Westfälisches System

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Das Westfälisches System, Westfälisches Staatensystem oder auch Westfälisches Modell ist im engeren Sinn die politische Ordnung, die sich in Europa auf der Grundlage der Staatstheorie von Jean Bodin und der Naturrechtslehre von Hugo Grotius nach dem Westfälischen Frieden des Jahres 1648 entwickelt hat. Nach diesem Konzept sind Staaten nicht nur die rechtlichen Monopolisten des Krieges, sondern auch die faktischen Monopolisten der Fähigkeit zur Kriegführung.

Im weiteren, politikwissenschaftlichen Sinn wird damit auch grundsätzlich ein System von nach innen und außen souveränen Nationalstaaten bezeichnet.

Mit der Installierung des Westfälischen Systems kam erstmals historisch auch die Vorstellung einer "Staatsnation im Nationalstaat" zum Tragen. Mit ihr wird sich in den folgenden Jahrhunderten primär die – als homogen idealisierte – Nation zur Legitimation und Motivation von politischer Herrschaft entwickeln, die sich damit aber auch, so in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts, bis an den Rand der Selbstzerstörung bringt.

Prinzipien[Bearbeiten]

Charakteristisch sind drei Prinzipien:

Souveränitätsprinzip
Jeder Staat ist souverän. Der Menge der Staaten ist keine Instanz übergeordnet, es herrscht unter ihnen das Prinzip der Selbsthilfe bzw. Anarchie.
Territorialprinzip
Die Staaten haben klare territoriale Grenzen, in denen sie das Gewaltmonopol besitzen.
Legalitätsprinzip
Die Staaten sind untereinander gleichberechtigt, wiederum ist Krieg als Mittel zur Durchsetzung der Interessen eines Staates legitim.

Das nach dem Zweiten Weltkrieg ausgehandelte Gewaltverbot zwischen Staaten in der Charta der Vereinten Nationen und die Beschränkung der staatlichen Souveränität durch die fortschreitende Universalisierung der Menschenrechte sind Merkmal dafür, dass das Westfälische System heute weiterentwickelt worden ist.

Kennzeichen[Bearbeiten]

Kennzeichen des Systems sind:

  • Das internationale System ist ein solches von Staaten, der Staat gilt als alleiniger Akteur.
  • Der Monarch bzw. die Regierung vertritt den Staat mit seiner Bevölkerung nach außen (Außenpolitik).
  • Staaten sind prinzipiell souverän und prinzipiell (völkerrechtlich) gleich (Gleichheit).
  • Das Völkerrecht ist das Recht der Staaten.
  • Staaten werden geleitet von der Staatsräson.
  • Die Kommunikation zwischen Staaten wird durch Diplomatie gewährleistet.
  • Das System strebt nach Machtgleichgewicht zwischen den Staaten, vor allem durch Allianzen- und Gegenmachtbildung.
  • Krieg ist ein weiterer Teil der Normalität des Staatensystems.

Die Kennzeichen der politischen Ordnung des Westfälischen Systems können in Verbindung mit modernen Theorien der Internationalen Beziehungen gebracht werden. So zeichnet sich die Theorie des Neorealismus nach Kenneth Waltz sowie der Realismus nach Hans Morgenthau durch ähnlich geartete Grundannahmen aus.

Kritik[Bearbeiten]

In der Geschichtswissenschaft wird der Begriff des Westfälischen System nicht verwendet und kritisch gesehen, da er einerseits den Prozess der Nationalstaatswerdung in Europa zu sehr auf einen bestimmten Zeitraum einengt und andererseits durch die Intentionen der beteiligten Verhandlungspartner und die tatsächlichen Beschlüsse des Friedenkongresses von Münster und Osnabrück nicht gedeckt wird.

Die Politikwissenschaft wendet gegen diese Kritik ein, dass nicht die bewusste Intention der Akteure zur Schaffung dieses Systems relevant sei, sondern allein das empirische Faktum, dass die zwischenstaatlichen Beziehungen seit 1648 nach dieser Handlungslogik funktionieren und mit großer Erklärungskraft analysiert werden können. Auch wird das Jahr 1648 nicht als isoliertes Ereignis betrachtet, sondern als der Höhepunkt in einem längeren Transformationsprozess, was wiederum der Auffassung der Geschichtswissenschaft sehr nahesteht.

Susan Strange hat den Begriff ironisch-kritisch gewendet, indem sie einen Aufsatz betitelte: The Westfailure System.[1]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Susan Strange: The Westfailure System. The Review of International Studies, 1999, 25, S. 345-354.