Agnes (Roman)

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Agnes[1] ist ein 1998 erschienener Roman von Peter Stamm. Er erzählt aus der personalen Perspektive des Erzählers die Liebesgeschichte zwischen dem Ich-Erzähler, dessen Name dem Leser unbekannt bleibt, und Agnes, einer jüngeren Physikerin. Der Roman ist gegliedert in 36 kurze Kapitel, die den Beginn, die Entwicklung und das Ende dieser Beziehung beschreiben und dabei die Themen Liebe und Tod, Nähe und Fremdheit, Freiheit und Verantwortung ansprechen.

Erzählstrategien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch diese Erzählung ist die Summe von strategischen Entscheidungen, die bestimmte Bauformen aus dem narrativen Werkzeugkasten kombiniert:

Eine erste Erzählstrategie wird durch den Anfang festgelegt. Indem die ersten beiden Sätze nicht nur das Ende vorwegnehmen („Agnes ist tot.“), sondern auch die Basiserklärung liefern („Eine Geschichte hat sie getötet.“), ist die Konstruktion der Erzählung nicht mehr ergebnisoffen, sondern läuft teleologisch auf den genannten Endpunkt zu. Die Ereignisse werden kausal und chronologisch diesem Ziel untergeordnet und der durch 36 kurze Kapitel interpunktierte Ereignisverlauf legt eine Zwangsläufigkeit nahe, die zunächst dunkel bleibt: „Die Geschichte wird immer enger, wie ein Trichter“, kommentiert der namenlose Ich-Erzähler eine kurze literarische Skizze von Agnes[2] – und benennt damit zugleich das bestimmende narrative Bauprinzip. Da der Autor durch den Erzähler spricht, könnte der Sprung in medias res („Eine Geschichte hat sie getötet.“) auch als ironischer Kommentar des Autors gelesen werden: immerhin ist ja er es, der Agnes sterben lässt.

Eine zweite Strategie ist die Ausrichtung des Figurenhandelns an einem Verhaltensmuster oder Skript, welches letztlich das Scheitern ihrer Beziehung bewirkt: Agnes’ Angst vor dem Verlust ihrer Freiheit ist auch die Angst des Ich-Erzählers vor dem Verlust seiner Freiheit – und je mehr sich die beiden Figuren aneinander binden, desto stärker werden die zentrifugalen Kräfte: Der Ich-Erzähler weiß, „dass es unmöglich war, unzumutbar für Agnes, unerträglich für mich.“[3]

Beide Hauptfiguren handeln auf der Basis ihrer inneren, psychologischen Konfigurationen und weil diese Skripte der Figuren deckungsgleich sind, sind sie nicht kompatibel. Sie scheitern an dieser Symmetrie von Anziehung und Abstoßung, denn „es ist die Asymmetrie, die das Leben überhaupt erst ermöglicht“, bemerkt Agnes.[4] Indem sie sich in ihrer Dissertation mit der Symmetrie unterschiedlicher Arten von Kristallen beschäftigt, projiziert der Autor seine Erzählstrategie in einer ironischen Volte als wissenschaftliches Thema in die Figurenwelt.

In einer dritte Strategie des Autors lässt er sein Spiel mit Handlungsdeterminanten von den Figuren selbst spielen. Wie der Ich-Erzähler schon mit dem Trichter-Vergleich die Teleologie der Erzählung benennt, so imaginiert der Autor beide Figuren stellvertretend auch als Skript-Gestalter, in deren literarischen Projekten er sich spiegelt.[5] Mit diesen Binnenerzählungen bewegt sich das Gedankenexperiment auf zwei Ebenen gleichzeitig.

Die narrative Zielorientierung wird durch viele Hinweise unterstützt, die als eine Textur des Scheiterns die Figurenwelt durchwirken. So tritt an prominenter Position des Anfangs und Endes der Topos der Wanderung und der leeren Ebene auf und wird die ganze Erzählung hindurch variiert[6], z. B. als Aufgeben einer Siedlung infolge ökonomischer Zwänge, als Umherstreifen nach einem Streit – und dominant als Beschäftigung mit Luxuseisenbahnwagen, die das Reisen und die Trennung als Thema in den Figurenhorizont hereinholt: die Figuren tun es nicht einfach nur, sondern reflektieren es auch.

Und die Topoi der Epitaphe (z. B. wird Stonehenge erwähnt)[7] und des absehbaren oder vorzeitigen Endes oder des Ausbruchs aus einer Beziehung klingen sowohl im mehrfachen Verschütten von Kaffee und Tee[8] als auch im Abgang des Fötus[9] noch an. Die Dialoge kommen wiederholt auf den Tod und seine Formen zurück[10] und die Figur der Seltsamkeit oder Fremdheit des anderen, die sich mit der Dauer der Beziehung steigert, wird fast zwei Dutzend Mal verwendet.

Thematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman behandelt, häufig in symbolischer oder metaphorischer Form, die Themen Liebe und Selbstliebe (der Erzähler, Agnes und das Kind), Leben und Tod (Symmetrie und Asymmetrie), Verantwortung, Fürsorge und Freiheit (der Pullman-Streik) und das Verhältnis zwischen Nähe und Fremdheit.

In den Personen des Erzählers und Agnes werden unterschiedliche Haltungen und Weltanschauungen deutlich. Die Beziehung des nicht mehr ganz jungen Erzählers zu der 25-jährigen Agnes erinnert an die zwischen Walter Faber und Sabeth in Max Frischs Roman Homo faber. Wie in Frischs Roman berichtet der Ich-Erzähler in Agnes die Geschichte in einem nüchternen und lakonisch-distanzierten Stil, er ist aber anders als Walter Faber kein Techniker. Agnes hingegen ist zwar Naturwissenschaftlerin, musisch veranlagt und (anders als der Situationen oft falsch bewertende Erzähler) zur Empathie fähig.

Peter Stamm lehnt es ab, Interpretationshilfen zu seinem Roman „Agnes“ zu liefern: „Zur Interpretation von «Agnes» kann und will ich mich nicht äußern. Sie ist nicht Aufgabe des Autors. (…) Ich denke, das beste Verständnis liefert eine genaue und unvoreingenommene Lektüre des Textes. Er bietet viele Interpretationsmöglichkeiten, keine davon ist richtig, falsch sind allenfalls jene, die an den Haaren herbeigezogen oder schlecht begründet sind oder die für sich in Anspruch nehmen, die einzig richtige zu sein. Es gibt für das Buch keine Lösung wie für ein Kreuzworträtsel. Nicht einmal die Frage, ob Agnes am Ende des Buches tot ist oder lebt, lässt sich eindeutig beantworten. Weder von mir noch von Ihnen. Das soll Sie nicht daran hindern, darüber nachzudenken. In jeder Interpretation steckt viel vom Interpretierenden. Es liegt auf der Hand, dass Männer ein Buch anders lesen als Frauen, sechzehnjährige anders als sechzigjährige. Schön wäre es, wenn diese unterschiedlichen Lesarten zu konstruktiven Diskussionen führen, die weit über die Geschichte von «Agnes» hinausführen“.[11]

Insbesondere Agnes' Tod („Tod“?) ermöglicht verschiedene Interpretationen:

1. Ein Leser kann der Behauptung am Beginn des Romans Glauben schenken. Demnach wäre Agnes mit Georg Bendemann in Franz Kafkas Erzählung Das Urteil vergleichbar: Georg Bendemann wird von seinem Vater zum „Tod durch Ertrinken“ verurteilt und vollstreckt unverzüglich dieses Urteil, indem er aus dem Elternhaus davonläuft und über das Geländer einer Flussbrücke springt. Agnes liest den Text, den der Erzähler geschrieben hat und in dem er ihren Tod durch Erfrieren andeutet. Sie fährt den Computer nicht herunter, lässt ihr angebissenes Sandwich liegen, nimmt nur ihren Mantel mit, läuft „wie in Trance“ (so wird es in „Schluss2“ beschrieben, S. 151) aus der Wohnung und dem Hochhaus in den Park und sucht den Tod durch Erfrieren. Diesen hat sie zuvor selbst als „schönen Tod“ bewertet (S. 78). Dieses Verhalten wäre ein weiteres Beispiel für eine „Vergiftung durch Lektüre“ (S. 120). Nach einer Lektüre von Hermann Hesses Siddhartha hat sie schon einmal riskiert, dass ihre nackten Füße im Schnee erfrieren (S. 119). Dass Agnes bereit ist, Vorgaben der metadiegetischen Geschichte zu befolgen, zeigt sich darin, dass sie „wirklich“ (S. 64) das blaue Kleid anzieht, das sie der metadiegetischen Geschichte zufolge an dem betreffenden Tag trägt. Aus einer Vorschrift im Sinne von vorweg Geschriebenem wird so eine Vorschrift im Sinne einer Anweisung.

2. Einer anderen Interpretation zufolge nimmt sich der Erzähler zu wichtig. Die Figur Agnes ist zwar insofern ein „Geschöpf“ (S. 62) des Erzählers, als er vom Zeitpunkt der Erzählung der intradiegetischen Geschichte im Januar aus über den Erzählstoff, also auch über die Figur Agnes, nach Belieben verfügen kann. In seiner Eigenschaft als Handelnder in der intradiegetischen Geschichte kann er aber nur mit der Agnes der metadiegetischen Geschichte nach Belieben umgehen. Aus dieser Perspektive ist die Agnes der intradiegetischen Geschichte ein „realer Mensch“, der sich nicht wie eine Marionette behandeln lässt. Das „Nachleben“ der metadiegetischen Geschichte steigert sich zwar bei Agnes bis hin zum Kauf von Babysachen für das Kind, das in Wirklichkeit nie geboren werden wird, dieser Exzess endet aber mit der Erkenntnis, dass sie „krank“ sei (S. 119). Folgerichtig ist Agnes die metadiegetische Geschichte zum Schluss hin nicht mehr wichtig. Die Beziehung des Paares ist im Januar längst auf einen Tiefpunkt abgekühlt. Ihre Zärtlichkeiten sind oberflächlich (S. 122), nur noch zu Weihnachten bekommt der Erzähler von Agnes Sex, und das auch noch ausdrücklich als „Geschenk“ (S. 128). Umso auffälliger ist die emotional intensive Verabschiedung Agnes' (S. 142), bevor der Erzähler zu Louises Party geht. Möglicherweise hat Agnes zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen, den Erzähler zu verlassen. Die Lektüre des Textes ist für sie der Anlass, spontan wegzugehen. Da die Geschichte kurz nach Agnes' Weggang erzählt wird, bleibt unklar, was Agnes' Abwesenheit wirklich zu bedeuten hat.

Intertextuelle Bezüge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman Agnes greift eine Vielzahl von Motiven aus anderen literarischen Werken auf, von denen einige im Text explizit angesprochen werden.

  • Ein nicht mehr junger Mann reflektiert seine gescheiterte Vater-Tochter-Beziehung zu einer deutlich jüngeren Frau. → Max Frisch, Homo Faber
  • Ein Künstler (Pygmalion) schafft eine Figur, die lebendig wird. → Ovid, Metamorphosen
  • Ein Mann behandelt eine lebendige Frau wie eine Figur, die er nach eigenem Willen beliebig gestalten kann. → George Bernard Shaw, PygmalionFrederick Loewe, My Fair Lady
  • Ein älterer Mann verurteilt eine andere, jüngere Person zum Tode; die jüngere Person führt das Urteil unverzüglich durch Suizid aus. → Franz Kafka, Das Urteil
  • Der Tod durch Erfrieren erscheint als „schöner Tod“. → Robert Walser, Geschwister Tanner
  • Eine Geschichte, in der der Protagonist Suizid begeht, führt dazu, dass Menschen sich in der Realität auf die in der Geschichte beschriebene Weise umbringen. → Werther-Effekt, Legenden um Robert Walsers „Tod im Schnee“
  • Ein Mann (Nathanael) versucht, sein Leben durch Schreiben einer metadiegetischen Geschichte zu bewältigen, ist aber nach der Lektüre des Werks entsetzt über die Dämonen, die sein Unbewusstes dabei freigesetzt hat. → E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman gehörte zusammen mit dem Drama Dantons Tod von Georg Büchner und dem Roman Homo Faber von Max Frisch zu den Pflichtlektüren für das Abitur 2013–2018 an beruflichen, sowie für das Abitur 2014–2018 an allgemeinbildenden Gymnasien in Baden-Württemberg.[12]

Verfilmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Verfilmung des Romans mit dem Titel Agnes kam am 2. Juni 2016 in die Kinos. In den Hauptrollen sind Odine Johne als Agnes und Stephan Kampwirth als der Ich-Erzähler, der im Film Walter heißt.[13]

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Agnes. Roman. München: Goldmann 2000. Goldmann Taschenbuch (btb 72550). ISBN 3-442-72550-X
Agnes. Roman. Fischer, Frankfurt am Main 2009. Fischer Taschenbuch. ISBN 978-3-596-17912-1
Agnes. Hörbuch:.Sprecher: Christian Brückner. 3 CDs. Parlando, Berlin 2016. ISBN 978-3-941004-83-2

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Birgit Schmid: Die literarische Identität des Drehbuchs. Untersucht am Fallbeispiel „Agnes“ von Peter Stamm (= Diss. Zürich 2003). Lang, Bern 2004, ISBN 978-3-03910-246-4.
  • Magret Möckel: Königs Erläuterungen zu Peter Stamms „Agnes“. Bange, Hollfeld 5. A. 2015, ISBN 978-3-8044-1952-0.
  • Wolfgang Pütz: Peter Stamm, Agnes. Lektüreschlüssel für Schülerinnen und Schüler. Reclam, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-15-015455-7.
  • Johannes Wahl: Peter Stamm, Agnes. Klett Lerntraining Lektürenhilfen, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-12-923124-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Peter Stamm: Agnes. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2012, S. 153.
  2. Peter Stamm: Agnes. 2012, S. 43.
  3. Peter Stamm: Agnes. 2012, S. 133.
  4. Peter Stamm: Agnes. 2012, S. 45.
  5. Peter Stamm: Agnes. 2012, S. 62 ff., 68, 119,139.
  6. Peter Stamm: Agnes. 2012, S. 10, 13, 32, 34, 70 ff., 91 ff., 153.
  7. Peter Stamm: Agnes. 2012, S. 31 ff., 70 ff., 77.
  8. Peter Stamm: Agnes. 2012, S. 15, 17, 19, 80.
  9. Peter Stamm: Agnes. 2012, S. 111 ff.
  10. Peter Stamm: Agnes. 2012, S. 9, 11, 22 ff., 26 f., 31 ff., 78, 81, 130 f., 152.
  11. Peter Stamm: Agnes. 2012
  12. Abitur. Abgerufen am 29. März 2018.
  13. http://www.moviepilot.de/movies/agnes--2?filter=all