ATD Vierte Welt

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Internationale Bewegung ATD Vierte Welt
(ATD Vierte Welt)
Gründung 1957 in Noisy-le-Grand
Gründer Joseph Wresinski
Motto Gemeinsam für die Würde aller.
Website www.atd-quartmonde.org

Die Bewegung ATD Vierte Welt (englisch International Movement ATD Fourth World) ist eine internationale Nichtregierungsorganisation, die sich für die Menschenrechte, den Frieden und die Anerkennung der Menschenwürde einsetzt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Vereinigung entstand 1957 als Selbsthilfevereinigung im Notunterkunftslager "Château de France" in der Pariser Vorortsgemeinde Noisy-le-Grand. Ihr Gründer, Joseph Wresinski, lebte dort von 1956 bis 1967 als Seelsorger. Er war selber in bitterer Armut aufgewachsen und wollte, dass die aufgrund ihrer Armut ausgeschlossenen Familien und Bevölkerungsgruppen ihre Erfahrungen in die Gesellschaft einbringen und diese als gleichberechtigte Partner mitgestalten können.[1]

Die Organisation ist nach eigenen Angaben parteipolitisch und konfessionell neutral[2] und hat Beraterstatus bei ECOSOC[3], UNESCO, UNICEF, Internationale Arbeitsorganisation und Europarat. Sie ist in über 30 Ländern auf allen Kontinenten tätig. Der Hauptsitz befindet sich in Pierrelaye/Frankreich, die Geschäftsstelle für Deutschland in Gerswalde (Uckermark), das Schweizer Zentrum in Treyvaux.

Die Initiale ATD stehen in Englisch für All Together in Dignity (Im Deutschen wiedergegeben als: Gemeinsam für die Würde aller, im Französischen mit Agir tous pour la dignité).

Gemeinsam entwickeln die Mitglieder Projekte im Bereich der Bildung und der Kultur. Sie fördern den Dialog untereinander und mit der Gesellschaft. Ein Beispiel sind die „Vierte Welt Volksuniversitäten“[4] in verschiedenen europäischen Ländern. Hier tauschen armutsbetroffene und andere Menschen Erfahrungen aus, lernen aufeinander zu hören und thematisieren Lebensbereiche wie Arbeit, Kultur, Bildung oder Gesundheit. Sie üben den Dialog und bereiten auch Stellungnahmen vor.

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch ihr Forschungsinstitut hat die Organisation seit den 1960er Jahren wesentlich zur Bewusstwerdung der anhaltenden Armut in den reichen Ländern beigetragen.[5] Sie hat die internationale Staatengemeinschaft für den Zusammenhang zwischen Armut und Menschenrechten sensibilisiert, was im Herbst 2012 zur Verabschiedung entsprechender Leitlinien durch die UNO-Generalversammlung führte.[6] Wegweisend war hier der Wresinski-Bericht des französischen Wirtschafts- und Sozialrats[7] mit seiner Definition: „Wirtschaftliche und soziale Unsicherheit […] führt dann zu schwerer Armut, wenn sie mehrere Existenzbereiche berührt, wenn sie über einen längeren Zeitraum anhält, wenn sie die Möglichkeiten beeinträchtigt, aus eigener Kraft in absehbarer Zeit seine Verantwortlichkeiten wieder zu übernehmen und seine Rechte zurückzuerwerben.“[8] Auf Initiative von ATD Vierte Welt wird der 17. Oktober seit 1987 als Welttag zur Überwindung der Armut begangen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jona M. Rosenfeld: Emerger de la grande pauvreté. Le Mouvement international ATD Quart Monde et son action avec les familles les plus pauvres. Editions Quart Monde, Paris 1994, ISBN 2-904972-28-5
  • Joseph Wresinski: Die Armen sind die Kirche. Gespräche mit Joseph Wresinski über die Vierte Welt. NZN Buchverlag, Zürich 1998, ISBN 3-85827-119-5
  • Jona M. Rosenfeld, Bruno Tardieu: Artisans of Democracy: How Ordinary People, Families in Extreme Poverty, and Social Institutions Become Allies to Overcome Social Exclusion. University Press of America, 2000, ISBN 0-7618-1666-6
  • Marie-Rose Blunschi Ackermann: Joseph Wresinski. Wortführer der Ärmsten im theologischen Diskurs (= Praktische Theologie im Dialog 28). Academic Press Fribourg, Freiburg Schweiz 2005, ISBN 3-7278-1535-3 ISSN 1422-4410. (PDF; 2,1 MB)
  • Nelly Schenker: "Es langs, langs Warteli für es goldigs Nüteli". Meine Erinnerungen. edition gesowip, Basel 2014, ISBN 978-3-906129-92-1
  • Eugen Brand, Michel Sauquet: La dignité pour boussole. Un engagement avec ATD Quart Monde. Yvry-sur-Seine 2020, ISBN 979-10-91178-79-2
  • Hervé Dubois: Die Vierte Welt in Basel. In: Basler Stadtbuch 1983, S. 115-120.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Marie-Rose Blunschi Ackermann: Joseph Wresinski. Wortführer der Ärmsten im theologischen Diskurs, Freiburg Schweiz 2005, S. 109–155; Joseph Wresinski: Die Armen sind die Kirche, Zürich 1998, S. 158–162 (pdf; 76 KB)
  2. Statuts du Mouvement International ATD Quart Monde adoptés par l'Assemblée Générale du 29 avril 2009, Art. 1 (pdf; 741 KB)
  3. François Rubio: Liste des ONG ayant un "statut général" auprès du Conseil économique et social (ECOSOC) des Nations Unies. In: Blog ONG Humanitaire. Abgerufen am 1. Juli 2020.
  4. Geneviève Defraigne Tardieu: L'Université populaire Quart Monde. La construction du savoir émancipatoire,Presses universitaires de Paris Ouest, 2012.
  5. Sarah Haßdenteufel: Armutsberichterstattung, Staat und Wohlfahrtsverbände in Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland in den 1980er Jahren. In: Österreichische Zeitschrift für Geschichte,Band 26, Jahrgang 2015, S. 149–169 (pdf)
  6. Final draft of the guiding principles on extreme poverty and human rights, submitted by the Special Rapporteur on extreme poverty and human rights, Magdalena Sepúlveda Carmona, Bericht des UN Human Rights Council vom 18. Juli 2012 (PDF; 576kb)
  7. Grande pauvreté et précarité économique et sociale. Journal Officiel de la République Française, 28 février 1987 (pdf).
  8. Grande pauvreté et précarité économique et sociale. Journal Officiel de la République Française, 28 février 1987, S. 6 (pdf).