Bilanzkreis

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Ein Bilanzkreis ist ein virtuelles Energiemengenkonto für Strom und Gas. Der Bilanzkreis stellt die Verbindung zwischen der virtuellen Welt des Strom- und Gashandels und der physischen Welt der Energielieferung und der Netzstabilität her. Mit Hilfe der Bilanzkreise wird sichergestellt, dass nur genau die Energie verkauft oder geliefert werden kann, die produziert wurde und dass jeder Energielieferant seine Mengen auch exakt an den Energiemärkten oder über eigene Erzeugung beschafft hat.

Funktionsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bilanzkreiskonto wird für den Bilanzkreisverantwortlichen (BKV) für den Strommarkt beim Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) und für den Gasmarkt beim Marktgebietsverantwortlichen (MGV) geführt. Voraussetzung ist ein standardisierter Bilanzkreisvertrag zwischen diesen Parteien. Ein BKV ist beispielsweise ein Energieversorgungsunternehmen, das Endkunden beliefert, oder ein Kraftwerksbetreiber, der erzeugte Energiemengen vermarktet. Lieferanten und Einspeiser sind im Rahmen des Lieferantenrahmenvertrages mit dem Verteilnetzbetreiber verpflichtet, die von ihnen belieferten Verbraucher und ihre Einspeisepunkte (z. B. eigene Kraftwerke) einem Bilanzkreis zuzuordnen. Jeder Bilanzkreisverantwortliche wiederum ist dem ÜNB bzw. MGV verpflichtet, seinen Bilanzkreis ausgeglichen zu halten. Damit der Bilanzkreis für den Folgetag ausgeglichen ist, muss auf Basis der Prognosen für jede Viertelstunde bei Strom bzw. für den Gastag (6:00 Uhr bis 6:00 Uhr des darauffolgenden Tags) gelten:

Summe Einspeisungen + Summe Käufe = Summe Ausspeisungen + Summe Verkäufe

Um dem ÜNB nachzuweisen, dass der eigene Bilanzkreis ausgeglichen ist, muss der BKV für alle seinem Bilanzkreis zugeordneten Einspeise- und Entnahmestellen täglich eine Lastprognose erstellen. Auf Basis der Prognose ist er verpflichtet, dem Übertragungsnetzbetreiber / Marktgebietsverantwortlichen in einem regulatorisch vorgegebenen Datenaustauschprozess täglich für den Folgetag auf viertelstündlicher Basis (Strom) bzw. auf Stundenbasis (Gas) alle Entnahmen, Einspeisungen und Lieferungen von und an seinen Bilanzkreis zu melden. Für dem Bilanzkreis zugeordnete Energieverbraucher und Energieeinspeise ohne registrierende Leistungsmessung erfolgen Meldungen und Ausgleich des Bilanzkreises auf Basis von Standardlastprofilen. Energiehandelsgeschäfte stellen Lieferungen von Bilanzkreis an Bilanzkreis dar. Der Übertragungsnetzbetreiber / Marktgebietsverantwortliche prüft, ob Energiehandelsgeschäfte von beiden Parteien gleich (gespiegelt) gemeldet werden. Zusätzlich prüft der ÜNB, ob alle Bilanzkreise auf Basis von Prognosedaten ausgeglichen sind.[1] [2][3]

Der Bilanzkreis ist weiterhin die Basis für die Verrechnung von Ausgleichsenergie für die dem Bilanzkreis zugeordnete Prognoseabweichung.

Im Strommarkt muss für jede der vier Regelzonen und im Gasmarkt für jedes Marktgebiet ein Bilanzkreis beantragt werden.

Unter Bilanzkreismanagement versteht man alle Aufgaben, die mit dem Verwalten und Bewirtschaften eines solchen Bilanzkreises verbunden sind.

Bilanzkreismanagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Bilanzkreismanagement beinhaltet gemäß den relevanten Leitfäden des BdeW[3][4] in der Regel folgende Aufgabengebiete:

  • Die Übermittlung der Lastprognose von Verbrauchern, des Einsatzfahrplans von Kraftwerken sowie der Mengendaten von Energiehandelsgeschäften in Form von sogenannten Fahrplänen an den Übertragungsnetzbetreiber. Diese Tätigkeit findet in der Regel täglich für den Folgetag statt.[5]
  • die Ermittlung der tatsächlich stattgefundenen Verbräuche, aufgeteilt auf unterschiedliche Verbrauchergruppen durch den Verteilnetzbetreiber
  • die Abrechnung der zum Ausgleich zwischen tatsächlichen Verbräuchen und Einspeisungen aufgewendeten Ausgleichsenergie durch den Übertragungsnetzbetreiber an die BKV.[6]
  • Das Abschließen und die Verwaltung der Verträge zwischen BKV, Übertragungsnetzbetreibern und Verteilnetzbetreibern.

Die Dienstleistung Bilanzkreismanagement für einen Lieferanten durch ein anderes Unternehmen beinhaltet im Allgemeinen:

  • Die Übernahme der Zählpunkte des Lieferanten in den Bilanzkreis (im Allgemeinen einen Subbilanzkreis) des Dienstleistungsunternehmens
  • Die Durchführung der Prognose für diese Zählpunkt
  • Die Übernahme der Meldeprozesse an den ÜNB bzw. MGV (Fahrplananmeldung bzw. Nominierung)
  • Die Prüfung der Bilanzkreisabweichung

Rechtliche und Regulatorische Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im deutschen Strommarkt sind Regeln, nach denen alle Marktteilnehmer zu verfahren haben, in den Marktregeln für die Durchführung der Bilanzkreisabrechnung Strom (MaBiS) festgelegt. Die wesentlichen Richtlinien des Bilanzkreismanagements sind aktuell im GABi-Gas-Regelwerk der Bundesnetzagentur festgelegt.

Die Organisation der Strom- und Gasmärkte ist europaweit ähnlich und an der Harmonisierung der Marktregeln wird beständig gearbeitet. Europäische Leitlinie für die Organisation des Bilanzkreismanagements ist der Network Code on Electricity Balancing (EB)[1] der ENTSO-E. Die ENTSO-E (European Network of Transmission System Operators for Electricity) ist der Zusammenschluss der europäischen Übertragungsnetzbetreiber.

Unterschiede zwischen Strom- und Gasbilanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Wesentlichen entsprechen die Rollen Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB), Verteilnetzbetreiber (VNB) und Bilanzkreisverantwortlicher (BKV) in der Stromwirtschaft den Rollen Marktgebietsverantwortlicher (MGV), Ein- und Ausspeisenetzbetreiber (ANB und ENB) und Bilanzkreisverantwortlicher (BKV) in der Gaswirtschaft.

Für die Messung von Verbrauchsdaten sind die Verteilnetzbetreiber bzw. die Ausspeisenetzbetreiber zuständig, sofern sie diese Aufgabe nicht an andere Parteien delegiert haben. Die für die Bilanzierung anzuwendenden Istwerte heißen in der Gaswirtschaft Allokation. In der Stromwirtschaft sind die Istwerte für Zählpunkte ohne registrierende Leistungsmessung für die Bilanzierung durch Standardlastprofile vorgegeben. In der Gaswirtschaft ist dies im Prinzip auch so, allerdings sind hier die Standardlastprofile temperaturabhängig und die anzuwendende Wetterstation ist Teil der Stammdaten. Weiterhin wird die Ermittlung des Allokationswertes für Standardlastprofile Gas für den Folgetag auf Basis der geltenden Temperaturprognose jeweils durch den ANB vorgenommen und dem Bilanzkreisverantwortlichen gemeldet.

Bilanzkreisabweichungen werden sowohl in der Strombilanzierung als auch in der Gasbilanzierung als Ausgleichsenergie verrechnet. Im Ausgleichsmarkt Strom gelten symmetrische Ausgleichsenergiepreise. Das bedeutet, dass ein Bilanzkreis, der in einer gegebenen Viertelstunde überdeckt war, genau denselben Preis vergütet bekommt (so dieser positiv ist), den ein anderer Bilanzkreis, der in derselben Viertelstunde unterdeckt war, verrechnet bekommt. Ausgleichsenergiepreise Gas sind unsymmetrisch, allerdings werden hier gewisse Toleranzen gewährt, die kostenfrei bleiben. Bei darüber hinaus gehenden Abweichungen wird der Bilanzkreisverantwortliche mit Strukturierungsbeiträgen pönalisiert.

Der Saldo der Ausgleichsenergie über alle Bilanzkreise ist im Wesentlichen der Regelenergiebedarf. Der Regelenergiebedarf wird durch interne Regelenergie (z. B. Netzpuffer) und gegebenenfalls externe Regelenergie (Strom / Gas Ein- und Verkäufe durch den ÜNB / MGV) gedeckt. Besonders in der Stromwirtschaft kann der Regelbedarf der ÜNB größer sein, als aus dem Saldo der Ausgleichsenergie ersichtlich ist, da Netzengpässe dazu führen können, dass in einem Teil des Netzes positive, in einem anderen negative Regelenergie erforderlich ist.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. § 2 StromNZV
  2. § 2 GasNZV
  3. a b BDEW/VKU/GEODE - Leitfaden Marktprozesse Bilanzkreismanagement Gas. Abgerufen am 23. August 2016 (PDF, deutsch).
  4. Marktprozesse für die Bilanzkreisabrechnung Strom. Abgerufen am 23. August 2016 (PDF, deutsch).
  5. § 4 StromNZV
  6. § 8 StromNZV