Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Flag-Holy-Roman-Empire.png

Territorium im Heiligen Römischen Reich

Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg
Wappen
Coat of Arms of George I Louis, Elector of Hanover (1708-1714).svg
Karte
Karte des Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg/Hannover 1789
Das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (Kurhannover) 1789
Alternativnamen Kurfürstentum Hannover, Churfürstentum Braunschweig-Lüneburg, Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, Hannover, Churhannover, Kurhannover
Entstanden aus bis 1692 Fürstentum Calenberg
Herrschaftsform Kurfürstentum
Herrscher/Regierung Kurfürst
Heutige Region/en DE-NI, DE-SH, DE-ST
Reichstag Kurfürstenrat & Reichsfürstenrat, Weltliche Bank: bis zu 4 Virilstimmen Fürstentum Calenberg, Fürstentum Grubenhagen (1707–1735 verliehen), Fürstentum Lüneburg (ab 1705), Herzogtum Verden (ab 1715); Teil einer 1 Kuriatstimme für Grafschaft Hoya
Reichsmatrikel verschiedene Fürstentümer siehe oben
Reichskreis Niedersächsisch; Niederrheinisch-Westfälisch für Hoya und Verden
Hauptstädte/Residenzen Hannover, Herrenhausen
Dynastien Welfen
Konfession/Religionen lutherisch
Sprache/n Niederdeutsch, Deutsch,
Aufgegangen in 1806 (de facto) untergegangen/1814 (in Rechtsnachfolge) Königreich Hannover

Das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, auch Kurfürstentum Hannover genannt, war ab 1692 das 9. Kurfürstentum des Heiligen Römischen Reiches (offizieller Name: Chur-Braunschweig-Lüneburg, inoffiziell auch Chur-Hannover, Kurhannover oder Hannover). Residenzstadt (bis zur Personalunion mit Großbritannien 1714) und administratives Zentrum war Hannover. Der Wahlspruch lautete NEC ASPERA TERRENT (Auch Widrigkeiten schrecken nicht).[1][2] Das Kurfürstentum ging hervor aus dem Teilfürstentum Calenberg des Herzogtums Braunschweig und Lüneburg.

Geographie[Bearbeiten]

Das Kurfürstentum lag im Gebiet des heutigen Niedersachsen und Teilen des Landes Sachsen-Anhalt (mit Amt Calvörde und Blankenburg). Es umfasste folgende Territorien des Heiligen Römischen Reiches: Fürstentum Calenberg, Fürstentum Grubenhagen, Grafschaft Hoya, Herzogtum Sachsen-Lauenburg, Fürstentum Lüneburg (ab 1705), das Herzogtum Bremen und das Herzogtum Verden (ab 1715). Calenberg, Grubenhagen und Lüneburg waren nominell Teilfürstentümer des mittelalterlichen Herzogtums Braunschweig und Lüneburg.[3] Ursprünglich war das Kurfürstentum ein reines Binnenland (Raum Hannover). Erst mit dem Erwerb des Herzogtums Bremen konnte sich Kurhannover zur Nordsee ausweiten. Der Großteil des Kurfürstentums befand sich im Niedersächsischen Reichskreis. Die Grafschaft Hoya und das Herzogtum Verden waren Teile des Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreises.

Geschichte[Bearbeiten]

Territoriale Gliederung des Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg und dynastische Zusammenhänge innerhalb des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg und zum Königreich Großbritannien
Kupferstich des Kurfürstentums von Hermann Moll (1722)

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Nach dem Tod seines Bruders Johann Friedrich erbte Ernst August 1679 das Fürstentum Calenberg. Wichtigstes politisches Ziel Ernst Augusts war der Erwerb der kurfürstlichen Würde für sein calenbergisches Haus. Seit 1689 führte er deshalb Unterhandlungen mit dem Kaiser. Bereits 1682 hatte Ernst August für sein Land das Primogeniturrecht proklamiert, welches eine Voraussetzung zur Erlangung der Kurwürde war. Demzufolge würde der älteste Sohn, Georg Ludwig, der alleinige Erbe der welfischen Fürstentümer Calenberg und Grubenhagen werden. Durch einen Erbschaftsvertrag mit dem Celler Herzog Georg Wilhelm war zudem sichergestellt, dass nach dessen Tod das Fürstentum Lüneburg ebenfalls an die in Hannover residierenden Welfen fiel. Auch wurde der Landeshaushalt ins Gleichgewicht gebracht und die gesamte Verwaltung vom Kabinett des Fürsten unter Zuziehung weniger vertrauter Minister, Franz-Ernst Graf von Platen und Herr von Grote, geleitet. Als oberste beratende und kontrollierende Behörde stand dem Fürsten der wieder zu Ansehen gelangende Geheime Rat zur Seite. Unter diesem bestanden die verschiedenen Verwaltungskollegien, die Kanzlei, hauptsächlich für Rechtssachen, die Kammer für das Finanzwesen, das Konsistorium und der Kriegsrat, alle mit streng gesonderten Ressorts.

Erlangung der Kurwürde[Bearbeiten]

1692 wurde vom Kaiser die neue (neunte) Kur des Heiligen Römischen Reiches kreiert. Der im Fürstentum Calenberg regierenden Linie der Welfen wurde diese neunte Kurwürde verliehen. Dies wurde möglich durch einen Vertrag zwischen dem Römisch-deutschen Kaiser und den beiden Linien des Hauses Lüneburg, nach dem gegen Erteilung der Kurwürde an das Haus Hannover unter eventueller Beteiligung von Celle eine ewige Union zwischen den Häusern Habsburg und Lüneburg stattfinden sollte. Für alle künftigen Königswahlen sagten die hannoverschen Welfen fest die Zustimmung zur Wahl des habsburgischen Erstgeborenen zu.

Mit der Belehnung der Kurwürde ging ein kurzer, wenig blutiger Kampf mit der braunschweig-wolfenbüttelschen Linie des Hauses Braunschweig-Lüneburg einher. Die wolfenbüttelschen Welfen empfanden die Erhöhung der calenbergischen Linie in Hannover als unerträgliche Zurücksetzung. Als ihre Proteste darüber ungehört verhallten, verbanden sie sich 1700 mit anderen deutschen Fürsten in Nürnberg zum "Bunde der korrespondierenden Fürsten". Notfalls wollte man mit Waffengewalt die Kurerhöhung Hannovers verhindern. Im gleichen Jahr überrumpelten Georg Wilhelm und Georg Ludwig unter Mithilfe des Kaisers die wolfenbüttelschen Fürsten und nötigten sie zur Anerkennung der Kurwürde.

Der Reichstag stimmte der Erhebung erst 1708 zu. Umgangssprachlich wurde das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg auch Kurfürstentum Hannover oder kurz Kurhannover genannt.

Begründung der Personalunion mit Großbritannien[Bearbeiten]

Georg Ludwig, Ernst Augusts Nachfolger seit dem 23. Januar 1698, erbte 1705 nach dem Tod seines Onkels Georg Wilhelm das Fürstentum Lüneburg. Mit Ausnahme des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel waren damit alle Lande des Hauses Braunschweig-Lüneburg in der Hand der hannoverschen Linie der Welfen.

Nach dem Tode der ohne Nachkommen gebliebenen Königin Anne Stuart von Großbritannien erbte der Kurfürst 1714 die britische Königskrone. Gemäß dem Settlement Act von 1701 fiel die Krone an die nächsten protestantischen Verwandten, also an das Haus Hannover. Georg verband durch diese Personalunion Großbritannien mit dem deutschen Kurfürstentum, das damit zu einem der mächtigsten im Heiligen Römischen Reich wurde. Die Personalunion endete erst 1837 mit der Thronbesteigung von Königin Victoria, da im Königreich Hannover nur männliche Nachkommen den Thron erben konnten. Daher ging die Herrschaft auf Victorias Onkel, Ernst August, Herzog von Cumberland, über.[4]

Der größte Teil der Regierung Georg Ludwigs wurde von zwei großen Kriegen (dem Spanischen Erbfolgekrieg und dem Nordischen Krieg) ausgefüllt, an denen Georg in seinen Eigenschaften sowohl als Kurfürst wie auch als König starken Anteil nahm. Sein kriegerisches Engagement endete mit einer beträchtlichen Vergrößerung seiner Länder.

Die Union mit Großbritannien verwandelte Kurhannover in ein Nebenland, dessen Adel ohne starke fürstliche Führung Freiheiten ausnutzte. In wirtschaftlicher Hinsicht profitierte das Land von neuen handelspolitischen Beziehungen. Das überaus agrarisch geprägte Land produzierte weit mehr Produkte, als es für den eigenen Gebrauch benötigte, und fand im britischen Empire einen Abnehmer seiner Überschüsse. Die im Entstehen begriffene Industrie Großbritanniens konnte im Gegenzug das Kurfürstentum mit fehlenden Gütern versorgen. Erschien Kurhannover während des 18. Jahrhunderts in politischer Beziehung fast ausschließlich als Trabant Großbritanniens, so hob sich dennoch das Ansehen und die Bedeutung des Landes im Reich infolge dieser Verbindung beträchtlich. Sein Einfluss in innerdeutschen Angelegenheiten blieb nur hinter dem von Habsburg und Brandenburg-Preußen zurück.

Georgs I. Regierung war für die kurbraunschweigisch-lüneburgischen Lande, wie sie seit 1705 offiziell genannt wurden, in jeder Beziehung bedeutend. Von der Kampagne am Rhein (Ende 1709) zurückgekehrt, wandte der Kurfürst den auch an seinen Grenzen geführten Kämpfen des Nordischen Kriegs seine ganze Aufmerksamkeit zu.[5] Der mit Dänemark (1712) geplante Defensiv- und Offensivbund gegen Karl XII. kam freilich nicht zustande. Dennoch stand Kur-Braunschweig-Lüneburg, das seit dieser Zeit militärisch gut gerüstet war, bereit, im geeigneten Augenblick einzugreifen, um die im Westfälischen Frieden 1648 vergeblich erstrebten reichen Herzogtümer Bremen und Verden wenn nötig mit Waffengewalt zur Abrundung des territorialen Besitze zu erringen. Inzwischen begnügte sich der Kurfürst, die Protestanten in den Hochstiften Münster, Paderborn, Hildesheim in seinen Schutz zu nehmen, wie er seinerseits den Katholiken in seinen Landen völlige Glaubensfreiheit gewährte. Hildesheim wurde kurzzeitig militärisch besetzt. Am 1. Oktober 1714 starb die britische Königin Anna aus dem Hause Stuart. Der Kurfürst siedelten zwar von Hannover nach London um, dies führte aber zu keiner direkten Verfassungsänderung im Kurfürstentum. Erst allmählich zeigte es sich, dass Statthalter[6] und Geheimer Rat fortan die eigentlichen Regenten waren. Der Geheime Rat behielt die Verhandlungen mit den Ständen, die Kontrolle der Landesverwaltung, der Finanzen, der Rechtspflege, der geistlichen, Militär- und auswärtigen Angelegenheiten sowie unter Vorbehalt kurfürstlicher Bestätigung die Ernennung der Beamten mit Ausnahme der höchsten Chargen, also die eigentliche Regierung des Landes, unter der Bedingung regelmäßiger Berichterstattung an den Landesherrn in seiner Hand. Die unter ihm stehenden Kollegien für die einzelnen Ressorts, Kanzlei, Kammer, Konsistorium und Kriegskanzlei standen mit ihm durch die ausschließlich aus seiner Mitte entnommenen Departementschefs in steter unmittelbarer Verbindung. Die reichen Einkünfte aus den Domänen, aus direkten und indirekten Steuern, die selbst während der glänzenden Hofhaltung der Fürsten der letzten Generation zeitweise Überschüsse ergeben hatten, wanderten, unter Abzug der verhältnismäßig beträchtlichen Ausgaben für das Beamtentum und die in Hannover weiter bestehenden Hofhaltung, in die Kasse des Kurfürsten-Königs und ermöglichten trotz bedeutenden Aufwandes für das Stehende Heer die Begründung eines bedeutenden Hausschatzes.

Inzwischen führten die Hartnäckigkeit des Königs Karl XII. von Schweden, die drohende Nähe der russischen Truppen in Mecklenburg, die Furcht, dass der Nordische Krieg ganz Niederdeutschland ergreifen und zuletzt nur dem Zaren geholfen hätte, eine Annäherung des dänischen Königs Friedrich IV. an Kur-Braunschweig-Lüneburg und die übrigen dabei interessierten deutschen Fürsten herbei, die Anfang 1714 zum Braunschweiger Kongress zwecks Einigung über die nordischen Friedenstraktate, ein Jahr später zu einer Offensiv- und Defensivallianz zwischen Dänemark und Kur-Braunschweig-Lüneburg führte mit gegenseitiger Garantie. Dänemark sicherte das Verbleiben der damals unter dänischer Verwaltung stehenden schwedischen Herzogtümer Bremen und Verden bei Kurhannover. Auf der anderen Seite sollte die dauernde Verbindung Schleswigs mit Dänemark garantiert werden. Eine endgültige Sicherung im Besitz der Herzogtümer Bremen (nicht die Freie Reichsstadt Bremen) und Verden, die wegen ihrer reichen Einkünfte (jährlich eine viertel Million Reichstaler) wertvoll waren, gewährte der Vertrag von Stockholm (November 1719), worin Schweden gegen Zahlung von einer Million Reichstaler sein Anrecht auf die Herzogtümer an das Kurfürstentum abtrat. Die kaiserliche Belehnung mit denselben, in die auch Braunschweig-Wolfenbüttel aufgenommen wurde, erfolgte allerdings erst 1733.

Georg I. sorgte auch dafür, dass in den 1720er Jahren weit reichende Pläne der Habsburger gegen Frankreich vereitelt wurden, indem Kurhannover mit dem preußischen König Friedrich Wilhelm I. die "Hannoversche Allianz" in Herrenhausen zur Erhaltung des bestehenden Rechtszustandes schloss.

Georg II. und Georg III.[Bearbeiten]

Mit seinem Vater Georg I. teilte sein Sohn Georg II. die Vorliebe für das deutsche Stammland, wo er sich gern aufhielt. Mit seinem Vetter und Schwager Friedrich Wilhelm I. von Preußen stand er aus persönlicher Antipathie und gegenseitiger Rivalität durchweg in einem sehr misslichen Verhältnis. Die Vorliebe des Preußenkönigs für die langen Soldaten und die Rücksichtslosigkeit seiner Werbeoffiziere im Hannöverschen führten 1731 zu einer ernsten Verwicklung. Schon standen sich die Heere beider Fürsten kampfbereit an der Landesgrenze einander gegenüber, als durch Vermittlung der Herzöge von Gotha und Braunschweig noch im letzten Augenblick der Kampf verhindert wurde.

Der Kurfürst stiftete 1737 die Universität Göttingen, die durch die Bemühungen des Ministers von Münchhausen ins Leben gerufen und mit reicher Dotation bald die ausgezeichnetsten Gelehrten Deutschlands und eine große Zahl Studierender an sich zog.

Als Kurfürst des Reichs und Garant der Pragmatischen Sanktion stand Georg II. während des österreichischen Erbfolgekriegs von 1741 bis 1748 auf seiten Maria Theresias. Der Sieg von Dettingen (27. Juni 1743) ist der letzte Sieg, den ein britischer König an der Spitze seiner Truppen selbst errang. Der Siebenjährige Krieg traf Kurhannover sehr hart, da es eines der Hauptkampfgebiete war. Der Bund Österreichs mit dem alten Feind Frankreich hatte die politischen Verhältnisse verkehrt und Hannover im Gefolge Großbritanniens zum Bund mit Friedrich II. von Preußen geführt. In den ersten Jahren waren die preußisch-britischen Streitkräften meist in schlechter Lage. Das große militärische Geschick des Herzogs Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel, den der preußische König bereitwillig seinem Alliierten als Oberbefehlshaber des alliierten Heeres überließ, konnte die Verluste der beiden ersten Jahre nicht völlig ausgleichen, vor allen die Niederlage des Herzogs von Cumberland bei Hastenbeck (1757) und die sich daran schließende Konvention von Kloster Zeven, die das ganze Land den Franzosen ein Jahr lang überließ.

Georgs II. Nachfolger wurde 1760 sein Enkel Georg III. (1760–1820). Die Art und Weise der Regierung blieb auch unter dem neuen Regenten dieselbe wie seit 1714, nur dass Statthalter und Geheimer Rat um so selbständiger verfuhren, als der König-Kurfürst fortan seine bleibende Residenz in England nahm, dem Land seiner Geburt, wo er freilich ein stehendes Kabinett für die Kurlande einrichtete. Bis zur französischen Revolution, ein volles Menschenalter hindurch, erfreute sich das Kurfürstentum gleich dem gesamten Deutschland einer Zeit ungestörten Friedens. An der innerdeutschen Politik begann Kurhannover sich erst seit dem Bayrischen Erbfolgekrieg, engagierter zu beteiligen und zwar diesmal in Übereinstimmung mit der preußischen Politik und gegen die josephinischen Expansionsbestrebungen. Vonseiten der Habsburgermonarchie drohte durch die geplante Annexion Bayerns ein völliger Umsturz des inneren politischen Machtverhältnisses, der katholische wie protestantische, große wie kleine Fürsten gleich gefährdete. Georg III. trat wie die meisten von ihnen 1785 dem von Friedrich II. von Preußen gegründeten Fürstenbund bei, dessen Statuten von Preußen, Kurhannover und Kursachsen noch zwei nur für diese drei Kontrahenten verbindliche geheime Separatartikel hinzugefügt wurden, die für den Fall eines Kriegs gegenseitige Unterstützung mit einem Hilfskorps von 15.000 Mann vorsahen, anderseits gemeinsame Maßregeln vorsahen, um das Streben des Kaisers, die Mitglieder seines Hauses Habsburg in die Koadjutorschaften sämtlicher wichtiger geistlicher Reichsstände zu bringen, zu nichte zu machen.

Koalitionskriege und Ende des Kurfürstentums[Bearbeiten]

An den Kämpfen gegen die französische Revolution nahm Hannover nicht direkt Anteil. Allerdings wurde ein erst 13.000, dann 16.000 Mann starkes Korps unter der Führung des Feldmarschalls Freytag dem König von Großbritannien überlassen, das mitkämpfte, bis es beim Rückzug des britischen Hauptheers auch in die Heimat zurückgesandt wurde. Der Abschluss des Basler Friedens durch Preußen (1795) und die darin stipulierte Demarkationslinie bewahrten Hannover vor den Einfällen der Franzosen.

Das nächste Jahrzehnt war voller Reibungen zwischen Hannover und Preußen und brachte Hannover gerade infolge seiner Verbindung mit Großbritannien, das sich nicht zu den Stipulationen des Friedens von Lunéville (9. Februar 1801) verstehen wollte, sondern den Kampf noch zwölf Monate länger fortsetzte, in eine misslichste Lage. Obgleich nämlich Hannover noch im genannten Frieden definitiv das Hochstift Osnabrück zugesprochen erhielt, war von dem Ersten Konsul doch schon sein Untergang geplant und zwar derart, dass in diesen auch sein Rivale, das dem Konsul gegenüber sich zurückhaltende Preußen, mit verwickelt werden sollte. Bonaparte lud nicht weniger als dreimal in den Jahren 1796–1801 Friedrich Wilhelm III. ein, den Kurstaat wegen Verletzung der Bestimmungen des Basler Friedens und zur Deckung gegen Großbritannien zu besetzen, und der preußische König erkannte es zuletzt, da Russland ihm zuvorzukommen suchte, fürs beste, diesem Rat zu folgen. So erfolgte denn, da eine Verteidigung des Landes bei der unzureichenden Truppenzahl nicht ratsam schien, die erste Besetzung Hannovers durch 24.000 Preußen unter General von Kleist, die ein Jahr lang bis zum Frieden von Amiens (27. März 1802) vom Land unterhalten werden mussten. Der Reichsdeputationshauptschluß vom Februar 1803 bestätigte Kurhannover im Besitz von Osnabrück; jedoch konnte es seinen gleichzeitigen Anspruch auf das ebenfalls säkularisierte Fürstbistum Hildesheim gegen das konkurrierende Preußen nicht durchsetzen.

Die Wiederaufnahme des Kriegs durch Großbritannien führte 1803 auch die Katastrophe über das Kurfürstentum herbei. Weder der König noch sein damaliger Kabinettsminister von Lenthe hatten eine richtige Anschauung von der Lage der Dinge in Kurhannover wie von dem, was in einer so kritischen Lage nottat. Die mit großen Kosten aus kleinen Anfängen geschaffene und erhaltene Werbearmee von ca. 20.000 Mann, damals unter Leitung des Feldmarschalls von Johann Ludwig von Wallmoden-Gimborn, eines rechtschaffenen, persönlich tapferen, doch seiner Aufgabe keineswegs gewachsenen Mannes, war durch die im letzten Jahrzehnt erlittenen Niederlagen im Feld und in der Politik geschwächt und demoralisiert. Als daher der Versuch eines allgemeinen Aufgebots an dem Widerwillen der besitzenden Klassen gescheitert war, sah sich Wallmoden genötigt, dem Drängen landständischer Deputierter nachzugeben und eine von diesen mit General Édouard Adolphe Mortier, dem Befehlshaber des von der Weser her gegen Hannover anrückenden französischen Heers, zu Sulingen abgeschlossene Konvention (3. Juni 1803) als für sich verbindlich anzuerkennen. Ohne das Schwert aus der Scheide gezogen zu haben, erklärte sich so das immerhin noch gegen 16.000 Mann starke hannöversche Heer einem nicht stärkeren Feind gegenüber für besiegt und unterschrieb die Bedingung, jenseit der Elbe, im Lauenburgischen, für die Dauer des Kriegs gleichsam in einer freiwilligen Internierung zu bleiben. Seiner beliebten Praxis gemäß versagte der Erste Konsul auf einen nichtigen Vorwand hin der Konvention seine Ratifikation, und so diktierte der französische Feldherr dem unglücklichen Wallmoden in der Konvention von Artlenburg an der Elbe (5. Juli 1803) folgende Bedingungen: Das hannöversche Heer wird entwaffnet und aufgelöst; Munition und Pferde werden dem Sieger zuteil; das ganze Land bleibt in französischem Sequester.

Jean-Baptiste Bernadotte, der spätere König von Schweden und Norwegen, war hier vom 14. Mai 1804 für mehrere Monate französischer Gouverneur. Als Folge des von Christian von Haugwitz mit Napoleon geschlossenen Vertrags von Paris vom 15. Februar 1806 war Preußen gezwungen Hannover zu besetzen, was eine Kriegserklärung seitens Englands zur Folge hatte.[7] 1807 bzw. 1810 ging Hannover schließlich im Königreich Westphalen auf, das von Napoleons jüngstem Bruder Jérôme regiert wurde. Der Nordwesten des Kurfürstentums wurde 1811 als Teil der Hanseatischen Departements Bestandteil des ersten französischen Kaiserreichs.

Auf dem Wiener Kongress erklärte sich das Kurfürstentum am 12. Oktober 1814 selbst zum Königreich Hannover.

Staat und Verwaltung[Bearbeiten]

Mit Erlangung der Kurfürstenwürde entwickelte sich auch die staatliche Struktur des Territoriums. Dabei wirkten neben neuzeitlichen Verwaltungsstrukturen auch alte ständische Besitzstände fort. Der Kurfürst (insbesondere als König von Großbritannien) war zunehmend auf eine zentrale Verwaltung angewiesen, ohne die Landstände in den bis zu sieben verschiedenen Landschaften in Frage zu stellen. Auch im Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg bestand ein starker Dualismus zwischen Landesherrn und Landständen. Grundlage für die kurfürstliche Regierung war das Regierungsreglement von 1714, das auf dem von Ernst August von Calenberg niedergelegten Reglement von 1680 aufbaute.[8]

Kurfürsten[Bearbeiten]

Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg
Haus Hannover
Name Herrschaft Bemerkungen
Ernst August 1692–1698 Sohn von Georg von Braunschweig und Lüneburg-Calenberg
Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg, König von Großbritannien und Irland
Mit dem Act of Settlement von 1701 wurde die Thronfolge auf Protestanten eingeschränkt. Sophie von der Pfalz, die nächste protestantische Verwandte, wurde deshalb Thronfolgerin. Sie starb kurz vor Königin Anne. Aus diesem Grund folgte ihr Sohn auf den Thron, der das Haus Hannover begründete.
Georg I. (George I) 1698/1714–1727 Sohn von Ernst August und Urenkel von Jakob I..
Georg II. (George II) 1727–1760 Sohn von Georg I.
Georg III. (George III) 1760–1820 Enkel von Georg II.

Kurfürsten von Braunschweig-Lüneburg:

Landstände[Bearbeiten]

Ausgehend von der territorialen Zersplitterung des nominell noch bestehenden Herzogtums Braunschweig-Lüneburg und anliegender Fürstentümer konnte das Kurfürstentum nach und nach eine Vielzahl von Landschaften mit jeweiligen Landständen vereinigen. Während der größten territorialen Ausdehnung des Kurfürstentums waren es 7 Landschaften. Durch die Regierungsferne des zunehmend in London regierenden Kurfürsten konnten die Landstände ein relatives Eigenleben entwickeln. Die Verflechtung des höheren Adels mit dem Hofe und hohen Verwaltungs- und Militärstellen minderte aber Konflikte.

Verwaltung[Bearbeiten]

1714 gliederte ein Reglement die Landesregierung in fünf Zentralbehörden: Geheimes Ratskollegium, Kammer, Justizkanzlei, Konsistorium und Kriegskanzlei. Die sogenannte „Deutsche Kanzlei“ bildete das Verbindungsbüro mit zwischen Chur-Braunschweig-Lüneburg und der britischen Regierung in London.[9]

Die Kurfürstenwürde bewirkte, dass das Territorium nicht mehr der Reichsgerichtsbarkeit unterstand. Als oberster Gerichtshof wurde deshalb 1711 das Oberappellationsgericht in Celle eingerichtet.

Militär[Bearbeiten]

Die Ursprünge der kurhannoverschen Armee werden allgemein auf das Jahr 1617 für die Fürstentümer Grubenhagen und Calenberg festgelegt.[10] Aber erst nach dem Dreißigjährigen Krieg entwickelte sich ein Stehendes Heer. 1705 wurden die kurfürstlichen Truppen mit Regimentern des Fürstentums Lüneburg/Celle erweitert. Vor allem als Teil der Reichsarmee auf kaiserlicher Seite kämpften kurfürstlich hannoversche Truppen in unterschiedlichen Kriegen, so im Großen Türkenkrieg 1685–1699 und in den Spanischen, Polnischen und Österreichischen Erbfolgekriegen. Bedingt durch die engen Beziehungen mit der britischen Armee des britischen Königs und hannoverschen Kurfürsten kämpften hannoversche Truppen häufig an der Seite britischer Truppen. Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) bestand eine Allianz neben hannoverschen und britischen Truppen aus braunschweig-wolfenbütteler, hessen-kasseler und preußischen Truppen. Im Vorfeld des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges ersetzten 1775 kurhannoversche Truppen die nach Übersee abgerückten britischen Truppen auf Menorca und in Gibraltar. Die hannoverschen Truppen in Gibraltar verteidigten die Stellungen erfolgreich gegen spanische Angriffe.[11] Hannoversche Truppen nahmen auch am britischen Krieg gegen Frankreich in Ostindien teil (1782–1792). Ebenfalls unter britischen Sold nahmen kurfürstliche Truppen im Ersten Koalitionskrieg (1792–1797) gegen das revolutionäre Frankreich teil (1793–1795). Die Armee des Kurfürstentums wurde 1803 aufgelöst, aber ein großer Teil der Offiziere und Soldaten ging nach Großbritannien und wurde dort als King’s German Legion wieder aufgestellt. Sie war die einzige deutsche Truppe, die sich kontinuierlich im Kampf gegen die französische Armee befand und nahm an den Gefechten auf der iberischen Halbinsel, in Norddeutschland (Göhrde) und Kopenhagen teil. In der Schlacht von Waterloo 1815 verteidigten sie den wichtigen Vorposten La Haye Sainte.

Offiziere des Hannoverschen Ingenieurkorps erstellten zwischen 1764 und 1784 die Kurhannoversche Landesaufnahme, die erste umfangreiche kartografische Landesaufnahme des Kurfürstentums.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Heide Barmeyer (Hrsg.): Hannover und die englische Thronfolge (=Hannoversche Schriften zur Regional- und Lokalgeschichte Band 19): Bielefeld 2005.
  • Richard Drögereit: Quellen zur Geschichte Kurhannovers im Zeitalter der Personalunion mit England 1714–1803, Quellenhefte zur Niedersächsischen Geschichte, Hildesheim 1949.
  • Wilhelm Havemann: Geschichte der Lande Braunschweig und Lüneburg; Band 3; Göttingen 1857; insb. Bemühungen von Ernst August um die Kurwürde: S. 322ff Google-Books
  • Torsten Riotte: Hannover in der britischen Politik, 1792–1815. Dynastische Verbindung als Element außenpolitischer Entscheidungsprozesse. Historia profana et ecclesiastica Bd. 13, Lit, Münster 2005, ISBN 3-8258-7551-2
  • Torsten Riotte, B. Simms (Hrsg.): The Hanoverian Dimension in British History. Cambridge University Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-521-84222-8
  • Joachim Niemeyer, Georg Ortenburg (Hrsg.): Die Chur-braunschweig-lüneburgische Armee im Siebenjährigen Kriege. In: Das „Gmundener Prachtwerk“. Beckum 1976
  • Georg Schnath: Geschichte Hannovers im Zeitalter der neunten Kur und der englischen Sukzession 1674–1714 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Hannover XVIII); Hildesheim 1938.
  • Schütz von Brandis: Übersicht der Geschichte der Hannoverschen Armee von 1617 bis 1866. Von einem hannoverschen Jäger. (Bearbeitet von [Johann] Freiherr von Reitzenstein) Hannover und Leipzig 1903 (Reprint Buchholz-Sprötze 1998)
  • Wilhelm von Wersebe: Geschichte der hannoverschen Armee, Hannover 1928, online
  • Hannoverische Chur-Würde. In: Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste. Band 12, Leipzig 1735, Spalte 482 f.
  • Christoph Barthold Scharf: Der politische Staat des Churfürstenthum Braunschweig-Lüneburg samt dazu gehörigen Herzogthümern, und Grafschaften in welchem dessen Staedte, Flecken, Dörfer, Adeliche Güther, und einzelne Höfe nach ihren Gerichts-Obrigkeiten und Einpfarrungen aus Privat Nachrichten zusammengetragen und in Alphabetischer Ordnung entworfen, Lauenburg 1777. (Digitalisat)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wahlspruch auf den Fahnen der chur-braunschweig-lüneburgischen Armee
  2. Nec aspera terrent auf zeno.org bzw. aus dem Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon, fünfte Auflage, Band 2. Leipzig 1911., S. 251.
  3. Die Fürsten des eigenständigen Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel nannten sich ebenfalls Herzöge von Braunschweig und Lüneburg.
  4. vgl. Drögereit 1949, Barmeyer 2005
  5. Der dänisch-schwedische Kampf hatte einen Teil Niederdeutschlands betroffen. Die Herzogtümer Bremen, Verden und Vorpommern waren noch in schwedischem Besitz.
  6. Der erste Statthalter war der General der Kavallerie von Bülow.
  7. Karl Otmar von Aretin: Vom deutschen Reich zum Deutschen Bund. Seite 103, ISBN 978-3-525-33583-3, abgefragt am 14. Februar 2009
  8. vgl. zum Reglement 1714: Drögereit 1949: 5–15; zum Reglement von 1680: Schnath 1938: 686-694.
  9. vgl. Drögereit 1949: 5
  10. Schütz von Brandis
  11. vgl. Wersebe, 1928, 208ff
  12. Niemeyer/Ortenburg 1976: 47
  13. Google Books