Bauhaustreppe

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Bauhaustreppe (Bauhaus Stairway) (Oskar Schlemmer)
Bauhaustreppe
(Bauhaus Stairway)
Oskar Schlemmer, 1932
Öl auf Leinwand
162,3 × 114,3 cm
Museum of Modern Art, New York

Bauhaustreppe ist der Titel eines Gemäldes von Oskar Schlemmer aus dem Jahr 1932. Es entstand als Protest gegen die von der nationalsozialistischen Mehrheit im Dessauer Gemeinderat verfügte Schließung des Bauhauses zum 30. September 1932. Das Bild ist Schlemmers malerisches Hauptwerk und gehört zur Epoche der Klassischen Moderne. Im Jahr 1933 kauften es Philip Johnson und Alfred Barr für die Sammlung des New Yorker Museums of Modern Art. Zuvor musste der Künstler miterleben, wie einige seiner Wandgemälde 1930 auf Betreiben von Paul Schultze-Naumburg übermalt oder die figürlichen Fresken an den Wänden des Werkstattgebäudes des Bauhauses in Weimar als „entartete Kunst“ abgeschlagen wurden.[1]

Beschreibung und Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bild zeigt mehrere stilisiert geometrisch modellierte Personen, die eine Treppenanlage hinaufsteigen, zwei Personen, eine in voller Größe, von der anderen ist nur der linke Arm auf dem Geländer zu sehen, steigen herab. Im Zentrum des Bildes befinden sich drei Rückenfiguren, die mittlere mit leuchtend roter taillierter Jacke. Im Vordergrund, angeschnitten, an beiden Seiten sind zwei Figuren, die ins Bild treten, im Profil dargestellt. Die Figuren im Hintergrund weiter oben auf der Treppe sind verkleinert, sodass sich ein Bewegungsfluss aufwärts ergibt. Insgesamt streben sechs dieser Kunstfiguren aufwärts, sie sind dominant, zwei hingegen streben abwärts, wobei die linke Figur am Fenster, offenbar ein junger Mann, auf dem Treppenabsatz schwebend erscheint und mit der rechten Fußspitze tänzelt. Die Kunsthistorikerin Karin von Maur erkennt in diesem erscheinungshaften jungen Mann ein Bildelement Schlemmers, das öfter in seinen Interieurs auftaucht, eine Anspielung auf Schlemmers Aktivitäten zum Thema Bauhaus-Tanz. Zu den insgesamt acht sichtbaren Kunstfiguren des Bildes erscheint im Hintergrund oben rechts hinter dem Raster eines Treppenhausfensters das Gesicht einer weiteren Person im Profil, zu der die zentrale Figur mit der roten Jacke Blickkontakt aufnimmt. So wird der Treppenraum nach außen erweitert und der Innenraum zur „imaginären Fortsetzung des Realraumes“. Karin von Maur schreibt: „Die klar gegliederte, dreifache Tiefenerkundung von der Realität (Betrachterraum) über die Fiktion (Bildraum) zur Transzendenz (unbestimmtes Dahinter, heller Freiraum, der die Neugier weckt) prägt vor allem Schlemmers Malerei der Bauhaus-Zeit.“ Diese Treppenanlage im Dessauer Bauhaus kann als Hommage an den Architekten Walter Gropius aufgefasst werden. Wie die Architektur des Gebäudes vermittelt auch Schlemmers Bild die moderne Lichtführung der klaren Architektur mittels der typischen bandartigen Fensterstreifen in einer klaren Komposition. Hier ist die Bauhausidee in einem Bild verdichtet.

Oskar Schlemmer war zwar seit Juni 1929 nicht mehr am Bauhaus in Dessau tätig, er blieb ihm aber verbunden. Oskar Moll berief ihn als Dozent an die Staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe Breslau, die aber 1932 aufgrund einer Finanzkrise geschlossen wurde. Die Nachricht von der bevorstehenden Schließung des Bauhauses erreichte Schlemmer am 28. Juli 1932. Stark erschüttert legte er auf seine Weise Protest ein und beschloss zur Untermauerung dieses Bild zu malen. Allerdings war das Motiv einer Treppenanlage bereits früher in seinem Werk vorhanden. Neu war hingegen der konkrete ortsbezogene Titel Bauhaustreppe, denn Schlemmer wählte sonst immer möglichst neutrale Formulierungen für seine Werke. Inspiration für das Treppenmotiv war vermutlich eine Fotografie von Theodore Lux Feininger von 1927[2], die die Studentinnen der Weberei im Dessauer Treppenhaus zeigt. Auf dem Foto sind bereits die angewinkelten Arme, die bei Schlemmer oft erscheinen, ansatzweise zu erkennen. Darüber hinaus gibt es eine Bleistiftzeichnung von ihm aus dem Jahr 1928, die bereits die zentrale Figuren-Dreiergruppe des Gemäldes skizziert, sowie ein detailliertes Aquarell von 1931 in hellen Farben.[3]

Treppenanlage im Dessauer Bauhaus

Bedeutung und Interpretation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In dem Bild Bauhaustreppe als „Verdichtung der Idee des Bauhauses“ (Karin von Maur) hat Oskar Schlemmer dem real existierenden modernen Bau in Dessau eine idealisierte künstlerische Wirklichkeit entgegen gesetzt. Alles steht in einem „Zusammenklang“, der als Symbol des jugendlichen Aufstrebens gesehen werden kann. Der Weg soll in eine „lichtere Zukunft“ führen. Es ist die Utopie der Fortdauer der Bauhausidee über die Finsternis des aufkommenden Nationalsozialismus, die der Künstler in seinem Bild verewigt. In der Krisenzeit des kulturellen Zerfalls in politischer und ökonomischer Hinsicht und die Angst vor dem Chaos führten zu seinem Motiv der Treppe, das er in vielen seiner Arbeiten jener Zeit skizzierte, zeichnete und malte. Die Bauhaustreppe mit ihrem Geländer ist also als Symbol für Stütze und Halt in schwerer Zeit aufzufassen. Schlemmers künstlerische Theorien über „Maß und Gesetz“, „Freiheit im Gesetz“ und den „Strom des Unbewussten“, der als Gefühl zu einer „freien ungebundenen Schöpfung ohne Zuhilfenahme von Maß und Messung führt und das Bild bis zur letzten Form verdichten kann,“ kommen in diesem Gemälde besonders gut zur Geltung.[4][5][6]

Ausstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gemälde als Briefmarkenmotiv von 1975
Bildseite der 20 Euro Gedenkmünze der Deutschen Bundesbank von 2019

Das Bild wurde in Deutschland nur in Berlin bei Paul Cassirer und Alfred Flechtheim in einer Ausstellung mit dem Titel Lebendige Deutsche Kunst gezeigt. Im Württembergischen Kunstverein Stuttgart wurde am 1. September 1932 eine Retrospektive mit Werken von Oskar Schlemmer eröffnet. Am 12. März 1933 wurde sie auf Druck der Nationalsozialisten bereits wieder geschlossen und war für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Der Kunsthistoriker Alfred Barr kam Anfang April 1933 nach Stuttgart und konnte die nur für Bekannte und ernsthafte Interessenten nach Voranmeldung geöffnete Ausstellung noch besuchen. Er war auf der Suche nach Werken für das damals gerade in New York gegründete Museum of Modern Art. In einer Notiz schrieb er: „Stuttgart. Schlemmer-Ausstellung geschlossen – ich verpasste die Eröffnung, konnte aber später mit einer Sondergenehmigung für Fremde hinein. Ich war so wütend, dass ich Philip Johnson telegrafierte, er solle die wichtigsten Bilder der Ausstellung kaufen, nur um diese Hurensöhne zu ärgern.“ Der amerikanische Architekt Philip Johnson zahlte Schlemmer zwar nicht den erhofften Preis für sein „vielleicht bestes Bild“ (Schlemmer), aber der Künstler war glücklich, dass ein würdiges Museum das Bild erhalten sollte.[7][3][8]

Das Gemälde wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa zuerst 1955 in der documenta 1 gezeigt und trug nach Ansicht der Kunsthistorikerin Gerda Breuer dazu bei, den verfemten Künstler Oskar Schlemmer in Deutschland zu rehabilitieren. Vom 21. Oktober 2014 bis 19. April 2015 war die Bauhaustreppe in der Ausstellung Visionen einer neuen Welt in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen.[9][10][11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jonathan Jones: The Bauhaus Stairway, Oskar Schlemmer (1932). In: The Guardian. 12. Oktober 2002, ISSN 0261-3077 (englisch, theguardian.com).
  • Andreas Huyssen: Oskar Schlemmer : Bauhaus stairway, 1932. In: Barry Bergdoll, Leah Dickerman (Hrsg.): Bauhaus 1919–1933. Workshops for Modernity. The Museum of Modern Art, New York 2009, ISBN 978-0-87070-758-2, S. 319–321 (englisch, books.google.de – Leseprobe).
  • John-Paul Stonard: Oskar Schlemmer’s ‘Bauhaustreppe’, 1932. In: The Burlington Magazine. Band 151, Nr. 1276, 2009, ISSN 0007-6287, S. 456–464, JSTOR:40480258 (englisch, Teil 1).
  • John-Paul Stonard: Oskar Schlemmer’s ‘Bauhaustreppe’, 1932. In: Benedict Nicolson (Hrsg.): The Burlington Magazine. Band 152, Nr. 1290, 2010, ISSN 0007-6287, S. 595–602, JSTOR:25769749 (englisch, Teil 2).
  • Ina Conzen: Oskar Schlemmer: Visionen einer neuen Welt. Hrsg.: Staatsgalerie Stuttgart. 1. Auflage. Hirmer, München 2014, ISBN 978-3-7774-2303-6 (Ausstellungskatalog).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wulf Herzogenrath: Fanal einer neuen Zeit. Die Zerstörung von Oskar Schlemmers „Bauhaus-Fresken“ im Jahr 1930. In: Uwe Fleckner (Hrsg.): Das verfemte Meisterwerk. Schicksalswege moderner Kunst im „Dritten Reich“. Akademie Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-05-004360-9, S. 245–257 (books.google.de – Leseprobe).
  2. Feiningers Foto der Weberklasse um Gunta Stölzl auf der Bauhaustreppe
  3. a b Karin von Maur: Kunstfiguren steigen in Räume der Zukunft. In: Stiftung Bauhaus Dessau (Hrsg.): Bauhaus. Nr. 6, Januar 2014, ISSN 2191-5105 (bauhaus-dessau.de).
  4. Oskar Schlemmer: Eröffnungsvortrag im Schlesischen Museum Breslau zur Ausstellung seiner Folkwang-Wandbilder am 26. Oktober 1930. In: Wulf Herzogenrath: Oskar Schlemmer. Die Wandgestaltung der neuen Architektur,Prestel-Verlag, München 1973, ISBN 3-7913-0033-4, S. 180
  5. Karin von Maur: Oskar Schlemmer. Der Folkwang-Zyklus. Malerei um 1930 Ausstellungskatalog, Verlag Gerd Hatje, Stuttgart 1993, ISBN 3-7757-0464-7, S. 165
  6. Karin von Maur: Oskar Schlemmer. Der Maler... Prestel-Verlag, München 1982, ISBN 3-7913-0588-3, S. 32 f.
  7. Bauhaus-Archiv (Hrsg): modell bauhaus. (nach den Barr Papers 1933), Hatje Cantz, Ostfildern 2009, ISBN 978-3-7757-2414-2, S. 314
  8. Oskar Schlemmer. Bauhaus Stairway. 1932. The Museum of Modern Art, abgerufen am 24. Januar 2019 (englisch, Bildbeschreibung beim MoMA).
  9. Gerda Breuer in: Bauhaus 6. Die Zeitschrift der Stiftung Bauhaus Dessau. Dessau 2014, ISBN 978-3-944669-13-7, S. 67 ff.
  10. Staatsgalerie – »Bauhaustreppe« von Oskar Schlemmer. altertuemliches.at, 2014, abgerufen am 24. Januar 2019.
  11. Nikolai B. Forstbauer: Oskar Schlemmer – Staatsgalerie: Linien in die Gegenwart. In: Stuttgarter Nachrichten. 21. November 2014 (stuttgarter-nachrichten.de – Mit Bilderstrecke).