Adipositas-Paradoxon

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Das Adipositas-Paradoxon (englisch obesity paradox) ist ein Schlagwort für eine höchst umstrittene medizinische Hypothese. Sie beschreibt die epidemiologisch begründete Vermutung, dass übergewichtige (adipöse) Patienten bei einigen Erkrankungen bessere Überlebenschancen hätten als normalgewichtige.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Vielzahl von klinischen Studien, beispielsweise die Framingham-Herz-Studie, zeigten, dass ein hoher Body-Mass-Index (BMI) mit schwerwiegenden Erkrankungen korreliert, wie Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz, Arteriosklerose, Schlaganfall oder Brustkrebs. Übergewicht ist ein eindeutiger Risikofaktor, der die Lebenserwartung signifikant senkt.[1][2][3][4]

Dagegen wurde in einer Reihe von epidemiologischen Studien festgestellt, dass Patienten mit Herzerkrankungen – also bereits erkrankte Personen – mit einem erhöhten BMI im Vergleich zu normalgewichtigen Patienten ein vermindertes Risiko für das Eintreten weiterer Störfälle haben.[5] Bei folgenden Erkrankungen wurde in Studien ein Adipositas-Paradoxon gefunden:

Dieses Paradoxon wird allerdings häufig dahin gehend falsch interpretiert, dass Über- besser als Normalgewicht sei. Das Adipositas-Paradoxon trifft jedoch nur auf bereits erkrankte Personen zu, und diese haben aufgrund ihrer Erkrankung statistisch ohnehin schon eine verkürzte Lebenserwartung. Im Fall der Herzinsuffizienz ist es günstiger, von vorne herein die Krankheit durch Normalgewicht zu vermeiden, als nach Eintritt der Krankheit mit Hilfe von Übergewicht etwas länger überleben zu wollen.[9]

Das Adipositas-Paradoxon wurde erstmals 1999 beschrieben.[10]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Studienergebnisse wurden sehr bald grundsätzlich in Frage gestellt.[11] Zum einen wurde die Existenz des Adipositas-Paradoxons bezweifelt. Ein Argument gegen das Adipositas-Paradoxon ist, dass chronische Patienten mit dem niedrigsten BMI üblicherweise die am schwersten erkrankten sind. Bei vielen Erkrankungen, wie beispielsweise AIDS oder Krebs, tritt zudem im Endstadium ein krankheitsbedingter Gewichtsverlust ein. Diese Konfundierungseffekte würden die Studienergebnisse verfälschen.[12] Ein typischer Confounder ist das Tabakrauchen, das zwar den BMI reduziert, aber die Mortalität signifikant erhöht.

In einer Übersichtsarbeit von 2015 wurde dargelegt, warum das Adipositas-Paradoxon als eine Fehleinschätzung (Artefakt) aufgrund von statistischen Unzulänglichkeiten (Stichprobenverzerrung) betrachtet werden könne.[13]

Die Idee des „Adipositas-Paradoxon“ wird massiv von Firmen wie Coca Cola gefördert, welche dahingehende „Studien“ finanzieren und bewerben, da sie ein finanzielles Interesse daran haben, negative Gesundheitsauswirkungen von Adipositas zu leugnen.[14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. M. Bluher: Fat tissue and long life. In: Obesity facts. Band 1, Nummer 4, 2008, S. 176–182, ISSN 1662-4025. doi:10.1159/000145930. PMID 20054178. (Review).
  2. L. Fontana, S. Klein: Aging, adiposity, and calorie restriction. In: JAMA. Band 297, Nummer 9, März 2007, S. 986–994, ISSN 1538-3598. doi:10.1001/jama.297.9.986. PMID 17341713. (Review).
  3. A. Peeters, J. J. Barendregt u. a.: Obesity in adulthood and its consequences for life expectancy: a life-table analysis. In: Annals of internal medicine. Band 138, Nummer 1, Januar 2003, S. 24–32, ISSN 1539-3704. PMID 12513041.
  4. E. E. Calle, M. J. Thun u. a.: Body-mass index and mortality in a prospective cohort of U.S. adults. In: The New England journal of medicine. Band 341, Nummer 15, Oktober 1999, S. 1097–1105, ISSN 0028-4793. doi:10.1056/NEJM199910073411501. PMID 10511607.
  5. R. Arena, C. J. Lavie: The obesity paradox and outcome in heart failure: is excess bodyweight truly protective? In: Future cardiology. Band 6, Nummer 1, Januar 2010, S. 1–6, ISSN 1744-8298. doi:10.2217/fca.09.158. PMID 20014982. (Review).
  6. A. Oreopoulos, R. Padwal u. a.: Body mass index and mortality in heart failure: a meta-analysis. In: American Heart Journal. Band 156, Nummer 1, Juli 2008, S. 13–22, ISSN 1097-6744. doi:10.1016/j.ahj.2008.02.014. PMID 18585492. (Review).
  7. A. Romero-Corral, V. M. Montori u. a.: Association of bodyweight with total mortality and with cardiovascular events in coronary artery disease: a systematic review of cohort studies. In: The Lancet. Band 368, Nummer 9536, August 2006, S. 666–678, ISSN 1474-547X. doi:10.1016/S0140-6736(06)69251-9. PMID 16920472. (Review).
  8. D. Schmidt, A. Salahudeen: The obesity-survival paradox in hemodialysis patients: why do overweight hemodialysis patients live longer? In: Nutrition in clinical practice: official publication of the American Society for Parenteral and Enteral Nutrition. Band 22, Nummer 1, Februar 2007, S. 11–15, ISSN 0884-5336. PMID 17242449. (Review).
  9. Das Adipositas-Paradox – Übergewichtige überleben akutes Herzversagen häufiger. (Memento des Originals vom 12. Februar 2007 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.aerzteblatt.de In: Deutsches Ärzteblatt. Vom 9. Januar 2007
  10. D. S. Schmidt, A. K. Salahudeen: Obesity-survival paradox-still a controversy? In: Seminars in dialysis. Band 20, 2007, S. 486–492, ISSN 0894-0959. doi:10.1111/j.1525-139X.2007.00349.x. PMID 17991192. (Review).
  11. A. Habbu, N. M. Lakkis, H. Dokainish: The obesity paradox: fact or fiction? In: The American journal of cardiology. Band 98, Nummer 7, Oktober 2006, S. 944–948, ISSN 0002-9149. doi:10.1016/j.amjcard.2006.04.039. PMID 16996880. (Review).
  12. P. A. Ades, P. D. Savage: The obesity paradox: perception vs knowledge. In: Mayo Clinic proceedings. Band 85, Nummer 2, Februar 2010, S. 112–114, ISSN 1942-5546. doi:10.4065/mcp.2009.0777. PMID 20118385. PMC 2813817 (freier Volltext).
  13. M. Lajous, H. R. Banack, J. S. Kaufman, M. A. Hernán: Should patients with chronic disease be told to gain weight? The obesity paradox and selection bias. In: The American journal of medicine. Band 128, Nummer 4, April 2015, S. 334–336, doi:10.1016/j.amjmed.2014.10.043, PMID 25460531, PMC 4495879 (freier Volltext) (Review).
  14. Julia Belluz: The obesity paradox: Why Coke is promoting a theory that being fat won’t hurt your health. In: Vox. 20. Oktober 2015, abgerufen am 21. Dezember 2021 (englisch).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]