Zitadelle Vechta

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52.7268222222228.2780027777778Koordinaten: 52° 43′ 37″ N, 8° 16′ 41″ O Die Zitadelle Vechta war eine ab 1666 in der Stadt Vechta errichtete und 1769 geschleifte Zitadelle. In den 1990er Jahren sind die früheren Befestigungsanlagen teilrekonstruiert worden und bilden heute das Gelände des Zitadellenparks mit verschiedenen kulturellen Einrichtungen, wie dem Museum im Zeughaus und dem Castrum Vechtense.

Vogelschau auf die Zitadelle, 1697

Geschichte[Bearbeiten]

Festung Vechta, vor dem Brand 1684
Stadt und Festung Vechta, nach 1705

Mit dem Bau der Zitadelle und Festung Vechta, die ursprünglich den Namen „Sancta Maria“ trug, begann der Münsteraner Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen 1666. Der Bau wurde 1669 abgeschlossen. Die Zitadelle schützte den Westen der Stadt, der Osten wurde im Süden durch die Burg, im Norden durch einen großen Ravelion auf dem Gelände der aufgegebenen Vorstadt Klingenhagen gedeckt. Stadt und Zitadelle waren zusammen als Irregulärfestung durch Wälle, Gräben und Glacis gedeckt.

Der Hauptgrund für den Bau der Festung soll darin gelegen haben, dass nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges das Vorwärtsrücken der evangelischen Schweden und ihrer Verbündeten aus Richtung Bremen in die katholisch dominierten Teile Deutschlands über den auch als Heerweg nutzbaren Pickerweg habe verhindert werden sollen.[1] Ab 1719 sei die Zitadelle ein münsterscher Außenposten gegen das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg gewesen.[2]

Am 8. August 1684 ereignete sich ein verheerender Stadtbrand, der nur wenige Gebäude verschonte. Infolgedessen wurde seitens des Militärs überlegt, die Stadt an anderer Stelle neu zu errichten, um ein freies Schussfeld um die Zitadelle zu erhalten. Nachdem sich die Bürger dagegen wehrten, kam es exakt ein Jahr nach dem Brand zu einem Kompromiss: Die Gebäude westlich der Hauptstraße bis zum Marktplatz wurden nicht wieder aufgebaut, bereits aufgebaute wurden entfernt. Bischof Christoph Bernhard von Galen ordnete für die Bewohner den Neubau von Häusern weiter östlich im Bereich Klingenhagen an.[3] Dies bildete ein freies Schussfeld für die jetzt allein als Festung stehende Zitadelle. Der Festungsring wurde um diese komplett geschlossen, die Zitadelle war nun in eine Regularfestung umgewandelt.

Kaponier über dem Moorbach
Plan der Zitadelle Vechta, 1770

Die Stadt dagegen wurde vollständig „raisiert“, alle Befestigungen und Anlagen, die sich ein Feind zu Nutzen machen konnte, wurden entfernt. In diesem Zuge wurde auch die Burg abgerissen, die Steine des massiven Burgturms wurden zum Bau der Kasematten unter den Kurtinen und Bastionen der Zitadelle verwendet.

Die Festung wurde nach einem von dem holländischen Festungsbaumeister Henrick Ruse und dem französischen Festungsbaumeister Sébastien Le Prêtre de Vauban entwickelten System im altniederländischen Manie erbaut und bestand mit den Bastionen St. Paulus, Christoph Bernhard, Maximilian, Ferdinant und Friedrich Christian aus einem regelmäßigen Fünfeck. Die Bastionen sind nach den Bistumsheiligen sowie den am Bau beteiligten Bischöfen benannt.

Die über 30 Hektar große Anlage mit einem Durchmesser von 700 Metern konnte in Friedenszeiten 200 Soldaten mit ihren Familien und in Kriegszeiten 800 Soldaten Unterkunft bieten. Die Zitadelle hatte damit die gleiche räumliche Ausdehnung wie die damalige Stadt Vechta selbst. In Kriegszeiten hatte sie sogar die gleiche Einwohnerzahl (um 1700 rund 1.100 Personen). Neben der Verteidigungsfunktion für das Fürstbistum Münster stellte sie durch ihre Polizeiaufgaben auch die innere Sicherheit und Ordnung sicher.

Mit ihren Versorgungseinrichtungen, wie Bäckerei, Brauerei, Werkstätten, Krankenhaus, Kapelle, Gefängnis, Verwaltung und Wohnheiten, diversen Speichern und Magazinen bildete sie eine eigene „kleine Stadt“ (ital.: cita della) - eine Festungsstadt.

Während des Siebenjährigen Kriegs wurde sie im Jahr 1758 erstmals belagert. Da sie militärisch nicht mehr erfolgreich zu verteidigen war, wurde sie kampflos an die preußisch-hannoversche Armee übergeben.

1769 wurde die Zitadelle geschleift. Von der Zitadelle blieben das Zeughaus und das Kaponier erhalten. Die restliche Fläche der Festung wurde nach 1769 vorerst in Gartenland umgewandelt.[4]

Eine skurrile Geschichte weist das Gulfhaus auf dem Gelände der Zitadelle Vechta tief im ehemaligen Stammesland der Sachsen auf, wo man eigentlich keine Häuser im für die Frieslande typischen Stil erwarten würde: Das Haus ohne Wohnteil verdankt seine Entstehung Resozialisierungsmaßnahmen im Strafvollzug des 19. Jahrhunderts. Ein ostfriesischer Strafgefangener der JVA Vechta, Zimmermann von Beruf, erstellte 1886 die Holzkonstruktion während seiner Haftzeit, um sie nach der Entlassung in die Heimat zu transportieren und durch einen Wohnteil zu vervollständigen. Doch der Häftling verstarb während seiner Haftzeit in Vechta, wodurch das Gebäude auf dem Zitadellengelände verblieb und als anstaltseigenes Stallgebäude diente.[5] Heute gehört das Gebäude gemeinsam mit einem benachbarten Neubau als „GulfHaus“ zu einem von der Gesellschaft „Haus der Jugend Vechta GmbH“ betriebenen Jugendtreff.

Rekonstruktionen[Bearbeiten]

Zitadelle und Zitadellenpark[Bearbeiten]

Zitadellenpark Vechta (Luftaufnahme 2007). Im Vordergrund entsteht das Castrum Vechtense.

Nach umfangreichen archäologischen Ausgrabungen in den Jahren 1987 bis 1991 ist auf dem Gelände der Zitadelle Vechta ein Park als Teilrekonstruktion der alten Festung mit der kompletten Friedrich-Christian-Bastion und der halben Maximilian-Bastion errichtet worden. Das Gelände des Zitadellenparks und des Zitadellenplatzes vor dem Zeughaus umfassen insgesamt 22 Hektar. Auf dem frei zugänglichen Freigelände befinden sich mehrere Gärten, darunter ein Rosengarten mit einem offenen barocken Pavillon. Die Teilrekonstruktion wird nach Norden und nach Westen durch Wassergräben begrenzt[6], die von einer 2 km langen Allee mit Radweg begleitet werden.[7] Im Osten wird das Parkgelände durch die Bahnstrecke Delmenhorst–Hesepe begrenzt. Der östlich dieser Strecke liegende Teil der ehemaligen Zitadelle steht für Rekonstruktionszwecke nicht zur Verfügung; daher konnte das Kaponier als zweiter erhalten gebliebener Bau der Zitadelle nicht in den rekonstruierten Komplex einbezogen werden.

Der Friedhof auf dem Zitadellengelände wurde erst nach dem Abriss der Garnisonkirche im Jahr 1772 angelegt. Das Gulfhaus, ein neben dem Zeughaus gelegenes Jugendzentrum, wurde erst 1989 bis 1991 errichtet. Auch die auf der anderen Seite des Zeughauses gelegenen Strafvollzugseinrichtungen wurden erst nach der Schleifung der Zitadelle erbaut. Dies alles zeigt, dass auch westlich der Bahnlinie nur Teilrekonstruktionen der Zitadelle möglich waren.[8]

2006 ist auf dem Wall vor dem Zitadellengraben hinter dem Zeughaus ein Weinberg angelegt worden. Auf diesem reifen Muskatellertrauben, die von Vechtas ungarischer Partnerstadt Jászberény gestiftet wurden.

Castrum Vechtense[Bearbeiten]

Burgturm des Castrum Vechtense am Tag der Einweihung (28. September 2013)

Auf drei inzwischen fertiggestellten Inseln wird seit dem Jahre 2012 die Burg Vechta im Stile einer Befestigungsanlage des 11. Jahrhunderts als Castrum Vechtense rekonstruiert.[9] Diese Inseln sind im Nordosten des Zitadellenparks unmittelbar westlich der Bahnstrecke Delmenhorst–Hesepe angelegt worden. Der erste Bauabschnitt wurde am 28. September 2013 mit der Einweihung des 13 Meter hohen, aus 48 Kubikmetern rohem Eichenholz bestehenden Burgturms abgeschlossen.

Der Standort des Castrum Vechtense auf dem Gelände der ehemaligen Zitadelle entspricht nicht der ursprünglichen Lage der Burg, die sich bis zum späten 17. Jahrhundert auf dem heutigen Gelände des Amtsgerichts, des Niels-Stensen-Hauses (des ehemaligen Kreisamts) und der Klosterkirche befand.

Veranstaltungen[Bearbeiten]

Gräfte des Zitadellenparks Vechta während der Burgmannen-Tage
Burgmannen-Tage im Zitadellenpark Vechta - Ende einer „Schlacht“

Das Zentrum für Experimentelles Mittelalter, das an das Museum im Zeughaus angegliedert ist, organisiert im Zitadellenpark neben anderen Veranstaltungen jeweils am letzten Wochenende im September die Vechtaer Burgmannen-Tage, ein mittelalterliches Spektakel mit Ritterkämpfern, Mittelaltermarkt und vielen Mitmach-Angeboten - bei freiem Eintritt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • C.L. Niemann : Das Oldenburgische Münsterland in seiner geschichtlichen Entwickelung. Band 2: Bis zur Vereinigung mit dem Herzogtume Oldenburg. Oldenburg: Schulzesche Hof-Buchhandlung und Hof-Buchdruckerei, 1891 (online), darin:
    • Plan der Stadt und Citadelle Vechta vor 1684 (S. 399) und
    • Plan der Stadt und Citadelle Vechta im 18. Jahrhundert (S. 405)
  • Dieter Zoller: Archäologische Untersuchungen an der Garther und Lether Burg sowie an der Zitadelle Vechta. In: Jahrbuch für das Oldenburger Münsterland 1984. Vechta 1983, S. 105–117
  • Czaro Popko: Archäologische Untersuchungen an der Zitadelle Vechta. In: Jahrbuch für das Oldenburger Münsterland 1989. Vechta 1988, S. 142–166 und Jahrbuch für das Oldenburger Münsterland 1990 S. 188–202
  • Joachim Eisleb: Der Zitadellenpark in Vechta – Ein Beispiel für Naherholung im Wohnumfeld. In: Jahrbuch für das Oldenburger Münsterland 1993. Vechta 1992, S. 319–333
  • Ernst Andreas Friedrich: Das Kaponier von Vechta, S. 154-155, in: Wenn Steine reden könnten, Band II, Landbuch-Verlag, Hannover 1992, ISBN 3-7842-0479-1.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Zitadelle Vechta – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stadt Vechta: Der Baltisch-Westfälische Weg der Jakobspilger zwischen Bremen und Osnabrück
  2. Wilhelm Kohl: Germania Sacra. Band 7: Bistum Münster. Berlin / New York. Verlag de Gruyter. 1999, S. 44
  3. Friederich Matthias Driver: Beschreibung und Geschichte der ehemaligen Grafschaft, nun des Amtes Vechte im Niederstift Münster. Verlag Peter Waldeck. Münster 1803, S. 108f. (online. pdf. 61,4 MB)
  4. Friederich Matthias Driver: Beschreibung und Geschichte der ehemaligen Grafschaft, nun des Amtes Vechte im Niederstift Münster. Verlag Peter Waldeck. Münster 1803, S. 128 (online. pdf. 61,4 MB)
  5. Haus der Jugend Vechta GmbH: Das GulfHaus: Architektur und Geschichte
  6. Tourist Information Nordkreis Vechta e.V.: Gärten: Vechta - Zitadellenpark
  7. Rudolf Reinhardt: Stadtführer Vechta. Plaggenborg Verlag. Vechta 1995, S. 76ff.
  8. Rudolf Reinhardt: Stadtführer Vechta. Plaggenborg Verlag. Vechta 1995, S. 69ff.
  9. Entsteht mittelalterliche Erlebniswelt? (PDF; 348 kB). Oldenburgische Volkszeitung. 5. März 2010