Arbeitsgedächtnis

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Arbeitsgedächtnis ist, unter funktioneller Betrachtungsweise, ein Teil des menschlichen Erinnerungsvermögens. Es ist notwendig, um Informationen vorübergehend speichern und sie gleichzeitig manipulieren zu können. Es wird zum Beispiel benötigt, um etwa einen Satz inhaltlich zu verstehen (sodass man sich noch an den Anfang des Satzes erinnern kann, wenn man am Ende angelangt ist). Seine Kapazität ist gering (durchschnittlich 7 Informationseinheiten, s. Millersche Zahl).

Auch im Zusammenhang mit der Lösung von komplexeren Aufgaben ist das Arbeitsgedächtnis entscheidend. Wir nutzen das Arbeitsgedächtnis dazu, um die uns gegenwärtig umgebende Umwelt zu verstehen, indem es von ihr eine mentale Repräsentation herstellt. Diese geistige Repräsentation unterstützt uns dann beim Problemlösen, logischen Schlussfolgern, beim Erwerb neuen Wissens und der Formulierung und Abwägung aktueller Ziele.

Das Arbeitsgedächtnis ist ebenfalls notwendig für die Planung von Handlungen und wird daher zu den exekutiven Funktionen gezählt.

Abgrenzung zum Kurzzeitgedächtnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Kurzzeitgedächtnis bezieht sich auf ältere und andere Theorien, die von einem einheitlichen System zur kurzzeitigen Speicherung von Informationen ausgegangen sind. Diese Auffassung ist von der Erlanger Schule der Informationspsychologie mit ihrem Konzept der Kurzspeicherkapazität weiterentwickelt worden. Im Gegensatz dazu wird im Folgenden von einem Mehrspeichermodell ausgegangen, in dem verschiedene Subsysteme für verschiedene Arten von Informationen zuständig sind.

Neuropsychologen unterscheiden zwischen diesen beiden Gedächtnisarten auch, da sie unterschiedliche Bereiche des präfrontalen Cortex beanspruchen. Das Arbeitsgedächtnis ermöglicht es, die gespeicherten Informationen gleichzeitig zu manipulieren und mit Ihnen zu arbeiten. Das Kurzzeitgedächtnis hingegen ist nur ein kurzfristige Speicher, der aber keine Organisation und Verarbeitung des gespeicherten Inhalts erlaubt.[1]

Baddeleys Mehrkomponentenmodell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel Baddeleys Arbeitsgedächtnismodell

Alan Baddeley und Graham Hitch schlugen 1974 ihr Arbeitsgedächtnismodell vor, mit dem sie das Kurzzeitgedächtnis präziser beschreiben wollten. Das Modell basiert auf vier (früher drei) getrennten funktionellen Komponenten, die gegenseitig in Verbindung stehen. Dabei unterscheidet man zwischen der zentralen Exekutive, die als Steuer- und Organisationselement dient, und drei passiven Subsystemen (sogenannten „Sklavensystemen“), die von der zentralen Exekutive gesteuert und überwacht werden. Die Subsysteme sind die phonologische Schleife (verarbeitet vor allem verbale Informationen), der räumlich visuelle Notizblock (verarbeitet visuelle Informationen) und der episodische Puffer.

Prozessorientierte Theorien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Baddeleys modulorientierter Theorie, der noch die Trennung von Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis zugrunde liegt, stehen neuere, prozessorientierte Theorien gegenüber. In diesen wird von der Verteilung von Aufmerksamkeitsressourcen und der damit einhergehenden Aktivierung von verteilten neuronalen Netzwerken ausgegangen.

Das Embedded Processing Model of Working Memory von Nelson Cowan beschreibt das Arbeitsgedächtnis als diejenigen Anteile des Langzeitgedächtnisses, die sich vorübergehend in einem aktivierten Zustand befinden. Gedächtnisinhalte werden durch Hinweisreize angeregt; wird ihnen nun Aufmerksamkeit zugewendet, können sie bewusst verarbeitet werden.

Das Arbeitsgedächtnismodell von Randall W. Engle erklärt die Ursachen von individuellen Unterschieden in der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses und ihren Zusammenhang zur Intelligenz.

Facettentheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Facettenmodell des Arbeitsgedächtnisses von Klaus Oberauer und Kollegen

Klaus Oberauer, Heinz-Martin Süß, Oliver Wilhelm und Werner W. Wittmann haben ein facettenbasiertes Modell des Arbeitsgedächtnisses vorgeschlagen, welches empirisch abgesichert werden konnte.[2][3] In dem Modell werden dabei zwei Dimensionen berücksichtigt: kognitive Prozesse und Aufgabeninhalte. Die kognitiven Prozesse umfassen Supervision (Exekutive Kontrolle), Koordination sowie simultanes Speichern und Verarbeiten. Hinsichtlich der Aufgabeninhalte werden verbale, räumlich-figurale sowie numerische Aufgaben unterschieden. Beide Dimensionen gekreuzt ergeben damit eine Facettenstruktur, durch welche Arbeitsgedächtnisleistungen sehr spezifisch beschrieben werden können (z.b. verbales Speichern und Verarbeiten).

Das Modell erinnert an das Berliner Intelligenzstrukturmodell und ist entsprechend als deskriptives Modell zu verstehen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Diamond A: Executive functions. In: Annu Rev Psychol. 64, 2013, S. 135–168. doi:10.1146/annurev-psych-113011-143750. PMID 23020641. PMC: 4084861 (freier Volltext). „WM (holding information in mind and manipulating it) is distinct from short-term memory (just holding information in mind). They cluster onto separate factors in factor analyses of children, adolescents, and adults (Alloway et al. 2004, Gathercole et al. 2004). They are linked to different neural subsystems. WM relies more on dorsolateral prefrontal cortex, whereas maintaining information in mind but not manipulating it [as long as the number of items is not huge (suprathreshold)] does not need involvement of dorsolateral prefrontal cortex (D’Esposito et al. 1999, Eldreth et al. 2006, Smith & Jonides 1999). Imaging studies show frontal activation only in ventrolateral prefrontal cortex for memory maintenance that is not suprathreshold. WM and short-term memory also show different developmental progressions; the latter develops earlier and faster.“
  2. Oberauer, K., Süß, H.-M., Wilhelm, O., & Wittmann, W. W. (2003). The multiple faces of working memory: Storage, processing, supervision, and coordination. Intelligence, 31(2), 167–193.
  3. Süß, H.-M., Oberauer, K., Wittmann, W. W., Wilhelm, O., & Schulze, R. (2002). Working-memory capacity explains reasoning ability—and a little bit more. Intelligence, 30, 261–288. doi:10.1016/S0160-2896(01)00100-3