Wessex-Kultur

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Wessex-Kultur (auch Wessex grave series[1]) war eine früh-bronzezeitliche Kultur im südlichen Großbritannien. Sie sollte nicht mit dem späteren angelsächsischen Königreich Wessex verwechselt werden.

Wessex
Zeitalter: BronzezeitFrühbronzezeit
Absolut: 2000 v. Chr. – 1600 v. Chr.
Relativ: A1
Ausdehnung
Norden: Downs
Süden: Wessex
Leitformen

Kompositobjekte aus Gold und Bernstein

Bestattungen[Bearbeiten]

Die Kenntnisse der Wessex-Kultur der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends basieren allein auf Grabfunden, da Siedlungen bisher nicht gefunden wurden. Die Bestattungen liegen unter Grabhügeln, anfangs als Erd-, später als Feuerbestattungen, und sind durch reiche Grabbeigaben charakterisiert, denen meist die Keramik fehlt. Exotische Gegenstände wie armorikanische Dolche, Bernstein und irisches Gold und kornwalisisches Zinn sind häufig, gerne wurden auch mehrere Materialien kombiniert, wie Gold und Bernstein, Silber und Bernstein oder Gold und Jet (Lignit). Gleichzeitig finden sich Bestattungen mit späten Glockenbechern und Foodvessels. Dolchgräber werden meist als männliche Bestattungen interpretiert, solche ohne Waffen als weiblich.

Ursprung[Bearbeiten]

Stuart Piggott wollte die von ihm 1938 benannte Wessexkultur auf eine Invasion aus der Bretagne zurückführen. Das gilt heute als überholt[2]. Ob die Wessex-Bestattungen eine Elite-Form der späten Glockenbecherkultur darstellen, und ihr Verhältnis zu den Bestattungen mit Foodvessels, wird kontrovers diskutiert. Insgesamt fügen sich die Wessex-Bestattungen gut in den Kreis der reichen frühbronzezeitlichen (Reinecke A1) Bestattungen ein, wie sie auch aus der Bretagne (Dolchgräber der Serie I), Singen und dem Aunjetitzer Bereich (Leubingen, Helmsdorf) bekannt sind.

Handel[Bearbeiten]

Die Träger der Wessex-Kultur scheinen einen weitläufigen Handel mit dem europäischen Festland getrieben zu haben, so wurde Bernstein aus dem Baltikum, Schmuck aus Deutschland, Dolche aus der Bretagne und Gold aus Irland gefunden. Fayenceperlen, die man früher für mykenische Importe hielt, sind einheimische Produkte. Sie finden sich auch in der Bretagne und in den Niederlanden (Exloërmond, Drenthe).

Kultbauten[Bearbeiten]

Der durch den Handel gewonnene Wohlstand gestattete den Wessexleuten vermutlich den Ausbau der dritten Phase von Stonehenge.

Sozialstruktur[Bearbeiten]

Auch eine entwickelte soziale Organisation kann angenommen werden, um solch weitreichenden Handel zu organisieren. Colin Renfrew postuliert, dem sozial-evolutionstischen Modell von Elman Fried folgend, frühe Häuptlingstümer (Chiefdoms).

Chronologie[Bearbeiten]

Arthur ApSimon schlug 1954 eine Gliederung in Wessex 1, verbunden mit Kupfergeräten des Willerby-Horizontes, und Wessex 2, kombiniert mit dem Arreton-Typ vor[3]. Die Einteilung in Wessex I und II lässt sich im Licht der 14C-Daten nicht mehr halten. Ein 14Datum der menschlichen Knochen aus der Zentralbestattung von West Overton Hügel G1, das Wessex I zugeordnet wird, lieferte ein Datum von 3550±35 BP (SUERC-26203)[4].

Wichtige Fundorte[Bearbeiten]

  • Bush Barrow, Wiltshire
  • Norton Bavant Borrow Pit, Wiltshire
  • Roundway G8 Barrow, Wiltshire
  • West Overton Barrow (G1), Wiltshire

Literatur[Bearbeiten]

  • Lawrence H. Barnfield: Wessex with and without Mycenae: new evidence from Switzerland. In: Antiquity. Bd. 65, Nr. 246, 1991, ISSN 0003-598x, S. 102–107, online.
  • David Leonard Clarke, Trevor G. Cowie, Andrew Foxon (Hrsg.): Symbols of power at the time of Stonehenge. National Museum of Antiquities of Scotland u. a., Edinburgh 1985, ISBN 0-11-492455-4.
  • John M. Coles, Joan Taylor: The Wessex Culture: a minimal view. In: Antiquity. Bd. 45, Nr. 177, 1971, S. 6–14, online.
  • Harald Meller (Hrsg.): Der geschmiedete Himmel. Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren. Buchhandelsausgabe. Theiss, Halle Stuttgart 2003, ISBN 3-8062-1907-9.
  • Stuart Needham, Mike Parker Pearson, Alan Tyler, Mike Richards, Mandy Jay: A first „Wessex 1“ date from Wessex. In. Antiquity. Bd. 84, Nr. 324, 2010, S. 363–373, online.
  • Colin Renfrew: Wessex without Mycenae. In: The Annual of the British School at Athens. Band 63, 1968, S. 277–285.
  • Colin Renfrew, Roger G. Newton: British faience beads reconsidered. In: Antiquity. Bd. 44, Nr. 175, 1970, S. 199–206, online.
  • Colin Renfrew: Monuments, mobilization and social organisation in neolithic Wessex. In: Colin Renfrew (Hrsg.): The Explanation of Culture Change: Models in Prehistory. Duckworth, London 1973, ISBN 0-7156-0673-5, S. 539–558.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stuart Needham u. a.: A first „Wessex 1“ date from Wessex. In: Antiquity. Bd. 84, Nr. 324, 2010, S. 363–373, hier S. 363.
  2. Stuart Needham: Power pulses across a cultural divide: cosmologically driven exchange between Armorica and Wessex. In: Proceedings of the Prehistoric Society. 66, 2000, ISSN 0079-497X, S. 151–207.
  3. Arthur M. ApSimon: Dagger graves in the „Wessex“ Bronze Age. In: Institute of Archaeology, London. Annual Report. Bd. 10, 1951/1953 (1954), ZDB-ID 208203-2, S. 37–61.
  4. Stuart Needham u. a.: A first „Wessex 1“ date from Wessex. In: Antiquity. Bd. 84, Nr. 324, 2010, S. 363–373, hier S. 366.

Weblinks[Bearbeiten]