Altmark-Zwischenfall

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Altmark-Zwischenfall
17:00 Uhr. Das in den Jøssingfjord geflüchtete Versorgungsschiff Altmark vor dem britischen Angriff.(Luftbild eines britischen Aufklärungsflugzeuges)
17:00 Uhr. Das in den Jøssingfjord geflüchtete Versorgungsschiff Altmark vor dem britischen Angriff.
(Luftbild eines britischen Aufklärungsflugzeuges)
Datum 16. Februar 1940
Ort Jøssingfjord in Dalane
Ausgang 299 britische Gefangene befreit
Konfliktparteien

Flag of the United Kingdom (3-5).svg Großbritannien

War Ensign of Germany (1938-1945).svg Deutschland

Befehlshaber

Naval Ensign of the United Kingdom.svg Philip Vian

Reichsdienstflagge 1935.svg Heinrich Dau

Truppenstärke
3 Zerstörer, 1 Kreuzer 1 Tanker (Altmark)
Verluste
1 Schwerverletzter 8 Tote
5 Schwerverletzte
6 Leichtverletzte
Troßschiff Altmark im Jøssingfjord

Beim Altmark-Zwischenfall' handelt es sich um die Enterung des deutschen Versorgungsschiffs Altmark während des Zweiten Weltkriegs durch Marinesoldaten des britischen Zerstörer HMS Cossack' in den Hoheitsgewässern des neutralen Norwegen am 16. Februar 1940. Im Rumpf der Altmark hatte die Besatzung 299 alliierte Seeleute vor den Inspektoren der Norwegischen Marine versteckt, die von dem am 17. Dezember 1939 selbstversenkten Panzerschiff Admiral Graf Spee bei dessen Kaperfahrt im Südatlantik gefangen genommen worden waren. Die Altmark war auf der Flucht vor den Schiffen der Royal Navy gewesen und hatte beabsichtigt, die Kriegsgefangenen mittels einer Passage durch das neutrale Norwegen nach Deutschland zu bringen. Die Seeleute wurden von der Cossack befreit, wobei acht deutsche Seeleute ums Leben kamen und ein Besatzungsmitglied der Cossack verletzt wurde. Anschließend wurde die Altmark wieder freigegeben.

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon im August 1939 – also vor dem Kriegsbeginn am 1. September 1939 – waren die Admiral Graf Spee (kurz Spee) und ihr Versorgungsschiff, die Altmark, in Marsch gesetzt worden. Unter Führung von Kapitän Heinrich Dau verließ die Altmark Anfang August Wilhelmshafen, fuhr über den Atlantik nach Port Arthur und füllte ihre Tanks mit Dieselöl auf. Am 1. September traf sie – um unentdeckt zu bleiben auf hoher See – bei den Kapverden mit dem Panzerschiff Admiral Graf Spee zusammen, um es mit Dieselöl zu betanken. Bei dieser Gelegenheit erhielt die Altmark zwei zusätzliche Maschinenkanonen sogenannte 2-cm-Flak 38. Außerdem wurde ihre Mannschaft um 20 bewaffnete Matrosen, zwei Funker, einem Proviantmeister und einen Prisenoffizier verstärkt.[1] Die Spee verschwand in Richtung Schifffahrtswege im Südatlantik, um ab dem 26. September Schiffe der Alliierten zu kapern. Die Altmark bewegte sich ebenfalls in den Südatlantik, aber in Regionen, die weit ab von regelmäßigem Schiffsverkehr lagen. Sie sollte unbemerkt bleiben, um die Spee bestmöglich unterstützen zu können. Zu dem Zweck veränderte der Kapitän durch Übermalungen häufiger das Aussehen des Schiffes. Es erhielt während der Fahrt dann zeitweise auch einen falschen Namen und eine falsche Nationalflagge. Zeitweise gab sich die Altmark z. B. als ein norwegisches Schiff aus. Am 9. Oktober wurde die Altmark von einem britischen Flugzeug gesichtet, da gab sie vor, ein U.S.-Tankschiff namens Delmar zu sein.

Bis Anfang Dezember 1939 traf sich die Altmark etwa zweiwöchentlich mitten im Atlantik mit der Spee. Dabei musste sie die gefangenen Besatzungsmitglieder – die meisten höheren Offiziere verblieben auf der Spee – der von der Spee versenkten Kauffahrteischiffe aufnehmen. Das waren bis dahin 299 Menschen, für die das Schiff nicht hergerichtet war. So mussten im Schiffsrumpf Zellen eingerichtet werden und Bewachungspersonal bereitgestellt werden.[2] Am 19. Dezember erhielt die Altmark Nachricht von der Selbstversenkung der Admiral Graf Spee vor Montevideo. Zugleich erhielt die britische Marine von den in Montevideo freigelassenen Offizieren Kenntnis von der Existenz des Trossschiffes mit den britischen Gefangenen. Die Offiziere konnten ihren Befragern allerdings nur die Tatsache der Existenz dieses Hilfsschiffes bestätigen. Nur wenige hatten es gesehen, es bestand Unsicherheit über ihr Aussehen. Sie wussten nicht, ob sie bewaffnet war oder nicht. Sogleich setzte eine intensive Jagd der Royal Navy nach diesem geheimnisvollen Schiff im Atlantik ein, um die Gefangenen zu befreien.[3]

Vom Südatlantik bis Egersund in Norwegen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutsche Gefallene werden nach dem Altmark-Zwischenfall an Land gebracht, 17. Februar 1940
HMS Cossack läuft mit den Befreiten in Leith ein, 17. Februar 1940

Kapitän Dau, der per Funkverkehr aus Berlin erfahren hatte, dass die Royal Navy nach seinem Schiff fahndete, versteckte sich mit seinem Schiff einige Wochen im Südatlantik südwestlich von Kapstadt. Als das Wasser an Bord knapp wurde, entschloss Dau sich, am 24. Januar die Reise nach Deutschland zu wagen. Wegen der britischen Seeüberlegenheit und weil die Royal Navy die Zugänge zur Nordsee und damit nach Deutschland kontrollierte, fuhr die Altmark den Atlantik westlich der britischen Inseln bis Island hoch und dann nach Nordnorwegen. Von dort sollte es im Schutz des durch vorgelagerte Inseln gebildeten inneren norwegischen Küstenfahrwassers und der norwegischen Neutralität 600 Seemeilen nach Südnorwegen (etwa Mandal) gehen – ungehindert durch die im Atlantik und in der Nordsee patrouillierenden britischen Marinekräfte. Von dort wollte Dau mit seinem Schiff in einer dunkeln Nacht den zur Nordsee gehörenden Skagerak queren, um in geschützte Gewässer Dänemarks zu kommen. Dau änderte dabei häufiger das Aussehen seines Schiffs. Sein Schiff trug während der Atlantikpassage u. a. dabei zuerst die norwegische Flagge und den Namen Haugesund, später nannt es sich Chirippo und trug die amerikanische Flagge.

Am 14. Februar 1940 drang die Altmark mit ihren Kriegsgefangenen nördlich von Trondheim in norwegische Hoheitsgewässer ein. Die Waffen waren unter Deck versteckt. Sie war wieder mit dem richtigen Namen bemalt. Die fremde Flagge wurde eingezogen und die Reichsdienstflagge wurde gehisst.[4] Dass die Altmark unter Deck Kriegsgefangene transportierte, verbarg sie vor den norwegischen Behörden. Die Gefangenen durften nicht mehr an Deck. Das Bulleye im Bereich der Gefangenenunterkünfte wurde mit einem Abdeckung versehen. Mit dem Verschweigen des Transportes der Gefangenen und der Bewaffnung der Altmark hatte Kapitän Dau nach der Ansicht des Militärhistorikers Gerhard L. Weinberg völkerrechtswidrig gehandelt.[5] Der norwegische Militärhistoriker Haarr hielt 2013 das Verschweigen der Gefangenen unter Deck für einen Bruch der Regeln des Seerechts und der Neutralitätsregeln. Dau hatte demnach kein Recht, von Norwegen eine Durchfahrt durch das neutrale Norwegen zu verlangen.[6] Dau beabsichtigte die Strecke nach Südnorwegen schnell absolvieren und in der Nacht vom 15. /16. Februar die kurze Seestrecke über die Nordsee bis nach Skagen zu queren und im Schutz deutscher Minenfelder weiter nach Deutschland zu gelangen.

Die Fahrt ging aber nicht so schnell wie gedacht, denn es gab Verzögerungen durch die norwegische Kriegsmarine. Am 14. und 15. Februar wurde das Schiff dreimal von zwei verschiedenen norwegischen Torpedobooten, der Trygg und der Snøgg, angehalten und kontrolliert, ohne dass den Kontrolleuren die Anwesenheit der Kriegsgefangenen offenbart wurde. Dau zeigte nur die Brücke und weigerte sich, das Schiff weiter inspizieren zu lassen. Er gab vor, die Altmark sei ein Tankschiff, das in den Diensten der Kriegsmarine (nach Angaben Daus ein Staatsschiff) Dieselöl von Port Arthur nach Deutschland brachte. Die Kapitäne der Torpedoboote akzeptierten diese Auskünfte. Hiermit gab sich der Chef des Zweiten Norwegischen Seeverteidigungsabschnittes in Bergen, Konteradmiral Carsten Tank-Nielsen, nicht zufrieden. Das Schiff kam ihm merkwürdig vor. Er begab sich am 15. Februar um 12:30 mit dem Zerstörer Garm selbst zur Altmark und stoppte sie nördlich von Bergen das vierte Mal. Sein Abgesandter verlangte von Dau wiederum eine genaue Untersuchung des Schiffes. Kapitän Dau lehnte erneut ab. Stattdessen versuchte er heimlich per Funk die deutsche Botschaft in Oslo zu erreichen. Das wurde von den norwegischen Begleitschiffen bemerkt. Sie warfen Dau eine flagrante Verletzung des 5. Haager Abkommens betreffend die Rechte und Pflichten der Neutralen Mächte im Falle eines Seekriegs vor. Die Norweger machten Dau jetzt auch klar, dass sie seine Theorie eines Schiffs in Staatsdiensten nicht anerkannten. Aus ihrer Sicht war ein Schiff entweder ein Zivilschiff oder ein Kriegsschiff. Bei dieser letzten Kontrolle bemerkten die norwegischen Offizieren die Anwesenheit von den durch die Deutschen nicht deklarierten Menschen unter Deck. Denn die Gefangenen hatten unter Deck einen ungeheuren Lärm verursacht, um auf sich aufmerksam zu machen.

Tank-Nielsen verzichtete trotz der Falschangaben auf eine genaue Durchsuchung des Schiffes, aber er strich die Erlaubnis zur Weiterfahrt nach Bergen. In Bergen befand sich ein Großteil der Marineschiffe und Marineanlagen Norwegens. Tank-Nielsen befahl Kapitän Dau, einen Teil der Strecke wieder nach Norden fahren und dann die ungeschützte Außenroute an der Außenküste Norwegens zu benutzen, um Bergen zu umgehen. Das bedeutete eine großen Umweg für die Altmark und eine Gefährdung des Schiffes, weil jede Verzögerung aus Daus Sicht die Überfahrt über den Skagerak gefährlicher machte. Zudem war zu vermuten, dass britische Kriegsschiffe an der Aussenküste in der Höhe von Bergen patrouillierten.[7]

Als Tank-Nielsen diese Ereignisse seinem Vorgesetzten, Admiral Diesen, berichtete und dabei auch die Anwesenheit von Gefangenen an Bord der Altmark erwähnte, war dieser mit den Entscheidungen Tank-Nielsens nicht einverstanden. Auch Admiral Diesen hielt die Altmark für ein Kriegsschiff. Er hielt es aber für das beste, sie moglichst schnell nach Südnorwegen passieren zu lassen, damit sie – ohne Aufsehen zu erregen – möglichst schnell aus Norwegen heraus sei. Er beriet sich mit dem Außenminister, der ihm zustimmte. Nach Beratung mit dem Außenminister befahl Diesen Tank-Nielsen, der Altmark die Durchfahrt durch den Krigshavn Bergen zu gestatten.[8]

Die Briten waren sich seit dem Mittag des 15. Februar sie durch Luftbilder sicher, die eine Hudson geschossen hatte, dass die Altmark das Schiff mit den Gefangenen war, nachdem sie seit dem 17. Dezember 1939 suchten. Sie hatten sie vermutlich aufgrund des lebhaften Funkverkehrs gefunden. Zum Ergreifen der Altmark war die 4. Zerstörer Flottille und ihrem Kapitän Philip Vian auf der „HMS Cossack“ eingesetzt. Gegen 14:50 Uhr wurde die Altmark am 16. Februar von britischen Flugzeugen südlich von Stavanger innerhalb der norwegischen Hoheitsgewässer gesichtet.[9]

Mittlerweile war die Altmark schon fast am Ziel angelangt. Der Küstenwasserweg war beendet und die Altmark musste ein kurzes Stück in ungeschützten Gewässern an der Westseite Norwegens fahren, um in den norwegischen Süden zu kommen. Daus Route ging etwa jetzt eine Seemeile außerhalb der Aussenküste Norwegens lang nach Süden aber innerhalb der Drei-Meilen-Zone, die die Hoheitsgrenze bildet. Die Altmark befand sich zu der Zeit in Begleitung von zwei norwegischen Torpedobooten. Gegen 16:00 Uhr kamen auf der Höhe von Egersund von Westen her drei britische Kriegsschiffe der Royal Navy in Sicht.

Die Aktionen der Royal Navy[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Schiffe waren Teil der britischen 4. Zerstörerflottille, die seit einigen Tagen eingesetzt war, die Altmark aufzubringen. Die Zerstörer setzten zur Verfolgung der Altmark an und drangen dabei in norwegische Hoheitsgewässer ein. Mit Flaggen- und Scheinwerfersignalen forderten sie die Altmark auf, ihren Kurs nach Westen in das internationale Fahrwasser außerhalb des norwegischen Hoheitsgebiets zu ändern. Die Altmark reagierte nicht. Dann versuchte die HMS Ivanhoe (D16) von der Küstenseite her die Altmark nach Westen hin in Richtung internationale Gewässer abzudrängen. Als das nicht gelang, feuerte der Zerstörer HMS Intrepid (D10) mit einer Kanone mehrere Warnschüsse in Richtung Altmark ab. Die Altmark stoppte und der Kapitän des Zerstörers setzte ein Beiboot aus, um die Altmark zu entern. Bevor die Besatzung des Beiboots an Bord gehen konnte, nahm die Altmark überraschend wieder Fahrt auf und entkam vorerst. Die norwegischen Begleitboote behinderten die ganze Zeit mit wechselndem Erfolg diese englischen Angriffe. Dann versuchte Ivanhoe eine Enterung von Schiff zu Schiff. Eine dafür vorgesehene Mannschaft nahm an der Bordwand Aufstellung, um, wenn möglich, auf das andere Schiff zu springen. Der Kapitän der Ivanhoe steuerte den Zerstörer näher an die Altmark heran. Als die Ivanhoe etwa einen Meter entfernt war, ließ Kapitän Dau die Altmark einen scharfen Bogen nach Backbord steuern. Dabei drückte ihr Schraubenstrom den Bug der Ivanhoe weg. Das war bei der Einfahrt in einen kleinen Küsteneinschnitt, der sich Jøssingfjord nennt. Dau rettete sich und sein Schiff in diesen Fjord. Da war es 17:10 Uhr. Der Jøssingfjord ist sehr klein (etwa 3 km lang und schmal), so dass er nur wenige Schiffe aufnehmen kann. Die norwegischen Begleitboote legten sich quer in die schmale Einfahrt des Fjordes und zuerst an die Seite der Altmark, um ein Entern durch die Briten zu verhindern. Die Briten zogen sich bis auf die Ivanhoe, die vor dem Fjordeingang Wache hielt, in die nahe internationale Wasserfläche zurück. Kurze Zeit später traf der Kapitän der Flottille, Philip Vian, mit dem Zerstörer Cossack ein und legte sich zwecks Informationsaustausch neben die Ivanhoe.

Der Sprecher der norwegischen Begleitboote, Leutnant Halvorsen, suchte Vian auf der Cossack auf und sie besprachen die Lage. Halvorsen protestierte energisch gegen die Verletzung der Neutralität Norwegens durch die britischen Schiffe und warnte Vian vor einem Enter-Einsatz im Fjord, da dann die norwegischen Schiffe Torpedos auf die HMS Kossak abfeuern würden. Er drohte zeitweilig auch damit, die britischen Schiffe mit seinen Torpedos anzugreifen, wenn sie nicht innerhalb von 30 Minuten die norwegische Hoheitszone verlassen hätten. Mittlerweile hatte ein Torpedoboot seine Torpedos auf die Cossack gerichtet. Etwa um 18:30 verließ Halvorsen die Cossack, nachdem er Vian gegenüber versprochen hatte, noch einmal die Altmark zu durchsuchen zu wollen. Halvorsen nahm Kontakt zu seinen Vorgesetzten auf und schilderte die Ereignisse. Die Admiralität erlaubte aber den vor Ort befindlichen Marinekräften nicht, eine weitere Untersuchung der Altmark durchzuführen. Nach Beratung mit dem Außenministerium untersagte die Admiralität den Marinekräften und auch Halvorsen sogar, eine eventuelle britische Enterung abzuwehren.

Die britischen Schiffe, die das nicht wissen konnten, verließen gegen 18:45 die norwegischen Gewässer und legten sich außerhalb der 3-Meilen-Zone auf Lauer. Vian informierte die britische Admiralität und wartete auf neue Instruktionen.[10] Etwa um diese Zeit erhielt Vian vom Marineminister, Winston Churchill, persönlich den Befehl, die Altmark zu entern und die Gefangenen zu befreien, wenn die Norweger nicht einwilligten, die Altmark in einem gemeinsamen britisch/norwegischen Konvoi mit einer britisch/norwegischen Wache an Bord nach Bergen zu bringen. Daraufhin lief die Cossack um 22:45 in den Fjord ein. Am Eingang wurden sie von Halvorsen auf seinem Torpedoboot Kjell mit Lautsprecher zum Beidrehen aufgefordert. Vian kam dem nach und antwortete per Lautsprecher, dass er den Befehl hätte, 400 Gefangene der Altmark zu befreien. Halvorsen antwortete, dass es diese Gefangenen nicht gebe – das war sein Kenntnisstand – und dass die Regierung Norwegens eine Inspektion nicht erlaube. Daraufhin schlug Vian Halvorsen – immer noch per Lautsprecher – vor, eine gemeinsame norwegisch-britische Inspektion mit Halvorsens Schiff „Kjell“ an Bord der Altmark vorzunehmen. Halvorsen lehnte unter Hinweis auf Instruktionen seiner Regierung ab. Außerdem sei sein Schiff nicht in der Lage, im vereisten Wasser des Fjordes zu manövrieren. Als Vian Halvorsen vorschlug, das Manöver an Bord der Cossack zu beobachten, kam dieser an Bord der Cossack. Zur gleichen Zeit meldete der Befehlshaber der nunmehr vier vor Ort befindlichen norwegischen Marineschiffe, Kapitän Lura von der Fireren, das Eindringen der britischen Cossack in den Fjord an die Admiralität. Von der Admiralität kam wiederum der Befehl zu protestieren, aber keine Gewalt anzuwenden.

Um 23:45 fuhr die Cossack weiter in den Fjord hinein, legte sich längsseits der Altmark und ließ sie von einem Stoßtrupp entern. Halvorsen verließ die Cossack, als eine Schießerei an Bord der Altmark begann. Dabei kamen sieben deutsche Seeleute ums Leben, ein Brite wurde verletzt. Nach der Schießerei wurde einige Deutsche, die versucht hatten, über das Fjordeis an Land zu kommen, aus dem eisigen Wasser gerettet. Einer davon starb. Nach dem Schusswechsel hatten die Briten die verriegelten Laderäume der Altmark entdeckt. Sie brachen sie auf. Der Offizier, der die Enterung geleitet hatte, rief in die Laderäume hinein: „Any Englishmen down here?“ Als das freudig bejaht wurde, rief er angeblich: „Come up then. The Navy’s `ere.“ Die Cossack nahm die 299 Kriegsgefangenen an Bord und brach um bereits um 1:00 Uhr auf, um sie nach Großbritannien zu bringen. Die Deutschen wurden zu ihrem Erstaunen zurückgelassen. Der bei dem Entermanöver auf Grund gelaufene Tanker blieb im Fjord zurück.[11]

Rechtliche Diskussionen nach dem Zwischenfall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vorfall rief, wenn auch kurzlebige, Verstimmungen zwischen Norwegen und dem Vereinigten Königreich hervor. Unter anderem legte der norwegische Botschafter Erik Colban gleich am nächsten Tag, dem 17. Februar 1940, bei einem Treffen mit dem britischen Außenminister Lord Halifax scharfen Protest gegen die ihrer Meinung nach schwerwiegende Verletzung norwegischer territorialer Gewässer. Norwegen fordere, dass die Briten die Gefangenen nach Norwegen zurückbrächten. Außerdem fordere er für Norwegen eine Wiedergutmachung.
Der britische Außenminister Halifax hielt dagegen. Er beschwerte sich u. a. nachdrücklich darüber, dass die norwegische Regierung nicht ihrer Verantwortung als ein neutraler Staat nachgekommen sei, indem sie sich nicht um die Gefangenen auf der Altmark gekümmert habe. Diese hätte aus humanitären Gründen freigelassen werden müssen. Die norwegische Regierung hätte die Durchsuchungen der Altmark nachlässig durchgeführt. Halifax präsentierte dann die Forderung, die Altmark in Norwegen zu internieren.[12] Er argumentierte auch, dass den Deutschen als kriegsführender Macht zwar das Recht auf eine friedliche Durchfahrt auch mit Gefangenen zugestanden hätte. Ihnen sei eine Passage durch norwegische Gewässer allerdings nur erlaubt gewesen, wenn sie einen normalen Kurs verfolgt hätten und auch nur von einem Seegebiet direkt in das andere gewechselt wären. Das Ziel der Altmark sei es aber gewesen, ihre im Herbst 1939 im Südatlantik zusammen mit der Admiral Graf Spee durchgeführten kriegsmäßigen Operationen während des Frühjahres 1940 im Schutz der norwegischen Neutralität fortzusetzen. Die Altmark habe eine außergewöhnlich lange und einen sehr großen Umweg bedeutende Fahrtroute durch norwegische Gewässer gewählt, die mehrere Tage in Anspruch nahm. Diesen Verletzungen der Neutralitätsregeln seien die Norweger nicht nachgegangen. Daher hätten sich die Briten berechtigt gefühlt, die Enteraktion und die Befreiung der Gefangenen durchzuführen. Halifax sprach weiter davon, er sei bereit zuzugeben, dass dieser Fall nicht das Aufeinanderprallen eines Richtig oder eines Falsch darstelle, sondern dass hier zwei Rechtsauffassungen nebeneinander Gültigkeit hätten.[13]

Der Historiker Doherty greift in seinem Aufsatz diese Argumentation vom 17. Februar 1940 auf. Denn er sieht den Altmark-Zwischenfall dadurch gekennzeichnet, dass ein Element von Recht auf allen Seiten dieses Konfliktes existierte – bei den Deutschen, den Norwegern und den Briten.[14]

Der norwegische Außenminister Halvdan Koht bezeichnete in der Zeitung Stavanger Aftonbladet vom 19. Februar 1940 die Aktion der Briten als die offenkundigste Neutralitätsverletzung, die Norwegen in dem Krieg erfahren habe. Allerdings beschwerte er sich auch darüber, dass Deutschland mit der Fahrt der Altmark den Krieg nach Norwegen hineingetragen habe.[15]

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Jøssingfjord im Jahre 2006

Die Norweger waren verärgert, dass ihre Neutralität verletzt worden war, und wollten nicht in einen europäischen Krieg gezogen werden. Tatsächlich säte der Altmark-Zwischenfall bei den Alliierten und in Deutschland Zweifel über die norwegische Neutralität. Beide Seiten hatten Eventualpläne für militärische Aktionen gegen Norwegen, vor allem in Bezug auf die Verkehrswege des schwedischen Eisenerzes, von dem die deutsche Rüstungsindustrie im frühen Stadium des Krieges abhing.

Der Altmark-Zwischenfall war ein Erfolg für die Briten während des Sitzkriegs. Der Zwischenfall wurde zu einer Propagandamaßnahme im später deutsch besetzten Norwegen mißbraucht, als die norwegische Kollaborationsregierung versuchte, ihren Spitznamen Quislinge mit dem abfälligen Begriff Jøssing für Proalliierte und Gegner der Deutschen zu kontern. Dieser Terminus bezog sich auf den Ort des Ereignisses, den Jøssingfjord. Die Bemühungen schlugen fehl, da die Öffentlichkeit diesen Begriff sofort als positiven Terminus akzeptierte. Denn die Norweger symphatisierten mit den Briten, die ihnen gegen die deutsche Invasion beigestanden und ihrem Königshaus und der rechtmäßigen Regierung Zuflucht gewährt hatten. Schließlich wurde das Wort 1943 aus dem offiziellen Sprachgebrauch verbannt..

Der Altmark-Zwischenfall veranlasste Adolf Hitler, die Planungen zur Besetzung Norwegens zu beschleunigen, die von Großadmiral Erich Raeder mehrfach gefordert und am 24. Januar 1940 mit der Einrichtung eines „Sonderstabes Nord“ später „Sonderstab Weserübung“ in Gang gesetzt worden war.[16] Den Deutschen wurde bewusst, wie schnell das neutrale Norwegen durch die Alliierten besetzt werden konnte, was aus mehreren Gründen nachteilig gewesen wäre. Hitler entschied sich am 19. Februar 1940 zur Intensivierung der Planung des „Unternehmens Weserübung“, der Besetzung von Dänemark und Norwegen. Am 21. Februar wurde General Nikolaus von Falkenhorst zum Leiter des Sonderstabes ernannt. Am 1. März 1940 erließ Hitler die Weisung Weserübung.[17] Am 9. April 1940 wurde die Besetzung Norwegens in Gang gesetzt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jostein Berglyd: Dramaet i Jøssingfjorden: Altmark-affæren februar 1940. Gyldendal, 2008, ISBN 82-05-38506-8.
  • Martin A. Doherty: The attack on the Altmark – A case study in wartime Propaganda Onlinetext aus Journal of Contemporary History 38/2003, S. 187–200.
  • Geirr H. Haarr: The Altmark incident. In Geirr H. Haarr: The Gathering Storm – The Naval War In Europe September 1939 -April 1940. The naval war in Northern Europe September 1939 – April 1949. Seaforth Publishing, Barnsleigh Vereinigtes Königreich 2013, ISBN 978-1-84832-140-3, S. 352–389. Teilweise online über google books.[1] Amerikanische Ausgabe in Naval Institute Press 2013.
  • Hans-Martin Ottmer: „Weserübung“. Der deutsche Angriff auf Dänemark und Norwegen im April 1940. München 1994, ISBN 3-486-56092-1.
  • Alfred William Brian Simpson: The Rule of Law in International Affairs. In: Proceedings of the British Academy. Volume 125, 2003 Lectures. Oxford University Press, Oxford 2004, ISBN 978-0-19-726324-2, S. 211 ff.
  • Richard Wiggan: Hunt the Altmark. Robert Hale, London 1982, ISBN 0-7091-9737-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „Haager Abkommen betreffend die Rechte und Pflichten der neutralen Mächte im Falle eines Seekriegs“. Abgeschlossen in Den Haag am 18. Oktober 1907. [2]
 Commons: Altmark – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Geirr H. Haarr: The Altmark incident. In Geirr H. Haarr: The Gathering fur Storm – The Naval War In Europe September 1939 -April 1940. The naval war in Northern Europe September 1939 – April 1949. Seaforth Publishing, Barnsleigh Vereinigtes Königreich 2013, ISBN 978-1-84832-140-3, S. 352.
  2. Martin A. Doherty: The attack on the Altmark – A case study in wartime Propaganda Onlinetext aus Journal of Contemporary History 38/2003, S. 188.
  3. Geirr H. Haarr: The Altmark incident. In Geirr H. Haarr: The Gathering Storm – The Naval War In Europe September 1939 -April 1940. The naval war in Northern Europe September 1939 – April 1949. Seaforth Publishing, Barnsleigh Vereinigtes Königreich 2013, ISBN 978-1-84832-140-3, S. 354 und 522.
  4. Haarr S. 354.
  5. Gerhard L. Weinberg: Eine Welt in Waffen. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs. DVA, Stuttgart 1995, ISBN 3-421-05000-7, S. 89.
  6. Geirr H. Haarr: The Altmark incident. In Geirr H. Haarr: The Gathering Storm – The Naval War In Europe September 1939 -April 1940. The naval war in Northern Europe September 1939 – April 1949. Seaforth Publishing, Barnsleigh Vereinigtes Königreich 2013, ISBN 978-1-84832-140-3, S. 387.
  7. Geirr H. Haarr: The Gathering Storm – The Naval War In Europe September 1939 -April 1940. Verlag u. a. Seaforth Publishing, Barnsley Großbritannien 2013, ISBN 978-1-84832-140-3, S. 360
  8. Geirr H. Haarr: The Gathering Storm – The Naval War In Europe September 1939 -April 1940. Seaforth Publishing, Barnsley 2013, ISBN 978-1-84832-140-3, S. 360.
  9. Hans-Martin Ottmer: „Weserübung“. Der deutsche Angriff auf Dänemark und Norwegen im April 1940. München 1994, ISBN 3-486-56092-1, S. 27.
  10. Geirr H. Haarr: The Gathering Storm – The Naval War In Europe September 1939-April 1940. Seaforth Publishing, Barnsley 2013, ISBN 978-1-84832-140-3, S. 369ff.
  11. Geirr H. Haarr: The Gathering Storm – The Naval War In Europe September 1939-April 1940. Seaforth Publishing, Barnsley 2013, ISBN 978-1-84832-140-3, S. 374–379.
  12. Geirr H. Haarr: The Gathering Storm – The Naval War In Europe September 1939-April 1940. S. 387.
  13. Martin A. Doherty: The attack on the Altmark – A case study in wartime Propaganda. S. 192.
  14. Martin A. Doherty: The attack on the Altmark – A case study in wartime Propaganda. S. 192.
  15. Geirr H. Haarr: The Gathering Storm – The Naval War In Europe September 1939-April 1940. S. 387.
  16. Philippe Masson: Die Deutsche Armee. Geschichte der Wehrmacht 1935–45, München 2000, ISBN 3-7766-1933-3, S. 107.
  17. Klaus A. Maier, Bernd Stegemann: Die Sicherung der europäischen Nordflanke. In: Klaus A. Maier, Horst Rohde, Bernd Stegemann, Hans Umbreit: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 2: Die Errichtung der Hegemonie auf dem europäischen Kontinent. Herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, DVA, Stuttgart 1979, ISBN 3-421-01935-5, S. 197.

Koordinaten: 58° 19′ 1″ N, 6° 20′ 11″ O