Taqīya

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Taqīya (arabisch ‏تقية‎ ‚Furcht, Vorsicht‘), oder in ebenfalls korrekter Transkription Taqiyya, bezeichnet im schiitischen Islam die Erlaubnis, bei Zwang oder Gefahr für Leib und Besitz rituelle Pflichten zu missachten und den eigenen Glauben zu verheimlichen.[1] Im sunnitischen Islam ist das Prinzip der Verheimlichung des eigenen Glaubens in Gefahrensituationen zwar ebenfalls bekannt, doch wird es dort nicht als taqīya bezeichnet.

Koranische Grundlage für das Taqīya-Prinzip ist Sure 3:28, wo es heißt: "Die Gläubigen sollen sich nicht die Ungläubigen anstatt der Gläubigen zu Freunden nehmen. Wer das tut, hat keine Gemeinschaft (mehr) mit Gott. Anders ist es, wenn ihr euch vor ihnen (d.h. den Ungläubigen) wirklich fürchtet (illā an tattaqū minhum tuqāt)." Eine Freundschaft mit Ungläubigen soll also dann entschuldigt sein, wenn Grund zur Furcht vor ihnen besteht. Von den beiden in diesem Vers verwendeten Wörtern tattaqū ("ihr füchtet Euch") und tuqāt ("fürchtend") ist der Begriff taqīya abgeleitet.[2]

Taqīya in der Schia[Bearbeiten]

Der älteste literarische Beleg für das Prinzip der Taqīya findet sich in Versen des Dichters Kumait (st. 743/44), der ein Anhänger der Aliden war und die Umayyaden bekämpfte. In einem Lobgedicht auf die Aliden beklagt er, dass er nur heimlich auf ihrer Bahn wandeln könne und eine andere Gesinnung vortäuschen müsse. Für dieses Verhalten der Verheimlichung verwendet er im gleichen Gedicht den Ausdruck Taqīya.[3]

Tragende Bedeutung erhielt die Taqīya dann in der Lehre des schiitischen Imams Dschaʿfar as-Sādiq. Er empfahl das Prinzip als Mittel, um der politischen Verfolgung durch die Abbasiden zu entgehen.[4] Ihm wurde allerdings auch vorgeworfen, gegenüber den eigenen Anhängern Taqīya zu üben. Dies rief insbesondere Kritik bei den zaiditischen Schiiten hervor.[5]

In der späteren imamitischen Schia erhielt die Taqīya dogmatischen Rang und Pflichtencharakter. Der elfte Imam Hasan al-Askari wird mit dem Ausspruch zitiert: "Ein Gläubiger, der die Taqīya nicht übt, ist wie ein Gläubiger ohne Kopf."[6] Auch Sure 49:13, wo es heißt, dass derjenige der vornehmste bei Gott ist, der "der gottesfürchtigste" (al-atqā) ist, wurde als eine Empfehlung zur Taqīya gedeutet.[7]

Glaubensverheimlichung außerhalb der Schia[Bearbeiten]

Da für die Glaubensverheimlichung das Element der Furcht vor massiver Verfolgung maßgeblich ist (Sure 16, Vers 110), konnte sie, wie das ebenfalls ursprünglich in der schiitischen Tradition begründete Märtyrertum, lange Zeit in der vorherrschenden orthodoxen Sunna nicht in gleicher Weise Fuß fassen. Allerdings kommt Glaubensverheimlichung als Mittel zur Gefahrenabwehr im sunnitischen Islam gleichermaßen vor.[8]

Als Rechtfertigung für Glaubensverheimlichung dient üblicherweise Sure 16:106, wo es heißt: "Wer nicht mehr an Gott glaubt, nachdem er gläubig war - außer, wer gezwungen wurde, jedoch im Herzen weiter gläubig ist -, wer aber seine Brust dem Unglauben öffnet, über den kommt Gottes Zorn, und den erwartet harte Strafe" (Übers. H. Bobzin). Die in der Parenthese stehende Ausnahmebestimmung soll hinsichtlich des Prophetengefährten ʿAmmār ibn Yāsir offenbart worden sein, der gezwungen worden war, Götter zu verehren.[9]

Überliefert wird auch der Fall zweier muslimischer Gefangener des „falschen Propheten“ Musailima, von denen einer den Märtyrertod wählte, der andere aber sein Leben rettete, indem er vorgab, dem Gegenpropheten zu huldigen. Der Prophet Mohammed soll bei der Nachricht des Todes erklärt haben:

„Der Getötete ist dahingegangen in seiner Gerechtigkeit und seiner Glaubensgewissheit und hat seine Herrlichkeit erlangt; Heil ihm! Dem andern aber hat Gott eine Erleichterung gewährt, keine Züchtigung soll ihn treffen.“

R. Strothmann: Handwörterbuch des Islam[1]

Im islamkritischen Diskurs wird die Taqiyya oft als „Pflicht zur Lüge“ und Verstellung interpretiert, die Muslimen angeblich geboten sei. Diesem Vorwurf wiederum wird eine Ähnlichkeit zu antisemitischen Verschwörungstheorien des 19. Jahrhunderts bescheinigt.[10]

Literatur[Bearbeiten]

  • Josef van Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra. Eine Geschichte des religiösen Denkens im frühen Islam. Band I. Berlin-New York 1991. S. 312-315.
  • Ignaz Goldziher: "Das Prinzip der Taḳijja im Islam" in Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft 59 (1906) 213–226. Online verfügbar MENAdoc ULB Sachsen-Anhalt (Halle)
  • Etan Kohlberg: "Some Imāmī-Shīʿī Views on Taqiyya" in Journal of the American Oriental Society 95/3 (1975) 395–402.
  • Etan Kohlberg: "Taqiyya in Shi’i Theology and Religion" in Hans G Kippenberg and Guy G. Stroumsa (ed.) Secrecy and Concealment: Studies in the History of Mediterranean and Near Eastern Religions. New York: E. J.Brill, 1995. S. 345–60.
  • Aharon Layish: "Taqiyya among the Druzes" in Asian and African Studies 19 (1985) 245–81.
  • Devin Stewart: "Taqiyyah as Performance: the Travels of Baha' al-Din al-`Amili in the Ottoman Empire (991-93/1583-85)" in Princeton Papers in Near Eastern Studies 4 (1996) 1-70.
  • Rudolf Strothmann: Art. "Taḳīya" in E.J. Brill's First Encyclopaedia of Islam 1913-1936. Bd. VIII, S. 628-629. online einsehbar bei Google Books
  • Rudolf Strothmann, Moktar Djebli: Art.Taḳiyya in The Encyclopaedia of Islam. New Edition, Bd. X, S. 134a–136a.
  • Shafique N. Virani: "Taqiyya and Identity in a South Asian Community" in The Journal of Asian Studies 70/1 (2011) 99-139.
  • Paul E. Walker: Art. "Taqīyah" in John L. Esposito (ed.): The Oxford Encyclopedia of the Islamic World. 6 Bde. Oxford 2009. Bd. V, S. 327b-329a.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Zitiert nach R. Strothmann, in: Handwörterbuch des Islam. Leiden 1976, siehe TAKIYA
  2. Vgl. van Ess 314.
  3. Vgl. Goldziher 219.
  4. Vgl. Walker 328a.
  5. Vgl. van Ess 283, 315.
  6. Zit. bei Goldziher 219.
  7. Vgl. Walker 328a.
  8. Ignaz Goldziher, Das Prinzip der Takijja im Islam, Zeitschrift der Morgenländischen Gesellschaft, Leipzig 1906, Nachdruck 1968; S. 216
  9. Vgl. Strothmann/Djebli 134b.
  10. Sabine Schiffer, Sebastian Hornung: Antiislam-Ismus als Kristallisationspunkt. In: Neue Rheinische Zeitung, 22. September 2010.