Ortszeit

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Am Bahnhof in Beverungen zwischen 1848 und 1893 angebrachter Hinweis auf die Abweichung der mittleren Ortszeit (MOZ) gegen Berliner Zeit (MOZ in Berlin Stadtmitte). Die hiesigen Uhren gingen den Berliner Uhren 10 Minuten nach.

Der Begriff Ortszeit wird zur Angabe der Tageszeit in mehreren verwandten Bedeutungen verwendet:

  • In seiner ältesten Bedeutung ist Ortszeit die an einem Ort auf der Erdoberfläche verwendete Sonnenzeit. Die Angabe der Tageszeit wurde ursprünglich direkt auf den Stand der Sonne am Himmel bezogen und mit Hilfe einer Sonnenuhr gemessen. Da die Sonnenzeit vom Ort auf der Erdoberfläche abhängig ist, haben verschiedene Orte (genauer nur Orte mit unterschiedlichem Längengrad) eine verschiedene Tageszeit. Jeder Ort hatte seine eigene, die Ortszeit dieses Ortes genannte Tageszeit. Sie wird genauer auch wahre Ortszeit (WOZ) oder wahre Sonnenzeit genannt.
  • In der seit etwa dem Ende des Mittelalters mit mechanischen Uhren gemessenen Tageszeit ist der „Zeitmacher“ im Kleinen nicht mehr die ungleichmäßig vergehende Sonnenzeit, sondern die gleichmäßig vergehende mechanische Zeit. Zeitmacher im Großen ist weiterhin die Sonne beziehungsweise eine fiktive oder mittlere Sonne, die gleichmäßig durch den Himmel läuft, aber ebenfalls die Tageszeit ortsabhängig anzeigt (in Realität tut es die mechanische Uhr). Sie wird mittlere Ortszeit (MOZ) oder mittlere Sonnenzeit genannt.
  • Mit der Einführung der Zonenzeit wurde die Rolle der Sonne als Zeitmacher nochmals geschmälert. Die Zonenzeit ist an allen Orten innerhalb einer Zeitzone gleich. Erst beim Wechsel in eine andere Zeitzone gilt eine andere Tageszeit, die man in Erinnerung an die Vergangenheit neben Zonenzeit auch Ortszeit nennt. Die Zonenzeit kann je nachdem, über wie viele Längengrade sich die Zeitzone erstreckt, erheblich von der Sonnenzeit abweichen.

Die Sonnenzeit und mit ihr die WOZ und die MOZ ändern sich um ± 4 Minuten, wenn die geografische Länge um 1° zu- beziehungsweise abnimmt. Nach Sonnenzeit und WOZ ist es am jeweiligen Standort 12 Uhr, wenn die Sonne dort am höchsten (genauer: im Meridian) steht.

Gegenüber der sich gleichmäßig bewegenden künstlichen mittleren Sonne hat die wahre Sonne nur an vier Tagen im Jahr keine Verspätung oder keinen Vorlauf. Dazwischen beträgt die maximale Abweichung etwa -16, +4, -6 und +14 Minuten. Die entsprechende Differenz zwischen WOZ und MOZ wird mit Hilfe der Zeitgleichung ZG über den Zeitraum eines Jahres angegeben: ZG = WOZ - MOZ.

Vor der Einführung der Zonenzeit wurde in der Umgebung von größeren Städten oder Hauptstädten deren MOZ als Standard- oder bürgerliche Zeit benutzt. Es gab eine Hamburger, eine hannoveranische, eine Berliner, eine Münchener, eine Wiener, eine Berner Zeit und viele andere mehr. Eisenbahngesellschaften übernahmen die Standardzeit der Ausgangsstadt ihrer Linien. Demzufolge gab es auf dem Bahnhof in den Zielstädten neben der örtlichen weitere Standardzeiten, zum Beispiel in Genf die Genfer Zeit, die Berner Zeit für die aus Bern kommende und die Pariser Zeit für die aus Paris kommende Eisenbahn. Diesem Mangel abzuhelfen war das Hauptmotiv für die Einführung der Zeitzonen mit Zonenzeit.

Die Zonenzeit ist die gesetzliche Zeit eines Staates oder jener größeren Region, von der gesprochen wird. Sie gilt darüber hinaus in allen Gebieten, die zu einer Zeitzone gehören. Eine Zeitzone erstreckt sich im Ideal über 15° Unterschied der geografischen Länge. Der Unterschied zur benachbarten Zonenzeit beträgt meistens ±1  Stunde. An den Rändern einer ideal breiten Zeitzone weicht die Zonenzeit maximal ±½ Stunde von der Sonnenzeit ab. In Realität gibt es manchmal erheblich größere Abweichungen, weil die Zeitzone breiter und/oder unpassend zur Sonnenzeit angelegt ist.

Wahre Ortszeit (WOZ)[Bearbeiten]

Anzeige der wahren Ortszeit auf einer Sonnenuhr an einem Kirchturm
Wandsonnenuhr (Standort etwa 8° Ost)
mit Stunden-Linien (WOZ) und -Schleifen (MOZ für 15° Ost = MEZ)
Bekanntmachung in Uetersen zur Zeitumstellung am 1. April 1893 von Ortszeit auf Zonenzeit (MEZ)

Die wahre Ortszeit beträgt 12 Uhr, wenn die Sonne durch den Meridian des Standortes geht (Meridiandurchgang). Sie befindet sich in diesem Moment exakt im astronomischen Süden und am höchsten auf ihrem Tagesbogen. Vom Nordpol bis zum Südpol herrscht auf gleichem Längengrad die gleiche wahre Ortszeit.

Sie ist auch die Zeit, die eine Sonnenuhr, wie die nebenstehenden Sonnenuhr an einem Kirchturm, anzeigt.

Wegen der elliptischen Umlaufbahn der Erde um die Sonne und der Neigung der Erdachse gegen die Erdbahnebene vergeht die wahre Sonnenzeit nicht ganz gleichmäßig.

Mittlere Ortszeit (MOZ)[Bearbeiten]

Die mittlere Ortszeit (oder mittlere Sonnenzeit)[1] ist eine gleichmäßig ablaufende Zeit bei der, übers Jahr um 12 Uhr, sich die mittlere Sonnenposition genau über dem Meridian befindet. Die mittlere Ortszeit wurde ursprünglich nur für astronomische Beobachtungen gebraucht. Für den Alltag erlangte sie erst nach und nach durch die Benutzung der am Ende des Mittelalters erfundenen mechanischen Uhr Bedeutung. Die mechanische Uhr lief zwar anfänglich nicht sehr genau, sie enthält aber prinzipiell eine gleichmäßige Zeitskala. Inzwischen gilt das Wort "Räderuhr" geradezu als Synonym für die gleichmäßig ablaufende Zeit.

Mit dem Gebrauch der mittleren Ortszeit (beziehungsweise der mittleren Sonnenzeit) entfernte man sich nur wenig vom am Standort erlebten Tageslauf der Sonne. Die größte Abweichung beträgt nur etwa 16 ½ Minuten im November („Sonne geht vor“) beziehungsweise 14 ½ Minuten im Februar („Sonne geht nach“).[2]

Die künstliche mittlere Sonnenzeit lässt sich nur mit einer aufwändigen Sonnenuhr mit automatischer Korrektur messen (siehe nebenstehende Abbildung). Eine gewöhnliche Sonnenuhr zeigt die wahre Sonnenzeit an, die mit Hilfe der zum Beispiel in astronomischen Jahrbüchern tabulierten Werte der Zeitgleichung in die mittlere Sonnenzeit umgerechnet werden kann. Der Tabellen-Parameter ist der Tag (Datum) im Jahr. Die Zeitgleichung ändert sich über die Jahre nur sehr langsam.

Zonenzeit[Bearbeiten]

Als mit dem Aufkommen der Eisenbahn große Strecken in kurzer Zeit zurückgelegt werden konnten, wurde eine für deren Betreiber und Passagiere innerhalb eines größeren Gebietes einheitliche Zeitangabe nötig, die Eisenbahnzeit. Als solche diente zuerst meistens die mittels mechanischer Uhren angegebene mittlere Ortszeit des Heimatbahnhofs der Eisenbahnlinie. Im Bild oben ist die Abweichung der mittleren Ortszeit in Lauenförde/Weser von der des Bezugsortes Berlin (Stadtmitte) angegeben, angebracht nach 1848[3]. Dann gab es eine einheitliche Landeszeit, deren Grundlage meist die mittlere Ortszeit der Landeshauptstadt war (Beispielsweise Berliner Zeit, Münchner Zeit (7 Minuten Differenz), erst Prager Zeit dann Wiener Zeit, Pariser Zeit, Athener Zeit, Lissaboner Zeit, Madrider Zeit, etc.).

Die sich in Nordamerika quer über den ganzen Kontinent erstreckenden Eisenbahnlinien gaben Anlass, vergleichbare Zonenzeiten einzurichten. Die Eisenbahnreisenden benutzen zwischen Atlantik und Pazifik nicht mehr eine einzige Ortszeit, die sich unpraktisch bis mehrere Stunden von der örtlichen Sonnenzeit unterschied. Sie erreichten nach im Mittel 15° Längengradunterschied eine neue Zeitzone, in der sie die Uhr um eine Stunde zu verstellen hatten. Diese amerikanische Praxis wurde Vorbild für die weltweite Einrichtung untereinander vergleichbarer gesetzlicher Zonenzeiten in allen Staaten. Auf Grund der kleineren Ausdehnungen in Europa hat dessen westlicher Teil mit Ausnahme von Großbritannien, Irland und Portugal die gleiche gesetzliche Zeit, nämlich die in der Zeitzone mit Bezugslängengrad 15° Ost (MEZ). Sie ist identisch mit der MOZ in Orten auf diesem Längengrad.

Stundenschleife (Analemma) eines Mittagsweisers für MOZ 12 Uhr,
darüber eine einfache Wandsonnenuhr (mit Stundengeraden für WOZ)

Wissenswertes[Bearbeiten]

Die auf einer Sonnenuhr abgelesene Zeit war lange die am genauesten reproduzierbare Zeitskala. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts waren Sonnenuhren gemeint, wenn man von Uhren sprach [4]. Nur Sternwarten hatten hochpräzise Pendeluhren.

Auch nachdem sich im öffentlichen Gebrauch die mittlere Ortszeit als Standard durchgesetzt hatte, war man auf die Sonnenuhr angewiesen, denn die mechanischen Uhren gingen noch zu ungenau. Man verwendete einen Mittagsweiser (Bild links), um sie einmal täglich nach der mittleren Sonne zu richten. Am Analemma des Mittagsweisers konnte man mittags die automatisch korrigierte Ortssonnenzeit und damit 12 Uhr mittlere Ortszeit (12 Uhr WOZ) ablesen.

Nach der Einführung der Telegrafie erübrigte sich der Mittagsweiser. Von zentralen Stellen aus wurden Zeitzeichen versendet, mit deren Hilfe man die mechanischen Uhren korrigieren konnte. Die heute benutzten Funkuhren werden automatisch von solchen zentralen Zeitzeichensendern mit der internationalen Zeitskala hochgenauer Atomuhren synchronisiert.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zum Begriff mittlere Sonnenzeit gehört die Definition der mittleren Sonne. Diese bewege sich gleichmäßig übers Jahr durch den Himmel, beziehungsweise die Erdbahn sei kreisförmig und die Erdachse stünde senkrecht auf der Erdbahn.
  2. BI-Lexikon Uhren und Zeitmessung, VEB Bibliografisches Institut Leipzig, 1989, S. 251.
  3. Verordnung Nr. 41. Regulirung der Post-Uhren nach der mittleren Localzeit, Berlin am 11. Februar 1848, in: Amts-Blatt des Königlichen Post-Departements [von Preußen], Nr. 10, ausgegeben am 23. Februar 1848, S. 51 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  4. Bassermann-Jordan/Bertele: Uhren, Verlag Klinkhardt & Biermann, 1961, Seite 101