Anna Freud

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Anna Freud (* 3. Dezember 1895 in Wien; † 9. Oktober 1982 in London) war eine österreichisch-britische Psychoanalytikerin. Als Tochter Sigmund Freuds im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn geboren, emigrierte sie mit ihren Eltern und Geschwistern 1938 von Wien aus nach Großbritannien und erwarb die britische Staatsbürgerschaft. Ihre Verdienste lagen vor allem im Bereich der Kinderanalyse.

Anna Freud, 1957

Leben[Bearbeiten]

Sigmund und Anna Freud in den Dolomiten 1913

Anna war das jüngste der sechs Kinder von Sigmund und Martha Freud. Sie bekam denselben Namen wie Sigmund Freuds Schwester Anna (1858–1955). Diese Tante Anna hatte 1883 den Kaufmann Eli Bernays geheiratet, drei Jahre bevor Sigmund Freud dessen Schwester Martha Bernays heiratete.[1]

Von Beruf war Anna Freud zunächst Lehrerin, doch galt ihr Interesse immer der Psychoanalyse. Sie absolvierte eine Lehranalyse bei ihrem Vater und wurde selbst als Psychoanalytikerin tätig. Als treusorgende Tochter war Anna Freud für ihren Vater als Sekretärin und Assistentin tätig, organisierte seine Auftritte, pflegte den Krebskranken und vertrat ihn auf Kongressen. Ungefähr von 1925 an lebte sie mit Dorothy Tiffany Burlingham zusammen, einer New Yorker Millionenerbin. Beide wiesen jedoch Vermutungen auf eine homosexuelle Beziehung von sich. Nach der Annexion Österreichs durch Deutschland flohen 1938 Sigmund Freud, seine Frau Martha und ihre Kinder, darunter Anna, gemeinsam mit Dorothy und deren vier Kindern nach London. Annas Bruder Ernst Ludwig Freud war bereits 1933 dorthin emigriert.

Anna Freud wurde Lehranalytikerin der British Psycho-Analytical Society. Nach dem Tod ihres Vaters 1939 kam es zwischen Anna Freud und Melanie Klein und ihren jeweiligen Anhängern zu äußerst kontroversen Diskussionen, die nicht nur die Kinderanalyse, sondern die gesamte Ausrichtung der Psychoanalyse betrafen. Eine Spaltung der britischen psychoanalytischen Vereinigung konnte mit Mühe verhindert werden. Neben den beiden Hauptgruppen bildete sich eine dritte Gruppe der „Unabhängigen“. 1945 gründete Anna zusammen mit anderen die Zeitschrift Psychoanalytic Study of the Child.[2]

Anna Freud und Dorothy Tiffany Burlingham gründeten zusammen mit Josefine Stross[3] die Hampstead Nurseries, ein Heim, in dem sie Kriegskinder und Kriegswaisen betreuten. 1945 holte Anna Freud eine kleine Gruppe von Kindern aus Theresienstadt nach London. Sie wurden unter ihrer Aufsicht (Supervision) versorgt und betreut. Die Erinnerungen einiger Kinder wurden mit deren Erlaubnis veröffentlicht. Anna Freud selbst schrieb einen Artikel über sie, den sie 1951 in der von ihr gegründeten Zeitschrift veröffentlichte.[4]

Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten sie die Nurseries aus: Die Hampstead-Klinik für Kinder wurde ab 1947 zu einem international renommierten Lehrinstitut für Kindertherapie. In Übereinkunft mit der British Psychoanalytical Society wurde die Hampstead Clinic von Anfang an The Hampstead Child-Therapy Clinic genannt, obwohl die an der Klinik praktizierte und gelehrte Therapie-Methode die der Kinderpsychoanalyse war und ist. Anna Freud stand der Klinik ab 1952 als Direktorin vor.

Anna Freud, 1956

Auch in den folgenden Jahrzehnten konzentrierten sich Anna Freuds Arbeiten vor allem auf Jugendliche und Kinder. Sie gilt neben Melanie Klein als Mitbegründerin der Kinderanalyse. Neben ihrem Schwerpunkt, der Analyse von kriegstraumatisierten Kindern, analysierte sie auch Erwachsene, darunter beispielsweise Marilyn Monroe.

Nach Sigmund Freuds Tod im Jahr 1939 übernahm Anna das Erbe ihres berühmten Vaters, wurde zur Doyenne der Psychoanalyse und verbrachte viel Zeit auf Vortragsreisen und Kongressen. Sie bewohnte das Freud-Haus in London bis zu ihrem Tod 1982, anschließend wurde dort ihrem Wunsch entsprechend ein Museum eingerichtet.

Anna Freud wurde im Golders Green Crematorium eingeäschert, wo sich ihre Urne neben denen ihrer Eltern, weiterer Familienmitglieder und der von Dorothy Burlingham befindet.

Im Jahr 2014 wurde in Wien Leopoldstadt (2. Bezirk) der Freudplatz nach ihr und ihrem Vater benannt.

Leistungen[Bearbeiten]

Mit ihrem 1936 erschienenen Buch Das Ich und die Abwehrmechanismen schuf Anna Freud ein Grundlagenwerk auf dem Gebiet der Ich-Psychologie, das heute zur Standardliteratur der Psychoanalyse zählt. Es beschreibt zehn aus der psychoanalytischen Literatur bekannte Abwehrmechanismen: Verdrängung, Regression, Reaktionsbildung, Isolierung, Ungeschehenmachen/Verleugnung, Projektion, Introjektion (= Identifizierung), Wendung gegen die eigene Person, Verkehrung ins Gegenteil, Verschiebung des Triebziels (Sublimierung).

Anna Freud fügt diesen aus der eigenen Beobachtung und Praxis gewonnene komplexe Abwehrtypen hinzu, die als Mischformen gelten können: die Identifikation mit dem Aggressor (Introjektion und Projektion) sowie die altruistische Abtretung (Projektion und Identifizierung). Der Begriff altruistische Abtretung stammt von Edward Bibring.[5] Anna Freud schreibt hierzu: „Das schönste und ausführlichste Beispiel einer solchen altruistischen Abtretung an das geeignetere Objekt findet sich in dem Schauspiel Cyrano de Bergerac von Edmond Rostand.“[6]

Zitate aus Das Ich und die Abwehrmechanismen:

„Die Entstehung der psychoanalytischen Lehre aus der Neuroseforschung macht es verständlich, dass die analytische Beobachtung vor allem immer auf den inneren Kampf zwischen Trieb und Ich gerichtet war, dessen Folgezustände die neurotischen Symptome sind. Die Arbeit des kindlichen Ichs zur Unlustvermeidung in direkter Gegenwehr gegen die Eindrücke aus der Außenwelt gehört der Normalpsychologie an. Ihre Folgen sind vielleicht schwerwiegend für die Ich- und Charakter-Bildung, aber sie sind nicht pathogen. Wo immer wir diese Ich-Leistung in klinischen analytischen Arbeiten geschildert finden, erscheint sie deshalb nicht als das eigentliche Objekt der Untersuchung, sondern ist immer nur ein Nebenprodukt der Beobachtung.“[7]

„Aber auch dort in der infantilen Neurose, wo die Abwehr aus Realangst [d. h. Angst vor der Außenwelt] erfolgt war, hat die analytische Therapie sehr gute Aussicht auf Erfolg. Am einfachsten und unanalytischsten ist der Versuch des Analytikers, nach Rückgängigmachen des Abwehrvorgangs im Kind selbst, die Realität, nämlich die Erzieher des Kindes, so zu beeinflussen, dass weniger Realangst vorhanden ist.“[8]

Wenig bekannt ist, dass Anna Freud auch belletristische Texte verfasste, die in der Library of Congress in Washington verwahrt sind und 2014 erstmals veröffentlicht wurden.[9]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Gedenktafel für Anna Freud am Freud Museum in London

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Einführung in die Technik der Kinderanalyse (1927) ISBN 978-3-497-02111-6
  • Einführung in die Psychoanalyse für Pädagogen (1930)
  • Das Ich und die Abwehrmechanismen (1936)
  • Normality and pathology in childhood (1965)
Briefwechsel
Belletristische Veröffentlichungen

Literatur[Bearbeiten]

  • Joseph Sandler, H. Kennedy, R.L. Tyson: Kinderanalyse. Gespräche mit Anna Freud. Fischer, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-10-071305-2.
  • Robert Coles: Anna Freud oder Der Traum der Psychoanalyse. Fischer, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-10-010211-8.
  • Phyllis Grosskurth: Melanie Klein, ihre Welt und ihr Werk. Verlag Internationale Psychoanalyse, Stuttgart 1993, ISBN 3-608-95902-5. (Grosskurth stellt die Kontroverse zwischen Anna Freud und Melanie Klein gründlich dar.)
  • Wilhelm Salber: Anna Freud, Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt-Monographie, Reinbek 1997, ISBN 3-499-50343-3.
  • Wilhelm Salber: Sigmund und Anna Freud. Eine Doppelbiographie. 2. Auflage, Bouvier, Bonn 2006, ISBN 3-416-03079-6.
  • Elisabeth Young-Bruehl: Anna Freud. Eine Biographie. Wiener Frauenverlag, Wien 1995

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Anna Freud – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Nachweise[Bearbeiten]

  1. Anna Freud-Bernays: Eine Wienerin in New York. Die Erinnerungen der Schwester Sigmund Freuds. Hrsg. von Christfried Tögel. Aufbau-Verlag, Berlin, ISBN 978-3351025663. Buchbesprechung im Spiegel, 12. Juli 2004.
  2. The Psychoanalytic Study of the Child Series Yale University Press
  3. Biografisches Lexikon der Psychoanalytikerinnen: Josefine Stross (1901–1995)
  4. nach der Biographie von Erna Furman S. 107, Fußnote 66, Anna Freud in collaboration with Sophie Dann, An experiment In Group Upbringing, in: 'The Psychoanalytic Study of the Child', VI, 1951. A group of six three-year-old former Terezin children is observed as regards group behavior, psychological problems and adaption.
  5. Edward Bibring (1894-1959), kurze Biographie
  6. Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Fischer Taschenbuchverlag, 19. Auflage, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-596-42001-8, S. 129.
  7. Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Fischer Taschenbuchverlag, 19. Auflage, Frankfurt am Main 2006, S. 74.
  8. Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Fischer Taschenbuchverlag, 19. Auflage, Frankfurt am Main 2006, S. 69.
  9. Ludger Lütkehaus: Was lang sich drinnen drängte. NZZ, 21. August 2014, abgerufen am 24. August 2014.
  10. Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB).
  11. Eva Rosenfeld (1892–1977) im Biographischen Lexikon Psychoanalytikerinnen in Europa