Oktoberrevolution

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Dieser Artikel behandelt die russische Revolution im Oktober 1917, für weitere Aufstände im Oktober siehe Oktoberaufstand.
Der Bolschewik (Ölgemälde von Boris Kustodijew; 1920)

Als Oktoberrevolution (russisch Октябрьская революция в России, wiss. Transliteration Oktjabr'skaja Revoljucija v Rossii; in realsozialistischen Ländern gewöhnlich bezeichnet als Великая Октябрьская социалистическая революция, wiss. Transliteration Velikaja Oktjabr'skaja socialističeskaja revolucija, deutsch Große Sozialistische Oktoberrevolution) wird die gewaltsame Machtübernahme durch die russischen kommunistischen Bolschewiki im November 1917 (nach julianischem Kalender Oktober) bezeichnet. Sie beseitigte die aus der Februarrevolution hervorgegangene Doppelherrschaft aus sozial-liberaler Übergangsregierung unter Alexander Kerenski und den Sowjets und errichtete einen neuen Staat, der sich selbst als Diktatur des Proletariats verstand.

Ursachen[Bearbeiten]

Die Februarrevolution des Jahres 1917 hatte zwar zur Abdankung von Zar Nikolaus II. geführt und damit die Zarenherrschaft in Russland beendet, aber keine Lösung der wichtigsten sozialen und politischen Probleme des Landes gebracht. Die wichtigste Frage war dabei die Kriegsfrage. Russland war seit 1914 kriegführende Partei im Ersten Weltkrieg. Die Anforderungen dieses „modernen“ Krieges, der vom Industriezeitalter geprägt war, überstiegen die Kräfte des weitgehend von der Agrarwirtschaft geprägten Landes und führten zu einer Zuspitzung der ohnehin gravierenden sozialen Probleme in Russland.

Nach der Februarrevolution herrschte in Russland ein Nebeneinander von Parlament (Duma) mit seiner provisorischen Regierung unter Kerenski und den Arbeiter- und Soldatenräten (den Sowjets) mit ihren Exekutivkomitees. Über die endgültige Verfassung sollte eine verfassungsgebende Versammlung entscheiden, die zunächst am 25. November gewählt werden sollte. Die Provisorische Regierung unter Kerenski konnte sich nicht dazu durchringen, in Friedensverhandlungen mit dem Deutschen Kaiserreich und den übrigen Mittelmächten einzutreten.

Der Führer der bolschewistischen Fraktion der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, Lenin, erreichte die russische Hauptstadt aus seinem Exil in der Schweiz über Deutschland, Schweden und Finnland.[1] Der ursprünglich von Julius Martow initiierte Austausch russischer Exilanten gegen in Russland internierte Deutsche wurde durch die Provisorische Regierung verzögert, da insbesondere Außenminister Miljukow gegen eine Rückkehr der defätistischen Revolutionäre war. Lenin und 31 weitere Exilanten drängten jedoch auf eine schnellstmögliche Rückkehr. Durch Vermittlung des Schweizer Genossen Fritz Platten und Fürsprache von Alexander Parvus unterstützten ihn die deutschen Behörden bei dieser Reise. Die Fahrt ging in einem plombierten Eisenbahnwagon bis zur deutschen Ostseeküste um von dort per Schiff weiter zureisen.[2] Durch das Eingreifen von Lenin und anderen Revolutionären in das politische Geschehen erhofften die deutsche Oberste Heeresleitung sich eine weitere Destabilisierung Russlands, um daraus an der Ostfront militärischen Nutzen ziehen zu können. Über Parvus sollten die Revolutionäre dann weitere finanzielle Unterstützung erhalten.

Inwieweit diese den Bolschewiki oder anderen revolutionären Sozialisten zugutekam und ihre Aktivitäten beeinflusste, ist umstritten. Der russische Historiker und ehemalige Generaloberst Dmitri Wolkogonow etwa sieht es aufgrund der Auswertung von deutschen Dokumenten als belegt an, dass die Bolschewiki über Parvus große Geldmengen erhielten.[3] Dessen Beweise hält Orlando Figes jedoch für „nicht überzeugend“ und hält es für abwegig, die Bolschewiki deswegen als „deutsche Agenten“ zu bezeichnen.[4] Der britische Historiker Robert Service weist darauf hin, dass mehrere Millionen Mark von der deutschen Regierung an Sozialisten in Russland geflossen sind. Die massive Expansion der Parteipresse der Bolschewiki in den Tagen der Revolution sieht er als klares Indiz dafür an, dass diese von den Zahlungen profitierten.[5]

Der Historiker Oleh Fedyshyn vermerkt gleichfalls die Zahlungen an russische Sozialisten und beschreibt die Bolschewiki als Hauptnutznießer dieser Geldtransfers. Er gibt Schätzungen anderer Historiker von 20 bis 50 Millionen Mark wieder.[6]

Der amerikanische Historiker Alexander Rabinowitch weist dagegen anhand einschlägiger Quellen darauf hin, „dass die meisten bolschewistischen Führer, und die Parteibasis ohnehin, von diesen finanziellen Zuwendungen nichts wussten. Während Lenin von dem deutschen Geld gewusst zu haben scheint, gibt es keinen Beweis dafür, dass seine Politik oder die der Partei davon beeinflusst wurde. Am Ende hat diese Hilfe den Ausgang der Revolution auch nicht entscheidend beeinflusst“.[7]

Am 7. Apriljul./ 20. April 1917greg. veröffentlichte Lenin seine Aprilthesen, in denen er seine Ansichten zur weiteren Entwicklung der Revolution darlegte.

Machtzuwachs der Bolschewiki[Bearbeiten]

Politische Unentschlossenheit und das Weiterführen des Krieges auch durch Menschewiki und Sozialrevolutionäre (August/September 1917), die massive Gebietsverluste an das Deutsche Kaiserreich vermeiden wollten, führten zu einer Polarisierung in den Arbeiter- und Soldatenräten. Es kam erneut zu einem Linksrutsch in Teilen der Bevölkerung. Die Bolschewiki beherrschten nun die wichtigsten Sowjets in Petrograd, Moskau und den anderen großen Arbeiterstädten. Darüber hinaus bewaffneten sich die Parteianhänger der Bolschewiki. Der Linksruck in Teilen des Volkes stärkte diejenigen Kräfte, die unter Lenin zielstrebig an die Macht drängten. Leo Trotzki wurde Vorsitzender des Petrograder Sowjets und Organisator der Machtübernahme. Im Oktober kehrte Lenin aus seinem finnischen Versteck nach Russland zurück. Er drängte die Partei zur Übernahme der alleinigen Regierungsmacht, da er die Zeit für günstig hielt, die schwache Position der Regierung auszunutzen.

Die Revolution[Bearbeiten]

Vorbereitung[Bearbeiten]

In der Führung der Partei der Bolschewiki war umstritten, ob sie sich an den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung beteiligen oder stattdessen auf einen gewaltsamen Aufstand setzen sollte. Nach hitzigen Debatten setzten sich schließlich Lenin und Trotzki durch. Lenin, der am 27. Septemberjul./ 10. Oktobergreg. heimlich nach Petrograd zurückgekehrt war, versammelte 12 der 21 Mitglieder des Zentralkomitees der bolschewistischen Partei um sich. Nach zehnstündiger Diskussion wurde mit 10 gegen 2 Stimmen (Sinowjew und Kamenew) eine Resolution für eine gewaltsame Machtübernahme um den 3.jul./ 16. Oktobergreg. beschlossen. Diese Zeitspanne war zu kurz.

Am 3.jul./ 16. Oktobergreg. tagte das Zentralkomitee mit Vertretern der Petrograder Parteiarbeit erneut. Die Resolution von 27. Septemberjul./ 10. Oktobergreg. fand nunmehr eine Mehrheit von 22 Stimmen, bei wiederum zwei Gegenstimmen. „Den Tag des Aufstandes“, so Stalin, „bestimmen die Umstände.“ Am nächsten Tag wurde der zum 7.jul./ 20. Oktobergreg. geplante Kongress der Sowjets auf den 12.jul./ 25. Oktobergreg. verschoben. Der „bewaffnete Aufstand“ sollte jedoch vor dem Kongress stattfinden, damit dieser die Revolution „legitimieren“ konnte.

Auf Beschluss des Petrograder Sowjets stellte Trotzki eine militärische Organisation auf, welche die militärische Machtergreifung übernehmen sollte – das Militärisch-Revolutionäre-Komitee Petrograds (MRKP). Die Truppen beschränkten sich auf wenige tausend Soldaten der Petrograder Garnison, der Kronstädter Marine, der dem MRKP beigetretenen Roten Garden sowie wenige Hundertschaften aus den Arbeiterkomitees stammender, militanter Bolschewiki.

Am 22. Oktoberjul./ 4. November 1917greg. weigerte sich der Truppenkommandant des Petrograder Distrikts, seinen Stab der Kontrolle der Kommissare des MRKP zu unterstellen. Auf Veranlassung von Leo Trotzki und Jakow Swerdlow übernahm nun das Militärrevolutionäre Komitee des Petrograder Sowjets unter Führung Trotzkis die Befehlsgewalt über die Garnisonen der Hauptstadt.

Militärischer Umsturz[Bearbeiten]

Kreuzer Aurora

Ab dem Morgen des 11.jul./ 24. Oktobergreg. tagten die entscheidenden Mitglieder des Zentralkomitees in Permanenz im Smolny, dem Sitz des bolschewistischen Stabes von 1917. Das Gebäude wurde befestigt.

In der Nacht zum 25. Oktoberjul./ 7. November 1917greg. nahmen Truppenteile strategische Punkte (Waffenkammer) der Stadt ein. Der Aufstand begann. Das Signal für den Sturm auf das Winterpalais gab der Kreuzer Aurora (russisch Аврора) mit einem Platzpatronenschuss aus der Bugkanone.

Eine Nacht später kam es zur Einnahme des Winterpalastes, der als Regierungssitz gedient hatte. Alle Regierungsmitglieder, außer Ministerpräsident Kerenski, der vorher floh, wurden verhaftet. Sie wurden freigelassen, nachdem sie eine Erklärung unterschrieben hatten, dass sie sich aus der Politik zurückziehen würden. Es wurde kein Blut vergossen. Die Regierung Kerenski wurde durch ein sozialistisches Regime unter Lenin ersetzt. Die Machtübernahme der Bolschewiki erfolgte derart reibungslos und unauffällig, dass viele Bürger über die Geschehnisse erst durch die Zeitung erfuhren. (Das große Tor mit dem Eisengitter, das die roten Matrosen im Film von Eisenstein von 1927 stürmen, führte nicht zum Inneren des Palastes, sondern zu den Pferdeställen und Kutschen. Der Haupteingang des Winterpalastes ist am linken Ende der Fassade. Die Wachen haben ohne Widerstand die Waffen niedergelegt und wurden vom Militärdienst entlassen).

Lenin schrieb ein Jahr später:

„Alle praktische Organisationstätigkeit für den Aufstand wurde unter der direkten Leitung des Vorsitzenden des Sowjets von Petrograd, des Genossen Trotzki, geführt. Man kann mit Sicherheit behaupten, dass die Partei den schnellen Übergang der Garnison auf die Seite der Sowjets und die kühne Durchführung der Arbeit des Revolutionären Militärkomitees hauptsächlich und vor allem dem Genossen Trotzki verdankt. Die Genossen Antonow und Podwoisky waren die Hauptgehilfen des Genossen Trotzki.“

2. Allrussischer Sowjetkongress[Bearbeiten]

Der Allrussische Sowjetkongress war von Kerenski um fünf Tage verschoben worden. Am Abend des 25. Oktoberjul./ 7. November 1917greg. begann der 2. Allrussische Sowjetkongress (russisch II Всероссийский съезд советов; Transkription: Wtoroi Wsjerossijski sjesd sowjetow) mit Vertretern von mehr als 400 örtlichen Sowjets. Die Bolschewiki hatten den Zeitplan ihrer Revolution genau auf den Beginn des Kongresses abgestimmt, um die Machtübernahme juristisch abzusichern.

Der größte Teil der Vertreter stammte aus den großen Industrieregionen und den politischen Zentren des Landes (Petrograd, Moskau, Kiew, und Odessa). Es waren Vertreter von fast allen nationalen Regionen (Ukraine, Baltikum, Kaukasus, Zentralasien und Bessarabien) anwesend. Im Kongress hatten die Bolschewiki und die Linken Sozialrevolutionäre die Mehrheit. Von den 649 Delegierten waren 390 Bolschewiki, 160 Sozialrevolutionäre und 72 Menschewiki.

Es wurde über die Entmachtung aller Gutsherren und Kapitalisten abgestimmt, und es wurden Fragen zur zukünftigen Machtorganisation geklärt. Die wichtigsten Beschlüsse waren die Annahmen der drei Umsturzdekrete: Das Dekret über den Frieden, das Dekret über Grund und Boden und das Dekret über die Rechte der Völker Russlands.

Vor dem Hintergrund des bewaffneten Aufstandes verlangten die rechten Sozialrevolutionäre und die Menschewiki, den Kongress aufzuschieben. Ihr Antrag wurde jedoch abgelehnt und die meisten ihrer Abgeordneten verließen den Kongress unter Protest. Einige Sozialrevolutionäre und Menschewiki verharrten, am formalen Ablauf des Kongresses änderte sich dadurch nichts.

Der Kongress tagte bis in die frühen Morgenstunden des 26. Oktoberjul./ 8. November 1917greg., und nach dem Sturm auf den Winterpalast um zwei Uhr früh wurde die Machtübernahme um fünf Uhr morgens in einem Schreiben mit dem Titel An die Arbeiter, Soldaten und Bauern juristisch verankert. In diesem Schreiben finden sich auch die ersten Normen des sowjetischen Rechts.

Nach der Revolution[Bearbeiten]

Rat der Volkskommissare[Bearbeiten]

Lenin proklamierte die Sozialistische Sowjetrepublik, die von einem Rat der Volkskommissare (ab 1946 Ministerrat) unter seiner Führung geleitet wurde. Die Regierung bestand nur aus Bolschewiki. Die wichtigsten Ressorts übernahmen Trotzki (zunächst Äußeres, dann ab 1918 Verteidigung), Georgi Tschitscherin (ab 1918 Außenpolitik) und Alexei Rykow (Inneres). Stalin war als Volkskommissar lediglich zuständig für Nationalitätenfragen. Die Machtübernahme gestaltete sich relativ einfach, die Erhaltung der Macht hingegen als ungleich schwerer.

Partei[Bearbeiten]

Die generelle politische Führung von Staat und Gesellschaft hingegen blieb der Kommunistischen Partei Russlands, also den Bolschewiki, vorbehalten und nicht wie angekündigt den Räten. Die Räteidee sah eine sozialistische Politik unter der Führung von Räten ohne die Festlegung auf eine bestimmte Parteilinie vor. Die Partei hielt jedoch an einer rigorosen Durchsetzung ihres Machtmonopols fest.

Frieden und Bürgerkrieg[Bearbeiten]

Verbrüderungsszene: Russische und deutsche Soldaten feiern das Ende des Krieges an der Ostfront. (1918)

Am 26. Oktober 1917 wurde das Dekret über den Frieden erlassen. Sofortige Verhandlungen über einen „gerechten Frieden“ wurden von Russland angeboten. Die Regierungen der Mittelmächte bestanden auf einem Frieden zu ihren Bedingungen. Am 15. Dezember 1917 war ein Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Reich und Russland geschlossen worden. Die russische Verhandlungsdelegation wurde erst von Adolf Joffe, dann von Trotzki geleitet. Im März 1918 wurde der Friedensvertrag von Brest-Litowsk abgeschlossen. Die Bolschewiki konnten dadurch ihre noch schwache Macht im Lande festigen und die Rote Armee unter Führung von Trotzki dann den von 1918 bis 1920 folgenden Russischen Bürgerkrieg gewinnen, der sowohl durch Roten als auch Weißen Terror gekennzeichnet war.

Wahlen zur Konstituante (verfassungsgebende Versammlung)[Bearbeiten]

Am 11. November 1917 fanden die Wahlen zur Konstituante (verfassungsgebenden Versammlung) statt. Die Bolschewiki trugen eine schwere Niederlage davon, sie erhielten nur 25 % der Stimmen. Lenin löste die Konstituante am 5. Januar 1918 kurzerhand durch Waffengewalt auf, ohne dass es zu einem Massenaufstand kam.

Umsturzdekrete[Bearbeiten]

Ziel dieser Dekrete war primär eine Verbesserung der misslichen Lage des Staates sowie die Sicherung der Macht der Partei:

  • Dekret über Grund und Boden (26. Oktoberjul./ 8. November 1917greg.): Der private Grundbesitz ging in die Verwaltung von Dorfagrarkomitees und Kreisbauernsowjets über; jeder Landbewohner hatte das Recht auf einen Anteil am Boden; Entstehung kleiner Privatwirtschaften; Befriedigung des Landhungers der Bauern
  • Dekret über Arbeiterkontrolle (1. Novemberjul./ 14. November 1917greg.): Keine sofortige Verstaatlichung der Industriebetriebe, sondern Kontrolle der Unternehmen durch die Arbeiter. Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Arbeitern funktionierte jedoch nicht; Folge: Verstaatlichung der Industrie, Prozess war bereits Mitte 1918 abgeschlossen.
  • am 2./15. November 1917 a.St./n.St. wurden die Vorrechte aller christlichen Bekenntnisse und am 11./24. Dezember 1917 a.St./n.St. der Religionsunterricht in den Schulen abgeschafft. Am 20. Januar/2. Februar 1918 a.St./n.St. folgte das 'Gesetz über die Trennung von Staat und Kirche'. Nach einer kurzen und relativ ruhigen Konsolidierungsphase wurden alle Konfessionen und Religionsgemeinschaften massiv verfolgt. Die Sicherheitsbehörden verhafteten zahlreiche Pastoren, engagierte Laien und einfache Gläubige; ein großer Teil von ihnen kam u.a. in Lagern ums Leben. siehe Sowjetunion#Religion.[8]

Tscheka[Bearbeiten]

Am 7. Dezember 1917 wurde die Außerordentliche Kommission für den Kampf gegen die Konterrevolutionäre und Sabotage (Abkürzung: Tscheka) unter der Leitung von Felix Dserschinski gegründet, die in den folgenden zwei bis drei Jahren nach Schätzungen hunderttausende vermutete politische Feinde unter Einschluss widerspenstiger Teile der Bevölkerung tötete.[9] Ihr Ziel war die Ausschaltung der politischen Opposition durch Gewalt und die landesweite Durchsetzung des Machtmonopols der Partei. Durch die Tscheka erlangte sie auch auf dem Lande die Herrschaft, obwohl sie dort selbst nach der Oktoberrevolution nur schwach vertreten war.

Folgen[Bearbeiten]

Der 7. November galt auch in der DDR als Gedenktag

Die Oktoberrevolution sicherte den Bolschewiki um Lenin und Trotzki zunächst nur die Macht in Petrograd und bildet deshalb nur einen Schritt auf dem Weg der Kommunisten zur Herrschaft in Russland. Immerhin war der wichtigste Gegner, die Regierung Kerenski, gestürzt.

Es folgte ein langer und grausamer Bürgerkrieg, verbunden mit dem Kriegskommunismus. Der Bürgerkrieg wurde infolge der Oktoberrevolution spätestens durch den Aufstand der Tschechoslowakischen Legion ausgelöst; westliche reguläre und freiwillige Truppen unterstützten die weißen Truppen hauptsächlich mit Material und logistischer Hilfe. Die Rote Armee kämpfte bis 1920 gegen die Weiße Armee. Über 20.000 Juden wanderten nach Palästina aus („Dritte Alija“); sie flohen vor dem Bürgerkrieg und dem verbreiteten Antisemitismus.

Die sozialen Probleme des Landes konnten in dieser Zeit nur unzureichend gelöst werden. Allerdings erfüllte sich schnell eine der Hauptforderungen der Revolutionäre: Es gelang der neuen Regierung unter dem Volkskommissar für äußere Angelegenheiten Trotzki mit dem kaiserlichen Deutschland unter Inkaufnahme massiver Gebietsverluste den Friedensvertrag von Brest-Litowsk zu schließen.

Während der Zeit des Bürgerkrieges führte die neue Regierung auch Kriege gegen Polen, Finnland (27. Januar bis zum 5. Mai 1918) und Lettland. Nach Ende des Krieges wurde die unabhängige Macht der Sowjets (Arbeiterräte) nicht wiederhergestellt, wogegen sich der Kronstädter Matrosenaufstand wendete. Durch die Rote Armee wurde dieser Rebellionsversuch gegen die Bolschewiken niedergeschlagen.

In den Staaten des Ostblocks wurde das Gedenken an die Oktoberrevolution zu Propagandazwecken gegen den Kapitalismus verwendet. Der 7. November war ein Gedenktag und wurde als Tag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution begangen.[10]

Rezeption[Bearbeiten]

Standbild aus dem Stummfilm Oktober von Sergej Eisenstein: Der Sturm auf das Winterpalais
Sowjetische Briefmarke zum 70-jährigen Jubiläum der Oktoberrevolution mit dem Historiengemälde Lenin proklamiert die Sowjetherrschaft von Wladimir Serow. Es handelt sich um die zweite Version des Gemäldes aus dem Jahr 1962, in der ersten von 1954 war noch Stalin zu erkennen gewesen.

Ob das, was sich im Oktober 1917 in Russland abspielte, als Revolution bezeichnet werden könne, war von Anfang an umstritten. So nannten die Menschewiki in der Nacht zum 26. Oktober 1917 das Vorgehen der Bolschewiki schlicht eine Verschwörung.[11] Wegen der Leichtigkeit und Widerstandslosigkeit, mit der die Macht in Petrograd in die Hände der Bolschewiki überging, meinte der Menschewik Nikolaj Suchanow, es sei eigentlich nur eine Wachablösung gewesen.[12] In der marxistischen Geschichtsschreibung dagegen wurden die Ereignisse zur „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ (russ.: Великая Октябрьская Социалистическая Революция) hochstilisiert. Der Pflege dieses Gründungsmythos der Sowjetunion dienten die Feierlichkeiten zur jährlichen Wiederkehr des Datums, die mit großen Paraden auf dem Roten Platz begangen wurde. Auch in Hervorbringungen der bildenden Kunst und der Literatur verherrlichte man immer wieder den „Roten Oktober“. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist der Spielfilm 'Oktober' von Sergei Eisenstein, aus dem Jahr 1927, der die Ereignisse dramatisierte: Aus der eher unspektakulären Verhaftung der provisorischen Regierung machte er den „Sturm auf das Winterpalais“, der in das kollektive Gedächtnis eingegangen ist. Tatsächlich wurde das Gebäude bei den Dreharbeiten stärker beschädigt als bei den tatsächlichen Ereignissen zehn Jahre zuvor.[13] Noch in den Zeiten von Glasnost und Perestrojka feierte der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow die Erinnerung an den Oktober 1917:[14]

„Jene legendären Tage, die eine neue Epoche des gesellschaftlichen Fortschritts, der wahren Geschichte der Menschheit eingeleitet haben. Die Oktoberrevolution war in der Tat eine Sternstunde der Menschheit, ihre Morgenröte. Bei der Oktoberrevolution handelte es sich um eine Revolution des Volkes und für das Volk, für den Menschen, für seine Befreiung und Entwicklung“

Der Zeitgenosse der Revolutionsepoche und einer der Wortführer der russischen Sozialisten Maxim Gorki wirft bereits in seiner Rede anlässlich des Jahrestages der Februarrevolution ein kritisches Licht auf die Folgen der Ereignisse und charakterisiert die russische Revolution vielmehr als einen Aufruhr, denn als Revolution:[15]

„Eine Revolution ist nur dann vernünftig und großartig, wenn sie der natürliche und machtvolle Ausbruch aller schöpferischen Kräfte eines Volkes ist Wenn sie jedoch nur jene Gefühle und Gedanken befreit, die sich im Volk während seiner Versklavung und Unterdrückung angestaut haben, wenn es sich nur um einen Ausbruch von Erbitterung und Hass handelt, dann haben wir keine Revolution, sondern einen Aufruhr, der unser Leben nicht verändern kann und nur die Grausamkeit und das Übel vergrößert. Können wir guten Gewissens behaupten, dass im Jahr der Revolution das russische Volk, das sich von der Gewalt und dem Zorn des Polizei- und Beamtenstaats befreit hat, damit auch besser, freundlicher, weiser, ehrlicher geworden wäre? Nein, wer ehrlich ist würde das nicht behaupten. Wir leben weiterhin so, wie wir in der Monarchie gelebt haben, mit denselben Bräuchen, Gewohnheiten und Vorurteilen, genau so dumm und schmutzig. [...] Das russische Volk, das die volle Freiheit erlangt hat, vermag nicht, ihren großen Segen für sich zu nutzen, sondern sie nur zum Schaden für sich und seinen Nächsten zu missbrauchen, und so riskiert es, endgültig zu verlieren, was es sich nach leidvollen Jahrhunderten erkämpft hat. Nach und nach wird all das Großartige vernichtet, was seine Vorfahren erarbeitet haben, verschwinden die nationalen Reichtümer und die Möglichkeiten, die Schätze dieser Erde zu mehren, werden Industrie, Verkehr und Post zerstört und die Städte verwüstet, die in Schmutz versinken.“

In einer ähnlichen Einschätzung wurde im Westen der Oktoberrevolution ihr Charakter als Revolution lange abgesprochen:

„Diese „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ war weder eine Revolution – vielmehr ein Staatsstreich –, noch fand sie im Oktober statt: Da die Russen den Gregorianischen Kalender erst später einführten, feiern sie Oktoberrevolution – in diesem Jahr zum 50. Mal -- am 7. November,“

schrieb der Spiegel 1967: Es habe sich lediglich um einen Putsch gehandelt,[16] also die gewaltsame Machtergreifung einer Minderheit.

Weniger pointiert formulierte es der Osteuropahistoriker Dietrich Geyer im Jahr 1968. Auch er sieht in den Ereignissen vom Oktober 1917 einen Coup d'état, betont aber gleichzeitig, dass die Bolschewiki durch kluge Politik und die Schwäche der Provisorischen Regierung eine ernst zu nehmende Massenbasis, wenn auch niemals eine echte Mehrheit in der Bevölkerung erlangt hatten:[17]

„Die Kunst des Aufstands war das Produkt politischer Kunst, das Resultat einer Politik, deren plebiszitärer Grundzug schwerlich angefochten werden kann“

Zu einem ähnlichen Urteil kommt der britische Historiker Orlando Figes: Für ihn gab es im Oktober 1917 nur einen „militärischen Staatsstreich“, der „von der Mehrheit der Einwohner Petrograds gar nicht wahrgenommen wurde“. Aktiv teilgenommen hätten an der Aktion höchstens 25.000 bis 30.000 Menschen - knapp 5 % aller Arbeiter und Soldaten der Stadt.[18] Auch der Historiker Manfred Hildermeier verweist darauf, dass die Zahl der aktiven Teilnehmer am Oktoberumsturz „bemerkenswert gering war.“ Noch bemerkenswerter findet er es, dass die Bolschewiki in den Krisenjahren 1918 bis 1920 die einmal errungene Macht nicht gleich wieder verloren. Diese Machtbehauptung bezeichnet er als „die zweite Revolution“.[19] Der britische Politikwissenschaftler Richard Sakwa sieht in der Oktoberrevolution mehrere Revolutionen: In einem komplexen Prozess hätten sich sechs Revolutionen überlagert: Die soziale Massenrevolution, eine demokratische Revolution, die anti-elitäre Revolution der russischen Intelligenzia, die nationale Revolution der minoritären Völker innerhalb des Zarenreichs, die Revolution der marxistischen These, nur eine Gesellschaft mit vollausgebildeten Kapitalismus könne eine Revolution hervorbringen, sowie schließlich die Revolution innerhalb der Revolution, in der die Bolschewiki die Agenda aller anderen sozialistischen Gruppen usurpierten und so ihre Diktatur errichten konnten.[20]

Literatur[Bearbeiten]

  • Aus Politik und Zeitgeschichte 44-45/2007: Oktoberrevolution (PDF; 2,0 MB).
  • Deutschland und die Russische Revolution 1917-1924, hrg. von Lew Kopelew und Gerd Koenen, München: Wilhelm Fink, 1998, ISBN 3-7705-3184-1
  •  Jörg Baberowski, Robert Kindler, Christian Teichmann: Revolution in Russland 1917–1921. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2007.
  •  Jörg Baberowski: Was war die Oktoberrevolution?. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Politik und Zeitgeschichte. Nr. 44–45, 2007 (bpb.de, abgerufen am 3. Dezember 2008).
  •  Alexander Berkman: Der bolschewistische Mythos. Tagebuch aus der russischen Revolution. Edition AV, Frankfurt 2004, ISBN 3-936049-31-9.
  •  Maurice Brinton: Die Bolschewiki und die Arbeiterkontrolle. Der Staat und die Konterrevolution. Verlag Association, Hamburg 1976, ISBN 3-88032-045-4.
  •  IKP: Bilanz einer Revolution. »Kommunistisches Programm«, Berlin 1977 (Internationale Bibliothek der Kommunistischen Linken).
  •  Isaac Deutscher: Die unvollendete Revolution. Frankfurt/M. 1970.
  •  Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes. Berlin Verlag, Berlin 1998.
  •  Manfred Hellmann (Hrsg.): Die russische Revolution 1917. Von der Abdankung des Zaren bis zum Staatsstreich der Bolschewiki. Deutscher TB Verlag, München 1984, ISBN 3-423-02903-X.
  •  Manfred Hildermeier: Russische Revolution. Fischer Kompakt. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2004, ISBN 3-596-15352-2.
  •  Manfred Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion 1917–1991. Aufstieg und Niedergang des ersten sozialistischen Staates. Beck, München 1998.
  •  Manfred Hildermeier: Die Russische Revolution 1905–1920. 4. Auflage. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1995.
  •  Hartmut Krauss: Zum Charakter der Oktoberrevolution. Osnabrück 1991 (GLASNOST Berlin, abgerufen am 3. Dezember 2008).
  •  Arthur Lehning: Anarchismus und Marxismus in der russischen Revolution. Karin Kramer Verlag, Berlin 1971.
  •  Rudolf Naef: Russische Revolution und Bolschewismus 1917/18 in anarchistischer Sicht. Edition AV, Lich/Hessen 2005, ISBN 3-936049-54-8.
  •  Alexander Rabinowitch: Die Sowjetmacht: Die Revolution der Bolschewiki 1917. Mehring Verlag, 2012, ISBN 978-3-88634-097-2.
  •  John Reed: Zehn Tage, die die Welt erschütterten. 1919 (Marxists’ Internet Archive, abgerufen am 23. September 2012).
  •  Maximilien Rubel (Hrsg.): Karl Marx/Friedrich Engels: Die russische Kommune. Kritik eines Mythos. Carl Hanser Verlag, München
1972, ISBN 3-446-11491-2.
  •  Marina Rumjanzewa: Ein Schweizer als Financier der russischen Revolution. In: Neue Zürcher Zeitung. 26. Januar 1999 (rumjanzewa.com, abgerufen am 3. Dezember 2008).
  •  Isaak Steinberg: Gewalt und Terror in der Revolution. Das Schicksal der Erniedrigten und Beleidigten in der russischen Revolution. Karin Kramer Verlag, Berlin 1981 (Geschrieben von einem linken Sozialrevolutionär zwischen 1920 und 1923).
  •  Leo Trotzki: Geschichte der russischen Revolution. 1930 (Marxists’ Internet Archive, abgerufen am 3. Dezember 2008).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Oktoberrevolution – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Oktoberrevolution – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Christopher Read: Lenin. Abingdon 2005, S. 140.
  2.  Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes. München 2001, S. 411.
  3.  Dimitri Wolkogonow: Lenin. Utopie und Terror. Düsseldorf 1994, S. 118–125.
  4.  Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes. München 2001, S. 411 und 900(Anmerkung 48).
  5.  Robert Service: Lenin. Eine Biographie. München 2000, S. 387f..
  6.  Oleh S. Fedyshyn: Germany’s Drive to the East and the Ukrainian Revolution 1917–1918. New Brunswick 1971, S. 47.
  7.  Alexander Rabinowitch: Die Sowjetmacht – Die Revolution der Bolschewiki 1917. Essen 2012, S. 20.
  8. Stefanie Theis: Religiosität von Russlanddeutschen. Kohlhammer; 1. Auflage 2006, 978-3170188129. Blick ins Buch
  9.  Jörg R. Mettke: Henker als Heilige. In: Spiegel Special Geschichte. Nr. 4, 12. Dezember 2007, S. 32 (PDF, abgerufen am 3. Dezember 2008).
  10. Kurt Gossweiler - Die Oktoberrevolution und der Sieg des Sozialismus
  11. Vladimir N. Brovkin, The Mensheviks after October. Socialist Opposition and the Rise of the Bolshevik Dictatorship, Cornell University Press, Ithaca 1988, S. 17
  12. Manfred Hildermeier, Die Russische Revolution 1905-1921, Suhrkamp, Frankfurt 1989, S. 238
  13. Dieter Krusche, Reclams Filmführer, 7. Aufl., Philipp Reclam, Stuttgart 1987, S. 410 ff
  14. Michail Gorbatschow, Die Oktoberrevolution und der Umgestaltungsprozess: Die Revolution geht weiter, in: Neue Zeit, 45 (1987), S. 2ff
  15. Maxim Gorki, 1918. Auszug aus seiner Rede zum Jahrestag der Februarrevolution. Erstmals veröffentlicht von Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution, 1891-1924. Berlin 2011, S. 426.
  16. Ein halbes Jahrhundert nach Bronsteins Geburtstags-Putsch. Die Sowjet-Union 1967: Suche nach einer besseren Welt, in: Der Spiegel vom 16. Oktober 1967, online, Zugriff am 16. Mai 2010
  17. Dietrich Geyer, Die Russische Revolution, Vandenhoeck & Ruprecht, 4. Aufl. Göttingen 1985, S. 106
  18. Orlando Figes, Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924, Berlin Verlag, Berlin 2008, S. 512 und 521
  19. Manfred Hildermeier, Die Russische Revolution 1905-1921, Suhrkamp, Frankfurt 1989, S. 244f
  20. Sakwa, Richard: Russian Politics and Society, 4. Auflage, Routledge, Abingdon, Oxon 2008, S. 4