Phantasma
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Als Phantasma (griechisch) wird allgemein eine mentale, innere Vorstellung bezeichnet, oft auch abwertend im Sinne eines Hirngespinstes oder Trugbildes. Der Begriff spielt eine wichtige Rolle im Kontext der Psychoanalyse Jacques Lacans, wo er eine bestimmte Form der imaginären Phantasie bezeichnet.
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[Bearbeiten] Begriffsgeschichte
Der Begriff des Phantasmas hat insbesondere in der Philosophie eine lange Tradition und wird bereits von Aristoteles im Sinne eines mentalen „Vorstellungsbildes“ verwendet (De anima 428a). Er entspricht dort in etwa dem, was wir heute unter Phantasie oder Imagination verstehen. Dabei meint „Phantasie“ die Fähigkeit, mentale Bilder hervorzubringen, während Phantasma die von der Vorstellungskraft hervorgebrachten Bilder selbst bezeichnet. Arthur Schopenhauer definiert das Phantasma als „nicht unmittelbar durch Eindruck auf die Sinne hervorgerufene, daher auch nicht zum Komplex der Erfahrung gehörige Vorstellung“ (Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde [1813], § 28). Eine Form des Phantasmas ist auch die Halluzination, in der das Phantasma nicht als Phantasma erkannt, sondern mit einer äußeren Sinneswahrnehmung verwechselt wird.
[Bearbeiten] Verwendung bei Lacan
Nachdem bereits Sigmund Freud der „Phantasie“ eine entscheidende Rolle für die Konstitution der menschlichen Psyche zusprach, führt der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan ab 1957 (mit dem Seminar IV über die Objektbeziehung) das Phantasma als terminologischen Begriff in die psychoanalytische Theorie ein. Lacan bezeichnet damit die psychische Repräsentation eines Objekts oder einer Situation, an die sich das Subjekt bildhaft erinnert. Das Phantasma gehört somit dem Register des Imaginären an.
Diese zunächst allgemeine Bestimmung spezifiert Lacan, wenn er vom Phantasma als einer Form der Abwehr spricht. Oft liegen der Entwicklung eines Phantasmas traumatische Erlebnisse zugrunde, die jedoch im vorgestellten Bild abgewehrt und umgedeutet werden. Ein Beispiel dafür ist die Pornografie, in welcher der Konsument sich ein Szenario entwirft (bzw. ein solches konsumiert), in dem reale Unterlegenheit und subjektiv empfundene Minderwertigkeit in sexuelle Unterwerfung der Frau und uneingeschränkte phallische Macht des Mannes umgedeutet wird. Aus der Niederlage der Kindheit macht das perverse Phantasma einen sexuellen Triumph. Insofern bezeichnet Lacan das Phantasma insbesondere als Abwehr gegen Kastrationsangst bzw. allgemeiner auch Abwehr gegen den Mangel im großen Anderen.
Hinter dem einzelnen phantasmatischen Bild steht letztlich ein „fundamentales Phantasma“ (Seminar VIII. Le transfert, S. 127), auf dem die Identität des Subjekts und die Formen seines Begehrens beruhen. Dieses Szenario gilt es in der psychoanalytischen Therapie zu „durchqueren“ und aufzuarbeiten. An Umgang des Subjekts mit seinem fundamentalen Phantasma konstituiert sich die Subjektivität des Individuums selbst; es ist eine Weise, wie das Subjekt sein Genießen, seine Jouissance, reguliert und organisiert. Im Phantasma sind deshalb auch die Objekte des Begehrens, die Objekte klein a, zu finden.
Die Macht der phantasmatischen Bilder sieht Lacan – anders als etwa Melanie Klein, die er in diesem Punkt explizit kritisiert – nicht in ihrer imaginären Dimension allein begründet, sondern vor allem in ihrer Einbettung in die symbolische Ordnung: Das Phantasma ist immer ein „Bild, das in der signifikanten Struktur in Funktion tritt“ (Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht, in: Schriften I, S. 230), und nicht auf das Imaginäre reduzierbar ist.
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Literatur
- Aristoteles: Über die Seele (De Anima), hrsg. von Horst Seidl, Hamburg: Meiner 1995, ISBN 3787313818
- Arthur Schopenhauer: Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde (1813), §28, auch als Online-Text
- Jacques Lacan: Seminar VI. Die Objektbeziehung (1956-57), Wien: Turia + Kant 2004
- Jacques Lacan: Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht, in: ders.: Schriften I, Berlin/Weinheim: Quadriga 1991, S. 171-236
- Jacques Lacan: Le Seminaire VIII. Le transfert (1960-61, noch nicht auf deutsch erschienen)
- Jacques Lacan: Le Seminaire XIV. La logique du phantasme (1966-67, noch nicht auf deutsch)
- Dylan Evans: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse, Wien: Turia+Kant 2002
- Robert J. Stoller: Perversion. Die erotische Form von Haß, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1978
- Drucilla Cornell: Die Versuchung der Pornografie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1997
- Ulrike Kadi: Bilderwahn. Arbeit am Imaginären, Wien: Turia+Kant 1999
- Slavoj Žižek: Die Pest der Phantasmen. Die Effizienz des Phantasmatischen in den neuen Medien, Wien: Passagen (2., verbess. Aufl. 1999), ISBN 3-85165-384-X

