Zaiditen
Die Zaiditen (arabisch زيدية, DMG Zaidīya) oder Fünfer-Schiiten bilden innerhalb des Islams einen Zweig der Schiiten. Sie verfügen über eine eigene Rechtsschule und sind seit dem 9. Jh. vor allem im Jemen verwurzelt, wo ihre Imame bis 1962 über ein selbstständiges Fürstentum herrschten.
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Lehre [Bearbeiten]
Die Zaiditen führen sich auf Zaid ibn Ali zurück, einen Enkel des Prophetenenkels Husain, der sich 740 in Kufa gegen die Herrschaft der Umayyaden erhoben und dabei den Tod gefunden hatte. Für die Zaiditen war Zaid der rechtmäßige fünfte Imam der Schia, und nicht sein Bruder Muhammad al-Baqir (gest. 731).
Die Zaiditen haben im Vergleich mit den sogenannten Imamiten oder Zwölfer-Schiiten kaum iranische Elemente in ihren Glauben aufgenommen. Unter den schiitischen Gruppen stehen die moderaten Zaiditen den Sunniten am nächsten. Sie unterscheiden sich von ihnen vor allem durch ihre politische Theorie, nach der die Führung der islamischen Gemeinde ausschließlich den Nachkommen Mohammeds über dessen Enkel Hasan und Husain vorbehalten ist (die meisten Zaiditen-Imame waren Hasaniden). Die Familie Mohammeds (Ahl al-bait) hat einen höheren Stellenwert, weil Mohammed über seinen Cousin und Schwiegersohn Ali ibn Abi Talib am Teich von Chumm gesagt haben soll: „Allen, denen ich gebiete, soll auch Ali gebieten!“. Die Zaiditen kennen nach Zaid ibn Ali jedoch keine einheitliche, feste Imam-Reihe, ihr alidisches Oberhaupt muss sich vielmehr durchsetzen und dabei durch bestimmte Qualitäten auszeichnen: Neben der noblen Abstammung muss es eine tiefe Kenntnis des islamischen Rechts (Fiqh) vorweisen können, körperlich und geistig ohne Makel, männlichen Geschlechts, volljährig, rechtschaffen, mutig und freigebig sein sowie Organisationstalent aufweisen. Die Bestimmung erfolgt theoretisch auch nicht durch Wahl oder Designation des Vorgängers, sondern durch Autoproklamation (da'wa „Ruf“) eines Prätendenten, der alle Bedingungen der legitimen Führerschaft (schurut al-imama) in sich erfüllt glaubt. Trotzdem erkennen die Zaiditen die ersten drei Kalifen an. Damit ist die von al-Qasim ibn Ibrahim ar-Rassi (gest. 860) gegründete zaiditische Rechtsschule, welche sich nur noch in den nördlichen Regionen der Republik Jemen erhalten hat, die einzige, die sowohl die Familie Mohammeds als auch die Gefährten des Propheten (Sahaba) anerkennt.
Geschichte [Bearbeiten]
Die Zaiditen von Tabaristan [Bearbeiten]
An der Südküste des Kaspischen Meeres, in Tabaristan, gelang es den Zaiditen 864, ein kleines Fürstentum zu errichten, das jedoch politisch wenig von Bedeutung war. Der wichtigste Herrscher dieser hasanidischen Lokaldynastie (siehe Herrscherliste) war der Imam al-Utrusch (10. Jh.), dessen Lehre sich in einigen Punkten von jener der jemenitischen Zaiditen unterschied.
Die jemenitischen Zaiditen [Bearbeiten]
Das jemenitische Zaiditen-Imamat und seine Dogmatik geht auf einen Nachkommen Hasans namens al-Qasim ibn Ibrahim ar-Rassi zurück, welcher im 9. Jh. in Medina lebte. Als sein Enkel Yahya al-Hadi 897 in den nördlichen Jemen kam, gründete er ein Fürstentum mit der Hauptstadt Sada, dessen erste Herrscherdynastie als Rassiden bekannt ist. Zwar mussten sich die Zaiditen in der Folgezeit unter anderem gegen Angriffe der Yuʿfiriden, Sulaihiden und Hamdaniden behaupten, doch sollten ihre Imame bis 1962 an der Macht bleiben. Hin und wieder gelang es ihnen auch, Sanaa zu erobern und ihre Herrschaft über das jemenitische Bergland hinaus auszuweiten. Nach dem Sturz der sunnitischen Rasuliden (1454) konnte sogar der Südjemen unterworfen werden.
Mit der Entdeckung des Seeweges nach Indien geriet der Jemen verstärkt in den Blickpunkt europäischer Handelsmächte. Zunächst konnten Angriffe der Portugiesen [1513) und Mamluken auf Aden (1515–1517) abgewehrt werden. Nach der Eroberung von Ägypten begannen auch die Osmanen mit der Eroberung des Jemen. Zwar gelang diesen die Besetzung von Aden, doch konnte das Bergland (bis 1548) nur unter sehr hohen Verlusten unterworfen werden. Zwischen 1537 und 1600 sollen allein 70.000 osmanische Soldaten im Jemen gefallen sein.
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erwuchs den Osmanen mit dem Prophetennachkommen al-Qasim ibn Muhammad ein neuer und gefährlicherer Gegenspieler. Al-Qasim erklärte sich 1597 in der Provinz „asch-Scharaf“ (nordwestlich von Sanaa gelegen) zum Imam (d. h. zum religiös-politischen Führer der muslimischen Gemeinde) und rief die Bevölkerung zum Dschihad gegen die Osmanen auf. Unter seinem Sohn al-Muayyad Muhammad (1620–1644) zwangen zaiditische Truppen, die sich vor allem aus Stammesleuten zusammensetzten, die Osmanen zur Räumung des Landes und begründeten damit die qasimidische Dynastie. Nach heftigen Kämpfen zogen die letzten osmanischen Truppen 1635 aus dem Jemen ab.
Nach dem osmanischen Abzug konnten die Zaiditen unter Imam al-Mutwakkil Ismail (1644–1676) wieder den gesamten Jemen bis nach Dhofar vereinigen. In dieser Zeit kam es durch den Anbau von Kaffee und dessen Handel zu einem großen Wirtschaftsaufschwung. Zentrum des blühenden Kaffeehandels wurde al-Mucha (eingedeutscht Mokka), in dem die Niederländer, Engländer und Franzosen Handelsniederlassungen errichteten. Im 18. Jahrhundert endete allerdings der Aufschwung, als die Holländer mit dem Kaffeeanbau in ihren Kolonien in Indonesien begannen. Damit war der jemenitische Kaffee nun nicht mehr konkurrenzfähig und es begann der wirtschaftliche Niedergang. Auch konnte sich in dieser Zeit der Südjemen von den Zaiditen lösen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts geriet der Jemen wieder verstärkt in den Blickpunkt der regionalen und internationalen Großmächte. So besetzten zunächst die Wahabiten die Tihama (1803) wurden aber von den Ägyptern abgelöst (1821–1840). Dies führte wiederum zur Besetzung Adens durch Großbritannien, das sich den Zugang zum Roten Meer sichern wollte (1839). In der Folgezeit sollte der Südjemen unter britischer Herrschaft eine gesonderte Entwicklung durchlaufen.
Im Nordjemen gerieten die Zaiditen nach 1872 wieder unter die Herrschaft der Osmanen. Allerdings mussten diese, nach einem heftigen Guerillakrieg der Zaiditen, Imam Yahya Muhammad Hamid ad-Din (1904–1948) faktisch als Herrscher im Nordjemen anerkennen. Diesem und seinen Nachfolgern gelang es aber nicht das Land zu modernisieren. Wegen der konservativen Herrschaft der Könige, wurde die Monarchie 1962 gestürzt und damit auch die Dynastie der Zaiditen beendet.
Literatur [Bearbeiten]
- Cornelis van Arendonk: Les débuts de l'imamat zaidite au Yemen. Brill, Leiden 1960 (Publications de la Fondation De Goeje 18, ISSN 0169-8303), (Zugleich: Leiden, Univ., Diss., 1919).
Sunnitischer Islam
Hanafiten (nach Abū Ḥanīfa) | Hanbaliten (nach Ahmad ibn Hanbal) | Malikiten (nach Mālik ibn Anas) | Schāfiʿiten (nach asch-Schāfiʿī)
Schiitischer Islam
Dschafariten (nach Dschaʿfar as-Sādiq) | Zaiditen (nach Zaid ibn Ali)
Charidschiten
Ibaditen (nach Jabir bin Zaid)