Pragmatik (Linguistik)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zur Bedeutung des Begriffs Pragmatik in anderen Wissensgebieten siehe Pragmatik (Begriffsklärung)

Die Pragmatik (von griech. πρᾶγμα pragma „Handlung“, „Sache“) beschäftigt sich in der Linguistik mit der Beschreibung von kontextabhängigen und nicht-wörtlichen Bedeutungen bei der Verwendung von sprachlichen Ausdrücken in jeweils konkreten Situationen und mit den Bedingungen für ihr Entstehen. Nach einer inzwischen klassischen Dreiteilung der allgemeinen Sprachwissenschaft wird sie von der Syntax und der Semantik unterschieden.

Die Semantik untersucht die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke (dies sind z. B. Wörter, Phrasen und Sätze, aber unabhängig von ihrer konkreten Äußerung). Die Pragmatik dagegen untersucht den Inhalt konkreter sprachlicher Äußerungen (dies sind all jene möglichen Ausdrücke, welche tatsächlich in einer konkreten Situation und in einem bestimmten Kontext von einem Sprecher artikuliert oder von einem Hörer wahrgenommen wurden).

Inhalt und Methoden der Pragmatik[Bearbeiten]

Synchrone Pragmatik[Bearbeiten]

Die Pragmatik untersucht, wie Sprache gebraucht wird und welche Arten von Sprachhandlungen ein Sprecher einsetzt. Austin formuliert 1962 griffig, dass in der Pragmatik Antworten auf die Frage How to do things with words? gesucht werden (Wie kann ich mit Worten etwas tun?). Mit sprachlichen Äußerungen kann man etwas versprechen, jemandem drohen, jemanden warnen, etwas behaupten. Oft geht es gar nicht um wahre oder falsche Sachverhalte, auf die sich die Logik seit 2000 Jahren konzentriert. Eine Frage ist weder wahr noch falsch. Die Pragmatik ist ein Kind des 20. Jahrhunderts, sie leitet sich philosophisch von Aristoteles und der Stoa, von John Locke, Ludwig Wittgenstein in den „Philosophischen Untersuchungen“, von John L. Austin und John R. Searle her. In der Sprachwissenschaft können Wilhelm von Humboldt, Philipp Wegener (1848–1916) und besonders Karl Bühler als Begründer gelten.

Die verschiedenen Ansätze und Methoden lassen sich relativ schwer auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Zu den bekanntesten Strömungen und Untersuchungsgegenständen gehören die Sprechakttheorie von John L. Austin und John R. Searle, die Konversationsmaximen von Paul Grice, die „Universalpragmatik“ von Jürgen Habermas, die Transzendentalpragmatik von Karl-Otto Apel und die sich auf Karl Bühler berufende Funktionale Pragmatik (Konrad Ehlich, Jochen Rehbein). Die konstruktivistisch orientierte Gesprächsanalyse in der Tradition von Harvey Sacks und der Phänomenologie (Alfred Schütz, Harold Garfinkel) wird auch manchmal der Pragmatik zugerechnet, obwohl sie das Handeln nicht zentral stellt (und selten wirklich konstruktivistisch vorgeht). In der Funktionalen Pragmatik ist die Kategorie des Zwecks einer Handlung entscheidend; das Handeln ist gesellschaftlich in zweckbezogenen Handlungsmustern (beispielsweise Frage-Antwort, Aufgabe-Lösung) ausgebildet, denen ein spezifisches Wissen der Handelnden entspricht. Zweck etwa des Frage-Musters ist die Behebung von Wissensdefiziten des Sprechers.

In der Folge von Stephen C. Levinson (1983/2000) werden als Teilgebiete der Pragmatik oft genannt:

Historische Pragmatik[Bearbeiten]

Ab den 1980er Jahren kann man von der Existenz einer Historischen Pragmatik sprechen. Andreas Jucker, der auch eine Bibliographie zur Historischen Pragmatik[1] verwaltet, und Irma Taavitsainen haben als zentrales Publikationsorgan das Journal of Historical Pragmatics gegründet. Die Frage, wie ein bestimmter Sprechakt im Laufe der Geschichte verwirklicht worden ist, fällt auch in den Bereich der Onomasiologie. So hat die von Joachim Grzega, Alfred Bammesberger und Marion Schöner herausgegebene Zeitschrift Onomasiology Online[2] ebenfalls begonnen, Artikel aus diesem Bereich aufzunehmen.

Verhältnis zu anderen Teildisziplinen im semiotischen Verständnis von Pragmatik[Bearbeiten]

Die Pragmatik befasst sich mit der Verwendung von Sprache, im Gegensatz zur Semantik, die sich auf die kontextunabhängige Bedeutung von Wörtern und die Wahrheitsbedingungen von Sätzen konzentriert. So definiert der amerikanische Linguist Gerald Gazdar Pragmatik als „meaning minus truth conditions“ (Bedeutung, abgesehen von Wahrheitsbedingungen). Eindeutige Zuordnungen von Problemen zu einem der beiden Bereiche sind meist aber nicht möglich. So ist für manche Linguisten die Semantik Teil der Pragmatik: Bedeutung ist - nach einem Satz von Wittgenstein - die Regel des Gebrauchs. Zudem berührt die Pragmatik Fragestellungen aus der Soziolinguistik und der Sprachsoziologie, die den Sprachgebrauch auf gesellschaftliche beziehungsweise soziale und kulturelle Faktoren beziehen.

Geschichte der linguistischen Pragmatik[Bearbeiten]

Die moderne Pragmatik entstand in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der modernen Semiotik. Sie wurde dann auch Gegenstand der Sprachwissenschaft. In der Linguistik spricht man auch von linguistischer Pragmatik.

Vorgeschichte der modernen Pragmatik[Bearbeiten]

Zu unterscheiden ist die Geschichte des Ausdrucks "Pragmatik" von der Geschichte der Theorien der mit dem Ausdruck "Pragmatik" bezeichneten Sachverhalte.

Als Kandidaten für die Vorgeschichte der Pragmatik werden Ramón Lull oder Aristoteles genannt [3].

Soweit ersichtlich, bleibt meist Karl Bühler unerwähnt, der schon 1934 von "Sprechhandlung" sprach und die Bedeutung der Sprachpraxis hervorhob. [4]

Die Entstehung des Ausdrucks Pragmatik bei Peirce und Morris[Bearbeiten]

Der Ausdruck Pragmatik geht auf Charles Sanders Peirce zurück. Aus dem von ihm entwickelten philosophischen Pragmatismus ging die linguistische Pragmatik hervor. [5] In seiner Semiotik berücksichtigte Peirce als ein Aspekt des Zeichens die Beziehung (Relation) eines Zeichens zum Benutzer des Zeichens. [6]

Entsprechend entwickelte Charles W. Morris die klassische Dreiteilung in Syntax - Semantik - Pragmatik: Syntax als die Beziehungen zwischen den Zeichen, Semantik als die Beziehungen zwischen dem Zeichen und ihrer Bedeutung und Pragmatik als die Beziehung zwischen Zeichen und Benutzer.

Morris definierte Pragmatik als „the study of the relation of signs to interpreters[7].

Die Pragmatik wurde zunächst in der Semiotik beheimatet. Es folgte die Pragmatik im Sinne der Sprachwissenschaft. Diese wird auch linguistische Pragmatik genannt.

Weitere Bestimmungen der Pragmatik[Bearbeiten]

Für den Psychologen und Systemtheoretiker Norbert Bischof ist „Pragmatik praktisch deckungsgleich mit der ultimaten Systemtheorie“.

Lehrbuchhaft wird Pragmatik unter anderem wie folgt definiert:

"Pragmatik beschäftigt sich mit den Aspekten der Bedeutung, die über das Zeichen und seine Referenten hinausgehen: Sie schließt sowohl die Sprachbenutzer als auch kontextuelle Faktoren ein, wie die Situation, die Absicht des Sprechers oder die Strukturen einer Konversation."[8]

Oder - mit anderen Akzentuierungen:

"Die linguistische Pragmatik ist die Wissenschaft von den Kommunikationsprinzipien, an die Menschen sich halten, wenn sie miteinander agieren und kommunizieren.
Diesen Prinzipien folgen Sprecher oder Schreiber, um Sinn zu vermitteln, und Hörer oder Leser, um den im Zusammenhang verstehbaren Sinn aus der Menge der möglichen Deutungen zu erschließen.
Analysiert, rekonstruiert und beschrieben werden die sprachlichen Ausdrucksformen, Handlungsmuster, Formulierungs- und Deutungsstrategien, die ein kooperatives Deuten und Aushandeln des Gemeinten und Verstandenen ermöglichen."[9]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bibliographie zur Historischen Pragmatik - Universität Zürich
  2. Onomasiology Online
  3. So Ehrhardt/Heringer: Pragmatik Fink, Paderborn 2011 (UTB 3480), S. 10
  4. Vgl. Karl Bühler: Sprachtheorie. 3. Auflage. Lucius & Lucius, Stuttgart 1999 (Nachdruck der 1. Auflage 1934), S. 48 ff.
  5. So Ernst, Peter: Germanistische Sprachwissenschaft. Wien: WUV, 2008 (UTB; 2541), S. 190
  6. So jedenfalls die gewöhnliche Darstellung, etwa bei Ehrhardt/Heringer: Pragmatik Fink, Paderborn 2011 (UTB 3480), S. 10
  7. Morris, C.W. (1938): Foundation of the theory of signs. Chicago, S. 6 - zitiert nach Ehrhardt/Heringer: Pragmatik Fink, Paderborn 2011 (UTB 3480), S. 10.
  8. Stein, Achim: Einführung in die französische Sprachwissenschaft. 3. Aufl. - Metzler, Stuttgart, Weimar 2010, S. 85
  9. Ehrhardt/Heringer: Pragmatik Fink, Paderborn 2011 (UTB 3480), S. 14

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Carl Friedrich Gethmann: Logik und Pragmatik Zum Rechtfertigungsproblem logischer Sprachregeln. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982, ISBN 978-3-518-27999-1.
  • John L. Austin: How to do things with Words. Oxford: Clarendon Press 1962. (dt. Zur Theorie der Sprechakte, Stuttgart: Reclam 9396)
  • Norbert Bischof: Struktur und Bedeutung, 1998, S.317-333, ISBN 3456830807 (Eine Einführung in die proximate und die ultimate Systemtheorie für Psychologen)
  • Wolfram Bublitz: Englische Pragmatik, Berlin: Erich Schmidt 2001.
  • K. Ehlich/J. Rehbein: Muster und Institution. Tübingen: Narr 1986.
  • Peter Ernst: Pragmalinguistik. Grundlagen, Methoden, Probleme. Berlin, New York: de Gruyter 2002.
  • Claus Ehrhardt; Hans Jürgen Heringer: Pragmatik. - Fink, Paderborn 2011 (UTB; 3480). - (Linguistik für Bachelor ) - ISBN 978-3-7705-5168-2.
  • Hellmut Geissner: Pragmalinguistik oder Rhetorik, in: ders. (Hg.), Rhetorik und Pragmatik, Ratingen u.a. 1975.
  • L. Hoffmann (Hrsg.): Sprachwissenschaft. Berlin: de Gruyter 2000.
  • S. C. Levinson, : Pragmatik. Tübingen: Niemeyer 1983/2000.
  • J. Meibauer: Pragmatik. Tübingen: Stauffenburg 1999.
  • J. Rehbein: Komplexes Handeln. Stuttgart: Metzler 1977.
  • G. Leech: Principles of Pragmatics, Longman Group Ltd. 1989. ISBN 978-0-58-255110-7
  • S. Davis: Pragmatics, Oxford University Press 1991. ISBN 978-0-19-505898-7
  • D. Blakemore: Understanding Utterances: An Introduction to Pragmatics, John Wiley & Sons 1992. ISBN 978-0-63-115867-7
  • J. Thomas: Meaning in Interaction: An Introduction to Pragmatics, Pearson Longman 1995. ISBN 978-0-58-229151-5
  • G. Yule/H. G. Widdowson: Pragmatics, Oxford University Press 1996. ISBN 978-0-19-437207-7
  • Andreas Wagner: Sprechakte und Sprechaktanalyse im Alten Testament. Untersuchungen an der Nahtstelle zwischen Handlungsebene und Grammatik. (Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 253) Berlin/New York: de Gruyter 1997. ISBN 978-3-11-015549-5 [Einführung in die historische Pragmatik am Beispiel des Althebräischen]