Antizipation (Psychologie)

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Antizipation ist in der Psychologie und Soziologie die vorwegnehmende gedankliche Erwartung oder Erwartungshaltung.[1] Ein Ereignis zu antizipieren heißt, anzunehmen, dass ein Ereigniseintritt wahrscheinlich ist. Als Beispiel sei die Aktienbörse angeführt, bei der Fachleute sagen, dass in Zukunft erwartete Ereignisse bereits in die Aktienkurse „eingebrieft“ seien, d. h. im aktuellen Aktienpreis schon enthalten sind.

Denkpsychologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Otto Selz (1881–1943) hat den Begriff der Antizipation in die Denkpsychologie eingeführt, um im zielgerichteten Denkablauf jene Zielvorstellung zu benennen, die bei einer Denkaufgabe der gesuchten Lösung entspricht. Antizipation als die vorausschauende Komponente gilt heute als grundlegender Bestandteil des Denkens und Handelns.[2]

Lerntheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der US-amerikanische Psychologe Clark L. Hull (1884–1952) prägte 1932 im Zusammenhang mit der Entwicklung der Lerntheorie den Begriff des Zielgradienten (Goal-Gradient-Effekt). Dieser Effekt wurde von David McClelland (1917–1998) auch als antizipatorische Zielreaktion benannt. Diese Vorstellungen sind Bestandteil der Lehre von den bedingten Reflexen, siehe dazu auch das Prinzip der Leistungssteigerung durch Reize, nach Maßgabe ihrer zeitlichen und räumlichen Nähe zum Reizerfolg (Generalisierungsgradient).[3][1]

Erwartungen bei sozialen Kontakten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der US-amerikanische Soziologe Erving Goffman (1922–1982) vertrat die Auffassung, dass die Wahrnehmung anderer Menschen stets von positiven oder negativen Erwartungen über ihr Verhalten, ihre soziale Rolle und ihre äußere Erscheinung geprägt ist. Diese Erwartungen werden schon bei der ersten Begegnung wirksam. Ein Mensch mit einem Merkmal oder einem Verhalten, das der Antizipation (Erwartung) nicht entspricht, kann eine irritierte Reaktion auslösen. Goffman beschreibt dies wie folgt: „Ein Individuum hat ein Stigma, d. h. es ist in unerwünschter Weise anders, als wir es antizipiert hatten.“[4]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Wilhelm Karl Arnold et al. (Hrsg.): Lexikon der Psychologie. Bechtermünz, Augsburg 1996, ISBN 3-86047-508-8; (a) Sp. 130 zu Lex.-Lemma: „Antizipation“; (b) Sp. 507 zu Lex.-Lemma: „Erwartung“.
  2. Lexikon der Filmbegriffe filmlexikon.uni-kiel.de
  3. Peter R. Hofstätter (Hrsg.): Psychologie. Das Fischer Lexikon, Fischer-Taschenbuch, Frankfurt a.M. 1972, ISBN 3-436-01159-2; S. 212 zu Kap. „Lernen am Erfolg“.
  4. Erving Goffman: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1975 (englisch 1963); S. 9 f.