Dirigent

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt den Musikberuf. Zum Film siehe Der Dirigent.
Charles Lamoureux als Dirigent

Der Dirigent (lat. dirigere ‚ausrichten‘, ‚leiten‘) leitet ein musizierendes Ensemble (Chor oder/und Orchester) mittels des Dirigierens.

Funktion[Bearbeiten]

Der Dirigent erarbeitet mit den Orchester- oder Chormusikern das Werk und bringt es zur Aufführung. Hierzu übernimmt er insbesondere folgende Aufgaben:

  1. Technische und künstlerische Koordination der mitwirkenden Musiker: Beim Dirigieren gibt er die für die Musiker verbindlichen Tempi an (siehe Schlagfigur) und gestaltet den musikalischen Ausdruck (vergl. Vortragsbezeichnung).
  2. Interpretatorische Gestaltungshoheit: Nach dem Konzept des Dirigenten soll das Werk erarbeitet und aufgeführt werden.
  3. Musikauswahl und Bestimmung des Repertoires. Als Künstlerischer Leiter übernimmt er die Stückauswahl und ist für den Ablauf des Übungs- bzw. Probenbetriebes verantwortlich. Bei kleineren Orchestern übernimmt der Dirigent oft auch die Planung der Auftritte ("Tournee") des Orchester bzw. wird entsprechend mit einbezogen (Stichwort: Akustik des Spielortes, evtl. benötigte Tontechnik um ein optimales Klangbild zu erreichen, usw.).

Geschichte[Bearbeiten]

Bis in das 18. Jahrhundert wurden Ensembles meist von einem der aktiven Musiker geleitet (der oft auch der Komponist des aufgeführten Werkes war). Im 17. und 18. Jahrhundert, dem Generalbasszeitalter, wurde üblicherweise vom Cembalo oder von einer Violine aus die Leitung übernommen. In einer höfischen Kapelle war das die Funktion des „Konzertmeisters“, der sich oft mit dem Kapellmeister in der Einstudierung oder bei der Aufführung ablöste. Ein Beispiel, wie solcherart Orchesterleitung funktionierte, ist anhand der Geschichte der Dresdener Hofkapelle beschrieben.[1] In besonderen Fällen trat der Leiter vor das Ensemble, zum Beispiel oft bei der Oper. Auf historischen Bildern ist er manchmal mit einer Notenrolle dirigierend dargestellt. Am Hofe Ludwigs XIV. gab er Anweisungen nicht nur mit Armbewegungen, sondern mit Hilfe eines Taktstockes, mit dem der Takt auch auf den Boden gestampft wurde. Bekannt geworden in diesem Zusammenhang ist Jean-Baptiste Lully, Hofmusiker von König Ludwig XIV., der sich mit seinem Taktstock so schwer am Fuß verletzte, dass er einige Monate später an Wundbrand starb.

Den Dirigenten in Funktion und Gestalt oder auch als Berufsbezeichnung, wie man ihn heute kennt, gibt es erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Als erster Dirigent im heutigen Sinn gilt Felix Mendelssohn Bartholdy seit seiner Leitung des Gewandhausorchesters in Leipzig. Zunehmend größer werdende Chöre und Orchester machten die Leitung vom Instrument aus unmöglich. Bis zum 20. Jahrhundert wurden die meisten großen Orchester noch von Kapellmeistern dirigiert, die routinemäßig eigene Kompositionen und Musikbearbeitungen für ihr Ensemble erstellten.

Simone Young, Chefdirigentin der Staatsoper Hamburg

Der Dirigent vereint und konzentriert in seiner Person die Macht und (im Idealfall) auch die künstlerische Kompetenz der musikalischen Gestaltungshoheit. Er ist das „Nadelöhr“ zwischen dem ausübenden Musiker und dem, was als musikalisches Produkt zu hören ist. Gemeinsames Musizieren funktioniert hier nicht mehr über dezentrale Kommunikationsstrukturen unter den Musikern, sondern durch „Unterordnung“. Aufgrund dieser Kompetenzen entwickelte der Dirigent eine starke soziale Stellung, die die herausragende Prominenz späterer Stardirigenten möglich machte.

Die „Interpretationsmacht“ des Dirigenten ergab sich ähnlich wie die des Theater-Regisseurs erst im ausgehenden 19. Jahrhundert. Sie hat damit zu tun, dass sich das Repertoire stilistisch zunehmend verbreiterte und auch bei großen Besetzungen Wert auf eine individuelle Interpretation gelegt wurde. Die Vorstellung des gründerzeitlichen Vorgesetzten, der hochgeachtet wird, auch wenn er bloß ein Ausführender ist, blieb auch im 20. Jahrhundert mit dem Dirigentenberuf verbunden.

Als Nadia Boulanger im Jahr 1938 das Boston Symphony Orchestra dirigierte, brach sie in eine traditionsgemäß männliche Domäne ein. Heute setzen sich verstärkt Dirigentinnen durch, wie die Chefdirigentin der Hamburgischen Staatsoper, die Australierin Simone Young, beweist.[2] Eine zeitgemäße (neutrale) Einstellung in Bezug auf Dirigentinnen zeigt beispielsweise das Sarasota Orchestra in Florida/USA, dessen Music Director, die estnische Dirigentin Anu Tali, im März 2014 die Dirigentin Mei-Ann Chen zu einem Konzert einlud. Die chinesische Dirigentin, die als erste Frau den Malko Competition for Young Conductors (Wettbewerb für junge Dirigenten) gewann, ist ihrerseits music director for the Memphis Symphony Orchestra and the Chicago Sinfonietta.[3]

Ausbildung[Bearbeiten]

Prinzipiell gibt es verschiedene Möglichkeiten, den "Beruf" eines Dirigenten zu erlernen. Wichtig ist hierbei die Unterscheidung zwischen hauptberuflichen Dirigenten (z.B. von großen Symphonieorchestern) oder ehrenamtlichen Dirigenten in Musikvereinen, Blaskapellen, Chören usw.. Grundlage ist das sichere Beherrschen mindestens eines Musikinstrumentes.[4] Hauptberufliche Dirigenten erlangen ihre Qualifikation im Rahmen eines Studiums an einer Musikhochschule [5] Nebenberufliche bzw. ehrenamtliche Dirigenten erlangen ihre Qualifikation i.A. durch den Besuch von speziellen Ausbildungslehrgängen, so z.B. in der Blasmusik den sog. C3-Lehrgang. [6] Oft handelt es sich dabei um entsprechend talentierte und entsprechend erfahrene Musiker, die über eine Position als Registerführer und teilweise auch interne Ausbilder (Instrumentallehrer in Musikvereinen) zum Dirigenten aufsteigen. Je nach Landesverband bzw. Organisationseinheit ist es üblich, dass die entsprechenden untergeordneten Lehrgänge (D1-3, C1, C2) zuvor erfolgreich besucht worden sind.[7]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Michel Faul: Louis Jullien, musique, spectacle et folie au XIXe siècle, Atlantica (France) 2006 (ISBN 2-35165-038-7) http://louisjullien.site.voila.fr
  • Norman Lebrecht: Der Mythos vom Maestro. Der Dirigent. Typologie eines Berufstands, Atlantis Musikbuch 1993
  • Ilya Musin, The Technique of Conducting (Техника дирижирования), Muzyka Publishing House, Moscow, 1967
  • Ennio Nicotra, "Introduction to the orchestral conducting technique in accordance with the orchestral conducting school of Ilya Musin " book+DVD; english, italian, spanish text (Edizioni Curci Milano, Italy 2007)
  • Alain Pâris: Klassische Musik im 20. Jahrhundert. Instrumentalisten, Sänger, Dirigenten, Orchester, Chöre, München: dtv 1997 (ISBN 3-423-32501-1) [mit ausführlichem, zum Teil auch fehlerhaftem Verzeichnis, das jedoch als erste Orientierung und Einstieg recht brauchbar ist]
  • Julia Spinola: Die großen Dirigenten unserer Zeit. Mit ausführlichem Lexikonteil, Berlin: Henschel 2005, ISBN 3-89487-480-5

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Siehe Kai Köpp: Johann Georg Pisendel (1687–1755) und die Anfänge der neuzeitlichen Orchesterleitung. Schneider, Tutzing 2005, ISBN 3-7952-1140-9.
  2. Der Dirigentinnenreader (1996/2003) stellt Simone Young und über 90 weitere Dirigentinnen in Kurzportraits vor. [1]
  3. Programmheft 2013/2014 des Sarasota Orchestra S. 16/17.
  4. http://www.abendblatt.de/kultur-live/article937999/Wie-wird-man-wirklich-Dirigent.html
  5. http://www.berufskunde.com/de/berufe-a-bis-z/dirigent#tabausbildung
  6. http://www.blasmusik-nrw.de/Dokumente/Richtlinien/ordnungc1.pdf
  7. http://www.feuerwehrmusik-bw.de/index.php/c-lehrgangsmodule

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Dirigent – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Dirigent – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Europäischer Dirigentinnenreader [2]