Projektilbildende Ladung

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„Formen“ eines Projektils durch die Ladung

Eine projektilbildende Ladung ist eine besondere Art einer Hohlladung, die in erster Linie zum Zerstören von Panzerungen aus größerer Entfernung verwendet wird. Sie zählt damit zur panzerbrechenden Munition. Weitere gängige Begriffe sind P-Ladung[1] oder EFP. EFP ist dabei die Abkürzung für den englischen Begriff Explosively Formed Projectile, auch Explosively Formed oder Forged Penetrator. Projektilbildende Ladungen wurden erstmals während des Zweiten Weltkrieges entwickelt.

Aufbau und Wirkung[Bearbeiten]

Animation der Formung

Im Gegensatz zu den Hohlladungen, die im Abstand von etwa 2,5 bis 3 Kaliberlängen vom Ziel gezündet werden, beträgt die Entfernung vom Ziel bei der projektilbildenden Ladung in der Regel mindestens 50 bis 100 Kaliberlängen, um eine optimierte Bildung des Projektils zu ermöglichen.[2] Durch die Erhöhung der Entfernung vom Ziel und damit der Flugzeit ist es notwendig, das Projektil so zu formen, dass es eine stabile Fluglage einnimmt.

Wie bei der Hohlladung beruht das Funktionsprinzip auf dem Kaltverformen einer metallischen Einlage mittels hochbrisanten Sprengstoffs (Munroe-Effekt). Da das Wirkprinzip der projektilbildenden Ladung der eines Wuchtgeschosses entspricht, erhöht sich die kinetische Energie mit der Masse des Penetrators, weswegen Materialien mit hoher Dichte eingesetzt werden. Für die Einlage (engl.: Liner) wird daher hauptsächlich Kupfer (Dichte: 8,92 g/cm3), Stahl (Dichte: 7,86 g/cm3) oder in seltenen Fällen auch Tantal (Dichte: 16,65 g/cm3) oder Uran (Dichte: 19,16 g/cm3) benutzt. Besonders Kupfer findet aufgrund seiner kostengünstigen Herstellung, guten Verformbarkeit und gleichzeitig hohen Dichte Verwendung.

Bei der „klassischen Hohlladung“ ist der Sprengstoff meist um eine kegelige Einlage geformt, während die Einlage beim EFP eher sphärisch oder parabolisch ausgebildet wird. Diese Form erfordert bei einer leistungsfähigen P-Ladung eine aufwändigere Berechnung der Einlage und Ladung und macht außerdem die Herstellung etwas schwieriger. Auch das eigentliche Projektil unterscheidet sich von der Hohlladung, die einen dünnen Stachel erzeugt, der vom Stößel gefolgt wird. Bei einem EFP wird ein Geschoss geformt, das eher mit einem normalen Gewehrprojektil vergleichbar ist. Genau wie bei der Hohlladung ist bei der projektilbildenden Ladung das Geschoss stark unterkalibrig, das heißt es ist im Durchmesser erheblich kleiner als die Ladung.

Da die Hohlladung konzipiert ist, in unmittelbarer Nähe zur Zieloberfläche gezündet zu werden, fächert der Stachel mit zunehmender Flugzeit und damit Entfernung zum Ziel immer weiter auf, wodurch die Wirkung im Ziel herabgesetzt wird. Im Gegensatz dazu wird bei der projektilbildenden Ladung ein aerodynamisch stabiler Penetrator geformt, der in der Lage ist, eine größere Flugstrecke zu überwinden und die maximale Wirkung zu erzielen.

Manche moderne EFPs besitzen Ladungen und Liner, die die Bildung verschiedenartiger Projektile ermöglichen. So ist beispielsweise die Bildung eines langen Penetrators zur Optimierung der Durchschlagsleistung, eines aerodynamisch optimierten Projektils für eine größere Reichweite oder die Fragmentierung vergleichbar einer Schrotladung möglich.[3]

Leistungsdaten[Bearbeiten]

Die Geschwindigkeit des Projektils oder Penetrators liegt mit 2.000 bis 3.000 Meter pro Sekunde (m/s) deutlich unter der einer militärischen Hohlladung, die zwischen 7.000 und 10.000 m/s erreicht, aber gleichzeitig über der eines konventionellen Wuchtgeschosses, deren Mündungsgeschwindigkeit bis zu 1.800 m/s beträgt.

Um die Geschosswirkung eines EFP zu verdeutlichen, bietet sich der Vergleich mit einem .50 BMG an, einer der stärksten Patronen für Handfeuerwaffen, die in der Lage ist, leichte Panzerungen zu durchdringen: Das Geschoss erreicht bei einer Mündungsgeschwindigkeit von rund 900 m/s und einem Geschossgewicht von etwa 50 g eine kinetische Energie von rund 20 Kilojoule (kJ). Im Vergleich dazu erreicht ein 200-mm-Kupfer-EFP bei einem Geschossgewicht von rund 3000 g und einer Geschwindigkeit von bis zu 2000 m/s eine kinetische Energie von etwa 6000 Kilojoule (6 MJ).[4]

Verwendung[Bearbeiten]

Verwendung in Waffensystemen[Bearbeiten]

Eine USBV, ausgeführt als P-Ladung, die im Irak gefunden wurde

Projektilbildende Ladungen werden heute in verschiedensten Waffen eingesetzt. So verfügt beispielsweise die Artillerie-Munition SMArt 155 über zwei Submunitionen, die als EFP ausgeführt sind. Auch andere „intelligente“ Artillerie- oder Panzergeschosse wie die STAFF-Munition [5] oder die SADARM verwenden diese Art von Sprengkopf.

Die amerikanische BLU-108 ist ein Waffenträger, der in verschiedenen Lenkflugkörpern oder Bomben wie beispielsweise der AGM-154 JSOW oder der CBU-97 Sensor Fused Weapon eingesetzt wird. Der Waffenträger enthält vier Skeet-Submunitionen, die als EFP ausgelegt sind.[6][7] Der Einsatz ist mit dem der SMArt oder STAFF vergleichbar.

Die Panzerabwehrlenkwaffe TOW 2B verfügt über einen Tandem-Sprengkopf mit EFPs aus Tantal.[8]

EFPs werden auch in verschiedenen Minenarten und -typen eingesetzt. Die als Off-Route Mine entwickelte DM-12 PARM nutzt das Prinzip zur seitlichen Bekämpfung von Fahrzeugen, während die MW-1-Submunition MIFF (Mine Flach Flach) die „klassische“ Panzerabwehrmine als Submunition darstellt.[9]

Verwendung als USBV (IED)[Bearbeiten]

Durch die Presse wurden EFPs zu Beginn des 21. Jahrhunderts bekannt, da sie verstärkt von Aufständischen als Unkonventionelle Spreng- und/oder Brandvorrichtung (USBV) (engl. Improvised Explosive Device, IED) gegen Truppentransporter oder Panzer nach dem Afghanistankrieg oder Irakkrieg einsetzt werden. Aufgrund des Einsatzes der EFPs im städtischen Umfeld ist aufgrund der kurzen Entfernungen oft kein optimal geformter Penetrator notwendig, um eine große Schadenswirkung zu erzielen. Auch fehlt bei diesen unkonventionell hergestellten Sprengsätzen meist das optimale Design und Material, um eine optimale Wirkung zu erzielen. Trotzdem konnten die schlecht geschützten Humvees der US-Armee so zerstört werden. Die negativen Erfahrungen mit diesen Sprengfallen beschleunigten in vielen Armeen die Einführung besser geschützter Radfahrzeuge wie den MRAP oder ATF Dingo.[10]

Selbst relativ schwere Schützenpanzer wie der Marder[11], oder speziell gegen USBVs entwickelte Fahrzeuge bieten aufgrund der großen kinetischen Energie keinen absoluten Schutz.[12]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Information auf der Webseite des Österreichischen Bundesheeres (abgerufen am 25. Januar 2009)
  2. Auszug aus einer Patentanmeldung von Giat (abgerufen am 25. Januar 2009)
  3. US-Patent 5540156 auf Google.com zu einem variablen EFP (engl., abgerufen am 25. Januar 2009)
  4. Artikel auf der Webseite der Washington Post mit Daten zu EFPs (engl., abgerufen am 25. Januar 2009)
  5. Beschreibung der STAFF auf Kotsch88 (abgerufen am 25. Januar 2009)
  6. BLU-108 Verwendung von der Webseite von Designation-Systems.net (engl., abgerufen am 25. Januar 2009)
  7. Angaben zur BLU-108 auf Globalsecurity.com (engl., abgerufen am 25. Januar 2009)
  8. Beschreibung der TOW 2 auf der Webseite von Army-Technology (engl., abgerufen am 25. Januar 2009)
  9. Angaben zur MIFF auf der Webseite des deutschen Bundestages (abgerufen am 25. Januar 2009)
  10. Y-Punkt mit Informationen zu den MRAP (abgerufen am 25. Januar 2009)
  11. spiegel.de: Afghanistan: Deutscher Soldat bei Taliban-Angriff getötet, abgerufen am 2. Juni 2011
  12. Spiegel.de: Nummer 4474 starb auf der Straße, 19. Dezember 2011