Michail Iwanowitsch Glinka

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Michail Glinka

Michail Iwanowitsch Glinka (russisch Михаи́л Ива́нович Гли́нка, wiss. Transliteration Michail Ivanovič Glinka; * 20. Maijul./ 1. Juni 1804greg. in Nowospasskoje bei Smolensk, Russland; † 3.jul./ 15. Februar 1857greg. in Berlin) war ein russischer Komponist. Er gilt als Schöpfer einer eigenständigen klassischen Musik Russlands.[1]

Leben[Bearbeiten]

Michail Glinka wurde in dem Dorf Nowospasskoje bei Smolensk als Sohn eines Adligen geboren. Seine ersten sechs Lebensjahre verbrachte er im überheizten Raum seiner Großmutter väterlicherseits, die ihn von allen äußerlichen Eindrücken abzuschirmen versuchte. So beschränkten sich seine ersten musikalischen Eindrücke auf den Vogelgesang im Garten seiner Familie, die Lieder seines Kindermädchens und die durchdringend lauten Kirchenglocken, für welche die Region Smolensk berühmt war. Nach dem Tode seiner Großmutter 1810 kam er in die Obhut seiner Eltern und hatte nun endlich die Möglichkeit, andere Musik zu hören. Als er nach etwa vier Jahren ein Klarinettenquartett des finnischen Klarinettisten Bernhard Henrik Crusell hörte, weckte dieses Erlebnis sein Interesse für die Musik. Zusätzlich beeinflusste ihn die russische Volksmusik eines Blasorchesters die er bei mittäglichen Festen hörte. Ein Violinist aus der Musikgruppe seines Onkels erteilte ihm erste Unterweisungen im Violinspiel.[2]

Michail Glinka, Gemälde von Ilja Repin

Um 1817 begann er am Adelsinstitut von Petersburg zu studieren. Er nahm drei Klavierstunden beim irischen Komponisten John Field, und bei einem Treffen mit Johann Nepomuk Hummel auf dessen Russlandreise hinterließ er bei diesem einen positiven Eindruck. 1823 unternahm er eine Reise in den Kaukasus, wo ihn die Naturschönheiten und lokalen Gebräuche faszinierten, kehrte für ein halbes Jahr an seinen Geburtsort zurück und übernahm nach seiner Rückkehr nach St. Petersburg 1824 eine anspruchslose Stelle als Untersekretär im Staatsdienst. In seiner Freizeit erweiterte er seinen Bekannten- und Freundeskreis. Der bekannte Dichter und Literat Wilhelm Küchelbecker, der nach dem Aufstand der Dekabristen am 14. Dezember 1825 nach Sibirien verbannt wurde, machte Glinka mit dem russischen Nationaldichter Alexander Puschkin bekannt. Glinkas Verbindungen zu dem bekannten Poeten und die politischen Wirren der Zeit beeinflussten das Denken und Handeln des späteren Komponisten. Ab 1830 ging er auf eine Reise nach Italien, wo er drei Jahre lang seine Kenntnisse über die Oper erweitern konnte. Während dieser Zeit lernte er in Mailand Vincenzo Bellini, Gaetano Donizetti und Felix Mendelssohn Bartholdy kennen. 1833 führte er in Berlin weitere Musikstudien bei Siegfried Dehn durch.

1836 wurde im Petersburger Großen Theater seine Oper Ein Leben für den Zaren (Libretto von Baron Georg Rosen) uraufgeführt. Sie war die erste auf Russisch gesungene klassische Oper Russlands. Die Geschichte erzählt von den Heldentaten des Bauern Iwan Sussanin, der in der Zeit der Wirren Anfang des 17. Jahrhunderts gelebt haben soll. Der Legende nach hatte Sussanin polnische Besatzer in unwegsame Wälder geführt, aus denen sie nicht mehr zurückfanden. Kurz darauf wurde er erschlagen.

In Glinkas Nationaloper spielen einfache Menschen wie Bauern die Hauptrolle, was den Angehörigen des Adels nicht gefiel. Nur um nicht den Unmut des Zaren zu erregen, wählte er für sein Werk nicht den Titel Iwan Sussanin, sondern Ein Leben für den Zaren. Die Oper wurde ein großer Erfolg, und man berief Glinka zum Kapellmeister der Petersburger Kapelle.

1842 folgte seine zweite Oper Ruslan und Ljudmila (Libretto von Walerian Schirkow und Nestor Kukolnik), die nach einem Gedicht Alexander Puschkins entstand und sehr volkstümlich gehalten ist. Ab 1844 begab er sich wieder auf Reisen, diesmal nach Paris, wo er sich häufiger mit Hector Berlioz traf, und im nächsten Jahr nach Spanien (Valladolid, Madrid und Sevilla). Hier begeisterte er sich für die traditionelle Musik Spaniens und schrieb seine Erste Spanische Ouvertüre, mit der Jota aragonesa.

Michail Glinka, Grabstein in St. Petersburg

Nach weiteren Reisen in Polen, wo er Einflüsse von Chopin aufnahm, und Frankreich brach er im Mai 1856 zu seiner letzten Reise nach Berlin auf, wo er seine Kontrapunktstudien bei Siegfried Dehn an Werken Johann Sebastian Bachs wieder aufnahm. Nach einem Konzert im Januar 1857, an dem Meyerbeer einen Ausschnitt aus „Ein Leben für den Zaren“ dirigierte, erkältete sich Glinka und verstarb drei Wochen später am 15. Februar 1857 in der preußischen Hauptstadt.

Gedenktafel[Bearbeiten]

Gedenktafel am Haus Französische Straße 8 in Berlin-Mitte

Die Inschrift der Gedenktafel in der Französischen Straße 8 in Berlin-Mitte:

IN DEM DURCH KRIEGSEINWIRKUNGEN
ZERSTÖRTEN WOHNHAUS AN DIESER STELLE
WOHNTE UND WIRKTE DIE LETZTEN MONATE
SEINES LEBENS
DER GROSSE RUSSISCHE KOMPONIST
MICHAIL GLINKA

Bedeutung[Bearbeiten]

Um das Ausmaß der Leistungen Glinkas zu begreifen, muss zunächst die musikalische Situation Russlands, in die er hineingeboren wurde, in Betracht gezogen werden. Im Laufe des 18. Jahrhunderts waren Stileinflüsse aus Westeuropa in der russischen Kultur dominierend geworden. Sogar das russische Volkslied war vor fremden Einflüssen nicht gefeit, denn in den Städten entwickelte sich das Stadtlied, wo sich der westliche Einfluss in regelmäßigen Rhythmen und dem verstärkten Gebrauch von Sequenzen bemerkbar machte.

Glinkas wichtigstes Vermächtnis liegt jedoch nicht so sehr in seinen stilisierten Volksliedern, sondern vor allem in seiner ganz persönlichen, sehr russisch geprägten Musiksprache, in der er im Gegensatz zur deutschen Musik auf die zergliedernde und kombinierende Durchführung kleinräumiger Themen verzichtet und stattdessen Variationen von längeren melodischen Phrasen komponiert.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Chorwerke[Bearbeiten]

  • Trinklied nach Delwig, 1829
  • Nicht den regelmäßigen Herbstschauer, 1829
  • Abschiedslied der Schüler des Jekatarinsky-Instituts, 1840
  • Das Trinkspruch-Lied, 1847
  • Abschiedslied der Schülerinnen der Gesellschaft für höhere Töchter ,1850
  • Der Zopf, 1854
  • Gebet in einer schweren Lebenslage, 1855

Klavierwerke[Bearbeiten]

Russische Briefmarkenausgabe zum 200. Geburtstag Glinkas (2004); oben rechts: Porträt Glinkas, unten links: seine Oper Ein Leben für den Zaren, unten rechts: seine Oper Ruslan und Ludmilla
  • Kotillon, 1828
  • Finnisches Lied, 1829
  • Kavalleristen-Trab, 1829/30
  • Kavalleristen-Trab, 1829/30
  • Motiv aus einem Volkslied
  • Fantasie über zwei russische Lieder : Kamarinskaya
  • Variationen über „Die Nachtigall“ von A. Alabief, 1833
  • Galoppade, 1838/39
  • Bolero, 1840
  • Tarantella über ein russisches Volkslied, 1843
  • Grüße an mein Heimatland, 1847
  • Las mollares (nach einem andalusischen Tanz)
  • Leggieramente
  • Nocturne "La Séperation"

Opern[Bearbeiten]

Kammermusik[Bearbeiten]

  • Streichquartett Nr. 2 F-Dur (1830)
  • Trio Pathétique für Klarinette (Violine), Fagott (Violoncello) und Klavier (1832)
  • Sonate für Viola und Klavier in d-Moll (unvollständig) (1835)
  • Sextett Es-Dur (1842)

Sonstiges[Bearbeiten]

Relief von Michail Glinka in der Glinkastrasse

Glinkas Klavierkomposition Motif de chant national war unter dem Titel Patriotisches Lied von 1990 bis 2001 Nationalhymne der Russischen Föderation.

Glinkas Werk Slawsja (Sei geehrt) dient seit 1995 als Vorlage für eine der beiden Melodien der Kremlkuranten. Bemerkenswert ist dabei, dass die Glocken der Kuranten nicht ausreichen, um die gesamte Melodie zu spielen. Drei zusätzlich benötigte Töne werden im Moment automatisch erstellt, die fehlenden Glocken befinden sich immer noch in der Produktion.

Eine Ururenkelin Michail Glinkas ist die Berliner Schauspielerin und Performancekünstlerin Miriam Glinka.

In Berlin-Mitte gibt es eine Glinkastraße. Dort findet sich ein großes Wandrelief mit dem Kopf Glinkas und dem Ausspruch „Es ist das Volk, das die Musik schafft. Wir Musiker arrangieren sie nur“. Das Relief stammt von der Bildhauerin Olga („Olly“) Waldschmidt.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mikhail Glinka – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Referenzen[Bearbeiten]

  1. Victor L. Seroff: Die mächtigen Fünf - Der Ursprung der russischen Nationalmusik. Atlantis Musikbuch-Verlag, 1963, 3. Auflage 1987, S. 12 ff.
  2. Montagu Montagu-Nathan: Glinka. Biblio Bazaar, 2008, S. 15