nicht.

Im Jahr 2013 formulierten drei Psychiater des Medizinischen Akademischen Zentrums Amsterdam Diagnosekriterien für Misophonie auf der Basis der Untersuchung von 42 Patienten und rieten dazu an eine Klassifizierung einzurichten. [5]

Der Begriff „Misophonie“ wurde geprägt durch die amerikanischen Neurowissenschaftler Pawel und Margaret Jastreboff.[6] Ein häufig verwendetes Synonym ist Selective Sound Sensitivity Syndrome, oder auf deutsch etwa: „Selektive Geräuschintoleranz“.[7]

Symptome[Bearbeiten]

Im Gegensatz zu der krankhaften Überempfindlichkeit gegenüber Schall (Hyperakusis) betrifft Misophonie nur bestimmte Geräusche. Personen, die an Misophonie leiden, fühlen sich stark gestört und können wütend auf alltägliche Geräusche wie Essgeräusche, Atmen, Niesen, Gähnen, Kaugummikauen, Lachen, Schnarchen, Pfeifen oder andere sich wiederholende Geräusche reagieren.[8] Manche Betroffene werden auch durch visuelle Reize getriggert, wie sich wiederholende Fuß- oder Körperbewegungen, Herumzappeln oder andere Bewegungen, die sie aus dem Augenwinkel wahrnehmen. Extreme Angst und Vermeidungsverhalten können entstehen, was zu sozialer Isolation oder verminderter Geselligkeit führen kann. Manche der Betroffenen stehen unter dem Zwang, das, was sie sehen oder hören, nachzuahmen.[9]

Eine Beurteilung von neurologischen Studien und fMRI Studien über die Gehirnstrukturen von Betroffenen postuliert, dass neuronale Signale abnormal oder dysfunktionell im Anteriore Cinguläre Cortex (Teil des präfronatalen Cortex) und im insulären Kortex verarbeitet werden. Diese Hirnareale sind die Drehscheibe für die Verarbeitung von Wut, Schmerz und Sinneswahrnehmungen. [10] Einige Wissenschaftler sind auch der Meinung, dass Strukturen des Zentralnervensystems Ursache für die Misohponie sind.[11] Es wird spekuliert, dass die Anomalie zentraler ist als die bei der Hyperakusis.[12]

Häufigkeit und Begleiterkrankungen[Bearbeiten]

Daten zur Prävalenz (Häufigkeit) von Misophonie liegen noch nicht vor, aber die steigende Zahl der Betroffenen lässt darauf schließen, dass sie häufiger auftritt, als bisher angenommen.[9] Unter Patienten mit Tinnitus, welcher vier bis fünf Prozent der Bevölkerung betrifft,[13] gibt es Studien, die von einer Prävalenz von Misophonie von 60 Prozent berichten.[9] Eine Studie aus dem Jahr 2010 hat unter Tinnituspatienten eine Prävalenz von zehn Prozent gemessen.[14]

Eine niederländische Studie aus dem Jahr 2013[15] mit einer Gruppe aus 42 Patienten mit Misophonie hat eine geringe Häufigkeit von psychischen Erkrankungen festgestellt, mit Ausnahme der zwanghaften Persönlichkeitsstörung (52,4 Prozent).

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. μῖσος, Henry George Liddell, Robert Scott,A Greek-English Lexicon, on Perseus
  2. φωνή, Henry George Liddell, Robert Scott,A Greek-English Lexicon, on Perseus
  3. M. Edelstein, D. Brang, V. S. Ramachandran: Sensory modulation in misophonia (PDF) In: Program No. 367.07. 2012 Neuroscience Meeting Planner. New Orleans, LA: Society for Neuroscience. 2012. Abgerufen am 27. Januar 2013.
  4. Jonathan Hazell: Decreased Sound Tolerance: Hypersensitivity of Hearing. Tinnitus and Hyperacusis Centre, London UK. Abgerufen am 5. Februar 2012.
  5. [1],
  6. Tinnitis retraining therapy for patients with tinnitus and decreased sound tolerance. In: Otolaryngol Clin. 36(2), April 2003, S. 321–36. PMID 12856300.
  7. M. Neal, A. E. Cavanna: P3 Selective sound sensitivity syndrome (misophonia) and Tourette syndrome. In: Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry. 83, Nr. 10, 2012, S. e1. doi:10.1136/jnnp-2012-303538.20.
  8. Joyce Cohen: When a Chomp or a Slurp is a Trigger for Outrage. In: The New York Times, 5. September 2011. Abgerufen am 5. Februar 2012. 
  9. a b c : Selective Sound Intolerance and Emotional Distress: What Every Clinician Should Hear. In: American Psychosomatic Society (Hrsg.): Psychosomatic Medicine. 70, 2008, S. 739–40. Abgerufen am February 2012.
  10. http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0054706
  11. Aage R. Møller: Hearing, Second Edition: Anatomy, Physiology, and Disorders of the Auditory System. Academic Press, 2006, ISBN 978-0-12-372519-6.
  12. Aage R. Møller: Textbook of Tinnitis, part 1 2001, S. 25–27, doi:10.1007/978-1-60761-145-5_4 (Zugriff am February 5, 2012).
  13. Jastreboff, P., Jastreboff, M.: Components of decreased sound tolerance: hyperacusis, misophonia, phonophobia (PDF; 89 kB) 2. Juli 2001. Abgerufen am 5. Februar 2012.
  14. : DPOAE in estimation of the function of the cochlea in tinnitus patients with normal hearing.. In: Auris Nasus Larynx. 37(1), 2010, S. 55–60. PMID 19560298.
  15. A. Schröder, N. Vulink, D. Denys: Misophonia: Diagnostic Criteria for a New Psychiatric Disorder. In: PLoS ONE. 8, 2013, S. e54706. doi:10.1371/journal.pone.0054706.

Weblinks[Bearbeiten]

Gesundheitshinweis Dieser Artikel bietet einen allgemeinen Überblick zu einem Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!