Atomkoffer

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Als Atomkoffer (auch Nuclear Football oder „der Knopf“) werden jene Systeme bezeichnet, über die die Präsidenten der USA, Frankreichs und Russlands den Einsatz von Atomwaffen autorisieren können. Gesicherte Informationen zu Details wie Aufbau und Leistung sind auf Grund der streng geheimen Einstufung der Systeme nur bedingt verfügbar.

Der Atomkoffer wurde während der Eisenhower-Regierung erstmals in den USA eingeführt und infolge der Kubakrise weiterentwickelt, um zu gewährleisten, dass nur der durch die Verfassung legitimierte militärische Oberbefehlshaber (i. d. R. der Präsident) einen Atomschlag befehlen kann.[1][2][3]

USA[Bearbeiten]

Der Atomkoffer, in den USA vorwiegend als Nuclear Football, nur Football oder als President’s Emergency Satchel (dt. „Notfallranzen des Präsidenten“) bezeichnet, ist ein speziell ausgestatteter, schwarzer Aktenkoffer[4] der Marke Zero Halliburton, der im Ernstfall vom Präsidenten der Vereinigten Staaten benutzt werden kann, um den Einsatz von Nuklearwaffen zu autorisieren. Gedacht ist er als Möglichkeit für den Präsidenten, weit entfernt von den befestigten Kommandozentren wie z. B. dem Weißen Haus, eine ortsunabhängige, abhörsichere Verbindung zu Mitgliedern des Nationalen Sicherheitsrates aufzubauen, die Lage zu beraten und zeitnahe Einsatzbefehle, unter anderem für Kernwaffen, erteilen zu können.

Inhalt[Bearbeiten]

  • Das „Black Book“, ein Verzeichnis aller nuklearen und nicht-nuklearen Angriffspläne, die nach dem jeweilig geltenden US-Einsatzplan (Single Integrated Operational Plan - SIOP) verfügbar sind. Diese reichen vom Einsatz eines einzelnen Marschflugkörpers bis hin zum interkontinentalen Atomkrieg.[5][6] Erstellt wird das Black Book vom United States Strategic Command.
  • Ein Verzeichnis namens „Emergency Procedures White House“ das Handlungsanweisungen und Hilfestellungen in Notfällen aller Art umfasst. Vermutet werden Maßnahmen zur Sicherung des Fortbestandes der Regierung (Nachfolgeregelungen, Notfallbefugnisse usw.), Erläuterung des Emergency Broadcast Systemes sowie ein Verzeichnis der Standorte sicherer Atombunker.[5]
  • Ein abhörsicheres Telefon.

Entgegen der allgemeinen Meinung enthält der Koffer nicht die Autorisierungscodes des Präsidenten, sondern nur die „go codes“ für unterschiedliche Angriffsoptionen (Attack Options). Die „Gold Codes“, mittels derer sich der Präsident als Oberbefehlshaber gegenüber den Streitkräften identifiziert, um in Folge etwaige „Go Codes“ autorisieren zu können, trägt der Präsident in Form einer Plastikkarte in der Größe einer Kreditkarte (genannt „Biscuit“) am Körper.

Funktion[Bearbeiten]

Der Nuclear Football ist ein mobiles Lagezentrum, das es dem Präsidenten ermöglicht, sich an jedem Ort der Welt und zu jeder Zeit über die Situation im Falle einer substantiellen Bedrohung der nationalen Sicherheit zu informieren, Optionen zur Verteidigung sowie etwaige Angriffspläne durchzugehen und erforderlichenfalls Befehle zur Durchführung von Militärschlägen, einschließlich des Einsatzes von Kernwaffen, zu geben. Nach Meinung von Experten würde sich der Präsident im Fall der Fälle zusammen mit dem für den Nuclear Football verantwortlichen Adjutanten zurückziehen, um den Koffer zu öffnen. Der Adjutant würde in Folge eine Telefonkonferenz mit dem US-Verteidigungsminister, sowie dem Vorsitzenden der Joint Chiefs of Staff (JCS) initiieren und den Präsidenten bei der Analyse der Lage beraten, sowie etwaige Angriffspläne anhand des „Black Books“ für den Präsidenten erläutern.[8] Entsprechende Befehle („Go Codes“) würden dann, nachdem sich der Präsident mit Hilfe seiner persönlichen Autorisierungscodes („Gold Codes“) identifiziert hat, an den Vorsitzenden der Joint Chiefs of Staff (JCS) im National Military Command Center (NNMC) weitergegeben und von diesem an die ausführenden Offiziere.[9] Während nur der Präsident den Einsatz von Nuklearwaffen anordnen kann, bedarf der Ausführungsbefehl auch der Zustimmung des US-Verteidigungsministers, mit dem der Präsident gemeinsam nach der Zwei-Mann-Regelung die National Command Authority (NCA) bildet.

Der „Nuclear Football“ wird immer von einem der fünf (einer für jede Teilstreitkraft) Adjutanten des Präsidenten getragen, der sich stets in unmittelbarer Nähe des Präsidenten aufhält, solange dieser außerhalb des Weißen Hauses ist. Die Adjutanten sind Offiziere des US-Militärs der Besoldungsstufe O-4 (Major) oder höher. Alle Adjutanten haben die umfassendste Sicherheitsüberprüfung der USA durchlaufen (Yankee White [10]) und sind immer bewaffnet.

Geschichte[Bearbeiten]

Die heutige Form des Nuclear Football ist eine Folge der Kubakrise. Präsident Kennedy war sehr besorgt darüber, dass der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs die Möglichkeit besaß, einen Nuklearangriff zu autorisieren, ohne dass der Präsident darüber informiert wurde. Außerdem wäre der Präsident im Fall eines Zusammenbruchs der Kommunikationssysteme nicht mehr in der Lage gewesen, einen Atomschlag zu befehlen. Daher wurden alle Befehls- und Kommunikationssysteme im „Football“ zusammengefasst. Die Grundlage für die Umstrukturierung ist ein National Security Action Memorandum, das ein Freischaltgerät für Nuklearwaffen vorsieht.[11]

Russland[Bearbeiten]

Präsident Putin erhält mit Amtsantritt einen Tscheget (31. Dezember 1999)

Das russische Pendant zum amerikanischen Nuclear Football wird als Tscheget (russisch Чегет) bezeichnet. Je ein Tscheget ist dem Präsidenten, sowie vermutlich dem Verteidigungsminister und dem Generalstabschef zugeteilt und dient diesen zur Autorisierung eines Nuklearschlages durch die Russische Föderation. Zum konkreten Autorisierungsprozess im Vorfeld eines Nuklearschlages gibt es keine gesicherten Quellen. Dabei gilt als möglich, dass ein Nuklearschlag nicht nur durch den Präsidenten, sondern im Krisenfall durch jeden der vermuteten Tscheget-Nutzer im Alleingang befohlen werden kann.[12]

Die Tschegets sind ein Teil des Kasbek-Systems und verfügen über eine Schnittstelle zum Kawkas-System. Dabei dienen die Tschegets als mobile Kommunikations- und Kommandostationen der vermuteten drei Oberbefehlshaber über das Nuklearwaffenarsenal, das Kasbek-System als Kommunikations- und Befehlsdistributionssystem aller strategischen militärischen Einheiten, sowie das Kawkas-System als hochsicheres Kommunikationssystem der politischen Führung.

Geschichte[Bearbeiten]

Beginnend mit dem militärischen Kommunikations- und Befehlsdistributionssystem Kasbek wurde Anfang der 1980er in Russland eine neue Infrastruktur zur Kontrolle der russischen Nuklearwaffen geschaffen. Die das System ergänzenden Tschegets wurden erstmals 1984 unter KPdSU-Generalsekretär und Staatschef Andropow in Dienst gestellt, um den Oberbefehlshabern einen ortsungebundenen Zugang zum Kasbek-System zu ermöglichen.[13][14] In den 1990ern folgte dann eine Erweiterung um das Kawkas-System, das die gesamte politische Führung Russlands, sowie im Bedarfsfall auch die der verbleibenden Nuklearmächte der ehemaligen Sowjetunion in einem hochsicheren Kommunikationsnetz verbinden sollte.[14]

Als Ergänzung zur Autorisierung durch die Oberbefehlshaber wurde in den 1980er Jahren das Tote-Hand-System geschaffen, das einen voll- oder semiautomatisierten nuklearen Gegenschlag im Falle der Zerstörung aller Kommandozentralen sicherstellen sollte.[15] Dessen heutige Einsatzbereitschaft ist ungeklärt.[16][17]

Sonstiges[Bearbeiten]

In Filmen und Serien wie z. B. Salt, 24 oder Der Anschlag wird der Football in Form und Funktion meist fiktional überhöht und fern etablierter Fakten dargestellt.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Stalins Marke – Falscher Raketenalarm in Moskau: Boris Jelzin hantierte mit dem Atomknopf. In: Der Spiegel. Nr. 5, 1995 (online).

Weblinks[Bearbeiten]

Filmdokumentation[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Komsomolskaya Pravda: First Nuclear Briefcase Appeared in USA under Eisenhower. English.pravda.ru. 26. März 2010. Abgerufen am 28. Dezember 2010.
  2. Michael Evans: The Cuban Missile Crisis, 1962: A Political Perspective After 40 Years. www.gwu.edu. Abgerufen am 28. Dezember 2010.
  3. National Command Authority
  4. John Pike: US-Atomkoffer im Smithsonian Institute. Globalsecurity.org. Abgerufen am 28. Dezember 2010.
  5. a b Gulley, Bill, and Mary Ellen Reese. (1980). Breaking Cover. New York: Simon and Schuster. ISBN 0-671-24548-1. OCLC 6304331
  6. ''SIOP and Nuclear Warfare Planning''. Docs.google.com. Abgerufen am 28. Dezember 2010.
  7. JITC. Jitc.fhu.disa.mil. Abgerufen am 28. Dezember 2010.
  8. Command and Control of Nuclear War, Ashton B. Carter, Preventive Defense Project, Harvard & Stanford Universities
  9. World-Wide Military Command and Control System (WWMCCS), Department of Defense Directive 5100.30. (PDF; 435 kB) 2. December 1971
  10. DoD Instruction 5210.87; November 30, 1998
  11. National Security Action Memorandum No. 272 Safety Rules for Nuclear Weapons Systems. www.archives.gov. 13. November 1963. Abgerufen am 24. Februar 2013.
  12. Changing Nuclear Command. Findarticles.com. Abgerufen am 28. Dezember 2010.
  13.  George H. Quester: The nuclear challenge in Russia and the new states of Eurasia. M.E. Sharpe, Armonk, N.Y. 1995, ISBN 1-56324-362-8, S. 85 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  14. a b Russian Defense: Kavkaz, Perimeter, and 'Dead Hand’. Russiandefpolicy.wordpress.com. 26. März 2010. Abgerufen am 28. Dezember 2010.
  15. Interviews. Gwu.edu. Abgerufen am 28. Dezember 2010.
  16. Summary of Interview (PDF; 222 kB) gwu.edu. Abgerufen am 28. Dezember 2010.
  17. Summary of Interview (PDF; 4,0 MB) gwu.edu. Abgerufen am 28. Dezember 2010.