Wurzelkriterium

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Das Wurzelkriterium (von Cauchy) (nach dem französischen Mathematiker Augustin Louis Cauchy [1789–1857]) ist ein mathematisches Konvergenzkriterium, also ein Mittel zur Entscheidung, ob eine unendliche Reihe konvergent ist.

Inhaltsverzeichnis

Formulierungen [Bearbeiten]

Sei eine unendliche Reihe S = \sum_{n=0}^\infty a_n mit reellen oder komplexen Summanden a_n gegeben. Falls man nun

\limsup_{n\to\infty}\sqrt[n]{|a_{n}|}<1 (\limsup steht hier für den Limes superior) oder
\sqrt[n]{|a_{n}|}\le C für ein C < 1 und fast alle Indizes n

nachweisen kann, so ist die Reihe S konvergent. Sie konvergiert dann sogar absolut, d. h. die Reihe \sum_{n=0}^\infty |a_n| konvergiert ebenfalls.

Ist jedoch

\limsup_{n\to\infty}\sqrt[n]{|a_{n}|}> 1 oder
\sqrt[n]{|a_n|} \ge 1 für unendlich viele Indizes n,

so divergiert die Reihe, da die Reihenglieder keine Nullfolge bilden.

Im Fall

\limsup_{n\to\infty}\sqrt[n]{|a_{n}|}= 1 und
\sqrt[n]{|a_n|} < 1 für fast alle Indizes n

lässt sich nichts über die Konvergenz der Reihe aussagen. So lässt sich beispielsweise mit dem Wurzelkriterium keine Aussage über die Konvergenz der allgemeinen harmonischen Reihe \sum_{n=1}^\infty \frac{1}{n^\alpha} für \alpha\ge 1 machen, da

\limsup_{n\to\infty}\sqrt[n]{|a_n|}=\lim_{n\to\infty}\sqrt[n]{1/n^\alpha}=\left(\lim_{n\to\infty}\sqrt[n]{1/n}\right)^\alpha= 1.

Für \alpha=1 ist die allgemeine harmonische Reihe divergent, für \alpha>1 konvergent; das Wurzelkriterium kann aber die beiden Fälle nicht unterscheiden.

Beispiele [Bearbeiten]

Beispiel 1. Wir untersuchen die Reihe

 \sum_{n=1}^\infty \left( 1 - \frac{1}{n} \right)^{n^2}

auf Konvergenz. Über das Wurzelkriterium erhalten wir:

 \lim_{n \to \infty} \sqrt[n]{|a_n|} = \lim_{n \to \infty} \sqrt[n]{\left( 1 - \frac1n \right)^{n^2}} = \lim_{n \to \infty} \left( 1 - \frac1n\right)^{n} = \frac{1}{e} < 1

mit der eulerschen Zahl  e . Somit ist diese Reihe konvergent.

Beispiel 2. Wir prüfen nun die Reihe

 \sum_{n=1}^\infty \frac{n^n}{2^n n!}

auf Konvergenz. Wir erhalten:

 \lim_{n \to \infty} \sqrt[n]{|a_n|} = \lim_{n \to \infty} \sqrt[n]{\frac{n^n}{2^n n!}} = \lim_{n \to \infty} \frac{1}{2} \cdot \frac{n}{\sqrt[n]{n!}} = \frac{e}{2} > 1.

Somit ist diese Reihe divergent.

Beweisskizze [Bearbeiten]

Das Wurzelkriterium wurde erstmals von Augustin Louis Cauchy bewiesen. Es folgt mit dem Majorantenkriterium aus Eigenschaften der geometrischen Reihe:

  • Denn gilt für alle n\in\mathbb N:\;\sqrt[n]{|a_{n}|}\le C<1, so ist das Majorantenkriterium \forall n\in\mathbb N:\;|a_{n}|\le C^n mit einer konvergenten geometrischen Reihe \sum_{n=0}^\infty C^n=\frac1{1-C} als Majorante erfüllt.
  • Daran ändert sich auch nichts, falls dieses Kriterium für die ersten N Glieder der Reihe nicht erfüllt ist.
  • Gilt \limsup_{n\to\infty}\sqrt[n]{|a_{n}|}=C<1, so ist \sqrt[n]{|a_{n}|}\le \frac{1+C}2<1 für fast alle n erfüllt, nach Definition des größten Häufungspunktes, womit wieder eine Majorante konstruiert werden kann.

Restgliedabschätzung [Bearbeiten]

Ist die Reihe nach dem Wurzelkriterium konvergent, erhält man noch eine Fehlerabschätzung, d.h. eine Abschätzung des Restglieds der Summe nach N Summanden:

S-S_N = \sum_{n=N+1}^\infty a_n \le C^{N+1} \frac1{1-C}.

Das Wurzelkriterium ist schärfer als das Quotientenkriterium [Bearbeiten]

Sei (a_n)\, eine positive Folge und sei

\alpha=\liminf \frac{a_{n+1}}{a_n} \quad , \quad \alpha'=\liminf \sqrt[n]{a_n} \quad , \quad 
\beta'=\limsup \sqrt[n]{a_n} \quad , \quad \beta=\limsup \frac{a_{n+1}}{a_n}.

Liefert bei einer Reihe das

Quotientenkriterium eine Entscheidung (das heißt \beta<1 im Falle der Konvergenz bzw. \alpha>1 im Falle der Divergenz)

so liefert auch das Wurzelkriterium eine Entscheidung (das heißt \beta'<1 im Falle der Konvergenz bzw. \alpha'>1 im Falle der Divergenz).

Dies wird induziert durch die Ungleichungskette

0\le \alpha\le \alpha'\le \beta'\le \beta\le \infty

Ist ohne Einschränkung \alpha>0\, und \beta<\infty so gibt es zu jedem noch so kleinen (<\alpha\,) aber positivem \varepsilon eine Indexschranke m\, ab der gilt

\alpha-\varepsilon<\frac{a_{k+1}}{a_k}<\beta+\varepsilon \qquad \forall k\ge m

Multipliziert man die Ungleichung durch von k=m\, bis n-1\, so erhält man in der Mitte ein Teleskopprodukt.

(\alpha-\varepsilon)^{n-m}<\frac{a_n}{a_m}<(\beta+\varepsilon)^{n-m}

Multipliziert man anschließend mit a_m\, durch und zieht die n\,-te Wurzel so ist

\sqrt[n]{a_m}\,(\alpha-\varepsilon)^{1-\frac{m}{n}}<\sqrt[n]{a_n}<\sqrt[n]{a_m}\,(\beta+\varepsilon)^{1-\frac{m}{n}}

Für n\to\infty konvergiert die linke Seite gegen \alpha-\varepsilon und die rechte Seite gegen \beta+\varepsilon. Daher ist

\alpha-\varepsilon\le \liminf \sqrt[n]{a_n}     und     \limsup \sqrt[n]{a_n}\le \beta+\varepsilon

Da \varepsilon\, beliebig klein gewählt werden kann, folgt daher

\alpha\le \alpha'     und     \beta'\le \beta


Sind beispielsweise die Reihenglieder a_{2n}=\frac1{2^{2n}} und a_{2n+1}=\frac4{2^{2n+1}} dann ist \frac{a_{2n+1}}{a_{2n}}=2 und \frac{a_{(2n+1)+1}}{a_{2n+1}}=\frac18.

Hier ist \alpha=\frac18\le 1 und \beta=2\ge 1 wonach das Quotientenkriterium keine Entscheidung liefert.

Das Wurzelkriterium liefert hier aber eine Entscheidung weil \alpha'=\beta'=\lim \sqrt[n]{a_n}=\frac12 ist.

Aus \beta'=\frac12<1 folgt die Konvergenz von \sum a_n. Das Wurzelkriterium ist also echt schärfer als das Quotientenkriterium.[1]

Quellen [Bearbeiten]

  1. Konrad Knopp: Theorie und Anwendung der unendlichen Reihen. 5. Aufl. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 1964, ISBN 3-540-03138-3. S. 286, Satz 161