Harmonische Reihe

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Die harmonische Reihe ist in der Mathematik die Reihe, die durch Summation der Glieder 1, \tfrac{1}{2}, \tfrac{1}{3},\tfrac{1}{4}, \tfrac{1}{5}, \dotsc der harmonischen Folge entsteht. Ihre Partialsummen werden auch harmonische Zahlen genannt. Diese finden beispielsweise Anwendung in Fragestellungen der Kombinatorik und stehen in enger Beziehung zur Euler-Mascheroni-Konstante \gamma. Obwohl die harmonische Folge eine Nullfolge ist, ist die harmonische Reihe divergent.

Definition[Bearbeiten]

Die n-te Partialsumme  H_n der harmonischen Reihe heißt die n-te harmonische Zahl:

 H_n=\sum_{k=1}^n \frac{1}{k}=1 + \frac{1}{2} + \frac{1}{3} + \frac{1}{4} + \cdots +\frac{1}{n}

Die harmonische Reihe ist ein Spezialfall der allgemeinen harmonischen Reihe mit den Summanden 1/k^\alpha, wobei hier \alpha = 1, siehe unten.

Der Name harmonische Reihe wurde gewählt, da jedes Glied a_k = \tfrac{1}{k} das harmonische Mittel der beiden benachbarten Glieder ist:

M_{\text{H}}(a_{k-1},a_{k+1}) = \frac2{\frac1{a_{k-1}}+\frac1{a_{k+1}}} = \frac2{k-1 + k+1} = \frac1{k} = a_k

Eigenschaften[Bearbeiten]

Werte der ersten Partialsummen[Bearbeiten]


\begin{matrix}H_1 &=& 1 \\\\ H_2 &=& \frac{3}{2} &=& 1{,}5 \\\\ H_3 &=& \frac{11}{6} &=& 1{,}8\overline{3} \\\\ H_4 &=& \frac{25}{12} &=& 2{,}08\overline{3} \\\\ H_5 &=& \frac{137}{60} &=& 2{,}28\overline{3} \\\\  \end{matrix}
\qquad\qquad
\begin{matrix}H_6 &=& \frac{49}{20} &=& 2{,}45 \\\\ H_7 &=& \frac{363}{140} &=& 2{,}59\overline{285714} \\\\ H_8 &=& \frac{761}{280} &=& 2{,}717\overline{857142} \\\\ H_9 &=& \frac{7129}{2520} &=& 2{,}828\overline{968253}  \\\\ H_{10} &=& \frac{7381}{2520} &=& 2{,}928\overline{968253}  \\\\  \end{matrix}

Der Nenner von H_n ist durch jede Primzahlpotenz p^k mit n/2 < p^k \leq n teilbar, also auch durch 2^k mit 2^k \leq n und für n > 2 nach dem Bertrandschen Postulat durch mindestens eine ungerade Primzahl. Insbesondere ist H_n für n > 1 keine ganze Zahl (Theisinger 1915).[1] Allgemeiner gilt, dass keine Differenz H_m-H_n für m \neq n eine ganze Zahl ist (Kürschák 1918),[2] dies ist wiederum ein Spezialfall eines Satzes von Nagell 1923.[3]

Ist p \geq 5 eine Primzahl, so ist der Zähler von H_{p-1} nach dem Satz von Wolstenholme durch p^2 teilbar, ist p eine Wolstenholme-Primzahl, dann sogar durch p^3.

Nikolaus von Oresme

Divergenz[Bearbeiten]

Die harmonische Reihe divergiert gegen unendlich, wie zuerst Nikolaus von Oresme bewies. Man sieht dies durch Vergleich mit einer Reihe, die in jedem Glied kleiner oder gleich ist (Minorantenkriterium):

\begin{matrix}
H_n &= \ 1 \ + \ 1/2 &+& (1/3 + 1/4) &+& (1/5 + 1/6 + 1/7 + 1/8) &+ \ \cdots \ + \ 1/n \\
    &\ge \ 1 \ + \ 1/2 &+& (1/4 + 1/4) &+& (1/8 + 1/8 + 1/8 + 1/8) &+ \ \cdots \ + \ 1/n \\
    &= \ 1 \ + \ 1/2 &+& 1/2 &+& 1/2 &+ \ \cdots \ + \ 1/n
\end{matrix}

Die Summe der letzten Zeile übersteigt jeden Wert, wenn n genügend groß ist. Genauer erhält man die Abschätzung

H_{2^\ell} \ge 1 + \ell/2   für   \ell = 0, 1, 2, \dots

Asymptotische Entwicklung[Bearbeiten]

Es gilt die asymptotische Entwicklung:

\begin{align}
H_n=\sum_{k=1}^n \frac{1}{k} &=\ln n + \gamma + \frac{1}{2n}-\frac{1}{12n^2}+\frac{1}{120n^4}
-\frac1{252n^6}+\frac1{240n^8}-\frac1{132n^{10}}+\mathcal O\!\left(\frac 1{n^{12}}\right)\\
&= \gamma + \ln n +\mathcal O\!\left(\frac 1{n}\right),\quad n\to\infty
\end{align}

Hierbei bezeichnet \ln n den natürlichen Logarithmus, und das Landau-Symbol \mathcal O beschreibt das Verhalten des Restterms der Entwicklung für n\to\infty. Die mathematische Konstante  \gamma (gamma) heißt Euler-Mascheroni-Konstante und ihr numerischer Wert beträgt 0,5772156649…

Des Weiteren gilt H_n < \ln n + 1, falls n \geq 2.

Vergleich einiger Partialsummen mit Werten der Näherungsformel
n Hn
(gerundet)
Näherung
(gerundet)
Genauigkeit
(gerundet)
5 2.28 2.19 95,77 %
10 2.93 2.88 98,32 %
20 3.60 3.57 99,31 %
50 4.50 4.49 99,78 %
100 5.19 5.18 99,90 %
500 6.79 6.79 1 − 10−5
1000 7.49 7.48 1 − 7·10−5
10000 9.79 9.79 1 − 5·10−6

Integraldarstellung[Bearbeiten]

Es gilt

 \int_0^1 \frac{1 - x^n}{1 - x}\,{\rm d}x = \int_0^1 (1 + x + \cdots + x^{n-1})\ {\rm d}x = 1 + \frac{1}{2} + \cdots + \frac{1}{n} = H_n.

Diese Darstellung verallgemeinert die n-te harmonische Zahl auf komplexe Werte für n mit \operatorname{Re}(n) > -1.

Besondere Werte der verallgemeinerten harmonischen Zahlen sind beispielsweise:

 H_{1/2} = 2 - 2\ln 2 \!\
 H_{1/3} = 3 - \frac{\pi}{2\sqrt{3}} - \frac{3}{2} \ln 3
 H_{1/4} = 4 - \frac{\pi}{2} - 3\ln 2
 H_{1/6} = 6 - \frac{\pi \sqrt{3}}{2} - \frac{3}{2} \ln 3 - 2 \ln 2.

Erzeugende Funktion[Bearbeiten]

Entwickelt man die Funktion \frac{1}{1-x}\ln\frac{1}{1-x} um den Entwicklungspunkt 0 in eine Taylorreihe, so erhält man die harmonischen Zahlen als Koeffizienten:


\frac{1}{1-x}\ln\frac{1}{1-x}=\sum_{n=1}^{\infty}H_n x^n,\quad |x|<1

Dies sieht man leicht ein, indem man das Cauchy-Produkt der für |x|<1 absolut konvergenten Reihen von


\frac{1}{1-x}=1+x+x^2+x^3+\ldots

und


\ln\frac{1}{1-x}=x+\frac{x^2}{2}+\frac{x^3}{3}+\ldots

bildet.

Beziehung zur Digamma-Funktion[Bearbeiten]

Die n-te harmonische Zahl lässt sich durch die Digamma-Funktion \psi ausdrücken und auf komplexe Werte für n fortsetzen (falls n keine negative ganze Zahl ist):


H_n = \psi(n+1) - \psi(1) = \frac{\Gamma'(n)}{\Gamma(n)} + \frac{1}{n} + \gamma
.

Dabei bezeichnet \Gamma die Gammafunktion, \Gamma' ihre Ableitung und \gamma die Euler-Mascheroni-Konstante.

Reihen über harmonische Zahlen[Bearbeiten]

Es gilt für die harmonischen Zahlen:[4]

 \sum_{n=1}^\infty \frac{H_n}{n^2} = 2 \, \zeta(3)
 \sum_{n=1}^\infty \frac{H_n}{n^3} = \frac{\pi^4}{72}
 \sum_{n=1}^\infty \frac{H_n}{n^4} = 3 \, \zeta(5) - \frac{\pi^2}{6} \, \zeta(3)
 \sum_{n=1}^\infty \frac{H_n}{n^5} = \frac{\pi^6}{540} - \frac{1}{2} \, \zeta(3)^2
 \sum_{n=1}^\infty \frac{H_n}{n^6} = 4 \, \zeta(7) - \frac{\pi^2}{6} \, \zeta(5) - \frac{\pi^4}{90} \, \zeta(3)

Hierbei bezeichnet  \zeta(s) die Riemannsche Zetafunktion.

Anwendungsbeispiel[Bearbeiten]

Oben freitragender Ausleger, unten Schemazeichnung.

Gleichartige Klötze sollen so gestapelt werden, dass der oberste Klotz möglichst weit über den untersten ragt.

Das Bild zeigt eine Anwendung der harmonischen Reihe. Werden die horizontalen Abstände der Klötze - von oben nach unten vorgehend - gemäß der harmonischen Reihe gewählt, so ist der Stapel gerade noch stabil. Auf diese Weise bekommt der Abstand zwischen dem obersten und untersten Klotz den größtmöglichen Wert. Die Klötze haben eine Länge l_0. Der oberste Baustein liegt mit seinem Schwerpunkt auf dem zweiten Stein an der Position 1/2 \cdot l_0 = 1/2 \cdot 1 \cdot l_0. Der gemeinsame Schwerpunkt von Stein-1 und Stein-2 liegt bei 1/2 \cdot 1/2 \cdot l_0, der von Stein-1, Stein-2 und Stein-3 bei 1/2 \cdot 1/3 \cdot l_0, der des n-ten Steins bei 1/2 \cdot 1/n \cdot l_0. Die Gesamtlänge L des Auslegers beträgt somit: L = \frac {l_0}2\sum_{k=1}^n \frac 1k.

Jeder zusätzliche Stein entspricht einem weiteren Summanden in der harmonischen Reihe. Da die harmonische Reihe beliebig große Werte annehmen kann, wenn man sie nur weit genug fortführt, gibt es keine prinzipielle Grenze, wie weit der oberste Stein überhängen kann. Die Zahl der nötigen Steine steigt allerdings sehr rasch mit dem angestrebten Überhang. Für einen Überhang in 2,5-facher Steinlänge werden etwa 100 Steine benötigt werden. Bei einem realen Aufbau würde dies bereits hohe Anforderungen an die Maßhaltigkeit der Steine stellen.

Weitere Beispiele für die Anwendung der harmonischen Reihe sind das Sammler-Problem und das Problem der 100 Gefangenen.

Verwandte Reihen[Bearbeiten]

Die alternierende harmonische Reihe konvergiert:

\sum_{k = 1}^\infty \frac{(-1)^{k + 1}}{k} = 1 - \frac{1}{2} + \frac{1}{3} - \frac{1}{4} \pm  \cdots = \ln 2 = 0{,}69314\text{ }71805\text{ }59945\text{ }30941 \ldots

Die Konvergenz folgt aus dem Leibnizkriterium, der Grenzwert lässt sich mit der Taylor-Entwicklung des natürlichen Logarithmus berechnen.

Als allgemeine harmonische Reihe bezeichnet man

S = \sum_{k=1}^\infty \frac{1}{k^\alpha}\ ,

sie divergiert für \alpha\le 1 und konvergiert für \alpha>1 (siehe Cauchysches Verdichtungskriterium).

Beispiel für \alpha=2:

S = \sum_{k=1}^\infty \frac{1}{k^2} = 1 + \frac{1}{2^2} + \frac{1}{3^2} + \frac{1}{4^2} + \cdots = \frac{\pi^2}{6} = 1{,}64493\text{ }40668\text{ }48226\text{ }43647 \ldots

Beispiel für \alpha=4:

S = \sum_{k=1}^\infty \frac{1}{k^4} = 1 + \frac{1}{2^4} + \frac{1}{3^4} + \frac{1}{4^4} + \cdots = \frac{\pi^4}{90} =1{,}08232\text{ }32337\text{ }11138\text{ }19151\text{ } \ldots

Beispiel für \alpha=2n:

S = \sum_{k=1}^\infty \frac{1}{k^{2n}} = 1 + \frac{1}{2^{2n}} + \frac{1}{3^{2n}} + \frac{1}{4^{2n}} + \cdots = (-1)^{n-1}\,\frac{(2\pi)^{2n}}{2(2n)!}\,\mathrm{B}_{2n} = \zeta(2n)

wobei \mathrm{B}_{2n} die 2n -te Bernoulli-Zahl bezeichnet.

Lässt man für \alpha auch komplexe Zahlen zu, gelangt man zur riemannschen Zetafunktion.

Subharmonische Reihen[Bearbeiten]

Subharmonische Reihen entstehen dadurch, dass man bestimmte Summanden bei der Reihenbildung der harmonischen Reihe weglässt, etwa nur die Kehrwerte aller Primzahlen summiert:

S = \sum_{k \text{ prim}}^\infty \frac{1}{k}

Diese Summe divergiert ebenfalls. Eine konvergente Reihe entsteht, wenn man nur noch über die Primzahlzwillinge (oder gar Primzahldrillinge oder Primzahlvierlinge usw.) summiert; allerdings ist nicht bekannt, ob es sich dabei um unendliche Reihen handelt. Die Grenzwerte werden Brunsche Konstanten genannt.

Weitere subharmonische Reihen sind die ebenfalls konvergenten Kempner-Reihen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Harro Heuser: Lehrbuch der Analysis Teil 1. 5. Auflage. Teubner-Verlag, 1988, ISBN 3-519-42221-2

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Leopold Theisinger: Bemerkung über die harmonische Reihe, Monatshefte für Mathematik und Physik 26, 1915, S. 132–134
  2. József Kürschák: Über die harmonische Reihe, Mathematikai és physikai lapok 27, 1918, S. 299–300 (ungarisch)
  3. Trygve Nagell: Eine Eigenschaft gewisser Summen, Videnskapsselskapet Skrifter. I. Matematisk-Naturvidenskabelig Klasse 13, 1923, S. 10–15
  4. Borwein, D. and Borwein, J. M. "On an Intriguing Integral and Some Series Related to zeta(4)." Proc. Amer. Math. Soc. 123, 1191-1198, 1995.

Weblinks[Bearbeiten]