Ateliergemeinschaft Klosterstraße

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Die Ateliergemeinschaft Klosterstraße war ein Zusammenschluss von etwa 40 freischaffenden Berliner Malern und Bildhauern (vorwiegend ehemalige Meisterschüler der Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst), denen das Kultusministerium ab Herbst 1933 günstige Atelierplätze im Haus Nr. 75 in der Klosterstraße vermittelt hatte. Das Gebäude wurde gegen Ende des Zweiten Weltkrieges durch Sprengbomben oberhalb der Kellerräume völlig zerstört.

Die Geschichte des Hauses[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Berliner Königliche Kunstschule, Klosterstraße 75 (1880, nach dem Umbau)

Unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 wurde das ursprüngliche Atelierhaus in der Prinz-Albrecht-Straße Nr. 8 (im Erd- und Dachgeschoss der ehemaligen Kunstgewerbeschule) enteignet, das seit 1924 im Besitz des Richard Kahn-Konzerns[1][2] war. Es wurde von da an zum Hauptquartier der Gestapo (Amt IV des RSHA).

Als Ersatz für die Künstler wurde das leerstehende Haus in der Klosterstraße 75 angemietet und für 17.000 Reichsmark saniert. Der Berliner Architekt und langjähriger Direktor der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin, Martin Gropius, hatte das Gebäude zusammen mit seinem Kompagnon Heino Schmieden zwischen 1878 und 1880 umgebaut und erweitert, das danach bis 1920 die Königliche Kunstschule war[3] und seitdem als Lagerraum von der Wertheim Grundstücksgesellschaft m.b.H. genutzt wurde. Insgesamt 42 Räume boten etwa der Hälfte der aus der Prinzenstraße vertriebenen Künstler auf drei Etagen Atelierplätze in unterschiedlicher Größe (durchschnittlich etwa 5 × 6 m², für die Bildhauer auch etwas größer). Wertheim wurde als Vermieter behördlich zu einem Festpreis von 1 RM pro m² gezwungen. Obwohl es vertraglich nicht genehmigt war, gab es doch einige Künstler, die in diesen Räumen gleichzeitig auch wohnten – vor allem unter den Verheirateten.

Zum Obmann wurde der Bildhauer Günther Martin (1896–1944) einstimmig gewählt, der die Funktion eines inoffiziellen Sprechers der Künstlergemeinschaft bereits seit 1924 in der Prinzenstraße innehatte. Er war bereits vor 1933 Mitglied der SA und der NSDAP gewesen und schuf unter anderem Porträtbüsten von Hitler und Speer[4].

Die Position der Ateliergemeinschaft während der NS-Diktatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gemeinschaft in der Klosterstraße war keine programmatische Künstlergruppe – sie teilten sich lediglich die angebotenen Atelierräume. Künstlerisch standen sie nur teilweise im Widerspruch zu den nationalsozialistischen Kunstbehörden. Expressionistisch bis abstrakt-symbolistischen Bildhauern und Malern (wie z. B. Käthe Kollwitz, Hermann Blumenthal, Werner Gilles, oder Werner Heldt) standen auch eine Reihe von Künstlern gegenüber, die völlig konform mit der herrschenden Kunstauffassung waren. Während einige Künstler wie z. B. Käthe Kollwitz nur eingeschränkt ausstellen geschweige denn verkaufen durften, waren Abel, Haase-Jastrow, Kaspar, Kupsch, Röhricht und Scheibe sogar auf der hochoffiziellen NS-Kunstmesse, der 1. Großen Deutschen Kunstausstellung in München vom 18. Juli bis 31. Oktober 1937 präsent.[5] Neben Adolf Abel und Maria Brück gehörte auch das Ehepaar Martin zu denen, die keinerlei Repressionen zu befürchten hatten, während einigen anderen ab Mitte der 30er-Jahre die Stipendien der Akademie der Künste gestrichen wurden.

Andererseits war es der Obmann Martin, der ein starkes Verantwortungsgefühl für die gefährdete Ateliergemeinschaft zeigte und seine guten Beziehungen zur Reichskulturkammer in diesem Sinne ausnutzte. Herbert Tucholski schrieb darüber in seinen Memoiren:[6]

„Mit der Weisung, ‚staatsfeindliche‘ Kollegen fernzuhalten, war Martin zum Obmann des Hauses bestimmt worden. Damit hatte das Ministerium den Bock zum Gärtner gemacht, denn der vom Nationalsozialismus längst enttäuschte Günther Martin war ein braver Mann, der seine Nazi-Uniform nur anzog, wenn es galt, politisch verfemte Kollegen zu schützen.“[7]

Zu den Aufgaben des Obmannes gehörte es u. a. auch, das politische Verhalten der einzelnen Mitglieder der Ateliergemeinschaft zu überwachen und eventuelle antifaschistische Aktivitäten direkt an den Landesleiter Berlin der Reichskammer der Bildenden Künste, Heinz Lederer, weiterzuleiten. Martin beschränkte sich jedoch darauf, lediglich die jeweiligen künstlerischen Arbeitsweisen zu beschreiben, ohne jemals eines der Mitglieder dadurch zu belasten.[8]

Mitglieder der Ateliergemeinschaft (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(in Klammern deren nummerierte Atelierräume – einschließlich der Umzüge)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ateliergemeinschaft Klosterstraße – Berlin 1933–1945. Künstler in der Zeit des Nationalsozialismus, Akademie der Künste (Edition Hentrich), Berlin 1994. ISBN 3-89468-134-9
  • Ateliergemeinschaft Klosterstraße – Vom stillen Kampf der Künstler, Galerie Mitte, Berlin 1988. (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung)
  • Christine Fischer-Defoy (HdK Berlin): Kunst Macht Politik. Die Nazifizierung der Kunst- und Musikhochschulen in Berlin, Elefanten Press, Berlin(West) 1988. ISBN 3-88520-271-9 (S. 184ff: Künstlerischer Widerstand am Beispiel der Ateliergemeinschaft Klosterstraße)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bundesarchiv: Richard Kahn Konzern (abgerufen am 16. September 2017)
  2. s. Hans Jürgen Meinik: Die Ateliergemeinschaft Klosterstraße innerhalb der nationalsozialistischen Kunst- und Kulturpolitik, in: Ateliergemeinschaft Klosterstraße Berlin 1933–1945, S. 12
  3. s. auch digitale-sammlungen.de: Berlin und seine Bauten, Der Hochbau (1896) (PDF-Datei, S. 331/332; abgerufen am 20. September 2017)
  4. Hans Jürgen Meinik: Die Ateliergemeinschaft Klosterstraße innerhalb der nationalsozialistischen Kunst- und Kulturpolitik. In: Akademie der Künste (Hrsg.): Ateliergemeinschaft Klosterstraße Berlin 1933-1945. Künstler in der Zeit des Nationalsozialismus. Ausstellungskatalog. Edition Hentrich, Berlin 1994, ISBN 3-89468-134-9, S. 12–39, Abbildung S. 17 (Foto: Helga Paris).
  5. Katalog der 1. Großen Deutschen Kunstausstellung in München vom 18. Juli bis 31. Oktober 1937. In: Peter-Klaus Schuster (Hrsg.): Die 'Kunststadt' München 1937. Nationalsozialismus und 'Entartete Kunst'. Dokumentation 1987. 5. vollständig überarbeitete Auflage. Prestel, München 1998, ISBN 3-7913-1888-8, S. 222–241.
  6. Herbert Tucholski: Bilder und Menschen, Philipp Reclam jun., Leipzig 1985. S. 22
  7. s. Christine Fischer Defoy: Kunst Macht Politik. Die Nazifizierung der Kunst- und Musikhochschulen in Berlin (S. 185)
  8. s. Berlin Document Center-Akte RKK 2401-0007-15, in: Ateliergemeinschaft Klosterstraße Berlin 1933–1945, Kap. III.I. Dokumente, (S. 190–193)
  9. vgl. Nachlassdatenbank im Bundesarchiv
  10. (geb. am 20. April 1893 in Berlin). s. Düttmann, Hermann in: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler des XX. Jahrhunderts. Erster Band (A-D), E. A. Seemann, Leipzig 1999 (Studienausgabe). ISBN 3-363-00730-2 (S. 602)
  11. Senatsbaudirektor Werner Düttmann – Architekt und Stadtplaner (*1921 †1983). In: archINFORM. Abgerufen am 23. September 2017 (Vater des Architekten und Malers Werner Düttmann: Hermann Düttmann; siehe Abschnitt Beziehungen).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]