Altmark-Zwischenfall

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Altmark-Zwischenfall
Das im Jøssingfjord vor Anker liegende Versorgungsschiff Altmark(Luftbild eines britischen Aufklärungsflugzeuges)
Das im Jøssingfjord vor Anker liegende Versorgungsschiff Altmark
(Luftbild eines britischen Aufklärungsflugzeuges)
Datum 16. Februar 1940
Ort Jøssingfjord
Ausgang britische Gefangene befreit
Konfliktparteien
Flag of the United Kingdom (3-5).svg Großbritannien War ensign of Germany (1938-1945).svg Deutschland
Befehlshaber
Naval Ensign of the United Kingdom.svg Philip Vian Reichsdienstflagge 1935.svg Heinrich Dau
Truppenstärke
1 Zerstörer (Cossack) 1 Tanker (Altmark)
Verluste
1 Schwerverletzter
(durch Eigenbeschuss)
7 Tote
6 Schwerverletzte
6 Leichtverletzte
Troßschiff Altmark im Jøssingfjord

Beim Altmark-Zwischenfall handelt es sich um die Enterung des deutschen Versorgungsschiffs Altmark durch den britischen Zerstörer HMS Cossack in norwegischen Hoheitsgewässern am 16. Februar 1940. An Bord der Altmark befanden sich 303 alliierte Seeleute, die von dem am 17. Dezember 1939 selbstversenkten Panzerschiff Admiral Graf Spee bei dessen Kaperfahrt im Südatlantik gefangen genommen worden waren. Die Altmark beabsichtigte, diese Kriegsgefangenen nach Deutschland zu bringen. Die Seeleute wurden von der Cossack befreit, wobei sieben deutsche Seeleute ums Leben kamen. Anschließend wurde die Altmark wieder freigegeben.

Der Ablauf im Detail[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutsche Gefallene werden nach dem Altmark-Zwischenfall an Land gebracht, 16. Februar 1940
HMS Cossack läuft mit den Befreiten in Leith ein, 17. Februar 1940

Auf dem Rückweg vom Südatlantik nach Deutschland war die Altmark mit ihren mehrheitlich britischen Kriegsgefangenen unter Führung von Kapitän Dau am 14. Februar 1940 nördlich von Trondheim in norwegische Hoheitsgewässer eingedrungen. Damit hatte sie völkerrechtswidrig gehandelt.[1]

Am selben Tag wurde das Schiff zweimal von zwei verschiedenen norwegischen Torpedobooten, der Trygg und der Snøgg, angehalten und kontrolliert, ohne dass die Kontrolleure die Kriegsgefangenen entdeckten. Hiermit gab sich der Chef des Zweiten Norwegischen Seeverteidigungsabschnittes, Konteradmiral Carsten Tank-Nielsen, nicht zufrieden, da er über britische Gefangene an Bord informiert worden war. Er begab sich am 15. Februar mit dem Torpedoboot Garm selbst zur Altmark und verlangte eine neuerliche Untersuchung. Kapitän Dau lehnte ab; sein Versuch, per Funk die deutsche Botschaft in Oslo zu erreichen, wurde von den Norwegern verhindert. Immerhin gestattete Tank-Nielsen die Weiterfahrt unter Begleitung der norwegischen Torpedoboote Skarv und Kjell und des Wachboots Firern.

Inzwischen hatten die Briten, vermutlich aufgrund des lebhaften Funkverkehrs, die Altmark geortet, und gegen 14:50 Uhr wurde das Schiff von britischen Flugzeugen innerhalb der norwegischen Hoheitsgewässer gesichtet.[2] Als gegen 16:00 Uhr auf der Höhe von Egersund drei britische Zerstörer in Sicht kamen, zog sich Kapitän Dau, um der Kaperung zu entgehen, in den Jøssingfjord zurück. Inzwischen hatten die norwegischen Torpedoboote Anweisung erhalten, sich längsseits der Altmark zu legen, um ein Entern durch die Briten zu verhindern.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht lief der von Captain Philip Vian kommandierte britische Zerstörer HMS Cossack in den Fjord ein, legte sich längsseits der Altmark und ließ sie von einem Stoßtrupp entern. Der Befehl an die norwegischen Torpedoboote, dies zu verhindern, war inzwischen widerrufen worden, und die Norweger beschränkten sich den Briten gegenüber auf einen Protest. Bei der folgenden Schießerei kamen sieben deutsche Seeleute ums Leben. Die Cossack übernahm die über 300 Kriegsgefangenen und brachte sie nach Großbritannien.

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Jøssingfjord im Jahre 2006

Die Norweger waren verärgert, dass ihre Neutralität verletzt worden war, und wollten nicht in einen europäischen Krieg gezogen werden. Tatsächlich säte der Altmark-Zwischenfall bei den Alliierten und in Deutschland Zweifel über die norwegische Neutralität. Beide Seiten hatten Eventualpläne für militärische Aktionen gegen Norwegen, vor allem in Bezug auf die Verkehrswege des schwedischen Eisenerzes, von dem die deutsche Rüstungsindustrie im frühen Stadium des Krieges abhing.

Der Altmark-Zwischenfall gab den Briten einen zwar kurzlebigen, aber dringend benötigten moralischen Auftrieb während des Sitzkriegs. Der Zwischenfall hatte einen länger andauernden Propagandaeffekt im später deutsch besetzten Norwegen, als die norwegische Kollaborationsregierung versuchte, ihren Spitznamen Quislinge durch den abfälligen Begriff Jøssing für Proalliierte und Antinazis zu neutralisieren. Dieser Terminus bezog sich auf den Ort des Ereignisses, den Jøssingfjord. Die Bemühungen schlugen fehl, da die Öffentlichkeit diesen Begriff sofort als positiven Terminus akzeptierte, so dass er schließlich 1943 aus dem offiziellen Sprachgebrauch verbannt wurde.

Der Altmark-Zwischenfall veranlasste Adolf Hitler, die Planungen zur Besetzung Norwegens zu beschleunigen, die von Großadmiral Erich Raeder mehrfach gefordert und am 24. Januar 1940 mit der Einrichtung eines „Sonderstabes Nord“ später „Sonderstab Weserübung“ in Gang gesetzt worden war.[3] Den Deutschen wurde bewusst, wie schnell das neutrale Norwegen durch die Alliierten besetzt werden konnte, was aus mehreren Gründen nachteilig gewesen wäre. Hitler entschied sich am 19. Februar 1940 zur Intensivierung der Planung des „Unternehmens Weserübung“, der Besetzung von Dänemark und Norwegen. Am 21. Februar wurde General Nikolaus von Falkenhorst zum Leiter des Sonderstabes ernannt.[4] Am 9. April 1940 wurde die Besetzung Norwegens in Gang gesetzt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Altmark – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gerhard L. Weinberg: Eine Welt in Waffen. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs. DVA, Stuttgart 1995, ISBN 3-421-05000-7, S. 89.
  2. Hans-Martin Ottmer: „Weserübung“. Der deutsche Angriff auf Dänemark und Norwegen im April 1940. München 1994, ISBN 3-486-56092-1, S. 27.
  3. Philippe Masson: Die Deutsche Armee. Geschichte der Wehrmacht 1935–45, München 2000, ISBN 3-7766-1933-3, S. 107.
  4. Klaus A. Maier, Bernd Stegemann: Die Sicherung der europäischen Nordflanke, in: Klaus A. Maier/Horst Rohde/Bernd Stegemann/Hans Umbreit: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Bd. 2: Die Errichtung der Hegemonie auf dem europäischen Kontinent Hrsg.: Militärgeschichtliches Forschungsamt, Stuttgart: DVA 1979, ISBN 3-421-01935-5, S. 197.

Koordinaten: 58° 19′ 1″ N, 6° 20′ 11″ O