Ortsgeschichte

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Unter Ortsgeschichte versteht man die Vergangenheit einer Ortschaft, eines Dorfes, einer Stadt oder eines regional definierten Gebietes, sowie die diesbezügliche Geschichtsschreibung. Von der Ortsgeschichte zu unterscheiden ist die Stadtgeschichte als geschichtswissenschaftliche Disziplin.

Heimatgeschichte[Bearbeiten]

Die Heimatgeschichte ist die Geschichte des lokalen Erfahrungsbereiches. Dieser Erfahrungsbereich reicht von der Alltagsgeschichte bis zur Chronik der Gemeinde, in der Menschen leben oder aus der sie stammen. Die Geschichte der engeren Heimat wird sehr oft nicht von studierten Historikern geschrieben, sondern von Heimatforschern oder Laien, die sich Grundkenntnisse selbst angeeignet haben. In der Königlichen Regierung zu Minden beispielsweise wurde verordnet (Nr. 14870 B), "in allen Gemeinden des Regierungsbezirks ab dem 1. Januar 1818 ein Chroniken - Buch zu eröffnen und regelmäßig fortzuführen".[1]

Neben einer Ortschronik ist ein Ortsfamilienbuch eine der wesentlichen Leistungen, die von Personen erbracht werden, die sich in ihrer Freizeit oder als Rentner der Heimatgeschichte widmen. Inwieweit „Geschichte“ auch in mündlicher Überlieferung, in Form von Märchen und Sagen erhalten wird, ist fraglich.

Ortschaften/Dörfer[Bearbeiten]

Mitte der 1980er Jahre verzeichnet man in der Geschichtswissenschaft eine sogenannte „regionale Wende“: Die historische Betrachtung des Menschen und seiner alltäglichen Lebensumwelt rückt in den Fokus geschichtswissenschaftlicher und geschichtsdidaktischer Betrachtung. Im Gefolge der regionalen Wende bahnt sich eine didaktische Wende an. Mit der Anerkennung der individuellen Erfahrungswelt als konstituierendes Element des Unterrichts wird Regionalgeschichte nicht mehr als politisch- geographisch fixierter Raum, sondern sozialräumliches Gebilde definiert. Dieser funktionale Raumbegriff ist multiperspektivisch anwendbar und richtet sich in seinem Fokus nach der jeweils vorgenommenen Operationalisierung (konfessionell, wirtschaftlich, naturräumlich, etc.)

Regionalgeschichte/Geschichtswissenschaft/Geschichtsdidaktik[Bearbeiten]

Dorfchroniken sind Teil der Lokal- und Regionalgeschichte. Die ältesten Formen waren die Schul- und Kirchenchroniken. Hierbei handelte es sich um kontinuierlich chronologisch geführte Aufzeichnungen, die den Namen Chronik wirklich verdienen. Diese Fortschreibungen wurden vom Lehrer oder Küster geführt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte das Führen von Schulchroniken zu den Pflichten der Dorflehrer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Heimatgeschichte in Deutschland verpönt, weil sie durch den Nationalsozialismus in Verruf geraten war. Im Zuge dieser Entwicklung wurden viele Chroniken nicht mehr weitergeführt.

Eine Renaissance erlebte Heimatgeschichte im Zuge der 68er-Bewegung. Zunächst ging es nur um die verschwiegenen und vertuschten Verbrechen der Väter- und Großvätergeneration im Nationalsozialismus. Bald danach wurden die ersten Geschichtswerkstätten gegründet. In ihnen wurde, oft unter fachkundlicher Anleitung von Laien, Material gesammelt und archiviert. Die Ergebnisse dieser Sammelarbeit wurden publiziert; dies waren aber noch keine Dorfchroniken.

Dorfchroniken werden heute noch oft von pensionierten Lehrern oder Bürgermeistern geschrieben. Sie sind meist eigentlich ebenfalls keine Chroniken mehr, sondern eher Dorfgeschichten.

Das Thema Nationalsozialismus wird in den Dorfchroniken häufig als Tabuthema behandelt. Das liegt vermutlich daran, dass die Autoren in das Sozialgefüge eines Dorfes fest eingebunden sind und sich scheuen, politisch Belastete namentlich zu nennen. Eine andere Ursache ist vielleicht die teilweise schlechte Quellenlage. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Archivrecht. Noch heute sind nicht alle Akten aus der Zeit des Nationalsozialismus in den staatlichen Archiven frei zugänglich, weil das Persönlichkeitsrecht über das Informationsrecht gestellt wird. So gibt es z. B. in Niedersachsen erst seit 1993 ein Archivgesetz. Danach dürfen personenbezogene Daten erst zehn Jahre nach dem Tod der Person, oder, wenn das Datum nicht einfach feststellbar ist, 100 Jahre nach der Geburt zugänglich gemacht werden.

Städte[Bearbeiten]

Die Stadtarchive mit ihrer häufig reichhaltigen Überlieferung, z. B. den Bürgerbüchern, haben oft Stoff für beispielhafte Untersuchungen gegeben. Chroniken von Städten haben vielfach historische Relevanz und eine umfangreiche Komplexität, sie werden deshalb meist von Historikern erarbeitet.

Quellenlage[Bearbeiten]

Quellen der Stadt- und Ortsgeschichtsforschung sind Chroniken, Urkunden und Akten, Fotografien und Interviews mit Zeitzeugen (Methode „Oral History“ aus der Sozial- und Mentalitätsgeschichtsforschung); wichtig sind die Lokalzeitungen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • J. B. Hafen: Über Ortschroniken, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 1. Jg. 1869, S. 119–123 (Digitalisat)
  • August Holder: Die Ortschroniken, ihre kulturgeschichtliche Bedeutung und pädagogische Verwertung.Ein Beitrag zur richtigen Beurteilung des idyllischen Chronikenkults. Stuttgart 1886 (Digitalisat)
  • Carl-Hans Hauptmeyer: Heimatgeschichte heute. In: Carl-Hans Hauptmeyer (Hrsg.): Landesgeschichte heute. Göttingen; Vandenhoeck und Ruprecht 1987, S. 77-96.
  • Georg Hering: Personen- und Familienkunde, eine notwendige Voraussetzung zu einem tieferen Verständnis der Ortsgeschichte. Hessische Chronik 18 (1931), S. 1-19 und 27-52.
  • Ulrike Kerschbaum, Erich Rabl (Hrsg.): Heimatforschung heute. Referate des Symposions „Neue Aspekte zur Orts- und Regionalgeschichte“ vom 24. bis 26. Oktober 1987 in Horn, Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes, Band 29. Horn 1988. ISBN 3-900708-03-7.
  • Karl Heinz Schneider: Die Arbeit mit Fachliteratur. Bausteine zur Heimat- und Regionalgeschichte. Hannover: Landbuch-Verlag 1987, ISBN 3-7842-0359-0 (= Schriften zur Heimatpflege. Veröffentlichungen des Niedersächsischen Heimatbundes 1).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Chronik der Gemeinde Helmern 1813 - 1984, Helmern, 1986.