Sonderperiode in Kuba

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Zum Omnibus umfunktionierter Sattelschlepper (Camello) in Havanna (2006)

Als Sonderperiode in Friedenszeiten (spanisch Período especial en tiempo de paz) bezeichnet die kubanische Regierung eine Wirtschaftskrise, die 1990 begonnen hat. Ursache war die Auflösung von Sowjetunion und RGW, die Kuba wirtschaftlich unterstützt hatten. Dazu kam eine Verschärfung der von den USA verhängten Wirtschaftsblockade durch das Torricelli-Gesetz (1992) und das Helms-Burton-Gesetz (1996).[1] Auf dem Ölmarkt konnte Kuba aufgrund fehlender Devisen zunächst nur 10 % des Ölverbrauchs der Vorperiode beschaffen. In Folge brach die maschinelle Landwirtschaft zusammen, und es kam zu Nahrungsmittelknappheit. Die Maßnahmen der Politik waren:

  1. Das Verbot des freien Handels auf Basis des US-Dollars wurde gelockert.
  2. Umstellung der Zuckerproduktion auf profitablere Produkte.
  3. Suche neuer Bezugsmöglichkeiten für Öl unterhalb des Marktpreises.
  4. Erschließung neuer Devisenquellen, insbesondere Tourismus.

Eine leichte Erholung der Wirtschaft gab es zum Ende des Jahrzehnts. Die Regierung Venezuelas liefert seither Öl zu Vorzugskonditionen[2] im Wert von derzeit ca. 2 Mrd $ pro Jahr.[3] Nahrungsmittel gelten als ausreichend vorhanden. Der Lebensstandard ist jedoch noch unterhalb des Niveaus von 1990.[3] Der Wohlstand nahm aber seit Anfang des Jahrtausends wieder zu. Kuba liegt mit einem Human Development Index von 0,815 weltweit auf dem 44. Platz (2013).[4]

Überblick[Bearbeiten]

Der Niedergang in der Sonderperiode war immens. Vertragsgemäße Lieferungen von Erdöl aus der Sowjetunion wurden nach dem Jahr 1991 eingestellt. Im darauffolgenden Jahr importierte Kuba nur noch rund 10 % des Öls von vor dem Zerfall der Sowjetunion. Der kubanische Staatspräsident Fidel Castro bereitete in einer Fernsehenansprache die Kubaner auf die drohende Krise in der Energieversorgung vor. Dies geschah eine knappe Woche bevor die kubanische Regierung eine Erklärung von Russland erhielt, dass es nicht die Absicht habe, Kuba weiterhin mit dem von der Sowjetunion garantierten Kontingent an verbilligtem Öl zu beliefern. Der Ölengpass führte schnell zu einem starken Abfall der Produktivität, sowohl in der Landwirtschaft, welche beherrscht war von Traktoren und Erntemaschinen, wie z. B. Mähdreschern, die alle auf Öl angewiesen waren, sowie in der kubanischen Industrieproduktion.

Der erste Abschnitt der Sonderperiode war gekennzeichnet von einem allgemeinen Zusammenbruch der Industrie, des Verkehrs und der Landwirtschaft. Das inflationsbereinigte Realeinkommen eines Kubaners fiel zwischen 1989 und 1993 auf 10 % und begann danach nur langsam zu steigen. Im Jahr 2011 erreichte es lediglich 51 % des Wertes von 1989.[5] Es fehlten Düngemittel und Pestizide, beide stark ölabhängig. Außerdem kam es zu einer weit verbreiteten Nahrungsmittelknappheit, während größere Ausmaße von Unterernährung oder Hungersnöten abgewendet werden konnten. Entwicklungshelfer aus aller Welt kamen in das Land, um den Kubanern Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, indem sie ihnen beispielsweise zeigten, wie man Felder und Beete bestellt. Ökologische Landwirtschaft ersetzte schnell die industrialisierte Form, wie sie bis dahin in Kuba üblich war. Siehe hierzu: Landwirtschaft in Kuba

Die kubanische Regierung sah sich außerdem gezwungen, gewinnbringende Verträge im Bereich von Wirtschaft und Tourismus mit westeuropäischen und südamerikanischen Firmen zu schließen, damit mehr Devisen eingenommen werden konnten, um den Verlust sowjetischen Öls über internationale Märkte zu ersetzen. Außerdem sah sich das Land mit dem nahezu vollständigen Zusammenbruch der Lieferungen von Stahl und anderen Erzprodukten konfrontiert. Im ganzen Land wurden Industriebetriebe geschlossen, was die industrielle Basis des Landes zerstörte und viele Arbeitsplätze kostete. Es wurden alternative Transportmöglichkeiten im Nahverkehr geschaffen. Am bekanntesten dürften die so genannten camellos (Kamele) sein, große Sattelauflieger, die zu Bussen umgerüstet wurden.

Fleisch und andere Produkte des täglichen Bedarfs, welche stark von der veralteten industriellen und ölabhängigen Produktion abhängig waren, verschwanden bald vom Markt und von den kubanischen Speisezetteln. Aus der Not heraus wurden ballaststoffreiche und vegetarischere Ernährungsgewohnheiten angenommen. Zucker wurde nicht mehr so dringend als Devisenbringer benötigt, da das Öl-für-Zucker-Programm mit der Sowjetunion beendet war. Kuba diversifizierte die landwirtschaftliche Produktion durch Nutzung ehemaliger Zuckerrohrfelder für den Frucht- und Gemüseanbau.

Nachdem 1998 in Venezuela der sozialistische Präsident Hugo Chávez gewählt wurde, fokussierte die kubanische Regierung intensiv die Kooperation mit diesem ölreichen Land.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Filme[Bearbeiten]

  • The Power of Community: How Cuba Survived Peak Oil (Dokumentarfilm, USA, 2006)[6][7]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatJörg Rückmann: Kubas Ökonomie zwischen Blockade, Hurrikan und Weltwirtschaftskrise. In: Quetzal. Abgerufen am 12. Dezember 2009.
  2. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatSusanne Amann: Quo vadis, Kuba? In: ARTE TV. Abgerufen am 12. Dezember 2009.
  3. a b Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatKubas Revolutionäre in der Sackgasse. In: NZZ. 30. August 2007, abgerufen am 12. Dezember 2009.
  4. http://hdr.undp.org/en/countries/profiles/CUB Kuba beim HDI-Ranking der UNO
  5. Carmelo Mesa-Lago, Jorge Pérez-López: Cuba Under Raúl Castro: Assessing the Reforms, Lynne Rienner Publishers, 2013. ISBN 978-1588269041, S. 128
  6. IMDB: The Power of Community: How Cuba Survived Peak Oil
  7. The Power of Community: How Cuba Survived Peak Oil