Alte Nikolaischule (Leipzig)

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Die Alte Nikolaischule

Die Alte Nikolaischule (lat. Schola Nikolaitana) war die erste städtische Bürgerschule in Leipzig.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gebäudekomplex Alte Nikolaischule 1875.
Von links: Geschäftshaus, Nikolaischule, Priesterhäuser

Die Geschichte der Alten Nikolaischule geht bis zum Ende des 12. Jahrhunderts zurück. Am 11. März 1395 wurden die Ratsherren der Stadt Leipzig durch Erlass von Papst Bonifatius IX. ermächtigt, eine Stadtschule am Nikolaikirchhof oder Umgebung zu errichten. Zunächst gab es aber weiterhin nur eine Privatschule Schola Nikolaitana, die 1490 erstmals erwähnt wurde.

Wegen der Gründung der Universität Leipzig 1409 fasste der Rat dann aber erst am 14. März 1498 einen Beschluss zur Errichtung der Schule, so dass 1511 das baufällige Haus Nikolaikirchhof 2 gekauft und zusammen mit der daneben liegenden Küsterei abgebrochen werden konnte. Am 6. Dezember 1512, dem Tag des heiligen Nikolaus, konnte die erste weltliche Schule Leipzigs eingeweiht werden.

Auch nach Umbau und Erweiterung des Gebäudes im Jahre 1530, die wegen steigender Schülerzahlen erforderlich wurden, standen den Knaben vom 17. bis 19. Jahrhundert nur vier Schulstuben zum Unterricht zur Verfügung. Sie waren im Erdgeschoss und im dritten Stockwerk eingerichtet, während der Küster mit seiner Familie die gesamte erste Etage bewohnte. Als in Leipzig 1539 die evangelische Lehre eingeführt wurde, kam es zur Reformation der Nikolaischule.

1551 brannte das Schulhaus ab, und 1568 wurde ein Neubau errichtet, der 1596/97 im Renaissancestil umgestaltet wurde. 1611 war die Nikolaischule dann eine sechsklassige Lateinschule, erst 1716 fand die Ausbildung in deutscher Sprache Eingang in die Schulordnung.

In diesem Zeitabschnitt war der als letztes Universalgenie geltende Gottfried Wilhelm Leibniz Nikolaitaner von 1655 bis 1661. Er ist 1646 in Leipzig geboren, hier aufgewachsen und absolvierte den ersten Teil seines Studiums an der Universität Leipzig. Insbesondere hat er die für viele Wissenschaften bedeutsame Differenzial- und Integralrechnung in einer praktikablen Form geschaffen. Mit seiner Initiative zur Logik und zum dualen Zahlensystem sowie der Vorführung seiner Rechenmaschine vor der Londoner Akademie Royal Society im Jahre 1673 eröffnete er nachhaltig den Zugang zur heutigen Digitaltechnik mit Computern, Kommunikation und Automation. Er wurde als Mitglied der Royal Society aufgenommen und gründete selbst drei Akademien, die bis heute Bestand haben: die Brandenburgische Sozietät der Wissenschaften sowie die Akademien in Wien und St. Petersburg. Leibniz hat mit seinen besonderen mathematischen und philosophischen Leistungen die Herausbildung von eigenständigen Wissenschaften sehr befördert und hiermit historisch bleibende Bedeutung erlangt.

Eine Schulaula ebenso wie der bis dahin noch gänzlich fehlende Karzer standen erst nach der 1824–1827 erfolgten Angliederung des benachbarten Eckhauses zur Verfügung. Im in diesem Jahr im zweiten Obergeschoss des Hauses im spätklassizistischen illusionistischen Stil errichteten „Redesaal“ (Aula) der Schule erhielt der spätere Komponist Richard Wagner Musikunterricht. Dieser wohl schönste Raum des Hauses wurde 1994 stilgerecht rekonstruiert und bietet heute bei Veranstaltungen 100 Personen Platz.

Bis zum 19. Jahrhundert diente das Gebäude Schulzwecken. Nachdem am 15. April 1872 die Schule in ein neues Schulgebäude in der Königstraße 30 (heute Goldschmidtstraße) umgezogen war, waren hier unterschiedliche Einrichtungen untergebracht. So zum Beispiel 1886–1889 das Interim der Königlichen Baugewerkeschule, ab 1897 die 1. Sanitätswache des Samaritervereins, 1907–1910 die Hauptwache der Garnison, Lager, Geschäftsräume und Räume für die Leipziger Messe, eine Polizeiwache oder 1890–1896 die Geschäftsstelle der „Gemeinsamen Ortskrankenkasse für Leipzig und Umgegend“. Zu Zeiten der DDR ging das Gebäude 1953 in die Rechtsträgerschaft der Universität über. Nach einer Nutzung durch die Handelshochschule in den 1970er Jahren verfiel es mehr und mehr, so dass es die Bauaufsicht 1976 sperren musste.

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alte Nikolaischule Leipzig im Sommer 2010
Das Gebäude der Alten Nikolaischule bei Nacht

Die Kulturstiftung Leipzig setzte sich sofort nach ihrer Gründung 1990 für eine Rettung der Alten Nikolaischule ein. Schon im Oktober 1990 beschloss die damalige Stadtverordnetenversammlung, die Schule an die Kulturstiftung zu übertragen. Diese begann dank einer 10-Mio-DM-Spende der Stadt Frankfurt am Main und sächsischen Denkmalfördermitteln, das Baudenkmal in den Jahren 1991 bis 1994 behutsam zu sanieren und es einer kulturellen und denkmal-verträglichen Nutzung zuzuführen, am 10. September 1994 erfolgte die Wiedereröffnung der Alten Nikolaischule. Die Sanierung wurde mit dem ersten Architekturpreis der Architektenkammer Sachsen in der Kategorie „Umnutzung und Ergänzung historischer Bauten“ ausgezeichnet.

Es entstanden so in der Leipziger Innenstadt ein neues kulturgeschichtliches Ausflugsziel und mit dem „Gasthaus Alte Nikolaischule“ in der historischen Schulstube – dem Auditorium – ein bekanntes Restaurant der Stadt. Des Weiteren befinden sich heute in der Alten Nikolaischule der Sitz der Kulturstiftung Leipzig und seit 1994 das Antikenmuseum der Universität Leipzig. Im Jahre 1996 gründete die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) hier ihr Automatik-Museum mit engem Bezug zu G. W. Leibniz und auf Basis einer Sammlung der Technischen Hochschule Leipzig. Inzwischen ist das Automatik-Museum in das Gebäude „GaraGe“ in der Karl-Heine-Straße 97 umgezogen. Die Räume beherbergen jetzt ein Richard-Wagner-Museum, das 2013 anlässlich seines 200. Geburtstages eröffnet wurde und sich den Entwicklungen in Kindheit und Jugend dieses in Leipzig gebürtigen Musikgenies widmet.

Die Nikolaischule als Institution befindet sich heute in der Schönbachstraße als Neue Nikolaischule Leipzig.

Rektoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grabstätte Albrecht Reum, Südfriedhof in Leipzig
  • 1512–1518 Johannes Rumpfer
  • 1520–1523 Konrad Pirckheimer
  • 1525–1535 Johannes Muschler
  • 1535–1541 Wolfgang Meurer
  • 1541–1544 Georg Zehler
  • 1544–1559 Maximus Göritz
  • 1559–1562 Georg Masbach
  • 1562–1567 Leonhard Wolf (oder Lycius)
  • 1567–1574 Sebastian Rösler
  • 1574–1588 Johann Öttwein
  • 1589–1607 Christoph Heiligmeier
  • 1607–1629 Johann Friedrich
  • 1630–1638 Zacharias Schneider
  • 1638–1663 Johann Hornschuch
  • 1663–1670 Friedrich Rappolt
  • 1670–1676 Jakob Thomasius
  • 1676–1693 Johann Gottfried Herrichen (oder Cyrillus)
  • 1693–1699 Johann Gottlieb Meister
  • 1699–1733 Ludwig Christian Crell
  • 1734–1746 Dietrich Dreßler
  • 1746–1751 Johann Christoph Ortlob
  • 1752–1758 Christian Gottlob Haltaus
  • 1758–1774 Johann Jakob Reiske
  • 1775–1794 Georg Heinrich Martini
  • 1795–1828 Gottlieb Samuel Forbiger
  • 1828–1866 Karl Friedrich August Nobbe
  • 1866–1877 Justus Hermann Lipsius
  • 1877–1884 Theodor Vogel
  • 1884–1890 Karl Mayhoff
  • 1890–1909 Karl Heinrich Otto Kaemmel
  • 1910–1915 Oskar Dähnhardt
  • 1915–1916 Georg Berlit
  • 1916–1925 Albrecht Reum
  • 1925–1937 Fritz Friedrich
  • […]
  • 24. September 1945–31. August 1947 Walter Frahnert
  • 1. September 1951–4. März 1953 Friedrich Kluge
  • 1. März 1953–31. August 1958 Otto Miersch

Berühmte Nikolaitaner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Programm des Nicolaigymnasiums in Leipzig womit zu dem Valedictionsactus am ... und zu den öffentlichen Prüfungen am ... im Namen des Lehrercollegiums ergebenst einladet. Leipzig 1867–1886 (Digitalisat)
  • Jahresbericht des Nikolaigymnasiums in Leipzig als Einladungsschrift zur feierlichen Entlassung der Abiturienten ... sowie zu den öffentlichen Klassenprüfungen. Leipzig 1887–1903 (Digitalisat)
  • Hans Voigt: Zur Geschichte der Nicolaischule im achtzehnten Jahrhundert. Dürr, Leipzig 1893, 34 S. (Beigabe zum Jahresbericht des Nicolaigymnasiums zu Leipzig 1893) (Digitalisat)
  • Ernst Bischoff: Das Lehrerkollegium des Nicolaigymnasiums in Leipzig 1816–1896/97. Biographisch-bibliographische Beiträge zur Schulgeschichte. Dürr, Leipzig 1897, 76 S. (Wissenschaftliche Beilage zum Jahresbericht des Nicolaigymnasiums in Leipzig 1897) (Digitalisat)
  • Jahresbericht der Nikolaischule zu Leipzig. Leipzig 1904–1916 (Digitalisat)
  • Hans Voigt: Die Abiturienten der Nikolaischule zu Leipzig 1830–1911 zur Feier des 400jährigen Bestehens der Schule. Hinrichs, Leipzig 1912, 109 S. (Digitalisat)
  • Hans Burkhardt, Manfred Andreas: Die Geschichte der Nikolaischule zu Leipzig im 20. Jahrhundert. Daten und Erinnerungen, Sax Verlag, Beucha 2001, ISBN 978-3-934544-11-6.
  • Sabine Hocquél-Schneider: Alte Nikolaischule Leipzig. Herausgegeben von der Kulturstiftung Leipzig, Edition Leipzig 1994, ISBN 3-361-00420-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Alte Nikolaischule (Leipzig) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Fritz Behn und Karl May. In: Das Karl-May-Wiki. Abgerufen am 20. November 2016.
  2. Professor Fritz Behn. in:Vaterstädtische Blätter; Jg. 1910, Nr. 51, Ausgabe vom 11. Dezember 1910, S. 202–204

Koordinaten: 51° 20′ 27″ N, 12° 22′ 43″ O