Hadith

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Der Begriff Hadith (arabisch ‏حديث‎, DMG ḥadīṯ ‚Erzählung, Bericht‘) bezeichnet im Islam die Überlieferungen über die Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed sowie über die Handlungen Dritter, die er stillschweigend gebilligt hat. Der Begriff wird sowohl für die Gesamtheit dieser Überlieferungen verwendet als auch für die einzelne Überlieferung. In letzterem Fall wird dazu der Plural Hadithe (arabisch ‏أحاديث‎, DMG aḥādīṯ) gebildet.

Die große Bedeutung der Hadithe im Islam ergibt sich daraus, dass die Handlungsweise (Sunna) des Propheten normativen Charakter besitzt und nach dem Koran die zweite Quelle der islamischen Normenlehre (Fiqh) darstellt. Die Hadithe gelten als das Mittel, über das sich die nachkommenden Generationen über diese Handlungsweise informieren können. Darum wird das Studium der Hadithe noch heute als einer der wichtigsten Zweige der islamischen religiösen Wissenschaften angesehen.

Charakteristisch für die Form des Hadith ist sein zweiteiliger Aufbau: dem eigentlichen Text (matn) geht eine Überliefererkette (Isnad) voraus. Diese Besonderheit teilt der Hadith mit dem Chabar (‏خبر‎ / ḫabar), der über eine Kette von Gewährsleuten verbürgten "Nachricht" über ein religiöses oder profanes Ereignis, wie sie sich in der frühislamischen Literatur findet. Der Hadith als "Nachricht" über den Propheten Mohammed stellt eine Sonderform des Chabar dar. Manchmal wird der Begriff Chabar aber auch als gleichbedeutend mit Hadith verwendet. Ein weiterer Begriff, der Überschneidungen mit Hadith aufweist, ist Athar (‏أثر‎ / aṯar / ‚Spur, Zeichen‘) mit dem Plural Āthār (‏آثار‎ / āṯār). Er bezeichnet vor allem Überlieferungen, die den Gefährten (Sahāba) des Propheten zugeschrieben werden, denen in der Jurisprudenz ebenfalls eine normative Bedeutung zugemessen wird. Der Begriff kann aber auch als Bezeichnung für einen Bericht über den Propheten selbst verwendet werden.[1]

Kategorisierungen[Bearbeiten]

Das umfangreiche Hadith-Material wird von den muslimischen Religionsgelehrten (ʿulamāʾ) in mannigfaltige Kategorien eingeordnet.

Nach Anzahl der Überlieferer[Bearbeiten]

Die bedeutendste Klassifikation ist sicherlich diejenige, die sich nach der Anzahl derjenigen Personen richtet, die den jeweiligen ḥadīṯ überliefert. Üblicherweise werden in dieser Kategorie zwei Arten voneinander unterschieden, 1. die aḥādīṯ mutawātira, 2. die aḥādīṯ ʾaḥādīyya. Zusätzlich zu dieser dualistischen Einteilung, die allen Rechtsschulen zu eigen ist, werden in der hanafitischen Rechtschule die 3. aḥādīṯ mašhūra als eine dritte distinktive Gruppe angesehen.[2]

  • 1. aḥādīṯ mutawātira: In diese Kategorie fallen alle aḥādīṯ, die zu jeder Zeit der Überlieferung von so vielen Personen überliefert wurden, dass die schiere Anzahl der Überlieferer eine Fälschung - sei es durch Zufall oder Absprache - unmöglich oder zumindest sehr unwahrscheinlich macht. Auch wenn es heutzutage eines der bedeutendsten Faktoren zur Bewertung eines ḥadīṯ ist, lässt es sich geschichtlich erst relativ spät nachweisen.[3] Diese Definition ist natürlich in der Hinsicht unscharf, als dass die genaue Menge, die zur Erfüllung der Voraussetzungen nötig ist, nicht genau bestimmt wird. Hieraus ergeben sich in der Praxis gewisse Schwierigkeiten, da religiöse Gelehrte sehr unterschiedliche – mitunter willkürlich anmutende - Ansprüche an die Anzahl der Überlieferer stellten.
  • 2. aḥādīṯ aḥādīya: Diese Kategorie umfasst diejenigen Traditionen, über die vom Anfang bis zum Ende der Überliefererkette nur eine oder zwei Personen berichten.[4] Eine alternative Bezeichnung für diese Traditionen ist "Nachricht des einzelnen" (ḫabar al-wāḥid). Ibn Taimīya schreibt, dass mit Ausnahme einiger weniger Kalām-Gelehrter die Rechtstheoretiker der vier sunnitischen Lehrrichtungen allgemein solchen Einzelnachrichten Beweiskraft zuschreiben, "wenn die Umma sie in Form von Beglaubigung oder Ausführung akzeptiert hat."[5] Unter denjenigen Gelehrten, die solchen Einzeltraditionen die Beweiskraft abgesprochen haben, nennt er al-Bāqillānī, al-Ghazali, Ibn ʿAqīl, Ibn al-Dschauzī und al-Āmidī.[6]
  • 3. aḥādīṯ mašhūra: In diese Kategorie fallen alle jene aḥādīṯ, die in den ersten Generationen nach Muḥammads Tod von einzelnen Personen überliefert wurden, im weiteren Verlauf der Geschichte aber größere Verbreitung und Akzeptanz in der umma gefunden haben und sich folglich auch vermehrt Überlieferer ausmachen lassen. Der Status der Nachricht wechselt also zu einem bestimmten Zeitpunkt von ʾaḥād auf mutawātir.

Nach Art der Verbindung des Isnad[Bearbeiten]

Ein Hadith besteht aus seinem Inhalt (matn) und einer vorangestellten Überliefererkette (isnad), die die Namen der Überlieferer (Traditionarier) in ihrer chronologischen Kontinuität bis in die Zeit des Propheten enthält; das letzte Glied in dieser Kette sei immer einer der Prophetengefährten (sahaba), der als Zeuge die Aussage des Propheten zitiert. Die Kategorisierung der Hadithe orientiert sich entweder am Isnad oder am Inhalt desselben. Die Einteilung der Hadithe nach den Isnaden erfolgt somit nach äußeren, formalen Kriterien und sagt über die Echtheit der Inhalte der Überlieferungen zunächst nichts aus. Ein Isnad kann sein:

  • musnad / ‏ مسند ‎ / ‚lückenlos auf die sahaba zurückgeführt‘ und muttasil / ‏متصل ‎ / ‚zusammenhängend; kontinuierlich‘: eine chronologisch ununterbrochene Überliefererkette mit dem Prophetengefährten als Kronzeugen der Aussage. Seiner Form nach spricht man in diesem Fall von einem hadīth marfūʿ / ‏حديث مرفوع ‎ / ḥadīṯ marfūʿ / ‚zurückgeführt auf den Propheten‘.
  • mursal / ‏ مرسل ‎ / ‚unvollständig‘: in der Kette fehlt der Prophetengefährte als Kronzeuge, obwohl die darauf folgende Autorität einen Prophetenspruch zitiert, oder der Prophetengefährte als direkter Vermittler der Tradition keine Anerkennung findet. In diesem Fall spricht die Traditionsliteratur von marasil as-sahaba, wie z. B. die mursal-Tradition des ʿAbd Allāh ibn ʿAbbās, der im Todesjahr Mohammeds erst dreizehn Jahre alt gewesen sein soll.
  • munqaṭiʿ / ‏ منقطع ‎ / ‚unterbrochen‘ ist mit dem mursal verwandt; in diesem Isnad fehlt ein Vermittler an einer anderen Stelle, z. B. zwischen der dritten und vierten Generation der Überlieferungschronologie. Seiner Form nach spricht man in diesem Fall von einem ḥadīth maqṭūʿ / ‏ حديث مقطوع‎ / ḥadīṯ maqṭūʿ / ‚unterbrochener Hadith‘.
  • muʿḍil / ‏ معضل ‎ / ‚rätselhaft‘ und muʿallaq / ‏ معلق ‎ / ‚unentschieden; fraglich‘ ist ein Isnad, in dem zwei oder gar mehrere Vermittler in der Überliefererkette fehlen oder aus unterschiedlichen Gründen, die die Hadithkritik zu erörtern hat, absichtlich nicht genannt werden. Somit ist ein muʿḍil auch munqaṭiʿ, also unterbrochen in der Kette, aber nicht alle munqaṭiʿ' sind muʿḍil.

In der Entwicklungsgeschichte der Hadithliteratur und der Hadithkritik haben die islamischen Gelehrten durch ihre scharfsinnige Kritik an der Struktur der Isnade weitere Kategorien geschaffen.

Nach Authentizität[Bearbeiten]

  • Sahīh / ‏صحيح‎ / ṣaḥīḥ / ‚gesund, authentisch‘;
  • Hasan / ‏حسن‎ / ḥasan / ‚schön, gut‘ sind Traditionen nach dem Propheten, die sowohl inhaltlich als auch mit Hinblick auf ihre Überlieferer allgemeine Akzeptanz haben und somit normativen Charakter in der Anwendung der Sunna, der zweiten Quelle der Jurisprudenz besitzen;
  • Daʿīf / ‏ضعيف‎ / ḍaʿīf / ‚schwach‘ ist dagegen eine Tradition, die man – wie es Ahmad ibn Hanbal definiert – in der Rechtspraxis trotz ihrer zweifelhafter Authentizität in bestimmten Fällen als Sunna anwendet, bevor man auf die Analogie (Qiyās) als weitere Quelle der Jurisprudenz zurückgreift. Allerdings hat sich diese im Traditionalismus und nicht im Fiqh verwurzelte Ansicht Ibn Hanbals in der Hadithkritik nicht durchgesetzt. Denn ein „schwacher“ Hadith ist in der Jurisprudenz kein Argument (ḥuǧǧa). Der Hadith-Gelehrte an-Nawawī erklärte, dass man bei einem schwachen Hadith, den man ohne Isnad zitiert, nicht apodiktisch sagen dürfe: "der Gottesgesandte hat gesagt" (qāla rasūl Allāh) oder Ähnliches, sondern nur: "es wird über ihn überliefert" (ruwiya ʿan-hu), "uns ist über ihn zu Ohren gekommen" (balaġa-nā ʿan-hu) oder dergleichen.[7]

Diese drei Hauptkategorien der Hadithe haben zahlreiche, von der islamischen Hadithwissenschaft nach unterschiedlichen Kriterien entwickelte und definierte Unterkategorien; die wichtigste unter ihnen ist ein hadith mutawatir / ‏ حديث متواتر‎ / ḥadīṯ mutawātir / ‚allgemein verbreiteter, von vielen zitierter Hadith‘, der als authentisch (sahih) gilt und zugleich über mehrere glaubwürdige Überliefererketten auf den Propheten zurückgeht.

  • Maudūʿ / ‏موضوع ‎ / mauḍūʿ / ‚gefälscht‘ – aus dem Verb w-ḍ-ʿ = „erfinden“, im Sinne von „fälschen“ – ist ein Hadith, dessen Inhalt (matn) und Überliefererkette (Isnad) erfunden und somit als Fälschungen anzusehen sind.

Hadīth nabawī und Hadīth qudsī[Bearbeiten]

Während der überwiegende Teil der Hadithe als prophetischen (‏نبوي‎ / nabawī) Ursprungs gilt, gibt es andere, denen ein göttlicher Ursprung zugesprochen wird. Sie werden als Hadīth qudsī (arabisch ‏حديث قدسي‎, DMG ḥadīṯ qudsī ‚heiliger Hadith‘) bezeichnet. Ein Hadīth qudsī enthält die Worte Gottes nicht im Wortlaut wie im Koran, sondern nur sinngemäß und vom Propheten Mohammed weitergegeben. Ein solcher Hadith kann durch göttliche Inspiration (ilham) oder durch einen Traum entstehen und unterscheidet sich somit von der Offenbarung (wahy) des Koran, die nach muslimischem Glauben das reine Gotteswort darstellt. Glaubt jemand nicht an die Offenbarung, wird er des Unglaubens beschuldigt; dies ist in Bezug auf den hadith qudsi nicht der Fall. Solche Hadithe dürfen im islamischen Ritualgebet nicht gesprochen werden. Die ersten Sammlungen dieser Traditionen sind relativ späten Ursprungs und stammen aus dem 13. und 15. Jahrhundert.

Geschichte der Hadithliteratur[Bearbeiten]

Anfänge[Bearbeiten]

Hadithe wurden zunächst mündlich mit Angabe ihrer Überlieferer (Isnad) weitergegeben. Die ältesten, heute erhaltenen Sammlungen von Hadithen auf Papyri reichen ins frühe 8. Jahrhundert zurück.[8] Die ersten, nach Themen angeordneten Sammlungen entstanden aber erst im 9. Jahrhundert.

In der zeitgenössischen Islamforschung ist es trotz einschlägiger Arbeiten von Aloys Sprenger, Ignaz Goldziher, Nabia Abbott, Fuat Sezgin und anderen umstritten, wann die schriftliche Fixierung, Sammlung und Überlieferung von Inhalten (Matn) der Hadithe zusammen mit ihren Überliefererketten (Isnad) genau anzusetzen sind. Heute hält man es für wahrscheinlich, dass es schon im ersten muslimischen Jahrhundert (7. Jahrhundert n. Chr.) Aufzeichnungen von Prophetentraditionen gegeben hat, die nach ihrer mündlichen Überlieferung in kleinen Schriftrollen oder Heften zusammengefasst wurden. F. Sezgin hat in seiner Geschichte des arabischen Schrifttums (Bd. 1) anhand islamischer Quellen einige Nachrichten zusammengetragen, die zwar über die Existenz früher Hadith-Sammlungen berichten, aber über ihre Inhalte nur wenig Verwertbares aussagen. Am Forschungsstand hat sich in diesem Zusammenhang seit Goldzihers abwägender Feststellung im Wesentlichen nichts geändert:

„Nichts steht der Voraussetzung im Wege, dass die Genossen [Goldziher meint die sahaba] und Schüler Aussprüche und Verfügungen des Propheten durch schriftliche Aufzeichnung vor Vergessenheit bewahren wollten.“

Ignaz Goldziher: Muhammedanische Studien, Bd. 1, S. 9

Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen trugen keine bestimmten Werktitel; man nannte sie sahifa ‏صحيفة ‎ / ṣaḥīfa / ‚Schriftrolle‘, oder dschuz' ‏ جزء‎ / ǧuzʾ / ‚Teil; Abschnitt; kleines Heft‘.[9] Diese Sammlungen, die Fuat Sezgin unter diesen Bezeichnungen aufzählt[10], gehen zwar auf Autoritäten im ersten und zweiten muslimischen Jahrhundert (7. bis 8. Jh. n. Chr.) zurück, sind aber Abschriften, die etwa 500 Jahre später erstellt wurden. Die ältesten literarischen – d. h. außerkoranischen – Schriften auf Papyrus sind erstmals durch die Publikationen von Nabia Abbott bekannt geworden.[11]

Zu erwähnen sind auch Widerstände in der Frühgeschichte des Islams gegen die Niederschrift von Mohammeds Aussagen und Lehrsprüchen, die durch die Überlieferungskette Isnad übermittelt wurden. Zur Zeit des Traditionariers al-Qasim ibn Muhammad († 728), des Enkels von Abu Bakr berichtete man, dass der Kalif Omar die schriftliche Fixierung des Hadith mit den Worten missbilligt haben soll: Das ist eine (schriftliche) „mathnat“ wie die „mathnat“ (aram.Mischna) der Schriftbesitzer.[12]

Hadith-Kritik[Bearbeiten]

Die Verbreitung des Traditionsmaterials in Form von Hadithen, in ihrer Einheit von Isnad und matn (Inhalt; die Aussage an sich), vor allem das Anwachsen dieses Materials führte zwangsläufig nicht nur zur Kategorisierung der Hadithe nach ihrer formalen Struktur, sondern förderte die Entstehung eines wichtigen Wissenschaftszweiges unter den islamischen Wissenschaften, den man als 'ilm al-ridschal / ‏ علم الرجال‎ / ʿilmu ʾr-riǧāl / ‚die Wissenschaft (über) die „Männer“, d. h. der Überlieferer von Hadithen‘ bezeichnet. Dieser Wissenschaftszweig ist bereits in der zweiten Hälfte des 2. muslimischen Jahrhunderts (Ende des 8. Jahrhunderts) die Grundlage der Hadithkritik gewesen und hatte nicht die Traditionen oder den formalen Aufbau der Isnade zum Gegenstand, sondern untersuchte die Lebensumstände und die wissenschaftlichen Qualifikationen der in den Isnaden genannten Überlieferer (der „Männer“). Diese hadithkritischen Untersuchungen der Traditionarier – der Überlieferer der Hadithe  (ruwat al-hadith)– fanden schließlich in der Herausbildung einer umfangreichen biographischen Literatur ihren Niederschlag, die von den kleinen, kurzgefassten Namenslisten in den Anfängen zu großangelegten, mehrbändigen Biographien im islamischen Mittelalter führten. Man nennt diese Werke kutub ar-ridschal / ‏ كتب الرجال‎ / kutubu ʾr-riǧāl / ‚Bücher über die Traditionarier‘ in denen sowohl der Lebenslauf der angegebenen Personen, ihre Kontakte zu anderen Gelehrten als auch die hadith-kritischen Prädikate, die man mit ihren Namen jeweils verbunden hat, Erwähnung finden. Es war stets wichtig, auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis des Überlieferers hinzuweisen, um die Kriterien seiner Zuverlässigkeit als Überlieferer nach seinen älteren Quellen - nach seinen Lehrern und schriftlichen Aufzeichnungen in seinem Besitz - überprüfen zu können. Unter diesen umfassenden Gelehrtenbiographien sind die Werke von Al-Maqdisī, al-Mizzi, al-Dhahabi und Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī die wichtigsten. Die Lokalhistoriker wiederum haben es verstanden, in ihren Werken zur Stadtgeschichte auch die Biographien derjenigen Traditionarier zu berücksichtigen und gemäß den Kriterien der Hadithkritik vorzustellen, die in der betreffenden Stadt oder Region gelebt und gewirkt haben. Die Werke von Ibn 'Asakir für die Stadtgeschichte von Damaskus und von al-Chatib al-Baghdadi für Bagdad sind in diesem Sinne konzipiert.

Die wichtigsten Prädikate, die die Hadithkritik zu vergeben hatte, sind: thiqa / ‏ ثقة‎ / ṯiqa / ‚glaubwürdig, zuverlässig‘; mutqin / ‏ متقن‎ / mutqin / ‚genau‘; huddscha / ‏حجّة ‎ / ḥuǧǧa / ‚beweiskräftig‘; 'adl / ‏ عدل‎ / ʿadl / ‚gerecht, korrekt‘; hasan al-hadith / ‏حسن الحديث ‎ / ḥasanu ʾl-ḥadīṯ / ‚guter (Überlieferer) von Hadithen‘. Auf der anderen Seite der Kritik stehen dann: da'if / ‏ ضعيف‎ / ḍaʿīf / ‚schwacher, nicht glaubwürdiger Traditionarier‘; kadhdhab / ‏ كذّاب‎ / kaḏḏāb / ‚Lügner‘; sariqu 'l-hadith / ‏سارق الحديث ‎ / sāriqu ʾl-ḥadīṯ / ‚Hadith-Dieb‘. Ein besonderes Prädikat ist mudallis / ‏ مدلّس‎: er verfälscht die Isnade dadurch, dass er die Namen „schwacher“ Traditionarier durch „glaubwürdige“ ersetzt, um ein Hadith als Argumentationsgrundlage im Recht, in der Theologie einsetzen zu können. In der Hadith-Literatur ist es verpönt, Hadithe zu überliefern, in deren Isnaden schwache Traditionarier erscheinen. Deshalb hat man die Namen der schwachen, d. h. unzuverlässigen Traditionarier in den sog. kutub al-du'afa' / ‏ كتب الضعفاء‎ / kutubu ʾḍ-ḍuʿafāʾ / ‚Bücher über die schwachen (Traditionarier)‘ samt den von ihnen überlieferten Hadithen zusammengestellt. Die älteste Sammlung, die wiederum die Namen der glaubwürdigen Überlieferer, die im Irak gewirkt haben, enthält, ist unter dem Titel kitab al-thiqat / ‏ كتاب الثقات‎ / kitābu ṯ-ṯiqāt / ‚Das Buch der glaubwürdigen (Traditionarier)‘ aus dem späten 2. muslimischen Jahrhundert erhalten (frühes 9. Jahrhundert n. Chr.). Es handelt sich dabei um eine einfache Liste von Gelehrtennamen ohne weitere biographische Angaben.

Ignaz Goldziher hat in seinen bahnbrechenden[13] Muhammedanischen Studien (Halle 1889-1890) das Wesen der Hadithkritik treffend zusammengefasst:

„Man ging jedem einzelnen der in den Isnaden erwähnten Gewährsmänner nach, um seinen Charakter zu ergründen, um zu erfahren, ob er moralisch und religiös unanfechtbar sei, ob er nicht Propaganda für antisunnitische Zwecke mache, ob seine Wahrheitsliebe im allgemeinen als erwiesen gelten könne, ob er die persönliche Fähigkeit habe, das Gehörte treu wiederzugeben, ob er ein Mann sei, dessen Zeugenschaft in civilrechtlichem Sinne vom Richter unbedenklich zugelassen würde. Denn die Hadithüberlieferung betrachtete man als die erhabenste Form der Schahāda, der Zeugenaussage, da der Rawi (d. h. der Überlieferer) ein für die Gestaltung des religiösen Lebens höchst wichtiges Zeugnis ablegt darüber, dass er diese oder jene Worte von dem oder jenem gehört habe.“

Muhammedanische Studien. II. S. 142

Philologische Hadith-Kommentare[Bearbeiten]

Neben der Beschäftigung mit der Authentie der Traditionen und ihrer Überlieferer entwickelte sich bereits relativ früh, in der Mitte des 2. muslimischen Jahrhunderts (Ende des 8. Jahrhunderts n. Chr.), ein neuer Wissenschaftszweig: die Interpretation und Erläuterung schwieriger, nicht allgemein bekannter und nur selten benutzter Wörter in den Hadithen. Die meistens alphabetisch angeordneten Sammlungen bezeichnete man als ‏غريب الحديث‎ / ġarīb al-ḥadīṯ / ‚seltene (Begriffe) im Hadith‘. In diesen Werken griffen die Autoren neben den linguistischen Erklärungen von Wörtern auch auf Zeilen in der arabischen Poesie zurück, um durch sie die Verwendung und Bedeutung solcher Begriffe zu erklären. [14]

Hadith-Sammlungen[Bearbeiten]

Hinsichtlich der Hadith-Sammlungen wird zwischen zwei Typen unterschieden. In Sammlungen des Typs Musannafمصنف‎ / muṣannaf / ‚sortiert, klassifiziert‘ werden die Hadithe nach inhaltlichen Gesichtspunkten angeordnet.[15] Es finden sich Kapitel über die rituelle Reinheit/Gebet/Pilgerfahrt/Eheschließung/Scheidung/Vertrags- und Kaufrecht usw. Einer der ersten Gelehrten, der ein solches Werk verfasste, war der mekkanische Gelehrte Ibn Dschuraidsch (st. 748).[16] Ein weiteres Werk des späten achten Jahrhundert, das diesem Typ nahesteht, ist der Muwatta' von Mālik ibn Anas. Es ist allerdings nicht klar, ob dieses Werk eher als eine Hadith-Sammlung oder als ein corpus iuris der medinensischen Rechtsschule zu verstehen ist, denn es wird immer wieder durch lange Abschnitte rein juristischer Überlieferungen – auch durch die Darstellung von Ra'y (opinio) – unterbrochen. Weitere wichtige Werke des Musannaf-Typs verfassten im achten Jahrhundert ʿAbd ar-Razzāq ibn Hammām (st. 827 im Jemen), Ibn Abī Schaiba (st. 849), al-Buchārī (st. 870) und Muslim ibn al-Haddschādsch (st. 875).

Der andere wichtige Typ von Hadith-Sammlungen ist nach den Gefährten Mohammeds geordnet, die als direkte Überlieferer der Aussagen und Taten des Propheten in den Isnaden erscheinen. Darunter finden sich auch anonyme Gefährten, deren Namen man in der Folgegeneration nicht mehr kannte. Sammlungen dieses Typs werden als Musnad-Werke bezeichnet. Zu den frühesten Gelehrten, die Musnad-Werke zusammengestellt haben, gehörten at-Tayālisī (st. 819), al-Humaidī (st. 834) und Ahmad Ibn Hanbal (st. 855). Auch die Muʿdscham-Werke von Abū l-Qāsim at-Tabarānī folgen diesem System. Eine Besonderheit des Werkes von Ahmad Ibn Hanbal besteht darin, dass in seinem letzten Band die Frauen Mohammeds und andere Frauen, die nach dem Propheten überliefern konnten, genannt werden.

Eine Untergruppe der Musannaf-Werke stellen die sogenannten Sunan-Werke dar. Hierbei handelt es sich um Sammlungen, die besonders solche Hadithen aufführen, die sich mit den Regeln des Alltags befassen.[17] Werke dieses Typs haben ad-Dārimī (st. 869), Ibn Madscha (st. 887), Abū Dāwūd as-Sidschistānī (st. 889), at-Tirmidhī (st. 892) und an-Nasa'i (st. 915) zusammengestellt. Unter diesen Hadithwerken ist das fünf Bände starke Werk von At-Tirmidhi das erste, das sich vor allem durch die kritischen Bemerkungen des Verfassers zu den Isnaden und durch die Erwähnung der Ansichten der Rechtsschulen über die einzelnen Hadithe hervorsticht.[18]

Ab dem 11. Jahrhundert zeichnete sich im sunnitischen Islam die Tendenz ab, bestimmten Hadith-Sammlungen einen kanonischen Rang zuzuschreiben. Eine besondere herausgehobene Rolle spielten dabei die zwei Sammlungen mit "gesunden" Hadithen von al-Buchārī und Muslim ibn al-Haddschādsch. Zusammen mit den vier Sunan-Werken von Ibn Mādscha, Abū Dāwūd as-Sidschistānī, at-Tirmidhī und an-Nasā'ī bilden sie die sogenannten „sechs Bücher“ (al-Kutub as-sitta), die den klassischen Kanon der sunnitischen Hadith-Sammlungen darstellen. Umgekehrt gab es bei den Zwölfer-Schiiten eine Gruppe von "vier Büchern" Kutub arba'a, die in den Rang von kanonischen Traditionssammlungen erhoben wurden.

Später wurde es populär, zu bestimmten Themenfeldern Sammlungen von jeweils vierzig Hadithen zusammenzustellen. Eine beliebte Vierziger-Sammlung dieser Art ist das Kitab al-arba'in hadithan („Das Buch von den vierzig Hadithen“) von dem syrischen Gelehrten Yahya ibn Scharaf ad-Din an-Nawawi (st. 1278). Die Hadithe dieser Sammlung sind vor allem moralischen Inhalts. An-Nawawī stellte außerdem in den Riyad as-Salihin („Gärten der Tugendhaften“) eine umfangreiche Sammlung von Traditionen zu moralisch-erzieherischen Zwecken zusammen.

Zwar hatten die "sechs Bücher" im sunnitischen Islam einen kanonischen Rang, doch gab es später immer wieder Gelehrte, die neue Hadith-Sammlungen zusammenstellten, in denen sie die Hadithe aus den sechs Büchern um "Zusätze" (zawāʾid) ergänzten. Ein besonders bekanntes solches Zawāʾid-Werk ist die Sammlung Maǧmaʿ az-zawā'id wa-manbaʿ al-fawā'id von ʿAlī ibn Abī Bakr al-Haithamī (st. 1405). Sie listet neben den Hadithen aus den sechs Büchern auch die Hadithe aus den Musnad-Werken von Ahmad ibn Hanbal, Abū Yaʿlā (st. 889), al-Bazzār (st. 905) sowie den drei Muʿdscham-Werken von Abū l-Qāsim at-Tabarānī auf.[19]

Hadith-Forschung[Bearbeiten]

Für die Suche nach einem gegebenen Hadith empfiehlt sich die Arbeit mit der Hadith-Konkordanz von A. J. Wensinck et alii, die alle Hadithe der großen sechs Sammlungen sowie die Traditionen bei Malik ibn Anas und Ibn Hanbal nach den Regeln einer Konkordanz auflistet. Die Sammlung von Ahmad Ibn Hanbal war nicht thematisch geordnet, und die Arbeit mit ihr stellte eine besondere Herausforderung dar. Sie sind inzwischen von A. M. Omar klassifiziert und thematisch geordnet worden. Die CD-ROM al-Alfiyya li-s-sunna al-nabawiyya ‏الألفية للسنة النبوية‎ erfasst 1300 Hadithsammlungen und hadithspezifische Bücher.

In der Hadith-Forschung der Gegenwart spielt das elf Bände umfassende frühe Musannaf-Werk von ʿAbd ar-Razzāq ibn Hammām eine besonders wichtige Rolle. In ihm werden vor allem die Rechtsnormen der mekkanischen und medinensischen Schulen dargelegt. Das Werk wurde 1970 in Beirut zum ersten Mal ediert.[20]

Andere Bedeutungen von Hadith[Bearbeiten]

Als koranischer Terminus ist hadith auch die Offenbarung Gottes:

„Gott hat die beste Verkündigung[21] (die man sich überhaupt denken kann, als Offenbarung) herabgesandt, eine sich gleichartig wiederholende Schrift…“

– Sure 39, Vers 23

Als Synonym verwendet die islamische Tradition – in inhaltlicher Anlehnung an den obigen Koranvers – den Begriff kalām (Rede, Parole, Aussage), indem man den Propheten wie folgt zitiert: „die beste Rede (kalām) ist das Gotteswort (kalāmu ʾllāh) und die beste Leitung (zum Glauben) ist die Leitung Mohammeds“.

Literatur[Bearbeiten]

Übersetzungen[Bearbeiten]

  •  Ṣaḥīḥ al-Buḫārī. Nachrichten von Taten und Aussprüchen des Propheten Muhammad. Reclam, Stuttgart 1991 (übersetzt von Dieter Ferchl), ISBN 3-15-004208-9.
  •  Das Buch der Vierzig Hadithe. Kitab al-Arba'in. Mit dem Kommentar von Ibn Daqiq al-'Id al-Nawawi. Verlag der Weltreligionen, Frankfurt am Main 2007 (übersetzt von Marco Schöller), ISBN 978-3-458-70006-7.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • John Burton: An Introduction to the Hadith. Edinburgh 1994 ISBN 0-7486-0435-9 (Reprint 2001)
  • Ignaz Goldziher: Über die Entwicklung des Hadith. In: Muhammedanische Studien. Bd. II. Halle 1890. ISBN 3-487-12606-0 (Reprint 2004)
  • Josef Horovitz: Alter und Ursprung des Isnad. In: Islamica. 8/1918. S. 39 ff.
  • Birgit Krawietz: Hierarchie der Rechtsquellen im tradierten sunnitischen Islam, Berlin: Duncker & Humblot, 2002.
  •  Rüdiger Lohlker (Hrsg.): Hadithstudien – Die Überlieferungen des Propheten im Gespräch. Festschrift für Prof. Dr. Tilman Nagel. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, ISBN 978-3-8300-4193-1.
  • Miklos Muranyi: Fiqh. Der Ḥadīṯ als Quelle des Fiqh. In: Helmut Gätje (Hrsg.): Grundriss der Arabischen Philologie. Bd. II. Literaturwissenschaft. Wiesbaden 1987. S. 301–306. ISBN 3-88226-145-5
  • Abdul Mannan Omar: Codification According to the Subject Heading of Musnad Imam Ahmad bin Muhammad bin Hanbal. 10 Bände. Noor Foundation. 2005.(Bd. I.). ISBN 0-9632067-6-1
  • J. Robson: Art. "Ḥadīth" und "Ḥadīth qudsī" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. III, S. 23b-29a.
  • Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Bd. I. Kap. Hadith. S. 53–233. Brill. Leiden 1967. ISBN 90-04-02007-1 (Reprint 1996)
  • Muhammad Zubayr Siddiqi: Hadith Literature. Its Origin, Development & Special Features. Cambridge 1993.
  • Arent Jan Wensinck: Concordance et Indices de la tradition musulmane: les Six Livres, le Musnad d'Al-Darimi, le Muwatta` de Malik, le Musnad de Ahmad ibn Hanbal. Reprint. Leiden 1992. ISBN 90-04-09714-7

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Robson 23b.
  2. Birgit Krawietz (2002), S. 135.
  3. G. H. A. Juynboll: (Re)Appraisal of Some Technical Terms in Hadith Science, in: Islamic Law and Society, Bd. 8, Nr. 3, Leiden: Brill, 2001, S. 326.
  4. Vgl. Krawietz 141.
  5. Iḏā talaqqat-hu l-ummatu bi-l-qubūli taṣdīqan la-hū au ʿamalan bi-hī, so in al-Muqaddima fī uṣūl at-tafsīr. Ed. Maḥmūd M. Maḥmūd an-Naṣṣār. Kairo: Dār al-Ǧīl li-ṭ-ṭibāʿa o.D. S. 77.
  6. Vgl. Ibn Taimīya: al-Muqaddima S. 77.
  7. Vgl. Yaḥyā Ibn-Šaraf an-Nawawī: at- Taqrīb wa-t-taisīr li-maʿrifat sunan al-bašīr an-naḏīr. Ed. Muhammad ʿUṯmān al-Ḫušt. Beirut, Dār al-Kitāb al-ʿArabī, 1985. S. 48.
  8. Siehe die von Nabia Abbott publizierten Fragmente:Studies in Arabic Literary Papyri. Vol. II. Qurʾānic Commentary and Tradition. Chicago 1967
  9. Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums, Bd. 1, S. 54
  10. Fuat Sezgin, op.cit. 84 ff.
  11. Nabia Abbott: Studies in Arabic Literary Papyri. I. Historical Texts. Chicago University Press 1957
  12. Zitiert nach: Muhammad ibn Sa'd: K. at-Tabaqat (ed. K. V. Zetterstéen), Brill, Leiden 1905, Band 5, S. 140: „maṯnātun ka-maṯnāti ahli ʾl-kitāb“; Ignaz Goldziher: Muhammedanische Studien, Bd. 2, S. 209; Siehe auch: Encyclopedia Judaica, Bd. 9, S. 103.
  13. Zu Goldzihers Methodologie vgl. z.B. Talal A.H. Maloush: Early Hadith literature and the theory of Ignaz Goldziher, Diss. Edinburgh 2000.
  14. The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden. Bd. 2, S. 1011 (gharīb)
  15. The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden. Bd. 7, S. 662; F. Sezgin, Bd. 1, S. 55.
  16. Vgl. Harald Motzki: Die Anfänge der islamischen Jurisprudenz. Stuttgart 1991. S. 244.
  17. Vgl. Siddiqi S. 61.
  18. F. Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Bd. 1, S. 154
  19. Vgl. İsmail Lütfi Çakan: Hadîs edebiyâtı: çeşitleri, özellikleri, faydalanma usulleri. İstanbul: Marmara Üniversitesi 1985. S. 128.
  20. F. Sezgin, Bd. 1, S. 99; Harald Motzki: Die Entwicklung der islamischen Jurisprudenz. Ihre Entwicklung in Mekka bis zur Mitte des 2./8. Jahrhunderts. Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes. Bd. L,2. Stuttgart 1991; ders.: The Muṣannaf of ʿAbd al-Razzāq al-Ṣanʿānī as a source of authentic aḥādīth of the first century a. H. In: Journal of Near Eastern Studies (JNES), 50 (1991), S. 1–21
  21. Allāhu nazzala aḥsana ʾl-ḥadīṯi...