Polnisch-Russischer Krieg 1609–1618

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Der Polnisch-Russische Krieg 1609–1618 war ein Krieg zwischen dem Königreich Polen-Litauen und dem Zarentum Russland. Der Krieg begann mit einer Offensive Polens unter der Führung des polnischen Königs Sigismund III. Wasa, mit dem Ziel die Krone Russlands für sich zu sichern und endete 1618 mit dem Vertrag von Deulino, indem Polen-Litauen territoriale Zugeständnisse gemacht wurden, das damit seine größte territoriale Ausbreitung erreichte. Das Russische Zarenreich konnte hingegen seine Unabhängigkeit sichern.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Russland befand sich zu dieser Zeit in der so genannten Zeit der Wirren, die von 1598–1613 andauerte und durch russische Erbschaftsstreitigkeiten verursacht wurde. Diese Periode war durch eine allgemeine Anarchie, zerrütteten Herrschaftsverhältnissen und einer zeitweiligen Interregnums Phase gekennzeichnet. Vor 1610 gelang es russischen Schwindlern Pseudodimitri I. und Pseudodimitri II. mit Unterstützung polnischer Magnaten die Macht in Russland an sich zu reißen, ohne den Thron jedoch dauerhaft gegen das aufgebrachte Volk halten zu können.

Von 1610–1617 befand sich das „Moskowiter Reich“ zudem in einem Parallelkrieg mit Königreich Schweden (Ingermanländischer Krieg), das versuchte den Moskauer Thron für sich zu sichern. Der polnische König Sigismund III. Wasa wollte seinen schwedischen Feinden (Polen befand sich 1600-1611, 1617-1618, 1621-1626 und 1626-1629) ebenfalls im Krieg gegen Schweden) den Moskauer Thron nicht überlassen und beschloss eine Intervention. Grundlage für diese Einmischung bildete der Vertrag von Tuschino vom 4. Februar 1610 zwischen dem polnischen König und den gegen den russischen Zaren Wassili IV. Schuiski eingestellten Bojaren. In diesem Vertrag wurde zwischen beiden Parteien beschlossen, den Sohn des polnischen Königs Władysław zum Zaren zu krönen und die Macht des Zaren zu beschränken, allerdings wurde der Vertrag nie umgesetzt.

Kriegsverlauf

Die kriegerischen Auseinandersetzungen begannen seit dem Herbst 1609 als ein polnisches Heer unter Führung des polnischen Königs eine langandauernde Belagerung der russischen Stadt Smolensk Begann. Nachdem ein zweites polnisches Heer eine zahlenmäßig überlegene russische Armee in der Schlacht von Kluschino am 24. Junijul./ 4. Juli 1610greg.[1] besiegen konnte, wurde Zar Wassili IV. am 17. Juli 1610 durch innenpolitische Gegner gestürzt und zu einem einfachen Mönch geschoren. Neben der allgemeinen Anarchie im Moskauer Reich kam somit noch eine Interregnumsphase hinzu, die den Höhepunkt der russischen Smuta bildete.

Dem polnischen Heer unter Führung von Stanisław Żółkiewski hatte Moskau nach dieser Niederlage nichts mehr entgegenzusetzen, woraufhin dieses Moschaisk, Volokolamsk und Dmitrow einnahm. Ende Juli 1610 erreichte das polnische Heer Moskau.

In der Zwischenzeit nach dem Sturz des Zaren, wurde ein Sieben-Bojaren-Rat (als Duma) in Moskau eingerichtet, die die neue Moskauer Führung darstellte. Der Rat wählte alsbald wie vertraglich vereinbart den Prinzen Władysław, den polnischen Königssohn zum neuen Moskauer Zaren. Als dieser Rat sich daraufhin ins polnische Lager bei Smolensk begab um die Krönung des neuen Zaren zu vollziehen, ließ der anwesende polnischen König den Rat nach langen Verhandlungen schließlich im April 1611 verhaften und nach Polen deportieren – was als Repressionsmaßnahme zu dem inzwischen ausgebrochenen Moskauer Aufstand gedacht war. Zudem wollte der polnische König selber über das Moskauer Reich herrschen um eine gute Ausgangssituation für eine von ihm angestrebte erneute polnisch-schwedische Personalunion erhalten zu können. So baute der polnische König Sigismund eine polnische Militärdiktatur in den besetzten Moskauer Territorien auf.

Der König betrat allerdings nie Moskau, da er bis Anfang 1611 bei der Belagerung von Smolensk gebunden war. Die pro-polnisch russische Fraktion unter den Bojaren aber fiel nun von dem polnischen König ab, da dieser eine anti-orthodoxe und pro-katholische Politik betrieb. Es bildeten sich zeitlich nacheinander, mehrere provisorische russische Gegenbewegungen zu der isolierten polnischen Regierung in Moskau.

Von Januar 1611 an stellten bedeutende Städte (u.a. Nischni Nowgorod, Wologda) des Moskauer Reiches Verbände zur Rückeroberung Moskaus auf. Der am 13. Februar 1611 in Moskau ausbrechende Aufstand [2] der Moskauer Bürger markierte den Beginn des Untergangs der polnischen Herrschaft im Moskauer Reich, die mit religiöser Unterdrückung einherging.

Um ihre Kräfte nicht über ein allzugroßes Gebiet zu verzetteln, entschloss sich die Polnische Garnison, nur den Kern der Stadt zu behaupten, nämlich den Kreml und das anschließende Viertel Kitai-Gorod.[3]

Die erste Aufstandswelle wurde erfolgreich von der 3000 Mann starken polnischen Garnison [4] niedergeschlagen. Bei dem ersten Aufstand wurde ein Teil Moskaus durch Brände zerstört. Am 19. März brach der Aufstand erneut aus, der wiederum in Straßenkämpfen von der polnischen Garnison unterdrückt werden konnte. Das seit Januar 1611 aufgestellte Aufgebot der Städte griff nun am 24. März 1611 das besetzte Moskau an, wurde aber wiederum durch einen polnischen Gegenangriff zurückgeworfen.[5] Nachdem die Erstürmung aufgrund des Fehlens an Belagerungsartillerie scheiterte, belagerte nun diese Landwehr (oplcemie) den Moskauer Kreml. Das Aufgebot dieses Haufens war heterogen durchmischt. Es bestand aus Stadtbewohnern, Kosaken und diversen anderen Gruppen. Diese Durchmischung stellte ein Problem für die Disziplin im Belagerungslager dar. So brach das 1. Aufgebot am 27. Juni 1611 wieder auseinander, da sich die anwesenden Kosaken weigerten, eine einheitliche Befehlsgewalt anzuerkennen. Am 13. Juni 1611 fiel zudem die seit 20 Monaten belagerte russische Stadt Smolensk in polnische Hände.

Der Moskauer Staat schien in diesem Moment vor dem endgültigen Zerfall zu stehen. Jedoch setzte im Spätsommer 1611 eine entscheidende patriotische Gegenbewegung in den nicht besetzten Gebieten ein, die zur Bildung eines zweiten Landwehraufgebotes in Nischni Nowgorod führte. Diese Bewegung brachte den Willen des gesamten russischen Volkes zum Ausdruck, die öffentliche Ordnung und eine legitimierte Zentralgewalt wiederherstellen zu wollen, um das andauernde Chaos im Moskauer Staat zu überwinden. Im Kern bestand dieses Aufgebot aus bewaffneten Stadtbewohnern, jedoch wurde diesmal von Anfang an Wert auf Disziplin in der Truppe gelegt. Die polnische Besatzung konnte bis zu diesem Zeitpunkt, durch einen einmaligen Entsatz auf 4000 Mann verstärkt werden. Das zweite Aufgebot erreichte ab den Juli 1612 die Tore Moskaus. Das Landwehraufgebot umfasste zwischen 25–30.000 Mann mit unterschiedlichster Bewaffnung und etwa 1000 Schützen.[6] Zwischen dem 22. August und dem 24. August 1612 kämpfte das russische Landwehraufgebot gegen ein eingetroffenes polnisches Entsatzheer. Nach anfänglichen Erfolgen der Polen, gelang es den Russen die polnische Angriffe abzuwehren und einen polnischen Entsatz der Festung zu verhindern.

Die polnische Garnison widerstand der russischen Belagerung insgesamt 19 Monate lang, musste jedoch aufgrund von Hunger und des gescheiterten polnischen Entsatzes am 25. Oktober 1612 vor dem von Kusma Minin und Dmitri Poscharski angeführten Landwehraufgebot kapitulieren und abziehen. Dennoch hielten polnische Truppen 1612 weite Gebiete im Westen des Moskauer Reiches besetzt.

Die verfeindeten russischen Gruppen beschlossen 1613 in Moskau, Michael Romanow zum russischen Zaren zu wählen, der sich zu dieser Zeit in einem Kloster in der Nähe von Kostroma aufhielt. Damit endete die Interregnumsphase im Russischen Zarenreich und die verbliebenen polnischen Truppen zogen sich an die polnische Grenze zurück.

Bis 1617 unterblieben, mit Ausnahme eines 1615 unternommenen erfolglosen russischen Versuches Smolensk zurückzuerobern, größere Kampfhandlungen, da die beidseitigen beschränkten Mittel größere Kriegshandlungen nicht zuließen. In der Zwischenzeit blieben bilaterale Friedensverhandlungen ergebnislos.

1617 unternahm der polnische Kronprinz Władysław, der seine Ansprüche auf den russischen Thron nicht aufgeben wollte, einen erneuten Feldzug nach Moskau. Die polnische Truppen besetzten erneut Wjasma und Dorogobusch, erlitten jedoch bei Kaluga und Twer Niederlagen. Das polnische Heer vereinigte sich dann mit einem ukrainischen Kosakenheer unter Führung von Ataman Sahajdatschny, welches dann einen erfolglosen Sturm auf Moskau unternahm. Danach marschierte das vereinigte Heer zum Dreifaltigkeitskloster in Sergijew Possad, um dieses wichtige religiöse Zentrum einzunehmen. Die Belagerung des befestigten Klosters scheiterte jedoch am Widerstand der Mönche und den stationierten Strelitzen-Truppen. Jedoch war das Moskauer Reich zu dem Zeitpunkt zu schwach um das polnische Heer in einer offenen Feldschlacht stellen und besiegen zu können.

Waffenstillstand und die Folgen

Die Grenzen der königlichen Republik nach 1618 (Territoriale Gewinne Polen-Litauens sind hellpink hervorgehoben)
Die Grenzen der königlichen Republik nach 1618 (Territoriale Gewinne Polen-Litauens sind hellpink hervorgehoben)

Während des polnischen Feldzuges wurde im Jahre 1618 der Vertrag von Deulino (Deulino ist eine Ortschaft in der Nähe Moskaus) unterzeichnet, in dem Polen-Litauen das Gebiet um Smolensk und Sewerien zugesprochen bekam, die das Großfürstentum Litauen im Vertrag von 1522 an Russland verlor, außerdem wurde ein 14 1/2-jähriger Waffenstillstand beschlossen. Polen-Litauen nahm nach dem Vertrag wieder eine machtvolle Stellung in den ruthenischen Ländern ein. [7] Moskau erlangte durch diesen Vertrag die dringend benötigte Waffenruhe die es benötigte, um sich im Innern regenerieren zu können. Außerdem wurde im Vertrag ein gegenseitiger Kriegsgefangenenaustausch beschlossen. Der polnische Königssohn musste auch nicht de jure auf den russischen Thron verzichten.

1632 wurden die Kampfhandlungen wieder aufgenommen, als ein erneuter russischer Versuch infolge eines polnischen Interregnums, nach dem Tod des polnischen Königs Sigismund III. Wasa, scheiterte Smolensk zurückzuerobern.

Trivia

Tod des Patriarchen Hermogenes

Der Führer der russisch-orthodoxen Kirche Patriarch Hermogenes, wurde während der Belagerung Moskaus 1611 von der polnischen Seite inhaftiert, nachdem er Aufrufe gegen die Polen und gegen die Kosaken erließ. Obwohl er im Kreml von der polnischen Garnsison scharf bewacht wurde, führte er diese weiter. Da er seine geheimen Aktivitäten nicht einstellen wollte, warfen ihn die Polen in einen Kerker und ließen ihn dort im Februar 1612 des Hungers sterben.[8]

Die Legende von Iwan Sussanin

Der Legende nach reiste Michail Romanow nach der Befreiung Moskaus nach Kostroma um sich dort zum Zaren krönen zu lassen. So wird erzählt, dass plündernde Kosaken beabsichtigt hätten, sich seiner dort zu bemächtigen, dass jedoch ein Bauer namens Iwan Sussanin, die Bande absichtlich, um seinen Herren zu retten, einen falschen Weg geführt habe, wofür er ermordet worden sei.[9] Dieser Legende widmete der Komponist Michail Glinka in der Oper „Ein Leben für den Zaren“.

Einzelnachweise

  1. http://www.retrobibliothek.de/retrobib/seite.html?id=113965
  2. Manfred Hellmann: Handbuch der Geschichte Russlands, Band I Bis 1613, Hiersemann Verlag, Stuttgart 1986, S.1055
  3. Valentin Gitermann: Geschichte Russlands 1. Band, Frankfurt am Main 1987, Athenäum Verlag, S.250
  4. Manfred Hellmann: Handbuch der Geschichte Russlands, Band I Bis 1613, Hiersemann Verlag, Stuttgart 1986, S.1055
  5. Manfred Hellmann: Handbuch der Geschichte Russlands, Band I Bis 1613, Hiersemann Verlag, Stuttgart 1986, S.1056
  6. Manfred Hellmann: Handbuch der Geschichte Russlands, Band I Bis 1613, Hiersemann Verlag, Stuttgart 1986, S.1063
  7. Klaus Zernack: Handbuch der Geschichte Russlands, Band II 1613–1856 – Vom Randstaat zur Hegemonialmacht, Hiersemann Verlag, Stuttgart 1986, S.46
  8. Valentin Gitermann: Geschichte Russlands 1. Band, Frankfurt am Main 1987, Athenäum Verlag, S.250
  9. Valentin Gitermann: Geschichte Russlands 1. Band, Frankfurt am Main 1987, Athenäum Verlag, S.257

Literatur

  • Hans-Joachim Torke:Lexikon der Geschichte Russlands, Verlag C.H. Beck, München 1985, ISBN 3-406-30-447-8
  • Günther Stökl: Russische Geschichte - Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1990, ISBN 3-520-24405-5
  • Klaus Zernack: Handbuch der Geschichte Russlands, Band II 1613–1856 – Vom Randstaat zur Hegemonialmacht, Hiersemann Verlag, Stuttgart 1986, ISBN 3-7772-8618-4
  • Manfred Hellmann: Handbuch der Geschichte Russlands, Band I Bis 1613, Hiersemann Verlag, Stuttgart 1986, ISBN 3-7772-8618-4
  • Valentin Gitermann: Geschichte Russlands 1. Band, Frankfurt am Main 1987, Athenäum Verlag, ISBN 3-610-08461-8,
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