Sozialkognitive Lerntheorie

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Die Sozialkognitive Lerntheorie (auch Sozial-kognitive Lerntheorie oder Modell-Lernen genannt) bezeichnet einen Lernprozess, der nach einem von Albert Bandura entwickelten Konzept in vier Prozessen verläuft, die sich in die zwei Phasen Aneignung und Ausführung aufteilen.

Prozesse des Modell-Lernens[Bearbeiten]

Aneignungsphase (Kompetenz, Akquisition)[Bearbeiten]

Aufmerksamkeitsprozesse[Bearbeiten]

Aus der Masse an Informationen, die das Verhalten des Vorbilds enthält, wählt der Beobachter die für ihn wichtigen Bestandteile aus und beobachtet genau.

Ob einem Modell viel oder wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, ist abhängig von

  • den Persönlichkeitsmerkmalen des Beobachters/Lernenden: Fehlendes Selbstvertrauen oder geringe Selbstachtung fördern die Aufmerksamkeit einem Modell gegenüber. Zudem ist die Beobachtung eines Modells von verschiedenen Faktoren menschlicher Wahrnehmung abhängig, z. B. von Erfahrungen, Interessen, Wertvorstellungen, Gefühlen oder Stimmungen.
  • den gegebenen Situationsbedingungen: Wenn Menschen anwesende Personen beobachten, so ist die Wahrnehmung stets in eine soziale Situation eingebunden. Die sogenannten emotionalen Befindlichkeiten wirken sich hierbei auf die Wahrnehmung des Beobachters aus.

Gedächtnisprozesse[Bearbeiten]

Der Lerner formt das Beobachtete in Gedächtnisstrukturen um – legt also neue Schemata an (akkommodiert), oder erweitert diese (assimiliert) – die er als Erinnerung wieder aktivieren kann. Neue Informationen werden symbolisch kodiert und ins kognitive System eingeorndet. Symbolische, sowie motorische Nachbildung des Gelernten fördert das Behalten von Informationen.

Ausführungsphase (Performanz)[Bearbeiten]

Motorische Reproduktionsprozesse[Bearbeiten]

Der Lerner erinnert sich und versucht, das Beobachtete, ihm vorteilhaft erscheinende Verhalten zu reproduzieren. Je nach Kreativität ist er eingeschränkt oder weitgehend in der Lage, das beobachtete Schema der Situation anzupassen.

Verstärkungs- und Motivationsprozesse[Bearbeiten]

Ob ein Mensch ein bestimmtes Verhalten überhaupt beachtet, um es zu lernen, hängt von seiner Motivation ab. Die Motivation einer Person beeinflusst beim Modelllernen sowohl die Aneignungs- als auch die Ausführungsphase. Nur wer sich vom Beachten und Durchführen einer Verhaltensweise einen Erfolg bzw. Vorteil verspricht oder einen Misserfolg bzw. Nachteil abzuwenden glaubt, wird entsprechende Aktivitäten entfalten. Motivation ist daher eng mit der Aussicht auf Bekräftigung verbunden. Bandura unterscheidet folgende verschiedene Arten von Verstärkern: Externe Verstärker, Stellvertretende Verstärker, Selbstverstärker

Vergleich zum Behaviourismus[Bearbeiten]

Interessant im Vergleich zu den als Konditionierung bekannten behavioristischen Lerntheorien von Skinner oder Pawlow ist die Tatsache, dass beim sogenannten Modellieren die Motivation im zweiten Teil der Ausführungsphase hier nicht mehr zum Erlernen des neuen Verhaltens dient, sondern lediglich das Zeigen des neuen Verhaltens unterstützt. Das Lernen wird beim operanten Konditionieren im Wesentlichen durch den Verstärker bestimmt, während hier nun die Erwartung auf einen Verstärker die Lernwirkung bedingt und die Bildung einer eigenen Variation begünstigt.

Bandura hat für seine Theorie folgende vier Thesen formuliert:

  1. Gelerntes wird nicht zwangsläufig unmittelbar gezeigt.
  2. Durch Modellierungseffekte kann Gelerntes in späteren – vollkommen unterschiedlichen – Kontexten wieder auftauchen.
  3. Auch eine Beschreibung reicht, um eine kognitive Repräsentation hervorzurufen – der Lerninhalt muss nicht gesehen werden.
  4. Gelerntes kann auf andere Bereiche übertragen werden.

Dass ein durch bewegte Bilder erschaffenes Modell die gleiche Wirkung hat wie das physisch vorhandene Modell (Live-Modell), beschreibt W. Edelmann (1986, S. 245).

Die Vorteile von durch bewegte Bilder geschaffenen Vorbilder sind:

  • die gespielte Person kann eher das gewünschte oder unerwünschte Verhalten zeigen als eine Live-Person
  • in die Aufbereitung der Szene kann ein Schema eingebaut werden, das dem Lerner das Merken erleichtert
  • die künstlich geschaffenen Lebenswelten können emotional angereichert werden, damit sie länger nachwirken.

Effekte des Modelllernens[Bearbeiten]

Nach Bandura können also sowohl natürliche als auch symbolische Modelle eine Reihe von Effekten bewirken. Er unterscheidet vier Effekte:

  1. Der modellierende Effekt: An Vorbildern lernen Menschen neue, ihnen bisher unbekannte Verhaltensweisen sowie Einstellungen gegenüber Personen, Objekten und Sachverhalten, Vorurteile, Gefühle, Bedürfnisse usw. Der Beobachter kopiert jedoch nicht einfach Verhaltensweisen des Modells, oft wird das Gesehene neu organisiert. So kann der Lernende das Beobachtete zu neuen Kombinationen zusammenfügen.
  2. Der enthemmende Effekt: Sehen Menschen, wie ein bestimmtes Verhalten anderer keine negativen Folgen oder sogar Belohnungen nach sich zieht, so kann dies ihre bisherige Hemmschwelle, ein ähnliches Verhalten zu zeigen, entscheidend herabsetzen.
  3. Der hemmende Effekt: Hemmende Effekte entstehen in der Regel in Fällen, in denen das Modellverhalten negative Konsequenzen nach sich zieht. Dabei sinkt die Bereitschaft, dem Vorbild nachzueifern.
  4. Der auslösende Effekt: Das Verhalten eines Modells veranlasst andere Menschen, es unmittelbar nachzuahmen. Die Verhaltensweisen sind weder neu, noch ergeben sich daraus besondere Konsequenzen, trotzdem erleichtert die Beobachtung einer Modellperson die Auslösung des entsprechenden eigenen Verhaltens.

Die Bedeutung von Erwartungen[Bearbeiten]

Zudem geht die sozialkognitive Theorie davon aus, dass die Erwartungen, die ein Beobachter hat, entscheidend dafür sind, ob er das Verhalten eines Modells tatsächlich nachahmt.

Ergebniserwartung: Eine Person wird dann das Verhalten eines Modells nachahmen, wenn sie sich davon angenehme Konsequenzen verspricht bzw. glaubt, Unangenehmes vermindern zu können. Es werden somit erwartete Verhaltenskonsequenzen zu einem Anreiz für Verhalten. Beispiel: Ein Schüler erwartet sich von der Benutzung eines Spickzettels Erfolg, weil ihm sein Freund erzählt, dass dies bei ihm immer funktioniert. „Die Menschen richten sich in ihrem Handeln (...) eher nach ihren Vorstellungen, die diesem vorangehen, statt sich nur an den Ergebnissen ihrer aktiven Handlungsvollzüge zu orientieren.“ (Albert Bandura) Man nennt das oben beschriebene Phänomen Ergebniserwartung.

Kompetenzerwartung: Wenn ein Lernender ein Verhalten bei einem Modell beobachtet, so muss sich der Beobachter die Ausführung dieses Verhaltens auch selber zutrauen, um es tatsächlich zu zeigen. Er wird solche Verhaltensweisen bevorzugt zeigen, bei denen er sich kompetent fühlt. Zugleich wird er solche Verhaltensweisen selten zeigen, die er meint, weniger kompetent ausführen zu können. Der Beobachter nimmt also eine subjektive Einschätzung seiner Fähigkeiten vor, die er zum Nachahmen des Verhaltens benötigt. Man spricht hier vom Phänomen der Kompetenzerwartung. Beispiel: Wird jemand in der Disco aufgefordert einen Solotanz hinzulegen, so wird er dies nur tun, wenn er glaubt, er sei ein toller Tänzer. Eine Person wird ein Verhalten am ehesten dann zeigen, wenn die Kompetenzerwartung relativ hoch ist.

Erwartung von Selbstbekräftigung (auch Selbstregulation): Der Mensch ist in der Lage, sich selbst zu bekräftigen. Menschen schätzen ihr Verhalten nach bestimmten subjektiven Kriterien ein und beurteilen ihr Verhalten. Aussicht auf Selbstbekräftigung bedeutet in der sozialkognitiven Theorie die Erwartung einer günstigen Selbstbewertung bei Zeigen eines nachzuahmenden Verhaltens, die zu Zufriedenheit, Wohlbefinden und Selbstbelohnung führt. Beispiel: Ein Mensch, der Diebstahl aus innerer Einstellung ablehnt, wird sich durch das Beobachten eines Vorbilds, das in einem Kaufhaus CDs klaut, kaum zur Nachahmung dieses Verhaltens bringen lassen, selbst wenn ihm eine externe Bekräftigung dafür in Aussicht steht.

Einfluss von Emotionen[Bearbeiten]

Grewe-Partsch (1986) konnte bei Kindern nachweisen, dass Emotionen, die sie beim Betrachten eines Filmes hatten, länger nachwirkten, als die Erinnerung an die im Film gezeigten Geschehnisse.

Kritik[Bearbeiten]

Das Menschenbild von Albert Bandura ist stark am Menschen, der in der leistungsorientierten Industriegesellschaft lebt, orientiert. Diese Sichtweise trifft sicher nicht auf alle Kulturkreise zu. Das bedeutet für seine Theorie, dass sie speziell für Menschen des westlichen Kulturkreises gilt.

Seine Theorie konzentriert sich zudem nur auf menschliches Erleben, Verhalten und Handeln, das auf Beobachtung aufbaut. Allerdings lernen Menschen auch ohne Beobachtung, wie zum Beispiel via Lernen durch Einsicht.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Albert Bandura, Richard H. Walters: Social Learning and personality developement. Holt Rinehart and Winston, New York 1963.
  • Albert Bandura: Lernen am Modell. Ansätze zu einer sozial-kognitiven Lerntheorie. Klett, Stuttgart 1976, ISBN 3-12-920590-X.
  • Albert Bandura: Sozial-kognitive Lerntheorie. Klett-Cotta, Stuttgart 1979, ISBN 3-12-920511-X, (Konzepte der Humanwissenschaften).
  • Hermann Hobmair (Hrsg.): Pädagogik, Psychologie für die berufliche Oberstufe. Band 1. Bildungsverlag EINS, Troisdorf 1998, ISBN 3-8237-5025-9, S.236–263.