Bernd Witthüser

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Bernd Witthüser (* 29. Februar 1944 in Winterberg, Sauerland; † 4. August 2017[1], Grosseto[2], Italien) war ein deutscher Folkmusiker. Bekannt wurde er in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren, als er mit Walter Westrupp das Duo Witthüser & Westrupp bildete. Nach dem Ende dieses Duos wandte sich Witthüser vor allem der Straßenmusik zu. Als One-Man-Band oder im Duo mit Kollegen trat er unter dem Pseudonym Bernelli (auch Bärnelli und Barnelli) auf. Er lebte zuletzt vor allem in Italien.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1960 spielte Witthüser bei der birdhouse skiffel group in Essen, später machte er sich einen Namen als Protestsänger, wobei er zunächst Texte von Thomas Rother vertonte. 1967 war er an der Einrichtung des Essener Jazzkellers Podium beteiligt, in dem ein breites Spektrum an Musikern auftrat. Mit den im Podium gemachten Erfahrungen war es ihm möglich, die Essener Songtage 68 zu organisieren. Die dort gesehenen Gruppen gaben ihm den Impuls, sich vom politischen Protestlied abzuwenden[3] und gemeinsam mit Walter Westrupp, den er von der Arbeit im Podium kannte, ein neuartiges psychedelisches Folkduo zu gründen.

Das Duo Witthüser & Westrupp trat von 1969 bis 1973 auf, spielte mehrere Schallplatten ein und war häufig im Fernsehen und Radio zu Gast. Die Plattenfirma versuchte zwar, mit dem Duo eine deutsche Ausgabe von T. Rex zu lancieren oder auch auf den Sakropop-Zug aufzuspringen,[4] aber Witthüser und Westrupp waren einerseits zu eigensinnig, andererseits den Anforderungen des kommerziellen Musikbetriebs auch nicht gewachsen. Gleichwohl wurden die Musiker auch von Rolf-Ulrich Kaiser in endlosen psychedelischen Sessions, aus denen Kaiser weitere LPs generierte, verschlissen. 1973 trennte sich das Duo und die Musiker verabschiedeten sich vorerst aus der Öffentlichkeit. Witthüser unternahm eine längere Reise nach Indien und kam dort auf die Idee zur Straßenmusik.

Seine ersten Auftritte mit selbstgebauten Instrumenten in den Straßen von Berlin waren erfolgreich, zumindest reichten die Einnahmen zum Leben. Witthüser entzog sich der bürgerlichen Gesellschaft, wohnte in seinem Auto und trat auf wann und wo er wollte. Um selbst mit den erfolgreichen Jahren mit Witthüser & Westrupp abzuschließen, nahm er den Künstlernamen Bernelli an, den er später auch zu Bärnelli, Barnelli und Takkabanda Barnelli variierte. Durch Zufall wurde er 1977 als One-Man-Band bei einem Auftritt auf einem italienischen Dorffest vom italienischen Fernsehen entdeckt, worauf sich ein überraschender zweiter Medienruhm einstellte. Bald kehrte er jedoch den Medien vollends den Rücken, um sich nur noch der Straßenmusik auf regionaler Ebene zu widmen.[5]

Von 1977 bis 2002 bildete er mit dem Geiger Otto Richter das Straßenmusik-Duo Otto & Barnelli. Hierzu schreibt die Filmemacherin Marie Bardischewski, die für das bayrische Fernsehen einen Film in der Reihe „Lebenslinien“ über das Duo drehte:

„Sie einzuordnen fällt nicht ganz leicht. Wenn die beiden Vaganten, Gaukler oder Künstler – Poeten der Straße – irgendwo auftreten, versammelt sich sofort eine Menschenmenge und starrt fasziniert auf das Geschehen, das unter freiem Himmel stattfindet. Bärnelli spielt E-Gitarre, Otto Geige. Sie gestikulieren mit allem, auch mit den Füßen. Trommeln, Becken, Rasseln und Schellen sind am Körper befestigt. Beide sind leidenschaftliche Musiker, und sie spielen meist eigene Kompositionen, die auch auf CD erschienen sind. Ihre Musik ist ganz speziell: einerseits naiv, aber zugleich auch voller Ironie. Wenn sie warmgelaufen sind, machen sie Free-Jazz und benehmen sich wie die Narren. Die beiden merkwürdig gekleideten Gestalten, der eine groß und dünn, der andere klein und robust, erinnern ein wenig an Don Quijote und Sancho Pansa.“

Marie Bardischewski

Dabei benutzte Bernd Witthüser alias Barnelli verschiedene Instrumente gleichzeitig mit einem Gesamtgewicht von 25 Kilogramm, die ihn zur One-Man-Band machten. Wie man sich das vorstellen muss, beschrieb er selbst folgendermaßen:

„ich habe auf dem rücken eine kleine basstrommel, die mittels einer modifizierten fußmaschine über einen seilzug mit dem rechten fuß bedient wird. auf der trommel ist ein becken, welches mittels einer modifizierten fußmaschine über einen seilzug mit dem rechten arm bedient wird. in der basstrommel befinden sich zwei verstärker für die elektrische gitarre, die ich auf konventionelle weise umhängen habe und spiele. an der basstrommel links befindet sich eine fahrradhupe, die mit dem linken ellenbogen betätigt wird. auf dem kopf habe ich einen golden lackierten plastikhelm an dem zwei maracas befestigt sind, die ich durch kopfschütteln zum klingen bringe. vor dem gesicht habe ich einen kleinen vorhang, den ich mit der linken hand öffnen und mit der rechten hand schließen kann. hinter dem kleinen vorhang habe ich ein gesicht, mit dem ich ganz viele gesichter machen kann oder auch nicht. (dieses gesicht verträgt wegen seiner starken persönlichen aussagekraft keine schminke.) an der aufhängung des gesichtsvorhanges sind befestigt: eine mundharmonica sowie ein klassisches belgisches kazzoo, welche beide jeweils mit dem mund gespielt werden. am gürtel sind die batterien sowie die effektgeräte für die gitarrenverstärker angehängt. am linken stiefel ist ein tamburin angeschnallt sowie indische glöckchen. am rechten stiefel befinden sich sardische sowie indische glöckchen. gesänge, sowie weitere sounds erzeuge ich mit meinem mund.“

Bernd Witthüser alias Bernelli

Nachdem er in die Toskana gezogen und lange Zeit nur als Straßenmusiker Barnelli in Italien aufgetreten war, studierte Bernd Witthüser ab etwa 2003/04 auch wieder alte Songs ein, um unter seinem eigenen Namen auch wieder in Deutschland aufzutreten. Inzwischen zur „Folklegende“[6] verklärt, erhielt er prompt Anfragen vom Herzberg-Festival und anderen erstklassigen Folk-Festivals. Seinen Wohnsitz hatte er weiterhin in Murci in Italien, wo er in einem Wohnwagen und einer Jurte lebte.[7] Die Strecken zu den Auftritten legte er oft mit einem Motorrad zurück, wobei er 2013 einen schwereren Unfall erlitt.[8]

Diskographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lieder von Vampiren, Nonnen und Toten (LP, 1970, eigentlich von Witthüser & Westrupp, obwohl LP-Frontcover nur Witthüser nennt)
  • Lord Krishna von Goloka von Sergius Golowin (LP, 1973)
  • Otto & Bärnelli: Lage®bericht, eine Produktion der „mobilen fgz-gruppe“ (LP von ZYX Records, 1981)
  • Alte Rezepte (LP, 1985)
  • Kasablanka (LP, 2010)

als Gast:

  • Edelzwicker/Wiederhören. Gemeinsame Einspielung des Titels Zu den Jahreszeiten (Doppel-CD, 2008)
  • Manfred Pohlmann: Live – 30 Jahre onnerweschs (Doppel-CD, 2004)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der Liedermacher Bernd Witthüser ist gestorben in: Badische Zeitung vom 7. August 2017, abgerufen am 16. August 2017
  2. Addio a Barnelli, artista scoperto da Renzo Arbore - Cronaca - Il Tirreno. In: Il Tirreno. 5. August 2017 (gelocal.it [abgerufen am 3. September 2017]).
  3. Alexander Simmeth: Krautrock transnational, die Neuerfindung der Popmusik in der BRD 1968–1978. 2016, S. 99.
  4. Interview mit Bernd Witthüser bei Der Wahrschauer, 27. März 2013. Online: http://www.wahrschauer.net/music-a-more/518-interview-mit-bernd-witthueser.html
  5. http://www.wahrschauer.net/music-a-more/518-interview-mit-bernd-witthueser.html
  6. So z. B. die Ankündigung für das Speyerer Liederfest 2015, online: http://www.kulturing.com/2015/01/04/4-speyerer-liederfest/
  7. Richard Witthüser: Magische Orte. Ein Jahr unterwegs in Europa. 2015, S. 46/47.
  8. Bilder von Barnellis Jurte und vom Motorradunfall auf seiner Website http://www.barnelli.it/barnelli.it/libretto_di_bordo/Eintrage/2013/11/4_giorni_tranquilli_in_maremma.html