Vittoria Raffaella Aleotti

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Vittoria Raffaella Aleotti (getauft als Vittoria Elisabetta am 22. September 1575 in der Parochialkirche Santa Maria in Vado/Ferrara, Italien; † unsicher‚ wahrscheinlich nach 1646[1]) war eine italienische Komponistin und Organistin.

Vittoria Raffaella Aleotti war die zweite von fünf Töchtern von Giovanni Battista Aleotti am Hof des Herzogs Alfonso II. d’Este in Ferrara. Den Vornamen Raffaella nahm sie beim Eintritt in das Augustinerinnen-Kloster San Vito in Ferrara 1589 an, unter welchem Namen sie später Priorin des Klosters wurde.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Zur Namensfrage[Bearbeiten]

In der Musikgeschichtsschreibung war lange nicht entschieden, ob unter ihren beiden Vornamen nicht zwei unterschiedliche Komponistinnen zu verstehen sind, da sowohl von Vittoria Aleotti als auch Raffaella Aleotti Kompositionen gedruckt wurden.[2]

Nach MGG 1 1974 traten zwei Schwestern Aleotti, Vittoria und Raffaella, ins Augustinerinnen-Kloster San Vito in Ferrara ein. Dagegen war es nach MGG 2 (nur) Vittoria, die beim Eintritt ins Kloster mit vierzehn Jahren ihren Namen in Raffaella umwechselte.[3]

Nach einem bisher unbeachteten Artikel von Johann Gottfried Walther[4] waren es zwei Schwestern, die Musikunterricht bekamen, die jüngere davon war Vittoria. Gregor Scherf nennt alle fünf Töchter mit Namen und als jüngstes Kind den Sohn G.B. Aleottis. Nach Scherfs Recherchen gingen beide, die älteste und die zweite Tochter (Vittoria) ins Kloster S. Vito.[5] Vittoria nahm im Kloster den Namen Suor Raffaella an. Walther gibt ihre vom Vater 1593 (nachträglich) in Venedig veröffentlichte Madrigal-Sammlung an: „Ghirlanda e Marigali á 4 voci, 21. mit italiänischen Text versehene Stücke, von des ‚Guarini Poesie‘“. Ihren Namen als Nonne zu ändern, entspricht den Riten eines Klosters. Unter dem Namen „Raffaella Aleotti“ wurden, ebenfalls 1593, ihre Sacrae Cantiones à 5, 7, 8 & 10 v.[oces] decantandae in Venedig gedruckt.

Der Name Vittoria taucht seit ihrem 14. Lebensjahr und Eintritt ins Kloster (1588/1589) dort nicht mehr auf, was ihre Namensänderung bestätigt. Allerdings gab es zwei Veröffentlichungen unter Vittorias Namen außerhalb des Klosters (1591 und 1593), wovon die von 1593 laut Johann Gottfried Walther vom Vater iniziiert wurde.

Lebensumstände in Ferrara, Unterricht und erste Kompositionen[Bearbeiten]

Der Vater Giovanni Battista Aleotti war als künstlerisch einflussreicher Architekt, Ingenieur, Bühnenbildner und Ballett-Direktor (?)[6] 22 Jahre lang, bis zum Tod des Herzogs Alfonso II. 1597, am Estensischen Hofe von Ferrara verpflichtet.[7] Er erbaute später das Teatro Farnese in Parma.

Vittoria Aleotti wuchs in künstlerisch bedeutsamer Umgebung auf und bekam, gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Beatrice Lucrezia von Musikern des Ferrareser Hofes Musikunterricht, wie von Johann Gottfried Walther beschrieben. Die Lehrer waren der französische Komponist Alessandro Milleville (*1521 Paris,† 1589 Ferrara), [8] sowie dessen Schüler, der aus Ferrara gebürtige Organist Ercole Pasquini.[9] Zuerst hörte die knapp fünfjährige Vittoria bei ihrer älteren Schwester nur zu, nach einem Jahr erhielt sie Unterricht bei Pasquini. Von der ältesten Aleotti-Tochter wurde, außer ihrem Namen und dem von Walther beschriebenem Unterricht, nichts weiter bekannt.

Die Musik am Estensischen Hof spielte seit Jahrhunderten eine große Rolle in Italien und hat seit der Zeit Alfonsos II., der Zeit des Manierismus, einen besonderen Ruf als „Ferrareser Madrigalschule“.[10] Walther schreibt in seinem Artikel (1532) so detailliert über die Begabung des Kindes Vittoria, als hätte er einen besonderen Gewährsmann dafür gehabt.[11]

Aleotti (Vittoria) die zweyte Tochter des Gio. Battista Aleotti von Argenta, war, als ihre ältere Schwester anfänglich von Alessandro Milleville, und hernach von Ercole Pasquini in der Music informiret wurde, im vierten bis fünfften Jahr ihres Alters allzeit zugegen, fassete unvermercket so viel, daß sie in Jahres-Frist anfieng, so wohl mit Verwunderung der Eltern, als des letztern Informatoris selbst, auf dem Arpicordo (Cembalo) zu spielen; wurde hierauf zwey Jahr lang mit ungemein gutem Success von diesem guten Alten (Pasquini) informiret, auch auf dessen Vorstellung in das zu Ferrara sonderlich wegen der Music berühmte Nonnen-Closter S. Viti gethan, um sich in selbigen noch besser zu perfectionieren […]“

Nach Walther hat sie daraufhin „verschiedene Sachen“ komponiert. Als ihre früheste Veröffentlichung erschien 1591 das 5-stimmige Madrigal Di pallide viole in der Sammlung Il Giardino de’ Musici Ferraresi, gedruckt in Venedig. Der Vater sorgte dafür, dass Vittoria Texte des als Hofsekretär angestellten Dichters Giovanni Battista Guarini zum Vertonen erhielt. Darauf komponierte Vittoria eine eigene Sammlung von 21 (weltlichen) Madrigalen, die ihr Vater 1593 in Venedig veröffentlichte,[12] im selben Jahr, als sie sich mit neuem Vornamen Raffaella mit dem Druck ihrer Sacrae cantiones als geistliche Komponistin qualifizierte.

Tasteninstrumente in Ferrara[Bearbeiten]

Das Spielen von Tasteninstrumenten war in Ferrara schon in der Renaissance in hoher Blüte und führte bis zur Orgelkunst des Girolamo Frescobaldi. In der Stadt gab es wertvolle Orgeln[13], auch besaß der Hof das berühmte „Clavicembalo grande, con tutti e tre generi Armonici“, das von Don Nicola Vicentino gebaut worden war. Dieses hatte für jede Oktave 31 verschieden Töne und entsprechend mehr Tasten (normal sind 12), verteilt auf zwei Manualen. In Ferrara konnte es offenbar allein vom Hof- und Domorganisten und Leiter der höfischen Instrumentalmusik Luzzasco Luzzaschi gespielt werden, den Walther den „besten Organisten“, „so iemals Italien gehabt hat“ beschreibt.[14] Die klavieristisch begabte Vittoria dürfte von dieser außergewöhnlichen Kunst profitiert haben.

Musik im Kloster San Vito[Bearbeiten]

Dass Raffaellas Orgelkünste im Kloster San Vito gerühmt wurden, spricht für ihre Identität mit Vittoria. Sie wurde Priorin dieses Klosters. Raffaela gab selbst 1593 geistliche Motetten heraus für Ensembles bis zu 10 Stimmen: Sacrae Cantiones à 5, 7, 8 u. 10 v.[oces].

Ob die berühmte Klostermusik von San Vito[15] mit dem ebenfalls berühmten Concerto delle Donne des Hofes von Ferrara Gemeinsamkeiten hatte, ist nicht bekannt. Doch gab es sicher Berührungspunkte mit dem Hof und gegenseitigen Besuch der Konzerte. Ein Konzertbericht über einen Auftritt der Nonnen am herzoglichen Hof ist noch nicht ganz verifiziert.[16] Die dabei beschriebene, mit einem langen, polierten Dirigierstab dirigierende maestra del concerto (ohne Namensnennung) müsste Raffaella Aleotti gewesen sein.[17]

In einer Beschreibung Giovanni Artusis[18] ist zu lesen, dass die Nonnen nicht nur als Sängerinnen auftraten, sondern eine Vielzahl Instrumente spielten: Horn, Posaune, Violine, Viole Bastarde, Doppelharfe, Laute, Dudelsack, Flöte und Cembalo. Der Bologneser Patrizier und Musikgelehrte Ercole Bottrigari[19] nennt die Nonne Raffaella als Leiterin von dreizundzwanzig musizierenden Nonnen.[20]

Werke[Bearbeiten]

Unter dem Namen Vittoria Aleotti erschienen:

  • Di pallide viole, 5-stimmiges Madrigal, enthalten in der Sammlung Il Giardino de' Musici Ferraresi. Vincenti, Venedig 1591. (Nach MGG 1 fälschlich unter "Vittorio" [Aleotti] statt "Vittoria" [Aleotti] genannt.)
  • Ghirlanda de Madrigali a 4v.[oces]. 21 Madrigale nach Texten B. Guarinis. Vincenti, Venedig 1593. (Nach Walther 1732 ist der Druck vom Vater veranlasst worden.)

Unter dem Namen Raffaella Aleotti erschienen:

  • Sacrae Cantiones à 5, 7, 8 u. 10 v.[oces] decantandae. 18 geistliche Motetten, darunter zwei ihres Lehrers Ercole Pasquini. Amadino Vincenti, Venedig 1593.

Literatur[Bearbeiten]

  • Johann Gottfried Walther: Musicalisches Lexicon oder Musicalische Bibliothec. Leipzig 1732. Neusatz herausgegeben von Friederike Ramm. Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 3-7618-1509-3. Artikel Aleotti, Vittoria.
  • Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG 1). Hg. von Friedrich Blume. Bärenreiter-Verlag, Kassel/Basel 1949 ff, Supplementband 1973: Artikel Aleotti, Raffaella und Aleotti, Vittoria.
  • Karola Weil: Aleotti, Raffaella (Vittoria). In: Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG 2). Zweite, völlig neu bearbeitete, von Ludwig Finscher herausgegebene Ausgabe. Bärenreiter-Verlag, Kassel und J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1994ff., Personenteil Bd.1, 1999.
  • Gunther Morche: ''Luzzasco Luzzaschi. In: MGG 2, Personenteil Bd.11, 2004.
  • Andrea della Corte. Ferrara. In: MGG 1, B.4, 1955.
  • Ferrara. In: MGG 2, Sachteil Bd.3, 1995.
  • Anthony Milner: Spätrenaissance. In: Alec Robertson und Denis Stevens (Hrsg.): Geschichte der Musik. deutsche Ausgabe im Prestel Verlag, München 1990, ISBN 3-88199-711-3, Band 2, S. 152.
  • Karin Pendle (1): The Nuns of San Vito. und Vittoria/Raffaella Aleotti. In: Women & Music, a History. Indiana University Press, Bloomington/Indianapolis 1991, ISBN 0-253-34321-6, S. 44-45 und S. 49–51.
  • Karin Pendle (2): Women & Music, a History, second edition. Indiana University press, Bloomington & Indianapolis, 2001, ISBN 0-253-21422-X.
  • Gustave Reese (1): Music in the Renaissance. Dent 1959, S. 546 (zitiert bei Milner).
  • Gustave Reese (2): Music in the Renaissance. Revised edition, J.M. Dent & Sons, London 1978.
  • Ercole Bottrigari: Il Desiderio, or, Concerning the Playing Together of Various Musical Instruments. (Ins Englische) Übersetzt von Carol MacClintock, Rome, American Institute of Musicology, 1962, S. 57–59.
  • C. Ann Carruthers-Clement: The Madrigals and Motets of Vittoria/Raphaela Aleotti. Ph. D. diss., Kent State University, 1982.
  • Gregor Scherf: Giovanni Battista Aleotti. (1546–1636). „Architetto mathematico der Este und der Päpste in Ferrara. Tectum Verlag, Marburg 1997, ISBN 3-8288-9011-3 (Zugleich: Saarbrücken, Univ., Diss., 1996).
  • Lana R. Walter: Ghirlanda de Madrigali a quattro voci. Transcription and commentary. Univ. of Oregon 1984.

Anmerkungen/Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lebensdaten nach Aleotti, Raffaella (Vittoria). In: Musik in Geschichte und Gegenwart (abgekürzt MGG), zweite Auflage (2)
  2. In MGG 1, Supplementband 15, 1974 haben Raffaella und Vittoria Aleotti verschiedene Artikel. Noch in Pendle 2, 2001, ist die Frage nicht ganz entschieden, siehe darin das Kapitel Musical Women in Early Modern Europe, insbesondere S. 87–96.
  3. Pendle 2, S. 70 führt Ercole Bottrigari an, der Raffaella im Kloster ausdrücklich mit diesem Namen nennt.
  4. Johann Gottfried Walther: Musicalisches Lexicon oder Musikalische Bibliothec, Neusatz des Textes und der Noten. S. 29.
  5. Gregor Scherf: Giovanni Battista Aleotti. (1546–1636). „Architetto mathematico“ der Este und der Päpste in Ferrara. Marburg 1997, S. 49/50.
  6. Newcamb I (Text), S. 43.
  7. MGG 1/MGG 2.
  8. zunächst Sänger, in den Estensischen Hofakten als Instrumentalist von Mai 1560 bis Anfang 1589 erfasst. Siehe Newcomb I, S. 176–177 und MGG I, Artikel Milleville.
  9. Siehe Johann Gottfried Walther Artikel Pasquini Ercole.
  10. Siehe Newcamb I und II
  11. Im Gegensatz zu seinen meisten Artikeln gibt Walther hier keine Quelle an.
  12. Walther, S. 29.
  13. abgebildet in MGG 1, Artikel Aleotti
  14. Walther S. 337; MGG Bd. 4, Artikel Ferrara, Spalte 64.
  15. Siehe Bottrigari und Artusi (zitiert in Pendle 2, S. 70).
  16. Gustave Reese: Music in the Renaissance. Dent 1959, S. 546 (zitiert bei Milner); von Reeses Werk liegt nur die second edition 1978 vor; siehe dazu auch Pendle 2, S.70 und Ercole Bottrigari: Il Desiderio. 1962, S. 57–59.
  17. Milners angegebene Seitenzahl Reeses bezieht sich wahrscheinlich auf dessen Buch Music in the Renaissance, erstmals veröffentlicht in England 1959.
  18. C. Ann Carruthers-Clement: The Marigals and Motets of Vittoria/Raphaela Aleotti. S. 10, zitiert in Pendle 2, S. 70.
  19. über ihn siehe Walther S. 100.
  20. Pendle 2, S. 70.

Weblinks[Bearbeiten]